Kroatiens europäische Grenzfälle

von Nina Brnada

Die EU soll Menschen einander näher bringen, doch der EU-Beitritt Kroatiens schafft eine zusätzliche Barriere gegenüber Bosnien-Herzegowina.

Text: Nina Brnada

Manchmal wird man auch aufgeregt, wenn gar nichts passiert. Marija schaut unruhig aus dem Busfenster, ihre Blicke tasten die Straße vor ihr ab. Nervös knetet sie dabei die starren Henkel ihrer braunen Ledertasche. Immer wieder reckt sie ihren Kopf über den Vordersitz, gerade so als wäre draußen ein Unfall passiert oder eine filmreife Verfolgungsjagd im Gange. Doch der Bus, in dem Marija sitzt und bangt, steht still – und das schon seit Stunden.

Er hängt fest an der Grenze in Gradiska, einem kleinen Kontrollposten im Norden Bosnien-Herzegowinas, keine zwei Autostunden südöstlich von der kroatischen Hauptstadt entfernt. Dorthin, nach Zagreb, fährt dieser Bus -, wenn er nicht gerade hier an der neuen EU-Außengrenze darauf wartet, durchgelassen zu werden.

Tradition oder Bestechung

Einer der beiden Fahrer vertreibt sich die Zeit, indem er draußen eine Zigarette raucht und wissend die Busreifen inspiziert. Sein Kollege schlichtet währenddessen schon einmal vorsorglich das halbe Dutzend gelber Bierdosen in den Kühlkasten schräg neben seinem Sitz.

Denn wenn der Bus dann irgendwann bei den Grenzbeamten vorfährt, kann es nicht schaden, den Wachen etwas zum Trinken anbieten zu können. Ob es sich hierbei nun um ziemlich einfältige Bestechung oder um alte Busfahrertradition handelt – so oder so, diese Sitte gibt es auch in den Varianten Fruchtsaft und Energy-Drink. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, scheint die Devise der Busfahrer zu sein. Und die Freundschaft, die ist noch wichtiger, jetzt, wo Kroatien in der EU ist und die unerträgliche Warterei an den Grenzen noch länger wird.

Wer mit dem Bus fährt, der musste zwar immer schon Geduld mitbringen, das weiß Marija. „Aber so lange wie jetzt,“ sagt sie, „hat es noch nie gedauert.“ Kroatien, offizell seit Montag das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union, muss nun die Grenzen zu den Nicht-EU-Nachbarstaaten stärker bewachen als bisher.

Einst war hier alles Jugoslawien, ein einziger großer Staat. In den großen Kriegen der Neunzigerjahre zerfiel der Vielvölkerstaat in seine Teilrepubliken. Inzwischen ist zwar wieder Friede eingekehrt, doch die Grenzen, die man damals zog, scheinen sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr verfestigt zu haben.

Dieser Trend wird durch den EU-Beitritt Kroatiens noch weiter verstärkt. Die EU-Außengrenze verläuft nun mitten durch ein Gebiet, dass sehr stark miteinander verwoben war und dies immer noch ist. Die Grenzsituation hier ist um einiges komplexer als anderswo in Europa -, auch weil diesseits und jenseits der neuen EU-Grenze Kroaten leben.

In Bosnien-Herzegowina etwa sind die – meist katholischen – Kroaten eines der drei so genannten konstitutiven Völker, neben muslimischen Bosniaken und christlich-orthodoxen Serben. Zudem haben bosnisch-herzegowinische Kroaten hier nicht nur die bosnisch-herzegowinische Staatsbürgerschaft, sondern auch die kroatische und sind somit seit kurzem ebenfalls EU-Bürger.

