Nina Brnada

Alles für alle

Anlässlich der 6. Internationalen Woche des Grundeinkommens legt Klaus Sambor, Pensionist und Vorsitzender einer Europäischen Bürgerinitiative, seine Vorstellungen einer anderen Arbeits- und Lebenswelt dar.

Text: Nina Brnada

Manche Pensionisten schauen gern fern, andere garteln oder verbringen die ersten Herbsttage mit Spaziergängen. Klaus Sambor jedoch zieht es immer wieder hierher, in die hügeligen Gassen des neunten Wiener Gemeindebezirks. Immer wieder kommt er in diesen kleinen Raum in der Wasagasse neben dem Lokal Dreiklang. Was er macht erfordert viel Hingabe. Er breitet seine Zettel aus und klappt den Laptop auf. Sambor ist 76 Jahre alt, sein Arbeitseifer aber ist der eines Studienanfängers.

Der Wiener ist der Kopf einer europaweiten Bewegung, die nach ihrem Ziel benannt ist: bedingungsloses Grundeinkommen. Es ist eine Forderung, die so radikal wie simpel erscheint: „Von der Geburt bis zum Tod soll jeder Mensch monatlich einen gewissen Betrag vom Staat erhalten – bedingungslos“, sagt Sambor. „Wir fordern das als Menschenrecht.“

Ein neuer Leistungsbegriff

In Österreich etwa sollen nach dieser Idee jedem Erwachsenen zumindest 1000 Euro zustehen, jedem Kind entsprechend weniger. „Machbar wäre es“, sagt Sambor, „aber dazu braucht es starken politischen Willen.“

Im Gegensatz zu bisherigen Regelungen, wie etwa der bedarfsorientierten Mindestsicherung, soll das bedingungslose Grundeinkommen aber nicht dazu dienen, bedürftigen Menschen fehlende finanzielle Mittel zu kompensieren, sagt Sambor – im Gegenteil: Das bedingungslose Grundeinkommen habe „einen emanzipatorischen Anspruch“.

Klaus Sambor ist ein adretter Mann mit entschlossenem Lächeln und bewährtem Seitenscheitel. Die weißen Haare am Hinterkopf sind zu einem Bogen gekämmt, seine Hosenfalten steif gebügelt. Sambor spricht druckreif, er scheint zu jenen Menschen zu gehören, die von nichts, was sie selbst sagen, jemals überrascht werden. Die vorher alles längst in Gedanken durchdrungen haben, ehe sie auch nur ein Wort darüber verlieren. Seine Hände breitet er wie ein Lehrer schulterbreit aus, wenn er von seinen Vorstellungen erzählt, welche geradezu tollkühn erscheinen.

„Weil das bedingungslose Grundeinkommen zumindest eine bescheidene Lebensweise ermöglichen würde“, sagt er, „wäre man auf Erwerbsarbeit, die man nicht so gerne macht, nicht so sehr angewiesen.“ Man könne sich also Tätigkeiten widmen, die einem liegen, die man gerne macht. Dadurch wäre Kreativität gefördert und über den Umweg der Freiheit auch die Produktivität, ist Sambor überzeugt. Durch das bedingungslose Grundeinkommen könnten neue Ideen verwirklicht werden, für die es derzeit keine Ressourcen gibt – in Forschung und Entwicklung ebenso wie in Kunst und Kultur.

Karrieren würden nicht dasselbe bedeuten wie heute. Es wäre ein Schritt weg vom herkömmlichen Leistungsbegriff hin zu einer Welt, die Erfolg und dessen Maßstäbe neu definiert. Sambor skizziert eine gänzlich neue Arbeitswelt, er spricht von „frei gewählter und fair bezahlter Erwerbsarbeit, von sinnvoller Tätigkeit und von Zeitwohlstand“.

Finanzierbar oder utopisch?

Man kann ihm bei seinen Bemühungen jedenfalls keinen Eigennutzen vorwerfen. Er selbst ist gut situiert und hat ein ganzes Arbeitsleben hinter sich. Bevor der studierte Nachrichtentechniker in Pension ging, war er jahrzehntelang bei der Telekom tätig, im Forschungsbereich, wie er erzählt. „Das war die Zeit, wo man noch an Farbfernsehern gebastelt hat“, erinnert er sich. Sambor hatte sich immer nur für technische Themen interessiert, erzählt er. Nach der Pension im Jahr 2003 aber fing er an, sich auch für soziale Fragen zu engagieren, ging zu Vorträgen und landete irgendwann bei Attac, einer internationalen NGO, die vor allem für ihre globalisierungkritische Haltung bekannt ist und sich seit Jahren für die Finanztransaktionssteuer einsetzt – lange bevor die Mainstreampolitik dieses Thema für sich entdeckte.

Sambor ist verheiratet, hat zwei Kinder, drei Enkel. „Hätte es das bedingungslose Grundeinkommen gegeben, als ich im Berufsleben stand“, sagt er, „ich hätte wohl weniger gearbeitet und meine Kinder öfter gesehen.“ Und fügt hinzu: „Ich würde vielleicht jetzt immer noch arbeiten.“

Das bedingungslose Grundeinkommen würde die klassischen Erwerbszyklen aus den Angeln heben, ist Sambor überzeugt. Weil man beispielsweise weniger Wochenstunden arbeiten würde, könnte man unter Umständen länger berufstätig sein, zudem gäbe es durch weniger Stunden für den einzelnen – mehr Arbeit für alle.

