Im Stillen

von Nina Brnada

Einst standen sie mitten im Leben, heute gehen sie kaum noch auf die Straße. Auf Tour mit einer mobilen Krankenschwester, die alte Menschen betreut.

Text: Nina Brnada

Was Renate Haibel kann, lässt sich nicht erlernen. Mit alten Menschen so zu reden, wie sie es tut, bringen einem weder Schule noch Bücher bei. Bewährte Höflichkeiten, entschlossene Aussprache, gut sitzende Wiederholungen und viele, viele Füllwörter: Renate Haibels Umgang mit den von ihr Betreuten folgt einer ausgeklügelten Choreografie. Sie trifft den Ton, sie versteht es zu beeinflussen, ohne zu bevormunden.

»Der Blutdruck ist eigentlich immer schön«, sagt Haibel, die 80-jährige Helga Hron lächelt zurück. Nur der Zucker mache Probleme, sagt die Schwester. »Frühstück allein reicht nicht, Frau Hron, auch auf die anderen Mahlzeiten dürfen sie bitte nicht vergessen!« Um ihre Forderung abzuschwächen, schiebt Haibel ein »Gö, Frau Hron?« hinterher und schließlich die Frage: »Wohin wollen Sʼ denn die Insulinspritze heute haben, Frau Hron?« Vor wenigen Minuten lag die alte Frau noch im Bett, richtig munter ist sie nach wie vor nicht. »Mein Mund pickt noch zusammen«, sagt sie, steht auf und hebt ihr Nachthemd hoch.

Vor einer halben Stunde hat Renate Haibels Dienst begonnen, sieben Uhr ist es jetzt. Haibels Schuhbänder sind fest gebunden, der Reif nach hinten in die rot gefärbten Haare geschoben. Hose und Bluse strahlen weiß, wie eine Rüstung sitzen sie an ihrem Körper. Für das, was Renate Haibel macht, brauchen auch die Nerven ein enges Korsett. Die Krankenschwester besucht alte Menschen in ihren Haushalten und sieht dort nach dem Rechten. Oft spritzt sie Insulin wie bei Frau Hron, manchmal setzt sie einfach nur Kaffee auf und richtet die Medikamentendose für den Tag her. Zuweilen aber muss sie die Menschen auch vor sich selbst schützen. Jene Frau etwa, die sich kürzlich nicht helfen lassen wollte, obwohl sie wegen ihres Unterleibstumors stark blutete und in den Ecken des Hauses Mäuse verwesten.

Es ist eine Situation, die man nicht unbedingt erwarten würde in Perchtoldsdorf. Die Gemeinde ist einer jener Orte, in die der Süden Wiens hineinwächst oder umgekehrt, in denen sich hübsche Einfamilienhäuser und hohe Bäume aneinanderreihen und wo der Mittelstand hinzieht, der seine Kinder lieber im eigenen Garten als im großstädtischen Park spielen sieht. Hier fährt auch Krankenschwester Haibel Tag für Tag für die ÖVP-nahe Sozialorganisation Hilfswerk durch die Straßen. Nur ist ihr Plan der Gemeinde ein völlig anderer als jener der Neuzugezogenen und Jungfamilien: Auf ihm sind nur jene Häuser und Wohnungen wichtig, deren Bewohner nicht mehr vollständig für sich selbst sorgen können. Dort stellt Haibel regelmäßig ihren weißen Opel Corsa ab, an der Seite das gelbe Logo der Hilfsorganisation.

Haibels Beruf wird von Jahr zu Jahr wichtiger. Immer mehr Menschen brauchen Pflege, und das kostet. Allein die staatlichen Zuschüsse, das Pflegegeld, wuchsen zwischen 2001 und 2011 um 45 Prozent. Heute beziehen nahezu eine halbe Million Menschen Pflegegeld, das Sozialsystem kostete das im Vorjahr rund zweieinhalb Milliarden Euro. Nicht nur wegen der immer höheren Kosten soll das Altern künftig anders organisiert werden. Zahlreiche Ideen sind im Umlauf, um die Menschen körperlich und geistig länger fit zu halten: von längerem Arbeiten bis zu Alten-WGs.

