Alles für alle

von Nina Brnada

Anlässlich der 6. Internationalen Woche des Grundeinkommens legt Klaus Sambor, Pensionist und Vorsitzender einer Europäischen Bürgerinitiative, seine Vorstellungen einer anderen Arbeits- und Lebenswelt dar.

Text: Nina Brnada

Manche Pensionisten schauen gern fern, andere garteln oder verbringen die ersten Herbsttage mit Spaziergängen. Klaus Sambor jedoch zieht es immer wieder hierher, in die hügeligen Gassen des neunten Wiener Gemeindebezirks. Immer wieder kommt er in diesen kleinen Raum in der Wasagasse neben dem Lokal Dreiklang. Was er macht erfordert viel Hingabe. Er breitet seine Zettel aus und klappt den Laptop auf. Sambor ist 76 Jahre alt, sein Arbeitseifer aber ist der eines Studienanfängers.

Der Wiener ist der Kopf einer europaweiten Bewegung, die nach ihrem Ziel benannt ist: bedingungsloses Grundeinkommen. Es ist eine Forderung, die so radikal wie simpel erscheint: „Von der Geburt bis zum Tod soll jeder Mensch monatlich einen gewissen Betrag vom Staat erhalten – bedingungslos“, sagt Sambor. „Wir fordern das als Menschenrecht.“

Ein neuer Leistungsbegriff

In Österreich etwa sollen nach dieser Idee jedem Erwachsenen zumindest 1000 Euro zustehen, jedem Kind entsprechend weniger. „Machbar wäre es“, sagt Sambor, „aber dazu braucht es starken politischen Willen.“

Im Gegensatz zu bisherigen Regelungen, wie etwa der bedarfsorientierten Mindestsicherung, soll das bedingungslose Grundeinkommen aber nicht dazu dienen, bedürftigen Menschen fehlende finanzielle Mittel zu kompensieren, sagt Sambor – im Gegenteil: Das bedingungslose Grundeinkommen habe „einen emanzipatorischen Anspruch“.

Klaus Sambor ist ein adretter Mann mit entschlossenem Lächeln und bewährtem Seitenscheitel. Die weißen Haare am Hinterkopf sind zu einem Bogen gekämmt, seine Hosenfalten steif gebügelt. Sambor spricht druckreif, er scheint zu jenen Menschen zu gehören, die von nichts, was sie selbst sagen, jemals überrascht werden. Die vorher alles längst in Gedanken durchdrungen haben, ehe sie auch nur ein Wort darüber verlieren. Seine Hände breitet er wie ein Lehrer schulterbreit aus, wenn er von seinen Vorstellungen erzählt, welche geradezu tollkühn erscheinen.

„Weil das bedingungslose Grundeinkommen zumindest eine bescheidene Lebensweise ermöglichen würde“, sagt er, „wäre man auf Erwerbsarbeit, die man nicht so gerne macht, nicht so sehr angewiesen.“ Man könne sich also Tätigkeiten widmen, die einem liegen, die man gerne macht. Dadurch wäre Kreativität gefördert und über den Umweg der Freiheit auch die Produktivität, ist Sambor überzeugt. Durch das bedingungslose Grundeinkommen könnten neue Ideen verwirklicht werden, für die es derzeit keine Ressourcen gibt – in Forschung und Entwicklung ebenso wie in Kunst und Kultur.

Karrieren würden nicht dasselbe bedeuten wie heute. Es wäre ein Schritt weg vom herkömmlichen Leistungsbegriff hin zu einer Welt, die Erfolg und dessen Maßstäbe neu definiert. Sambor skizziert eine gänzlich neue Arbeitswelt, er spricht von „frei gewählter und fair bezahlter Erwerbsarbeit, von sinnvoller Tätigkeit und von Zeitwohlstand“.

Finanzierbar oder utopisch?

Man kann ihm bei seinen Bemühungen jedenfalls keinen Eigennutzen vorwerfen. Er selbst ist gut situiert und hat ein ganzes Arbeitsleben hinter sich. Bevor der studierte Nachrichtentechniker in Pension ging, war er jahrzehntelang bei der Telekom tätig, im Forschungsbereich, wie er erzählt. „Das war die Zeit, wo man noch an Farbfernsehern gebastelt hat“, erinnert er sich. Sambor hatte sich immer nur für technische Themen interessiert, erzählt er. Nach der Pension im Jahr 2003 aber fing er an, sich auch für soziale Fragen zu engagieren, ging zu Vorträgen und landete irgendwann bei Attac, einer internationalen NGO, die vor allem für ihre globalisierungkritische Haltung bekannt ist und sich seit Jahren für die Finanztransaktionssteuer einsetzt – lange bevor die Mainstreampolitik dieses Thema für sich entdeckte.