Der größte Knackpunkt aber ist die Finanzierbarkeit, finden Kritiker. An dieser zweifelt Sambor allerdings nicht. Es gäbe zwar kein allgemeingültiges Rezept, aber bisher schon verschiedene Modelle. „Unseren Berechnungen zufolge würden beispielsweise 80 Prozent der Bevölkerung in Österreich von einem Grundeinkommen profitieren und hätten mehr Geld als heute.“ Zudem haben sich in Umfragen 90 Prozent geäußert, dass sie auch bei einem Grundeinkommen arbeiten würden – im Hinblick auf ihre Mitmenschen allerdings bezweifelten das in Umfragen die meisten.

Eine weitere Befürchtung ist beispielsweise, dass sich niemand mehr für marginalisierte Jobs von Putzen über Pflege bis hin zur Kinderbetreuung finden würde. „Man könnte die Leute nicht wie bisher in diesen Bereichen ausbeuten, diese Tätigkeiten müssten dann zwangsläufig besser bezahlt werden,“ sagt Sambor, „ein bedingungsloses Grundeinkommen würde hier auch die Erwerbsbedingungen positiv verändern.“

Ob nun mit oder ohne bedingungslosem Grundeinkommen – vom derzeitigen Lebensstil müssten wir uns allerdings ohnehin verabschieden, ist Sambor überzeugt. „Denn wir leben in einer absoluten Konsumgesellschaft und über unsere Verhältnissen, das geht nicht, auch ökologisch.“

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen hat lange Tradition. Da gab es schon im 16. Jahrhundert erste Werke, etwa das Buch „Utopia“ des englischen Staatsmanns Thomas Morus, der eine Welt ohne Geld und Privateigentum beschrieben hatte. Oder die Social-Credit-Bewegung in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Australien, Großbritannien, Kanada und Neuseeland, deren Hauptforderung die Auszahlung einer „national dividend“ an alle Bürger war. Und auch der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm hat in seiner Schrift „Das garantierte Einkommen“ für ein Grundeinkommen plädiert.

EU-weite Unterschriftenaktion

Auch heute, insbesondere seit der Krise, findet die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens großen Anklang. Vergangenes Jahr gelang es Vertretern aus verschiedenen EU-Ländern, das Thema auf EU-Ebene zu hieven: Seit November vergangenen Jahres gibt es eine Europäische Bürgerinitiative, bis Jänner kommenden Jahres haben die Organisatoren nun Zeit, EU-weit mindestens eine Million Unterschriften zu sammeln und somit die Voraussetzung zu schaffen, dass sich die Europäische Kommission mit dem Anliegen befasst.

Der Wiener Pensionist Klaus Sambor wurde zum Vorsitzenden dieser gesamteuropäischen Initiative bestellt. „Dass ich aus einem kleinen neutralen Land stamme, hat wohl am ehesten dazu beigetragen“, schmunzelt Sambor.

In Österreich allerdings wird die Idee nicht nur von Attac, sondern auch von Gruppen wie der Katholischen Sozialakademie und den Katholischen Arbeitnehmerinnen im Rahmen eines Runden Tisches vorangetrieben. Europa sei nur der Anfang, meint Sambor. Auf lange Sicht wollen wir das bedingungslose Grundeinkommen weltweit. Als Menschenrecht.

Erschienen in Die Furche 37/2013

Theoretisch charmant, praktisch unmöglich

Ulrich Schuh steht der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens kritisch gegenüber. Damit der Staat das finanzieren könnte, müssten Zuverdienste hoch besteuert werden und Menschen noch mehr arbeiten.

Das Gespräch führte Nina Brnada

Unfinanzierbar, unsozial und unrealisierbar sei das bedingungslose Grundeinkommen, findet Ulrich Schuh, Leiter von EcoAustria, einem Wirtschaftsforschungsinstitut, das von der Industriellenvereinigung finanziert wird. Im Interview spricht er offen über die Bedenken.

DIE FURCHE: Können Sie der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens etwas Positives abgewinnen?

Ulrich Schuh: Aus meiner Sicht hat dieses Konzept theoretisch durchaus charmante Momente, ich bin aber überzeugt, dass es nicht wirklich in die Praxis umsetzbar ist. Zum einen zweifle ich sehr an der Finanzierbarkeit dieses Konzepts. Zum anderen glaube ich nicht, dass es genügend politische Unterstützung für dessen Realisierung gäbe. Außerdem hege ich den Verdacht, dass sich bei einer Umsetzung des bedingungslosen Grundeinkommens die heutigen Befürworter sehr schnell von dieser Idee distanzieren würden.

DIE FURCHE: Warum?

Schuh: Weil sie sehr bald merken würden, dass dieses Konzept genau das Gegenteil dessen zur Folge hat, was ursprünglich intendiert war. Zwar würde es eine massive Umverteilung hervorrufen – aber nicht in ihrem Sinne von oben nach unten, sondern umgekehrt: Es gäbe eine Umverteilung von den Armen zu den Reichen.