Renate Haibels Kunden schaffen es oft kaum noch auf die Straße, neben ihren Telefonen stapeln sich die Visitenkarten von Fachärzten. Sie haben ihr aktives Leben hinter sich und verbringen in den eigenen vier Wänden den Lebensabend, verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Gertrude Hron entscheidet sich an diesem Morgen für den rechten Oberschenkel, dort soll die Insulinspritze hinein. Im vergangenen November hat sie einen Schlaganfall erlitten, zweimal täglich kommt seither eine Betreuerin des Hilfswerks vorbei. Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben, seither sitzt Hron oft am Balkon und raucht Zigaretten, immer Marke Hobby. Das Schema für ihren Tagesablauf steht auf der letzen Seite der Zeitung, im Fernsehprogramm. Morgens läuft »Unsere kleine Farm«, das mag sie am liebsten, abends dann die Nachrichten, zwischendurch schaue sie ohnehin alles. Der Flatscreen in der Ecke sei »mein Burli, der gehört mir ganz allein«.

Leute wie Frau Hron hatten einst Jobs, Kinder und Pläne. Sie glaubten, der Weg zum guten Leben habe gerade erst begonnen, die Sehnsuchtsorte lagen in einer fernen Zukunft. Sie ahnten nicht, dass ausgerechnet jene Momente, die so schnell vergingen, eines Tages zu Erinnerungen werden würden, über die sie sich später am stärksten definieren. Als seien sie nur damals wirklich sie selbst gewesen, erschaffen sie aus einer Episode ihrer Biografie eine Erzählung über ein gesamtes Leben, prototypisch und stellvertretend für ihr ganzes Sein.

Bei Frau Hron ist es die Zeit, als die beiden Kinder noch klein waren und in die Schule gingen. In der Früh brachte sie sie hin, »um 13 Uhr Kinder abholen, danach Mittagessen kochen«. Wenn sie davon erzählt, bekommt die zittrige Raucherstimme eine Geschäftigkeit, als würde sie die Ereignisse nochmals durchleben. Einst arbeitete sie in einer Wachsfabrik und stellte Kerzen her – bis zum Ende ihres Berufslebens sollte sie nichts anderes tun. Auch heute noch ist die Zweizimmerwohnung voll davon, die Kerzen in der Kredenz erzählen von besonderen Familienfeiern, Geburtstagen und Sakramentsspendungen. In Hrons Leben ging es einst um Arbeit, Disziplin und darum, die Zügel nicht loszulassen. Heute muss sie nicht mehr kämpfen. »Mittags gehe ich schlafen«, sagt sie, »es ist ja nicht so, als hätte ich kleine Kinder.«

Eine dreiviertel Stunde und ein paar nette Worte später sitzt Hilfswerk-Schwester Haibel wieder im Auto mit dem gelben Banner. Dreht sie den Zündschlüssel, schaltet sich Radio Antenne ein, und die grellen Stimmen der Moderatoren holen die Insassen zurück in eine Welt, in der Zeit knapp ist und alles viel schneller passieren muss als in der Wohnung von Frau Hron. Haibel schüttelt ihr schulterlanges Haar nach hinten, in der Art einer Teenagerin – als würde sie diese erste Station abhaken wollen.

Haibel ist eine gestandene Frau, die anpackt. Drei erwachsene Kinder hat die Wienerin, selbst ist sie gerade 43 geworden. Und seit eineinhalb Jahren Leiterin des zwölfköpfigen Teams, das hundert Haushalte in Perchtoldsdorf betreut. Trotz der vielen brenzligen Situationen sei das aber kein Vergleich mit ihrem vorherigen Job, sagt sie. Jahrelang arbeitete die Diplomkrankenschwester auf einer Palliativstation in Wien mit Menschen, für die es keine Hoffnung mehr gab. Wo sie nur noch gepflegt wurden und weder auf Besserung noch Heilung hoffen konnten, sondern nur auf einen guten Tod.

