Nicht von schlechten Eltern

von Nina Brnada

Homosexuelle dürfen nach wie vor keine Kinder adoptieren. Aber gegen schwule Pflegeeltern haben die meisten Bundesländer nichts einzuwenden. VON NINA BRNADA

Es sind Eltern, wie sie sich konservative Bürger eigentlich nur wünschen können: zwei Menschen, die sich voll und ganz auf das Familienleben einlassen, die alles geben, alles tun, um ihren Kindern Geborgenheit und Orientierung zu schenken.

Und dieses Paar macht, was hingebungsvolle Eltern für ihre Kinder eben so tun: Es steht um sechs Uhr auf, richtet das Frühstück, schmiert Marmeladensemmeln, es wäscht, kämmt, chauffiert, es macht bettfertig und singt vor. Wenn man Kinder habe, müsse man viele seiner eigenen Bedürfnisse zurückstellen, sagen die beiden. Die Familie, die stehe an erste Stelle. Ja, solche Eltern würden sich die Konservativen wohl wünschen. Wären es nicht zwei schwule Männer, die hier zwei Kinder aufziehen.

Stephan und Thorsten kommen beide aus Oberösterreich und sind beide in ihren Dreißigern. Für die Kinder sind sie Papa und Papi. Stephan, der Papa, ist studierter Politologe und arbeitet in der Finanzabteilung der Gemeinde Wien. Thorsten, „der Hausmann von uns beiden“, ist Papi. Bei diesem homosexuellen Paar wachsen ein 15 Monate altes Mädchen und ihr zweieinhalbjähriger leiblicher Bruder auf. Weder mit Papa noch mit Papi sind sie verwandt. Dennoch lebt das Pärchen so, als sei das kleine Geschwisterpaar ihr eigen Fleisch und Blut.

Es sei schädlich für Kinder, bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufzuwachsen, heißt es oft von Kritikern – mal mehr, mal weniger drastisch formuliert. Da wird behauptet, Kinder würden durch lesbische und schwule Eltern selbst zu Homosexuellen erzogen.

FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch-Jenewein sieht sich als eine der Frontfrauen im Kampf gegen homosexuelle Eltern. Sie sprach kürzlich in diesem Zusammenhang von der „Zerstörung der Familie“, ja gar von der „Zerstörung der Gesellschaft“ – eine Aussage von vielen, die in diese Richtung zielen.

Und auch Vertreter der staatstragenden ÖVP melden sich immer wieder zu Wort. Etwa Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer, der unlängst in einem Interview mit der Tageszeitung Standard vor der Gleichstellung von sogenannten Regenbogenfamilien mit traditionellen Familien eindringlich warnte, „denn da wird das Grundbild abgewertet, das man anzustreben hat“.

Doch diese Familien, gegen die so lautstark getrommelt wird, sind längst Realität – auch wenn das nur wenigen bewusst ist. Denn während die Warteliste für Adoptivkinder lang ist, werden händeringend Pflegeeltern für Kinder gesucht, die ansonsten ins Heim müssten. Vergangenes Jahr gab es laut Jugendwohlfahrtsbericht insgesamt 4607 Pflegekinder.

Die Paare, ob hetero- oder homosexuell, kümmern sich im Auftrag des Jugendamts um Kinder aus problematischen Verhältnissen, die oft sich selbst überlassen oder gar misshandelt wurden. Bei ihren leiblichen Eltern konnten diese Kinder nicht auf ein geeignetes Zuhause hoffen.

Zwar seien Kinder bei zwei Homosexuellen besser aufgehoben als bei zwei Säufern, heißt es dazu aus der ÖVP. Doch für Adoption, dafür möchte die Volkspartei dann doch nicht plädieren – diese ist in Österreich bis heute nicht möglich. SPÖ und Grüne sprechen sich dafür aus, wenn es nach ÖVP und FPÖ geht, soll sich nichts ändern. Seit dem Frühjahr steht allerdings die Stiefkindadoption Homosexuellen offen. Doch auch dazu konnte sich die Republik nicht freiwillig durchringen: Sie musste erst einmal durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wegen Diskriminierung verurteilt werden, um ihre Blockade in diesem Punkt aufzugeben.