DIE FURCHE: Inwiefern?

Schuh: Im österreichischen Sozialsystem, wie es heute ist, bekommen nur jene Menschen Unterstützung, bei denen Bedürftigkeit vorliegt – Stichwort bedarfsorientierte Mindestsicherung. Das bedingungslose Grundeinkommen würde aber jeder bekommen, egal ob er es braucht oder nicht. Das würde also bedeuten, dass beispielsweise auch Leuten wie Frank Stronach und Dietrich Mateschitz sowie deren Familienmitgliedern dieses Grundeinkommen zusteht. Das wäre unfair und überhaupt nicht treffsicher, sondern das Gießkannenprinzip pur. So etwas würde wohl zum Volksaufstand führen.

DIE FURCHE: Die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens sind vom Gegenteil überzeugt, nämlich dass es die finanzielle Situation der meisten Menschen im Vergleich zu heute verbessern würde. Auch weil Vermögen stärker besteuert wären, als es derzeit der Fall ist.

Schuh: Es wäre aber so, dass alle weiteren Zuverdienste sehr hoch besteuert werden müssten, damit der Staat so ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren könnte. Zudem wäre der Druck auf die Arbeitsmärkte viel höher als er heute ist, die Leute würden noch mehr arbeiten müssen.

DIE FURCHE: Sie befürchten also nicht Faulheit als Konsequenz so eines bedingungslosen Grundeinkommens, sondern das Gegenteil?

Schuh: Richtig, denn durch die Einführung eines Grundeinkommens würden viele andere Sozialleistungen ersetzt, beispielsweise die Familienbeihilfe, Notstandshilfe und Ähnliches. Diejenigen, die heute am wenigsten haben, hätten nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens noch weniger und stünden noch mehr unter Druck, einer Arbeit nachzugehen. Denn das bedingungslose Grundeinkommen wäre niedriger als die bisherigen Beihilfen.

DIE FURCHE: Befürworter des bedingungslosen Einkommens sprechen von über 1000 Euro im Monat pro Erwachsenen.

Schuh: So eine Summe ist unmöglich. Wenn man zumindest ungefähr im Bereich der Abgabenquote bleiben möchte, bei der man heute ist, und selbst wenn man alle anderen Sozialleistungen zurückfährt – 1000 Euro wären zuviel. Etwa ein Drittel, also rund 300 Euro pro Erwachsenen, wäre mit hohen Anstrengungen finanzierbar, das braucht man einfach nur durchzurechnen.

DIE FURCHE: Können Sie das Argument nachvollziehen, dass so ein Konzept auch gewisse Energien freisetzen würde, die im derzeitigen System ungenutzt bleiben?

Schuh: Natürlich gibt es im Sozialsystem verborgene Fallen, beispielsweise Doppelgleisigkeiten und Ähnliches. Mag schon sein, dass das vielleicht ganz nett wäre, wenn jeder sein bedingungsloses Grundeinkommen hat und sich dann zusätzlich etwas dazuverdienen kann, doch das lässt sich einfach nicht in die Realität umsetzen. 1000 Euro pro erwachsene Person und Monat kosten über 80 Milliarden Euro im Jahr. Das ist zwar weniger als die gesamten derzeitigen Sozialausgaben – inklusive Gesundheitsausgaben und Pensionen – aber dennoch völlig utopisch. Eine deutlich geringere Summe hätte zur Folge, dass der Druck zur Erwerbstätigkeit noch deutlich höher werden würde. Ich sehe die Angelegenheit aus einer nüchternen und quantitativen Perspektive: Die Umsetzung ist unmöglich.

Erschienen in Die Furche 37/2013

Schweizer Volksinitiative für Grundeinkommen höchst erfolgreich

Text: Nina Brnada

In den meisten Ländern ist das Thema Grundeinkommen im politischen Diskurs bloß eine Randerscheinung, die dann von vielen auch noch als schrullig und weltfremd wahrgenommen wird. Bei unseren Schweizer Nachbarn allerdings ist diese Forderung in der Mitte der sonst eher konservativen Gesellschaft angekommen. Eine eidgenössische Volksinitiative mit dem Namen „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ kämpft für ebensolches und das ziemlich erfolgreich: Bereits im April dieses Jahres, also sechs Monate vor Fristende, hatte sie die nötigen 100.000 Stimmen beisammen und somit die Voraussetzung für eine Volksabstimmung erfüllt – so schnell war bisher keine andere Initiative bei der Unterschriftensammlung. Am 1. August waren dann über 130.000 Stimmen gesammelt.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen soll „der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen“, heißt es in den Forderungen. Ein Betrag von 2500 Franken, umgerechnet rund 2000 Euro pro Monat und Erwachsenen, wäre das Ziel der Organisatoren, Kindern würde bei diesem Modell ein Viertel dieses Betrages zustehen.