Die Frau auf der Couch dagegen kämpft noch um ihr Leben. Es ist die nächste Wohnung, die nächste Realität. Vor kurzem erst kam sie von der Chemotherapie zurück, sie verträgt sie ganz gut, sagt Haibel. Als würde um sie herum ein eisiger Wind wehen, ist die Frau in dicke Wolldecken eingewickelt, auf der Kopfhaut ein Flaum aus weichen Haaren, unter den Augen Schwellungen, groß wie Zwetschkenhälften. Aber die Frau lacht, spricht und ist zumindest so quirlig, wie es ihre Situation noch erlaubt. Die 69-Jährige wirkt mindestens zehn Jahre jünger, trotz ihrer Krankheit. Frau Ingrid hat Brustkrebs, der Tumor hat ihr unter der Achsel ein Loch in das Gewebe gefressen, seither kommt jeden Morgen eine Hilfswerk-Betreuerin und wechselt den Verband. Die Wunde muss sauber bleiben, sie darf nicht zu stinken beginnen und vor allem keine Keime anziehen. »Das Immunsystem ist so geschwächt, die kleinste Infektion kann sie aus der Bahn werfen«, sagt Haibel. Sie hängt sich eine große Plastikschürze um den Hals und packt die frischen Verbände aus.

Auch Frau Ingrid hat einen großen Bildschirm in ihrer Wohnung, sie sieht gerne »CSI« und Gerichtssendungen. Manchmal blickt sie auch einfach aus dem Fenster, hinüber zu dem Berg, auf dem sie sich einst verlobt hat, es sollte ihre zweite Ehe werden. Der erste Mann ließ sie mit zwei Kindern sitzen, der zweite, der sei dann die große Liebe gewesen, vor fünf Jahren ist er verstorben.

Neben dem Hilfswerk bekommt Frau Ingrid auch Besuch von »Essen auf Rädern«, lediglich Packerlsuppen kann sie selbst noch zubereiten. Kürbis-, Hühner- und Champignoncremesuppe liegen auf der Küchenplatte, am Fensterbrett ein gelbes Häferl mit der Aufschrift »Mondo«, einer Supermarktkette, die schon vor zehn Jahren aus dem Straßenbild verschwunden ist.

Wie die Tasse stammt auch die Einrichtung aus einer anderen Zeit, überall eingearbeitetes Massivholz, in den Fauteuils, in der Wanduhr, sogar der Luster ist daraus gemacht. Es war die Zeit, als es in den Nachrichten noch um den Kalten Krieg ging, Autobezüge kariert waren und ihr zweiter Mann noch lebte. Die Familienfotos im Vorzimmer zeigen gekämmte Männer, brave Kinder und Frau Ingrid mit dickem Lidstrich und vollem Haar. Sie ist eine angenehme Kundin, schwatzt gerne, soweit es ihre Krankheit erlaubt, und lädt auf der Besucherin keinen Ärger über andere Dinge ab. In ihren Diensten begegnet Renate Haibel auch anderem: Menschen, die aggressiv werden, die paranoid sind, die Angst haben, dass ihnen etwas gestohlen wird. Im schlimmsten Fall von der Betreuerin selbst. Und immer wieder jenen, die Pflegepersonal mit ausländischem Akzent ablehnen oder sagen, dass sie Ausländerinnen nicht ausstehen können.

Es sind zu 80 Prozent Frauen, die im Pflegebereich arbeiten – wie viele davon Ausländerinnen sind, darüber gibt es keine Erhebungen. Sie sind es hauptsächlich, die beispielsweise 24-Stunden-Pflege anbieten, oft illegal oder als Selbstständige und ohne ordentliche sozialrechtliche Absicherung. Was in der Branche bezahlt wird, steht in keinem Verhältnis zur Verantwortung und Belastung des Berufs, geschweige denn zu seiner Bedeutung für eine immer älter werdende Gesellschaft – bei Selbstständigen wie bei Angestellten. Diplomkrankenschwestern wie Renate Haibel etwa steht laut BAGS, dem wichtigsten Kollektivvertrag für den Bereich, ein Mindesteinkommen von 2.051,90 Euro brutto im Monat zu. Die weniger qualifizierten Pflegehelfer können laut der Gewerkschaft Vida mit einem Mindestgehalt von gerade einmal 1.781,80 Euro rechnen. Heimhelfer, die unterste Stufe in der Pflegehierarchie, erwarten gar nur 1.647,40 Euro. Allerdings sind diese Mindestgehälter ohnehin Makulatur, sie beziehen sich auf Vollzeitstellen. Die allermeisten im Pflegebereich Tätigen bekommen nicht einmal diese Gehälter, 80 Prozent von ihnen sind lediglich teilzeitbeschäftigt.

