Wiens neue Unternehmer

von Nina Brnada

Sie schaffen Arbeitsplätze und bieten eine Tapete für Selbstverwirklicher. Soziologe Michael Parzer über den Imagewechsel ethnischer Ökonomien.

Interview: Nina Brnada

26.200 Personen mit Migrationshintergrund waren 2011 in Wien selbständig – das sind 37 Prozent aller Wiener Unternehmer. Das geht aus der aktuellen Studie „Ethnische Ökonomien“ hervor, welche die Wirtschaftsagentur Wien beim Forschungsinstitut Synthesis in Auftrag gegeben hat. Der Soziologe Michael Parzer erklärt im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ den Imagewandel dieser „ethnischen Ökonomien“.

„Wiener Zeitung“: Herr Parzer, Politiker zeigen sich gerne mit Zuwanderern, die sich selbständig gemacht haben, und präsentieren sie öffentlich als Positivbeispiele für Integration. Warum ist dieses Motiv so populär?

Michael Parzer: Das Image migrantischer Ökonomie hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Früher wurden zum Beispiel Geschäfte von Migranten bestenfalls ignoriert, in der Regel aber galten sie als schmutzig. Mittlerweile hat sich jedoch eine durchaus positive Haltung gegenüber der migrantischen Ökonomie durchgesetzt, die vor allem deren Funktionen für die Gesamtgesellschaft betont.

Welche Funktionen wären das?

Zum Beispiel tragen sie zur ökonomischen Wertschöpfung bei und schaffen Arbeitsplätze. Aber natürlich haben sie auch eine zentrale Rolle bei Aufwertungsprozessen von Grätzeln. Von Migranten betriebene Restaurants und Geschäfte haben viele Viertel wiederbelebt und ebenso die bedrohten Nahversorgungsstrukturen aufrechterhalten. Und das nicht nur am Ottakringer Brunnenmarkt. In vielen anderen Städten hat die migrantische Ökonomie ähnliche Effekte gehabt, etwa in Berlin Kreuzberg oder in der Londoner Brick Lane. Dort ist Ethnodiversität zentraler Bestandteil von City Branding und ein wichtiger Faktor für den Tourismus.

Wie profitieren die selbständigen Migranten davon?

In Österreich hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es wurden beispielsweise Förderprogramme eingerichtet, Beratungen und finanzielle Unterstützung zur Verfügung gestellt. Dazu kommt die symbolische, gesellschaftliche Anerkennung der migrantischen Ökonomie. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu früher. Damals hat man darin vor allem einen Vorschub zur Segregation und sogenannter Parallelgesellschaft gesehen. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor viele Klischees über zugewanderte Unternehmer gibt.

Welche zum Beispiel?

Gerade erfolgreichen Unternehmern werden nicht selten die Umgehung von Gesetzen oder sogar kriminelle Machenschaften unterstellt. Ein anderes Beispiel ist die Überbetonung ihrer sozialen Netzwerke, also die Vorstellung, dass alle zusammenhalten, Familie, Freunde und Bekannte und sich gegenseitig helfen. Das mag schon sein, aber es ist kaum untersucht, ob Unternehmer ohne Migrationshintergrund nicht womöglich auf ähnliche Strukturen zurückgreifen. Oft wird so getan, als seien Mehrheitsökonomie und migrantische Ökonomie völlig unterschiedlich.

Was sind denn dann aber die Unterschiede?

Auf der einen Seite gibt es für potenzielle Unternehmer Opportunitäten, die sich zum Beispiel durch Marktnischen ergeben. Auf der anderen Seite stehen die bürokratischen und rechtlichen Zugangshürden, von denen Migranten stärken betroffen sind als die alteingesessenen Österreicher. Zudem machen sich viele Migranten deshalb selbstständig, weil sie am Erwerbsarbeitsmarkt strukturell benachteiligt werden – solche Aspekte fallen durch das positive Image der migrantischen Ökonomie in öffentlichen Debatten oft unter den Tisch.

Ein Merkmal der ethnischen Ökonomie ist, dass sich migrantische Unternehmen vor allem an die eigenen Landsleute richten. Ist der Schritt in die Mehrheitsgesellschaft überhaupt notwendig?

Für manche dieser Unternehmer ist er das nicht, zum Beispiel wenn es genug Stammkunden aus der eigenen Community gibt und keine ökonomische Notwendigkeit dazu besteht. Für andere wiederum können sich Break-out-Strategien durchaus lohnen. In unserem Forschungsprojekt zu türkischen Lebensmittelhändlern und deren Vermarktungsstrategien haben wir eine interessante Beobachtung gemacht: Es gibt zahlreiche Unternehmer, die sich sehr intensiv um „Einheimische“ als Kunden bemühen, allerdings kaum Erfolg damit haben. Dagegen gibt es Geschäfte, in denen auch viele Angehörige der Mehrheitsgesellschaft einkaufen, obwohl man sich dort gar nicht so intensiv um sie bemüht.

Was sind die Gründe?

Das hängt sehr stark mit der städtischen Lage zusammen und was mit ihr assoziiert wird. Orte wie der Brunnenmarkt etwa sind beliebte Einkaufsgegenden für bildungsnahe Städter. Sie suchen das Exotische, pflegen vordergründig eine recht aufgeschlossene Haltung gegenüber anderen Kulturen, in der Soziologie nennen wir sie „Diversity Seekers“.

Was bedeutet das?

Einerseits tragen diese Menschen stark zur Beliebtheit solcher Grätzel bei und somit auch zum Erfolg dieser sichtbaren Zweige der migrantischen Ökonomie. Andererseits jedoch bleiben diese Orte oft nur Kulisse, Tapete für Selbstverwirklichung dieser „Diversity Seekers“, die ihre tolerante Haltung als kulturelles Kapital nutzen. Tatsächlich sind diese „Diversity Seekers“ aber oftmals auch Teil einer sogenannten klassenkulturellen Parallelgesellschaft – zum Beispiel wenn sie wegen des multikulturellen Flairs nach Ottakring ziehen, ihr Kind aber auf eine Privatschule in der Josefstadt schicken. Es ist also paradox und hat auch Auswirkungen auf Mietpreise, und bringen jene Migranten, die mit ihrer Ökonomie die Viertel aufgewertet haben, unter Druck. Der Aufwertungsprozess kann sich also gegen seine Verursacher richten und nach hinten losgehen.

Zur Person
Michael Parzer forscht an der Universität Wien als Soziologe zu migrantischen Ökonomien.

Erschienen am 24. August 2013 in Wiener Zeitung

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