Ausgleich finanzieller Ungleichheiten

Der Grund warum dieses Thema ausgerechnet in der reichen Schweiz so viel Aufmerksamkeit bekommt, liegt wohl in den finanziellen Ungleichheiten innerhalb der Bevölkerung, die dort um einiges krasser sind als in anderen Ländern. In der Schweiz leben viele Superreiche, jeder zehnte Milliardär der Welt hat dort seinen Hauptwohnsitz. Drei Prozent der Gesamtbevölkerung haben so viel Vermögen wie die restlichen 97 Prozent der Schweizer. Das Vermögen der Reichen stieg in den vergangenen Jahren gewaltig, die Löhne allerdings kaum, vieles wurde teurer. Die Finanzkrise, deren Ursache auch viele in der Gier der einzelnen Akteure sehen, machte die Leute zudem für soziale Fragen sensibler. Am 4. Oktober soll die Volksinitiative im Parlament eingereicht werden.

Und sie hat auch viele prominente Unterstützer, etwa den Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler, den Philosophen David Precht sowie den deutschen Unternehmer Götz Werner. Letzterer ist Inhaber der Drogeriemarktkette dm und Arbeitgeber von rund 46.000 Mitarbeitern, allein in Österreich hat sein Unternehmen 377 Filialen. Der höchst erfolgreiche Geschäftsmann ist einer der vehementesten Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens im deutschsprachigen Raum. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte er sich auch zu seinem eigenen Vermögen, seinem Erbe, sowie darüber, was seine eigenen sieben Kinder von ihm erwarten können: „Meine Unternehmensanteile habe ich in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht“, sagte Werber. „Kinder haben einen Anspruch auf einen guten Start ins Leben, aber nicht darauf, dass Eltern für den lebenslangen Wohlstand ihrer Nachkommen sorgen. Da halte ich es ganz mit dem amerikanischen Pioniergeist: Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen kann jede Generation zeigen, was sie kann.“

Erschienen in Die Furche 37/2013

Der Underdog der Bahnhöfe

Der Busterminal in Erdberg führt ein isoliertes Dasein, dabei frequentieren ihn jährlich 1,5 Millionen Gäste. Vor allem Backpacker und Migranten nutzen das Verkehrszentrum im urbanen Abseits.

Text: Nina Brnada

Diese Männer könnten auch als Biergartenkellner durchgehen: breite Schultern in weißen Hemden und flatternde Anzughosen mit schwarzen Gürteln. Statt im Grünen zwischen Holztischen lavieren diese Kerle durch Menschenmengen im Schatten einer mehrspurigen Autobahnbrücke. Und anstelle von Glaskrügen und Tabletts stemmen sie Reisetaschen und Plastikkoffer. Es sind Busfahrer, die Gepäck in die Bäuche ihrer Fahrzeuge hieven. Männer, die allein vergangenes Jahr mehr als 1,5 Millionen Passagiere durch das wohl unbekannteste Tor dieser Stadt karrten – den Busbahnhof in Wien Erdberg. In vielen europäischen Städten ist der Busbahnhof ein bedeutendes Verkehrszentrum, hier in Wien jedoch spielt er im Bewusstsein weiter Teile der Stadtbevölkerung kaum eine Rolle, ebenso in jenem der Stadtverwaltung.

Er liegt in Wien-Landstraße, unweit der U3-Station Erdberg. Ein Schild weist den Weg zum Vienna International Busterminal, wie er offiziell heißt. Doch internationales Flair kommt hier nicht auf: Ein schmales Containergebäude mit Fenstern, ein Parkhaus und eine Snackbar, auf der „Barney’s Busstop“ geschrieben steht, begrenzen den Autobusbahnhof. Er breitet sich auf einer Fläche von rund 8500 Quadratmeter aus, vor allem unter den Fahrbahnen der Südosttangente.

So versteckt, wie der Busbahnhof liegt, würde kaum jemand meinen, dass hier jährlich 22.000 Autobusse durchkommen und hier 46 internationale Direktverbindungen zu anderen europäischen Destinationen zusammenkommen – von Paris über Berlin, von Belgrad bis Sarajevo.

Dieser Ort ist der Underdog unter den Verkehrszentren der Stadt und ja, dadurch wirkt er auf eine gewisse Weise interessant und unentdeckt – in einer Stadt, in der sehr vieles sehr gut durchgeplant ist, hat das Improvisierte am Busbahnhof also durchaus etwas Charmantes.

Kein Interesse für Aufwertung bei Stadt Wien

Gleichzeitig jedoch drängt sich hier die Frage auf, warum dieser unübersichtliche Ort nicht aufgewertet oder der Busbahnhof nicht gleich an einem attraktiveren Standort verlegt wird. Obwohl der Bahnhof – genauso wie etwa alle anderen Bahnhöfe und der Flughafen – auch eine Visitenkarte der Stadt ist, kümmert sich die Gemeinde Wien sehr stiefmütterlich um ihn – nämlich gar nicht.