Es ist 10 Uhr, Schwester Haibel steht vor dem nächsten Haus. Generalschlüssel hat sie keinen, aber auch Blumentopf und Türmatte sind nicht mehr nötig. Heute wird der Schlüssel in einem elektronisch gesicherten Kasten an der Hauswand aufbewahrt. Im Haus sitzt die 89-jährige Anna, sie empfängt die Pflegerin mit kinnlangem Haar, einem roten Pulli und einer Zahnprothese, die sie im Mund jongliert. »Sie passt mir nicht mehr, seit ich abgenommen habe«, sagt sie.

Frau Anna hatte ihr Leben im Griff, zumindest glaubte sie das. Dabei hatte die Zeit eine zentimeterhohe Staubschicht im Haus hinterlassen. Monatelang putzte niemand, zudem hatten sich etliche Katzen zusammengerottet und sich zu den Herren des Hauses im Grünen aufgeschwungen. Frau Anna hatte für all das keinen Blick mehr. Und wollte niemanden Ordnung machen lassen, schließlich war für sie alles in bester Ordnung. Bis ihr irgendwann der Neffe ein Ultimatum stellte: entweder putzen oder Altersheim. »Das ständige Verhandeln von Grenzen«, sagt Schwester Haibel, »das ist mit alten Leuten immer so.«

Abgewohnt wirkt Frau Annas Haus weiterhin, heute sei es aber in einem viel besseren Zustand als noch vor kurzem, meint Haibel. Der säuerliche Geruch von Katzenurin schießt dennoch in die Nase. Die Tiere sind zwar weg, Wände und Holzböden geben den Gestank aber immer noch ab. Und er wird so schnell auch nicht verschwinden, denn Frau Anna hat alle Fenstergriffe abmontiert. Das sei sicherer, »wegen den Einbrechern«. Sie habe zwar eine Alarmanlage, aber: »Die ist nicht in Tätigkeit.«

Frau Annas verstorbener Mann war Ingenieur, das kinderlose Paar bereiste die Welt und brachte davon immer etwas nach Perchtoldsdorf mit: Kannen aus Arabien und Bilder aus Thailand, ein Straußenei aus Afrika. Nun blicken die Gegenstände auf die Menschen herab, in den Regalen stapeln sich seit Jahren unbewegt Sachbücher über »Die Sahara«, den »Zauber der Meere« und »Die letzen Geheimnisse unserer Welt«. Zwei Stockwerke hat das Haus, Frau Anna aber benutzt fast nur noch das Wohnzimmer. Hier isst sie, hier schläft sie, hier blättert sie in den Zeitungen, die sie weiterhin täglich liest – auf dem Tisch liegen Krone, Kurier und die Niederösterreichischen Nachrichten. Keller und Obergeschoß ihres Hauses hat sie seit Jahren nicht mehr betreten. Das Gebäude gleicht einem Organismus, der das Leben aus den Extremitäten abzieht und sich aufs Wesentliche konzentriert.

Schwester Haibel hat auf dem Couchtisch ihre Hilfswerk-Mappe ausgebreitet. Sie liegt in jedem betreuten Haushalt bereit, jeder Schritt, jede Entwicklung und jede Beobachtung werden darin protokolliert. Heute trägt sie ein, dass Frau Anna derzeit mehr Tabletten nimmt, als sie sollte. Patienten will Haibel die von ihr betreuten Menschen aber nicht nennen. »Sie sind ja nicht immer krank, sondern oft einfach nur alt.« Für das Hilfswerk sind es einfach Kunden, denen man eine Dienstleistung anbietet. Am Ende jedes Besuchs hält Haibel deshalb ein Handydisplay samt großem Holzstift zum Unterschreiben hoch – eine Lieferantin, hier eben von Diensten und nicht von Paketen.

Bei Leuten, die zu viel oder zu wenig Geld hätten, sei der Zusammenhalt in den Familien oft nicht gut, sagt Haibel. Aber auch abgesehen davon: Kinder und Enkel arbeiten heutzutage viel und haben keine Zeit, die Jungen ziehen weg, die Alten aber bleiben. Weil es sonst niemand macht, organisieren Frauen wie Haibel für diese Menschen den Übergang in die letzten Lebensjahre. Oft sind es kleine Dinge, die den Senioren das Leben schwermachen: Sie kommen in die Badewanne hinein, aber nicht mehr heraus. Meist fehlt hier einfach ein Haltegriff an der richtigen Stelle. Oder ein Kloaufsatz, der Hinsetzen und Aufstehen erleichtert. Pflegebedürftige haben ähnliche Bedürfnisse wie Vorschulkinder.

