Der Underdog der Bahnhöfe

von Nina Brnada

Der Busterminal in Erdberg führt ein isoliertes Dasein, dabei frequentieren ihn jährlich 1,5 Millionen Gäste. Vor allem Backpacker und Migranten nutzen das Verkehrszentrum im urbanen Abseits.

Text: Nina Brnada

Diese Männer könnten auch als Biergartenkellner durchgehen: breite Schultern in weißen Hemden und flatternde Anzughosen mit schwarzen Gürteln. Statt im Grünen zwischen Holztischen lavieren diese Kerle durch Menschenmengen im Schatten einer mehrspurigen Autobahnbrücke. Und anstelle von Glaskrügen und Tabletts stemmen sie Reisetaschen und Plastikkoffer. Es sind Busfahrer, die Gepäck in die Bäuche ihrer Fahrzeuge hieven. Männer, die allein vergangenes Jahr mehr als 1,5 Millionen Passagiere durch das wohl unbekannteste Tor dieser Stadt karrten – den Busbahnhof in Wien Erdberg. In vielen europäischen Städten ist der Busbahnhof ein bedeutendes Verkehrszentrum, hier in Wien jedoch spielt er im Bewusstsein weiter Teile der Stadtbevölkerung kaum eine Rolle, ebenso in jenem der Stadtverwaltung.

Er liegt in Wien-Landstraße, unweit der U3-Station Erdberg. Ein Schild weist den Weg zum Vienna International Busterminal, wie er offiziell heißt. Doch internationales Flair kommt hier nicht auf: Ein schmales Containergebäude mit Fenstern, ein Parkhaus und eine Snackbar, auf der „Barney’s Busstop“ geschrieben steht, begrenzen den Autobusbahnhof. Er breitet sich auf einer Fläche von rund 8500 Quadratmeter aus, vor allem unter den Fahrbahnen der Südosttangente.

So versteckt, wie der Busbahnhof liegt, würde kaum jemand meinen, dass hier jährlich 22.000 Autobusse durchkommen und hier 46 internationale Direktverbindungen zu anderen europäischen Destinationen zusammenkommen – von Paris über Berlin, von Belgrad bis Sarajevo.

Dieser Ort ist der Underdog unter den Verkehrszentren der Stadt und ja, dadurch wirkt er auf eine gewisse Weise interessant und unentdeckt – in einer Stadt, in der sehr vieles sehr gut durchgeplant ist, hat das Improvisierte am Busbahnhof also durchaus etwas Charmantes.

Kein Interesse für Aufwertung bei Stadt Wien

Gleichzeitig jedoch drängt sich hier die Frage auf, warum dieser unübersichtliche Ort nicht aufgewertet oder der Busbahnhof nicht gleich an einem attraktiveren Standort verlegt wird. Obwohl der Bahnhof – genauso wie etwa alle anderen Bahnhöfe und der Flughafen – auch eine Visitenkarte der Stadt ist, kümmert sich die Gemeinde Wien sehr stiefmütterlich um ihn – nämlich gar nicht.

Der Vienna International Busterminal ist ein reines Privatunternehmen, das von der Firma Blaguss geführt wird. Stärkeres, vor allem finanzielles Engagement seitens der Stadt wäre durchaus erwünscht, betont Geschäftsführer Thomas Blaguss. „Denn wir sind zwar ein privates Unternehmen, erfüllen aber auch einen öffentlichen Zweck“, sagt er. „Diese Last können wir nicht alleine tragen.“ Dennoch gäbe es keinerlei Unterstützung durch die Gemeinde, sagt Blaguss. Pläne der Stadt den Autobusbahnhof aufzuwerten, seien ihm keine bekannt. Ebenso wenig beispielsweise den Busbahnhof mit dem neuen großen Hauptbahnhof zu verknüpfen. Aus dem Büro der Vizebürgermeister und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) konnte zur Frage des Busbahnhofes jedenfalls niemand erreicht werden.

Der Grund für das verhaltene Interesse am Busbahnhof sind wohl auch die wirtschaftlich eher uninteressanten Fahrgäste, die hier durchkommen. Denn es sind nicht die kaufkräftigen Bilderbuch-Wientouristen, sondern eher Backpacker, die um relativ wenig Geld recht bequem durch ganz Europa fahren können.

Vor allem aber nutzen den Busbahnhof Migranten oder deren Verwandte und Freunde, die aus den Herkunftsländern zu Besuch kommen. Für viele von ihnen sind diese Busverbindungen nicht nur Transportmittel, sondern auch Kommunikationsadern – so werden beispielsweise immer wieder Briefumschläge oder Päckchen herumgeschickt. Das wichtigste Herkunfts- und Zielland für die Busse ist Serbien mit nahezu einem Drittel Verkehrsaufkommen, gefolgt von Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Rumänien und Ungarn – also Länder, aus denen viele Wiener Migranten stammen.

Das Geschäft mit den kleinen Leuten

Anna-Maria ist eine von ihnen. Die Ungarin mit den toupierten Haaren und grün geschminkten Augenliedern fährt jeden Freitag nach Szeged, ihre Heimatstadt im Dreiländereck zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien. Ihr Reiseproviant muss schon vor der Fahrt daran glauben, das Pikantwurstweckerl pellt sie vorsichtig aus der Alufolie. Reisen macht Appetit, obwohl sie eigentlich noch neben dem Bus steht und dem Busfahrer beim Gepäckverladen zusieht.

Jede Woche fährt sie mehr als 400 Kilometer und wieder retour, um die Wochenenden bei der Familie zu verbringen. Die studierte Pharmazeutin hatte in ihrer Heimat in einem Spitalslabor gearbeitet. Seit zwanzig Jahren aber putzt sie fremde Wohnungen in Wien. Sie hat gelernt, es nicht so schwer zu nehmen, sagt die Endvierzigerin. „Andere zahlen fürs Fitnesscenter, ich aber turne den ganzen Tag herum und bekomme auch noch Geld dafür.“

Das Geschäft des Familienunternehmens Blaguss seien schon immer die kleinen Leute gewesen, sagt Thomas Blaguss. Als sein Großvater das Busunternehmen im Jahr 1929 gründete, waren die Fahrgäste vor allem aus dem Burgenland. „Einerseits fuhren sie nach Mariazell zum Beten, anderseits nach Wien zum Naschmarkt, um dort ihr Gemüse, Eier und Hendl zu verkaufen.“ Als Burgenland-Kroaten hatten die Blaguss’ wohl immer eine spezielle Verbindung zu Mitteleuropa und zum grenzübergreifenden Moment. Andere müssen sich diesen erst wieder bewusst machen.

Erschienen am 30. August 2013 in Wiener Zeitung 

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