Der Vienna International Busterminal ist ein reines Privatunternehmen, das von der Firma Blaguss geführt wird. Stärkeres, vor allem finanzielles Engagement seitens der Stadt wäre durchaus erwünscht, betont Geschäftsführer Thomas Blaguss. „Denn wir sind zwar ein privates Unternehmen, erfüllen aber auch einen öffentlichen Zweck“, sagt er. „Diese Last können wir nicht alleine tragen.“ Dennoch gäbe es keinerlei Unterstützung durch die Gemeinde, sagt Blaguss. Pläne der Stadt den Autobusbahnhof aufzuwerten, seien ihm keine bekannt. Ebenso wenig beispielsweise den Busbahnhof mit dem neuen großen Hauptbahnhof zu verknüpfen. Aus dem Büro der Vizebürgermeister und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) konnte zur Frage des Busbahnhofes jedenfalls niemand erreicht werden.

Der Grund für das verhaltene Interesse am Busbahnhof sind wohl auch die wirtschaftlich eher uninteressanten Fahrgäste, die hier durchkommen. Denn es sind nicht die kaufkräftigen Bilderbuch-Wientouristen, sondern eher Backpacker, die um relativ wenig Geld recht bequem durch ganz Europa fahren können.

Vor allem aber nutzen den Busbahnhof Migranten oder deren Verwandte und Freunde, die aus den Herkunftsländern zu Besuch kommen. Für viele von ihnen sind diese Busverbindungen nicht nur Transportmittel, sondern auch Kommunikationsadern – so werden beispielsweise immer wieder Briefumschläge oder Päckchen herumgeschickt. Das wichtigste Herkunfts- und Zielland für die Busse ist Serbien mit nahezu einem Drittel Verkehrsaufkommen, gefolgt von Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Rumänien und Ungarn – also Länder, aus denen viele Wiener Migranten stammen.

Das Geschäft mit den kleinen Leuten

Anna-Maria ist eine von ihnen. Die Ungarin mit den toupierten Haaren und grün geschminkten Augenliedern fährt jeden Freitag nach Szeged, ihre Heimatstadt im Dreiländereck zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien. Ihr Reiseproviant muss schon vor der Fahrt daran glauben, das Pikantwurstweckerl pellt sie vorsichtig aus der Alufolie. Reisen macht Appetit, obwohl sie eigentlich noch neben dem Bus steht und dem Busfahrer beim Gepäckverladen zusieht.

Jede Woche fährt sie mehr als 400 Kilometer und wieder retour, um die Wochenenden bei der Familie zu verbringen. Die studierte Pharmazeutin hatte in ihrer Heimat in einem Spitalslabor gearbeitet. Seit zwanzig Jahren aber putzt sie fremde Wohnungen in Wien. Sie hat gelernt, es nicht so schwer zu nehmen, sagt die Endvierzigerin. „Andere zahlen fürs Fitnesscenter, ich aber turne den ganzen Tag herum und bekomme auch noch Geld dafür.“

Das Geschäft des Familienunternehmens Blaguss seien schon immer die kleinen Leute gewesen, sagt Thomas Blaguss. Als sein Großvater das Busunternehmen im Jahr 1929 gründete, waren die Fahrgäste vor allem aus dem Burgenland. „Einerseits fuhren sie nach Mariazell zum Beten, anderseits nach Wien zum Naschmarkt, um dort ihr Gemüse, Eier und Hendl zu verkaufen.“ Als Burgenland-Kroaten hatten die Blaguss’ wohl immer eine spezielle Verbindung zu Mitteleuropa und zum grenzübergreifenden Moment. Andere müssen sich diesen erst wieder bewusst machen.

Erschienen am 30. August 2013 in Wiener Zeitung 

Wiens neue Unternehmer

Sie schaffen Arbeitsplätze und bieten eine Tapete für Selbstverwirklicher. Soziologe Michael Parzer über den Imagewechsel ethnischer Ökonomien.

Interview: Nina Brnada

26.200 Personen mit Migrationshintergrund waren 2011 in Wien selbständig – das sind 37 Prozent aller Wiener Unternehmer. Das geht aus der aktuellen Studie „Ethnische Ökonomien“ hervor, welche die Wirtschaftsagentur Wien beim Forschungsinstitut Synthesis in Auftrag gegeben hat. Der Soziologe Michael Parzer erklärt im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ den Imagewandel dieser „ethnischen Ökonomien“.

„Wiener Zeitung“: Herr Parzer, Politiker zeigen sich gerne mit Zuwanderern, die sich selbständig gemacht haben, und präsentieren sie öffentlich als Positivbeispiele für Integration. Warum ist dieses Motiv so populär?

Michael Parzer: Das Image migrantischer Ökonomie hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Früher wurden zum Beispiel Geschäfte von Migranten bestenfalls ignoriert, in der Regel aber galten sie als schmutzig. Mittlerweile hat sich jedoch eine durchaus positive Haltung gegenüber der migrantischen Ökonomie durchgesetzt, die vor allem deren Funktionen für die Gesamtgesellschaft betont.

Welche Funktionen wären das?

Zum Beispiel tragen sie zur ökonomischen Wertschöpfung bei und schaffen Arbeitsplätze. Aber natürlich haben sie auch eine zentrale Rolle bei Aufwertungsprozessen von Grätzeln. Von Migranten betriebene Restaurants und Geschäfte haben viele Viertel wiederbelebt und ebenso die bedrohten Nahversorgungsstrukturen aufrechterhalten. Und das nicht nur am Ottakringer Brunnenmarkt. In vielen anderen Städten hat die migrantische Ökonomie ähnliche Effekte gehabt, etwa in Berlin Kreuzberg oder in der Londoner Brick Lane. Dort ist Ethnodiversität zentraler Bestandteil von City Branding und ein wichtiger Faktor für den Tourismus.