Die Pflegekräfte würden die Bedürfnisse alter Menschen kennen, sie intensiver und länger beobachten als alle anderen, sagt Haibel. Oft hätten sie deshalb mehr Einblick als die Ärzte. Diese aber haben mehr Kompetenzen. Sie bestimmen etwa die Höhe des Pflegegelds, hier müsse man Pflegekräfte mehr einbinden, sagt Haibel. Denn vielen Pflegebedürftigen würde aufgrund ihrer Situation mehr Geld zustehen, als sie tatsächlich bekommen. Zudem brauchten viele finanzielle Unterstützung für Medikamente und Hilfsmittel. Denn das gelieferte Essen ist nicht kostenlos, und nicht jeder wird von Verwandten bekocht.

Julia Lampeidl ist so eine Glückliche. Jede Woche kommt ihre berufstätige Tochter aus Wien nach Perchtoldsdorf und bringt das vorgekochte Essen für die ganze Woche vorbei. Im Tiefkühler wird es gelagert, eine Hilfswerk-Betreuerin richtet es täglich an. »Meine Tochter kocht sehr gut«, sagt Lampeidl. Die 80-Jährige sitzt an ihrem Esstisch im Rollstuhl unter einer bunten Leuchte, vor ihr eine aufgeschlagene Fernsehzeitschrift. Um den Hals trägt sie einen mattgrauen Schal, die Haare sind gebürstet. Die edlen Cremen, Döschen und Dosen mit Watte in der Tischmitte erklären das ungewöhnlich gepflegte Gesicht. Drei Katzen huschen herum, »Kobold ist der Schlimme«, sagt Lampeidl, »Puppilein die Brave.«

Schon vor dem Tod ihres Mannes kam das Hilfswerk täglich bei der Tür herein. Früher betreute regelmäßig eine Hilfswerk-Pflegehilfe aus Brasilien die Lampeidls, Herr Lampeidl aber mochte sie nicht besonders. Nicht etwa, weil er etwas gegen Ausländer gehabt habe, »sondern weil er eifersüchtig war«. Frau Lampeidl spannt ihr Gesicht zu einem Lächeln an, sie und die Pflegerin hatten einander viel zu sagen. Sie stammten quasi aus der gleichen Gegend, Frau Lampeidl kam in Argentinien zur Welt und hat bis heute dessen Staatsbürgerschaft. Die Eltern waren aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet nach Buenos Aires ausgewandert, Lampeidl wuchs dreisprachig auf, Spanisch, Deutsch, Englisch. Mit 30 kam sie nach Österreich auf Besuch und lernte hier ihren späteren Ehemann kennen.

Er war es auch, der das gemeinsame Haus bis ins Detail gestaltete: weite Fenster, raffinierte Ecken, gezielte Beleuchtung. Für seine Witwe ist dieser Haushalt heute bisweilen ein unüberwindbares Hindernis. Seit einiger Zeit trägt sie einen Riemen mit einem roten Knopf am Arm. Darauf drückt sie, wenn sie stürzt, was ihr in letzter Zeit oft passiert. Dann geht die an der Wand installierte Gegensprechanlage an, und Frau Lampeidl wird direkt mit der Hilfswerk-Zentrale in St. Pölten verbunden.

Und dann ist da dieses Foto an der Wand im Vorzimmer: Frau Lampeidl in Schwarz-Weiß. Sie trägt ein bodenlanges Abendkleid, eine Spange hält die langen Haare zusammen. Sie kniet und hält den Kopf gesenkt, vor ihr steht eine junge Frau mit strahlenden Zähnen und einer glitzernden Krone. Es ist die junge britische Königin Elizabeth II., die Frau Lampeidl, damals argentinische Botschaftsmitarbeiterin, empfängt. Heute sind die Hilfswerk-Mitarbeiterinnen die Ehrengäste.

Erschienen in DATUM 10/13

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