Sambor ist verheiratet, hat zwei Kinder, drei Enkel. „Hätte es das bedingungslose Grundeinkommen gegeben, als ich im Berufsleben stand“, sagt er, „ich hätte wohl weniger gearbeitet und meine Kinder öfter gesehen.“ Und fügt hinzu: „Ich würde vielleicht jetzt immer noch arbeiten.“

Das bedingungslose Grundeinkommen würde die klassischen Erwerbszyklen aus den Angeln heben, ist Sambor überzeugt. Weil man beispielsweise weniger Wochenstunden arbeiten würde, könnte man unter Umständen länger berufstätig sein, zudem gäbe es durch weniger Stunden für den einzelnen – mehr Arbeit für alle.

Der größte Knackpunkt aber ist die Finanzierbarkeit, finden Kritiker. An dieser zweifelt Sambor allerdings nicht. Es gäbe zwar kein allgemeingültiges Rezept, aber bisher schon verschiedene Modelle. „Unseren Berechnungen zufolge würden beispielsweise 80 Prozent der Bevölkerung in Österreich von einem Grundeinkommen profitieren und hätten mehr Geld als heute.“ Zudem haben sich in Umfragen 90 Prozent geäußert, dass sie auch bei einem Grundeinkommen arbeiten würden – im Hinblick auf ihre Mitmenschen allerdings bezweifelten das in Umfragen die meisten.

Eine weitere Befürchtung ist beispielsweise, dass sich niemand mehr für marginalisierte Jobs von Putzen über Pflege bis hin zur Kinderbetreuung finden würde. „Man könnte die Leute nicht wie bisher in diesen Bereichen ausbeuten, diese Tätigkeiten müssten dann zwangsläufig besser bezahlt werden,“ sagt Sambor, „ein bedingungsloses Grundeinkommen würde hier auch die Erwerbsbedingungen positiv verändern.“

Ob nun mit oder ohne bedingungslosem Grundeinkommen – vom derzeitigen Lebensstil müssten wir uns allerdings ohnehin verabschieden, ist Sambor überzeugt. „Denn wir leben in einer absoluten Konsumgesellschaft und über unsere Verhältnissen, das geht nicht, auch ökologisch.“

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen hat lange Tradition. Da gab es schon im 16. Jahrhundert erste Werke, etwa das Buch „Utopia“ des englischen Staatsmanns Thomas Morus, der eine Welt ohne Geld und Privateigentum beschrieben hatte. Oder die Social-Credit-Bewegung in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Australien, Großbritannien, Kanada und Neuseeland, deren Hauptforderung die Auszahlung einer „national dividend“ an alle Bürger war. Und auch der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm hat in seiner Schrift „Das garantierte Einkommen“ für ein Grundeinkommen plädiert.

EU-weite Unterschriftenaktion

Auch heute, insbesondere seit der Krise, findet die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens großen Anklang. Vergangenes Jahr gelang es Vertretern aus verschiedenen EU-Ländern, das Thema auf EU-Ebene zu hieven: Seit November vergangenen Jahres gibt es eine Europäische Bürgerinitiative, bis Jänner kommenden Jahres haben die Organisatoren nun Zeit, EU-weit mindestens eine Million Unterschriften zu sammeln und somit die Voraussetzung zu schaffen, dass sich die Europäische Kommission mit dem Anliegen befasst.

Der Wiener Pensionist Klaus Sambor wurde zum Vorsitzenden dieser gesamteuropäischen Initiative bestellt. „Dass ich aus einem kleinen neutralen Land stamme, hat wohl am ehesten dazu beigetragen“, schmunzelt Sambor.

In Österreich allerdings wird die Idee nicht nur von Attac, sondern auch von Gruppen wie der Katholischen Sozialakademie und den Katholischen Arbeitnehmerinnen im Rahmen eines Runden Tisches vorangetrieben. Europa sei nur der Anfang, meint Sambor. Auf lange Sicht wollen wir das bedingungslose Grundeinkommen weltweit. Als Menschenrecht.

Erschienen in Die Furche 37/2013

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