Schwebend durch die Stadt

von Nina Brnada

Das City Wheel, das Einrad mit dem Elektromotor, definiert urbane Fortbewegung neu. Für Benutzung ist keine Genehmigung oder Zulassung nötig.

Text: Nina Brnada

Marty McFly würde es wahrscheinlich gut finden. Den Helden aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ würde es wohl an sein schwebendes Skateboard aus der Science-Fiction-Trilogie erinnern. Im zweiten Teil des Filmklassikers brettert der Zeitreisende McFly nämlich darauf über die Straßen der Zukunftsversion seiner Heimatstadt. Und genauso wie bei McFlys legendärem Hoverbord scheint man sich auch auf dem City Wheel in ein schwebendes Wesen aus einer anderen Zeit zu verwandeln.

Wer auf dem City Wheel fährt, dem ist das Staunen der Passanten der Prater Hauptallee sicher. Ausgewachsene Männer bleiben stehen, kleine Kinder kriegen Angst, denn zu ungewohnt und zu futuristisch ist der Anblick dieser Art der Fortbewegung: Das neuartige Vehikel ist ein elektronisch betriebenes Einrad, man rollt darauf gleichmäßig und vollkommen geräuschlos dahin, sodass man damit aussieht wie ein levitierender Geist.

Eingefasst in einer runden Schale aus hartem Plastik mit Griff am oberen Ende, erinnert es „Männer an eine Kabeltrommel und Frauen an eine fahrende Handtasche“, scherzt Werner Holub, der Mann, der das City Wheel nach Österreich brachte. Er ist mit zwei Mitarbeitern in die Prater Hauptallee gekommen, um zu zeigen, auf welche Weise das motorisierte Einrad funktioniert.

Das Interesse sei groß, meint Holub, für den nächsten Vorführtermin hätten sich wieder zehn Teilnehmer angemeldet. Eigentlich ist Holub Geschäftsführer eines Elektrikerbetriebs im nahegelegenen Leopoldstädter Czerninviertel. Er trägt getönte Brillengläser und kariertes Hemd, er ist ein bodenständiger 45-Jähriger, der mit derlei Geräten eigentlich nichts am Hut hatte.

„Beim Fernsehen“, erzählt Holub, „stieß ich vergangenes Jahr zufällig auf einen Bericht bei ,National Geographic‘ über das City Wheel in den USA.“ Seitdem habe ihn die Idee nicht mehr losgelassen, nun will er damit die Gehsteige der Stadt erobern.

Als erster Anbieter in Österreich vertreibt Holub zwei unterschiedliche Modelle, für die man derzeit tief in die Tasche greifen muss: Das günstigere Gerät um 1450 Euro ist für längere Strecken gedacht, man kann mit ihm bis zu 20 Kilometer zurücklegen. Das Zweite gibt es für 1899 Euro, es ist was „für Hobbyakrobaten, die gerne experimentieren“.

Zwei Stunden, um das Fahren zu erlernen

Rund 50 Stück habe Holub seit Anfang Juni insgesamt verkauft, sagt er. Das City Wheel ist ein weiteres Fortbewegungsmittel, das ganz im Zeitgeist für umweltfreundliche und individuelle Mobilität steht. Ähnlich dem Tretroller vor einigen Jahren hat das rund 13 Kilo schwere Gerät zudem das Potenzial, sich als urbane Kutsche für smarte Anzugträger zu etablieren.

Die Fortbewegung damit erfordert jedoch gewisse Übung. Es geht vor allem darum, das Gleichgewicht zu halten. Bevor man es verwendet, drückt man einen Knopf, der den automatischen Stabilisator einschaltet, damit das Rad nicht nach vorne oder hinten kippen kann – wie es beispielsweise bei einem herkömmlichen Einrad der Fall ist. Dann klappt man die zwei seitlichen Flügel aus Metall herunter und stellt sich drauf – anfangs mit tatkräftiger Unterstützung von Herrn Holubs Mitarbeitern, die sich links und rechts aufgestellt haben und an deren Unterarmen man sich dankbar festkrallt.

Rund zwei Stunden sind im Schnitt notwendig, um das Fahren mit dem City Wheel zu erlernen, sagt Holub. Anfangs benötigt man noch Halt von außen, meistens von beiden Seiten. Die Situation erinnert an das Fahrradfahrenlernen, an das Gefühl, das man als Kind hatte, als man felsenfest davon überzeugt war, man werde es nie schaffen, das Gleichgewicht auf diesen schmalen Rädern zu halten. Und auch beim City Wheel kommt man anfangs schnell ins Trudeln, weil man zu sehr auf den Boden anstatt geradeaus schaut und zu stark verkrampft. Doch nach wenigen Minuten hat man erste Erfolgserlebnisse und bekommt zumindest halbwegs ein Gefühl dafür, worauf es ankommt – wie sehr man beispielsweise die Fersen anheben soll, um zu beschleunigen, oder sie nach unten drücken muss, um zu bremsen. Denn es sind kleine, kaum sichtbare, fast tektonische Bewegungen, mit denen man das Gerät steuert. Auch dieses vermeintlich mühelose Lenken verstärkt den optischen Schwebeeffekt.

„Diese unscheinbaren Bewegungen beanspruchen die Tiefenmuskulatur“, sagt Holub. Ein bisschen fühlt es sich an, wie wenn man in einem fahrenden Bus versucht, das Gleichgewicht zu halten, ohne sich irgendwo anhalten zu können. Körperlich ist dieses Einrad also ziemlich fordernd – obwohl es von einem Motor betrieben wird. Es ist also keine Mitfahrgelegenheit für Gehfaule.

Die Maximalgeschwindigkeit des City Wheels liegt bei rund 16 Kilometer pro Stunde, idealerweise sollte man aber 12 Stundenkilometer nicht überschreiten, sagt Holub. „Das City Wheel soll nicht andere Fortbewegungsmittel vollkommen ersetzen“, sagt er. „Es soll aber schon die Mobilität ergänzen.“ Im Schnitt lässt sich damit bis zu drei Stunden bei gemäßigter Geschwindigkeit fahren, zum Aufladen steckt man es dann über ein spezielles Ladegerät an eine gewöhnliche Steckdose an. Noch braucht man für das City Wheel keine Zulassung und auch keine Genehmigung – und, genauso wie beispielsweise mit dem Tretroller, kann man damit auch völlig problemlos auf dem Gehsteig fahren. „Derzeit gilt das City Wheel eigentlich als Spielzeug“, sagt Holub, „noch.“

Erschienen am 28. August 2013 in Wiener Zeitung 

Advertisements