Wie profitieren die selbständigen Migranten davon?

In Österreich hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es wurden beispielsweise Förderprogramme eingerichtet, Beratungen und finanzielle Unterstützung zur Verfügung gestellt. Dazu kommt die symbolische, gesellschaftliche Anerkennung der migrantischen Ökonomie. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu früher. Damals hat man darin vor allem einen Vorschub zur Segregation und sogenannter Parallelgesellschaft gesehen. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor viele Klischees über zugewanderte Unternehmer gibt.

Welche zum Beispiel?

Gerade erfolgreichen Unternehmern werden nicht selten die Umgehung von Gesetzen oder sogar kriminelle Machenschaften unterstellt. Ein anderes Beispiel ist die Überbetonung ihrer sozialen Netzwerke, also die Vorstellung, dass alle zusammenhalten, Familie, Freunde und Bekannte und sich gegenseitig helfen. Das mag schon sein, aber es ist kaum untersucht, ob Unternehmer ohne Migrationshintergrund nicht womöglich auf ähnliche Strukturen zurückgreifen. Oft wird so getan, als seien Mehrheitsökonomie und migrantische Ökonomie völlig unterschiedlich.

Was sind denn dann aber die Unterschiede?

Auf der einen Seite gibt es für potenzielle Unternehmer Opportunitäten, die sich zum Beispiel durch Marktnischen ergeben. Auf der anderen Seite stehen die bürokratischen und rechtlichen Zugangshürden, von denen Migranten stärken betroffen sind als die alteingesessenen Österreicher. Zudem machen sich viele Migranten deshalb selbstständig, weil sie am Erwerbsarbeitsmarkt strukturell benachteiligt werden – solche Aspekte fallen durch das positive Image der migrantischen Ökonomie in öffentlichen Debatten oft unter den Tisch.

Ein Merkmal der ethnischen Ökonomie ist, dass sich migrantische Unternehmen vor allem an die eigenen Landsleute richten. Ist der Schritt in die Mehrheitsgesellschaft überhaupt notwendig?

Für manche dieser Unternehmer ist er das nicht, zum Beispiel wenn es genug Stammkunden aus der eigenen Community gibt und keine ökonomische Notwendigkeit dazu besteht. Für andere wiederum können sich Break-out-Strategien durchaus lohnen. In unserem Forschungsprojekt zu türkischen Lebensmittelhändlern und deren Vermarktungsstrategien haben wir eine interessante Beobachtung gemacht: Es gibt zahlreiche Unternehmer, die sich sehr intensiv um „Einheimische“ als Kunden bemühen, allerdings kaum Erfolg damit haben. Dagegen gibt es Geschäfte, in denen auch viele Angehörige der Mehrheitsgesellschaft einkaufen, obwohl man sich dort gar nicht so intensiv um sie bemüht.

Was sind die Gründe?

Das hängt sehr stark mit der städtischen Lage zusammen und was mit ihr assoziiert wird. Orte wie der Brunnenmarkt etwa sind beliebte Einkaufsgegenden für bildungsnahe Städter. Sie suchen das Exotische, pflegen vordergründig eine recht aufgeschlossene Haltung gegenüber anderen Kulturen, in der Soziologie nennen wir sie „Diversity Seekers“.

Was bedeutet das?

Einerseits tragen diese Menschen stark zur Beliebtheit solcher Grätzel bei und somit auch zum Erfolg dieser sichtbaren Zweige der migrantischen Ökonomie. Andererseits jedoch bleiben diese Orte oft nur Kulisse, Tapete für Selbstverwirklichung dieser „Diversity Seekers“, die ihre tolerante Haltung als kulturelles Kapital nutzen. Tatsächlich sind diese „Diversity Seekers“ aber oftmals auch Teil einer sogenannten klassenkulturellen Parallelgesellschaft – zum Beispiel wenn sie wegen des multikulturellen Flairs nach Ottakring ziehen, ihr Kind aber auf eine Privatschule in der Josefstadt schicken. Es ist also paradox und hat auch Auswirkungen auf Mietpreise, und bringen jene Migranten, die mit ihrer Ökonomie die Viertel aufgewertet haben, unter Druck. Der Aufwertungsprozess kann sich also gegen seine Verursacher richten und nach hinten losgehen.

Zur Person
Michael Parzer forscht an der Universität Wien als Soziologe zu migrantischen Ökonomien.

Erschienen am 24. August 2013 in Wiener Zeitung

Schwebend durch die Stadt

Das City Wheel, das Einrad mit dem Elektromotor, definiert urbane Fortbewegung neu. Für Benutzung ist keine Genehmigung oder Zulassung nötig.

