Die Katze im Sack

von Nina Brnada

Mit dem EU-Beitritt bekommen Produkte aus Kroatien auf einen Schlag einen Markt von 500 Millionen Verbrauchern. Gleichzeitig wird es für sie schwerer, auf ihren traditionellen Märkten in Südosteuropa zu bestehen.

Text: Nina Brnada

Produkte sind auch Lebenserinnerungen. Manchmal auch solche, die der Mehrheit nicht gefallen. Wenn nostalgische Ostdeutsche heute eine Seife oder ein Puddingpulver kaufen wollen, das sie noch aus DDR-Zeiten kennen, dann müssen sie in einen der vielen Retroläden. Aber von diesen Geschäften gibt es nicht mehr viele und die Vorhandenen oszillieren irgendwo zwischen Museum und Touristenfalle. Es sind traurige Orte der Verklärung und des Kitsches.

Wenn aber jemand in einem der ex-jugoslawischen Länder gerade Lust auf Schokolade aus seiner Kindheit in den Achtzigerjahren hat, muss er nur in den Supermarkt um die Ecke. Bis heute sind es die gleichen Produkte wie damals, die dort verkauft werden. Und es sind solche, die trotz internationaler Konkurrenz immer noch gerne und viel gekauft werden.

Jugoslawien, das ist ein Land, dessen Zerfall in den Neunzigerjahren sehr viele Menschenleben gekostet hat. Der jugoslawische Markt mit seinen Produkten jedoch existiert, trotz allem relativ unbeschadet, auch zwei Jahrzehnte nach der Auflösung des gemeinsamen Staates der Südslawen.

Ajvar und Waschmittel

Bis heute gibt es das kroatische Waschmittel, die serbische Süßigkeit und das bosnische Ajvar überall in Ex-Jugosawien zu kaufen, vom kroatischen Zagreb bis zum mazedonischen Skopje.

Grund dafür ist die so genannte CEFTA, also das Central Europea Free Trade Agreement, das zwischen den ex-jugoslawischen Ländern Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien Kosovo, sowie zusätzlich für Albanien und die Republik Moldau gilt. Dieses Abkommen ermöglichte bisher einen zollfreien Warenhandel zwischen diesen Ländern.

Mit 1. Juli dieses Jahres tritt Kroatien mit dem Eintritt in die Europäische Union automatisch aus diesem Abkommen aus. Damit werden kroatische Produkte, die bisher südlich der Grenze frei gehandelt werden konnten, mit bis zu 45 Prozent verzollt, heißt es in Medienberichten.

Neue Produktionsstätten

Das hätte den Effekt, dass kroatische Produkte in den Nachbarstaaten nicht mehr im gleichen Maß konkurrenzfähig wären, weil sie durch die neuen Abgaben teurer würden. Die kroatische Wirtschaft könnte das hart treffen, zumal 50 Prozent aller kroatischen Exporte in die CEFTA-Länder gehen.

Aus diesem Grund verlegen viele Betriebe ihre Produktion in die verbleibenden CEFTA-Länder, etwa der traditionsreiche Fleischprodukterzeuger Gavrilovi, der bereits nach Bosnien-Herzegowina ausgewandert ist.

Eigentlich sollte der EU-Beitritt Prosperität bringen, doch Kritiker fürchten, dass vor allem ausländische Anbieter mit ihren billigen Produkten den kroatischen Markt noch mehr dominieren werden, als dass schon bisher der Fall ist.

Kroatischen Produkten steht zwar in der EU ein gigantischer Markt von 500 Millionen Verbrauchern offen. Doch Kroatiens Produkte haben sich über Jahrzehnte an anderen Verbrauchergewohnheiten orientiert.

Langfristig wird die neue Situation die Produzenten dazu bringen, ihre Erzeugnisse dem europäischen Markt anzupassen, ist Goran Vukssic überzeugt, Ökonom von der Forschungseinrichtung „Institut für öffentliche Finanzen“ in Zagreb. Wie lange das allerdings dauern wird, und ob es fruchten wird, wird sich erst weisen.

Erschienen in Die Furche 27/2013

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