Feigenblatt der Konservativen

von Nina Brnada

„Erfolgsfaktor kulturelle Vielfalt“. So heißt das aktuelle Buch der Juristin und Soziologin Beatrice Achaleke. Die aus Kamerun stammende Autorin lebt seit 19 Jahren in Wien und ist Gründerin des Beratungsunternehmens Diversity&Leadership&Consulting. Im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ spricht sie über Doppelmoral, Diversitätspreise und konservative Feigenblätter.

Interview: Nina Brnada

„Wiener Zeitung“: In Österreich gibt es einen nahezu unhinterfragten Konsens darüber, dass Migranten, die in diesem Land leben, sich mit der Zeit auch als Österreicher fühlen sollten. Was halten Sie davon?

Beatrice Achaleke: Ich selbst nenne mich ganz bewusst schwarze Österreicherin aus Kamerun. Das mache ich auch aus Trotz. Ich hatte nämlich einmal eine Begegnung mit einem Sicherheitsbeamten am Wiener Flughafen, der bei der Passkontrolle sagte: „Sie sehen aber nicht wie eine Österreicherin aus.“ Ich habe 24 Jahre in Kamerun gelebt und dort meine Erfahrungen und mein Leben gehabt. Danach bin ich nach Österreich gekommen. Ich lebe und arbeite seit nunmehr 19 Jahren in diesem Land. Für mich schließen sich diese zwei Kulturen nicht aus. Es ist für mich nicht entweder oder, ich beanspruche beides.

Während die Mehrheitsgesellschaft von der Politik ermutigt wird, nationale Identitäten zu erweitern, beispielsweise in europäischen Dimensionen zu denken, werden Migranten aufgefordert, sich gerade in ebendiese Kategorien zu fügen – sich also irgendwann als „Österreicher“ zu titulieren. Warum?

Diese Exklusivität, die von Migranten eingefordert wird, schließt sehr viele Ressourcen aus. Wenn ich mich selbst und meinen Radius reduziere, dann fallen viele Chancen weg. Man kann während dieses sogenannten Integrationsprozesses nicht zu einem Menschen werden, der man nicht ist. Integration bedeutet vor allem auch, sich akzeptiert zu fühlen, oft ist es aber so, dass ab einem gewissen Punkt jeder weitere Schritt einer Selbstverleugnung gleichkommen würde.

Glauben Sie, dass „Integration durch Leistung“ passiert, wie ÖVP- Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz behauptet?

Man müsste zuerst die Frage beantworten, was Leistung überhaupt bedeutet. Allein der Weg, den viele Migranten zurückgelegt haben, um in dieses Land zu kommen, ist schon eine riesige Leistung. Es ist schon eine Leistung, wenn man aus einem der Bundesländer nach Wien zieht, geschweige denn das, was Migranten vollbringen, wenn sie aus aller Herren Länder hierher kommen, mit ihren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Diese Anstrengung sollte Anerkennung bekommen. Darüber hinaus kann man noch weitere sogenannte Integrationsschritte vereinbaren. Allerdings möchte ich als Zuwanderer in diesen Verhandlungsprozess eingebunden werden. Ich möchte, dass man mich fragt, was ich zu dieser Gesellschaft beitragen kann, anstatt dass man in mir in erster Linie ein Mangelwesen sieht.

Vor allem konservative Parteien setzen sich europaweit für Diversität ein, sie besetzen ihre Reihen gezielt und inszeniert mit Migranten. Gleichzeitig aber legen die Konservativen oftmals eine sehr paternalistische Haltung gegenüber Migranten an den Tag, zum Beispiel indem sie für Abschiebungen eintreten. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?

Konservative Regierungen merken, dass sie das Thema Diversität besetzen können, auch weil das die linken Regierungen in Europa früher nicht getan haben – sie haben auf den zunehmenden Pluralismus in der Gesellschaft nicht reagiert. Man muss allerdings aufpassen, dass der Einsatz für Diversität von konservativer Seite nicht zu einem Feigenblatt verkommt.

Vielleicht geht es dabei auch darum, sich mit dieser „Bemühung“ gegen Kritik zu immunisieren?

Natürlich, Diversität wird oft nicht wirklich ernsthaft betrieben. Ich merke das auch bei diversen Veranstaltungen, bei denen Preise verliehen werden. Jede Firma, die das Wort Diversität in den Mund nimmt, wird mit Preisen überhäuft. Irgendwann hat dann jeder einen Preis bekommen und wir alle klopfen uns auf die Schultern, aber was hat sich tatsächlich verbessert?

Erschienen am 25. September 2013 in Wiener Zeitung 

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