Text: Nina Brnada

Marty McFly würde es wahrscheinlich gut finden. Den Helden aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ würde es wohl an sein schwebendes Skateboard aus der Science-Fiction-Trilogie erinnern. Im zweiten Teil des Filmklassikers brettert der Zeitreisende McFly nämlich darauf über die Straßen der Zukunftsversion seiner Heimatstadt. Und genauso wie bei McFlys legendärem Hoverbord scheint man sich auch auf dem City Wheel in ein schwebendes Wesen aus einer anderen Zeit zu verwandeln.

Wer auf dem City Wheel fährt, dem ist das Staunen der Passanten der Prater Hauptallee sicher. Ausgewachsene Männer bleiben stehen, kleine Kinder kriegen Angst, denn zu ungewohnt und zu futuristisch ist der Anblick dieser Art der Fortbewegung: Das neuartige Vehikel ist ein elektronisch betriebenes Einrad, man rollt darauf gleichmäßig und vollkommen geräuschlos dahin, sodass man damit aussieht wie ein levitierender Geist.

Eingefasst in einer runden Schale aus hartem Plastik mit Griff am oberen Ende, erinnert es „Männer an eine Kabeltrommel und Frauen an eine fahrende Handtasche“, scherzt Werner Holub, der Mann, der das City Wheel nach Österreich brachte. Er ist mit zwei Mitarbeitern in die Prater Hauptallee gekommen, um zu zeigen, auf welche Weise das motorisierte Einrad funktioniert.

Das Interesse sei groß, meint Holub, für den nächsten Vorführtermin hätten sich wieder zehn Teilnehmer angemeldet. Eigentlich ist Holub Geschäftsführer eines Elektrikerbetriebs im nahegelegenen Leopoldstädter Czerninviertel. Er trägt getönte Brillengläser und kariertes Hemd, er ist ein bodenständiger 45-Jähriger, der mit derlei Geräten eigentlich nichts am Hut hatte.

„Beim Fernsehen“, erzählt Holub, „stieß ich vergangenes Jahr zufällig auf einen Bericht bei ,National Geographic‘ über das City Wheel in den USA.“ Seitdem habe ihn die Idee nicht mehr losgelassen, nun will er damit die Gehsteige der Stadt erobern.

Als erster Anbieter in Österreich vertreibt Holub zwei unterschiedliche Modelle, für die man derzeit tief in die Tasche greifen muss: Das günstigere Gerät um 1450 Euro ist für längere Strecken gedacht, man kann mit ihm bis zu 20 Kilometer zurücklegen. Das Zweite gibt es für 1899 Euro, es ist was „für Hobbyakrobaten, die gerne experimentieren“.

Zwei Stunden, um das Fahren zu erlernen

Rund 50 Stück habe Holub seit Anfang Juni insgesamt verkauft, sagt er. Das City Wheel ist ein weiteres Fortbewegungsmittel, das ganz im Zeitgeist für umweltfreundliche und individuelle Mobilität steht. Ähnlich dem Tretroller vor einigen Jahren hat das rund 13 Kilo schwere Gerät zudem das Potenzial, sich als urbane Kutsche für smarte Anzugträger zu etablieren.

Die Fortbewegung damit erfordert jedoch gewisse Übung. Es geht vor allem darum, das Gleichgewicht zu halten. Bevor man es verwendet, drückt man einen Knopf, der den automatischen Stabilisator einschaltet, damit das Rad nicht nach vorne oder hinten kippen kann – wie es beispielsweise bei einem herkömmlichen Einrad der Fall ist. Dann klappt man die zwei seitlichen Flügel aus Metall herunter und stellt sich drauf – anfangs mit tatkräftiger Unterstützung von Herrn Holubs Mitarbeitern, die sich links und rechts aufgestellt haben und an deren Unterarmen man sich dankbar festkrallt.

Rund zwei Stunden sind im Schnitt notwendig, um das Fahren mit dem City Wheel zu erlernen, sagt Holub. Anfangs benötigt man noch Halt von außen, meistens von beiden Seiten. Die Situation erinnert an das Fahrradfahrenlernen, an das Gefühl, das man als Kind hatte, als man felsenfest davon überzeugt war, man werde es nie schaffen, das Gleichgewicht auf diesen schmalen Rädern zu halten. Und auch beim City Wheel kommt man anfangs schnell ins Trudeln, weil man zu sehr auf den Boden anstatt geradeaus schaut und zu stark verkrampft. Doch nach wenigen Minuten hat man erste Erfolgserlebnisse und bekommt zumindest halbwegs ein Gefühl dafür, worauf es ankommt – wie sehr man beispielsweise die Fersen anheben soll, um zu beschleunigen, oder sie nach unten drücken muss, um zu bremsen. Denn es sind kleine, kaum sichtbare, fast tektonische Bewegungen, mit denen man das Gerät steuert. Auch dieses vermeintlich mühelose Lenken verstärkt den optischen Schwebeeffekt.

„Diese unscheinbaren Bewegungen beanspruchen die Tiefenmuskulatur“, sagt Holub. Ein bisschen fühlt es sich an, wie wenn man in einem fahrenden Bus versucht, das Gleichgewicht zu halten, ohne sich irgendwo anhalten zu können. Körperlich ist dieses Einrad also ziemlich fordernd – obwohl es von einem Motor betrieben wird. Es ist also keine Mitfahrgelegenheit für Gehfaule.