In der Isolation

Der Rest Bosnien-Herzegowinas ist isoliert. Und diese Isolation beginnt schon auf einer ganz banalen Ebene – etwa, wenn es um den Inhalt Marijas Reisetaschen geht, die sie behutsam im Gepäckraum des Busses verstaut hat. Die 55-jährige Frau aus der zentralbosnischen Stadt Travnik verwandelt alle paar Wochen ihre Kleinküche in eine Großküche. Tagelang bäckt sie dann Kuchen, rollt Strudel aus und zupft aus ihrem Garten Lauch und Erdbeeren. Das alles packt sie dann in die großen Reisetaschen und steigt in den Bus Richtung Zagreb. Alles für ihre drei Kinder. Die studieren alle in der kroatischen Hauptstadt. Nach Bosnien kommen sie nur noch für ein paar Tage pro Jahr. Die Mehlspeisen Marijas helfen ihnen, sich zwischendurch wie daheim zu fühlen – kulinarisch. Doch nun hat Marija Sorgen: „Durch die Bestimmungen der EU werde ich nicht mehr so viel mitnehmen dürfen“.

Der Grenzfall Neum

Rund 350 Kilometer weiter südlich sitzt Marica Obad und schaut auf das Meer hinaus, das sich glitzernd vor der Stadt Neum ausbreitet. Neum ist der einzige Meereszugang Herzegowinas. Maricas vierstöckiges Haus liegt direkt am Strand von Neum und ist in der Bucht zwischen Festland und der Halbinsel Peljeˇsac eingeklemmt. Im Sommer vermietet sie ihre vielen Zimmer, dann putzt sie hier und richtet alles her. Die Pension betreibt Marica zusammen mit ihrem Mann, aber „ich bin fürs Arbeiten zuständig, er fürs Reden“, sagt sie und lacht.

Maricas Heimatstadt ist wie ein kleiner Keil, mit dem Bosnien das kroatische Territorium in zwei Hälften teilt. Wer aus dem Norden Kroatiens nach Dubrovnik will, muss durch Neum durch: also aus Kroatien ausreisen und nach 20 Kilometern wieder einreisen.

Wie Marija im bosnischen Gradiska hat auch Marica im herzegowinischen Neum Sorgen wegen der neuen Grenze. Marica ist eine Frau von breiter Statur, streng zusammengebundenen blonden Haaren und blasser Haut. Sie ist kerngesund. Und doch fragt sie sich, was sein wird, wenn sie einmal ins Krankenhaus muss, sollte sie einen Herzinfarkt haben oder einen Schlaganfall – oder eine Krankheit, die nicht in der örtlichen Ambulanz in Neum behandelt werden kann – dann müsste der Krankenwagen Marica nach Mostar in Bosnien-Herzegowina bringen, in die größte Stadt der Gegend.

Nun gibt es aber keine direkte Straße von Neum nach Mostar über bosnisch-herzegowinisches Staatsgebiet. Deshalb nimmt der Krankenwagen seit jeher den Weg über den kroatischen Nebenort – und dafür muss er neuerdings die EU-Grenze passieren. „Wie soll das alles gut gehen, wenn es schnell gehen muss, wo doch jetzt so streng kontrolliert wird?“, fragt sich Marica, „Wie kann es sein, dass ein Krankenwagen mit Notfällen überhaupt an einer Grenze stehen muss?“

Die kroatische Regierung plant, das Loch zu schließen, welches das Land in zwei Teile trennt. Die Politiker möchten eine Brücke auf die nahegelegene Halbinsel Peljeˇsac errichten lassen; damit wäre Kroatien ungeteilt und nicht mehr auf den Transit durch Neum angewiesen. An Maricas Problemen ändert dieses Großprojekt freilich gar nichts – im Gegenteil: Wenn das Nadelöhr Neum überflüssig wird, weil Hunderttausende Kroaten und ausländische Touristen auf dem Weg in den Süden einfach die neue Brücke überqueren, dann kann die Grenze bei Neum nach gängigen EU-Standards kontrolliert werden, egal, wie eng und lebensnotwendig die Verbindung zwischen Neum und dem umliegenden Kroatien auch ist.

Ab dem Jahr 2015 hat die kroatische Regierung angekündigt, will das Land schon reif für den Schengen-Beitritt sein. Dann sollen auch die Grenzen den anderen Staaten der Europäischen Union geöffnet werden – und jene zu den Nicht-EU-Staaten umso lückenloser und strenger kontrolliert werden. Auch in Gradiska und Neum, wo Marija und Marica oft die Grenze überqueren. Für die beiden Frauen wird es dann heißen: Draußen bleiben!

Erschienen in Die Furche 27/2013

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