Die Maximalgeschwindigkeit des City Wheels liegt bei rund 16 Kilometer pro Stunde, idealerweise sollte man aber 12 Stundenkilometer nicht überschreiten, sagt Holub. „Das City Wheel soll nicht andere Fortbewegungsmittel vollkommen ersetzen“, sagt er. „Es soll aber schon die Mobilität ergänzen.“ Im Schnitt lässt sich damit bis zu drei Stunden bei gemäßigter Geschwindigkeit fahren, zum Aufladen steckt man es dann über ein spezielles Ladegerät an eine gewöhnliche Steckdose an. Noch braucht man für das City Wheel keine Zulassung und auch keine Genehmigung – und, genauso wie beispielsweise mit dem Tretroller, kann man damit auch völlig problemlos auf dem Gehsteig fahren. „Derzeit gilt das City Wheel eigentlich als Spielzeug“, sagt Holub, „noch.“

Erschienen am 28. August 2013 in Wiener Zeitung 

Die Katze im Sack

Mit dem EU-Beitritt bekommen Produkte aus Kroatien auf einen Schlag einen Markt von 500 Millionen Verbrauchern. Gleichzeitig wird es für sie schwerer, auf ihren traditionellen Märkten in Südosteuropa zu bestehen.

Text: Nina Brnada

Produkte sind auch Lebenserinnerungen. Manchmal auch solche, die der Mehrheit nicht gefallen. Wenn nostalgische Ostdeutsche heute eine Seife oder ein Puddingpulver kaufen wollen, das sie noch aus DDR-Zeiten kennen, dann müssen sie in einen der vielen Retroläden. Aber von diesen Geschäften gibt es nicht mehr viele und die Vorhandenen oszillieren irgendwo zwischen Museum und Touristenfalle. Es sind traurige Orte der Verklärung und des Kitsches.

Wenn aber jemand in einem der ex-jugoslawischen Länder gerade Lust auf Schokolade aus seiner Kindheit in den Achtzigerjahren hat, muss er nur in den Supermarkt um die Ecke. Bis heute sind es die gleichen Produkte wie damals, die dort verkauft werden. Und es sind solche, die trotz internationaler Konkurrenz immer noch gerne und viel gekauft werden.

Jugoslawien, das ist ein Land, dessen Zerfall in den Neunzigerjahren sehr viele Menschenleben gekostet hat. Der jugoslawische Markt mit seinen Produkten jedoch existiert, trotz allem relativ unbeschadet, auch zwei Jahrzehnte nach der Auflösung des gemeinsamen Staates der Südslawen.

Ajvar und Waschmittel

Bis heute gibt es das kroatische Waschmittel, die serbische Süßigkeit und das bosnische Ajvar überall in Ex-Jugosawien zu kaufen, vom kroatischen Zagreb bis zum mazedonischen Skopje.

Grund dafür ist die so genannte CEFTA, also das Central Europea Free Trade Agreement, das zwischen den ex-jugoslawischen Ländern Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien Kosovo, sowie zusätzlich für Albanien und die Republik Moldau gilt. Dieses Abkommen ermöglichte bisher einen zollfreien Warenhandel zwischen diesen Ländern.

Mit 1. Juli dieses Jahres tritt Kroatien mit dem Eintritt in die Europäische Union automatisch aus diesem Abkommen aus. Damit werden kroatische Produkte, die bisher südlich der Grenze frei gehandelt werden konnten, mit bis zu 45 Prozent verzollt, heißt es in Medienberichten.

Neue Produktionsstätten

Das hätte den Effekt, dass kroatische Produkte in den Nachbarstaaten nicht mehr im gleichen Maß konkurrenzfähig wären, weil sie durch die neuen Abgaben teurer würden. Die kroatische Wirtschaft könnte das hart treffen, zumal 50 Prozent aller kroatischen Exporte in die CEFTA-Länder gehen.

Aus diesem Grund verlegen viele Betriebe ihre Produktion in die verbleibenden CEFTA-Länder, etwa der traditionsreiche Fleischprodukterzeuger Gavrilovi, der bereits nach Bosnien-Herzegowina ausgewandert ist.

Eigentlich sollte der EU-Beitritt Prosperität bringen, doch Kritiker fürchten, dass vor allem ausländische Anbieter mit ihren billigen Produkten den kroatischen Markt noch mehr dominieren werden, als dass schon bisher der Fall ist.

Kroatischen Produkten steht zwar in der EU ein gigantischer Markt von 500 Millionen Verbrauchern offen. Doch Kroatiens Produkte haben sich über Jahrzehnte an anderen Verbrauchergewohnheiten orientiert.

Langfristig wird die neue Situation die Produzenten dazu bringen, ihre Erzeugnisse dem europäischen Markt anzupassen, ist Goran Vukssic überzeugt, Ökonom von der Forschungseinrichtung „Institut für öffentliche Finanzen“ in Zagreb. Wie lange das allerdings dauern wird, und ob es fruchten wird, wird sich erst weisen.

Erschienen in Die Furche 27/2013