Ein paar Biskotten sollen helfen, die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Es ist ja nicht mehr lange bis dahin, die Fensterrahmen werfen schon lange Schatten über den Wohnzimmerboden. Das kleine Mädchen schlichtet Holzklötze in eine Kiste. Ihr Bruder ist vollends vom nachmittäglichen Übermut erfasst, munter quietscht er vor Vergnügen. Auf der Eckcouch wühlt er sich durch die klobigen Pölster, um sich dann aufzurichten und seinen kleinen Körper mit voller Wucht wieder niedersacken zu lassen. „Dann hast du wieder Aua am Kopf“, sagt Thorsten dem Jungen beiläufig und eindringlich zugleich, „ich sag’s dir nur.“

Das schwule Paar hatte sich schon immer ein kleines Kind gewünscht, „damit wir es auch aufwachsen sehen“. Vor drei Jahren machte es dann einen Kurs für angehende Pflegeeltern. Ein Dreivierteljahr bereiteten sich Stephan und Thorsten auf ein Baby vor. „In dieser Zeit haben wir ganz intensiv Nest gebaut“, erzählt Thorsten. „Wir waren richtige Streberschwangere.“

Dann erfuhren sie vom Schicksal der Mutter der Kinder, die gerade den Buben zur Welt gebracht hatte. Sie ist eine junge Österreicherin, der Vater ein serbischer Rom. Zehn Wochen nach seiner Geburt kam der Pflegesohn schon zu Stephan und Thorsten, seine Schwester sollte ihm folgen. „Die leiblichen Eltern“, sagt Stephan knapp, „konnten sich um die beiden nicht kümmern.“

Mit ihren beiden Pflegekindern leben sie im Erdgeschoss einer Neubausiedlung in Wien-Floridsdorf auf 115 Quadratmetern, mit einem nahezu genauso großen dazugehörigen Garten. In der gepflegten Wohnung herrschen Struktur und Ordnung: glatte Holzböden, großzügige Möbel, in den Regalen Bücher und Spielzeug. Jedes der Kinder hat ein eigenes Zimmer, sie wirken Abbildungen aus Katalogen nachempfunden. Die beiden gebürtigen Oberösterreicher sind penible und geistesgegenwärtige Leute. Beim Waschbecken steht neben dem halb vollen noch ein voller Seifenspender – für alle Fälle. Man merkt, dass hier für die Kinder ein möglichst gemütliches Zuhause geschaffen werden sollte. Das Bemühen des Paares wirkt bürgerlich, fast spießig, sie wollen alles richtig machen. Eine Ursache dafür ist wohl auch die Befürchtung, die Lebensweise von Stephan und Thorsten, ihre Partnerschaft, könnte auf gesellschaftliche Ablehnung stoßen, reflektiert Stephan. „Wie jede andere Minderheit neigen wir Schwule vielleicht auch dazu, gewisse Dinge zu übersteigern, um mehr Akzeptanz zu erfahren.“

Pflegeelternschaft ist oftmals ein emotionaler Drahtseilakt, vor allem wegen der Unsicherheit, die im Hinterkopf bleibt, das Jugendamt könne die Obsorge wieder entziehen. „Es kann immer der berühmte Onkel aus Amerika auftauchen“, sagt Stephan. „Oder ein anderer Verwandter, der sagt, dass er sich um das Kind kümmern möchte.“ Das Umfeld des schwulen Paares nimmt Anteil an dieser schwierigen Situation, „die Leute fragen oft besorgt, ob uns die beiden wieder weggenommen werden können“.

Natürlich würden die Leute fragend blicken, wenn sie diese Familie zum ersten Mal sähen, sagt Stephan: „Es ist ja nicht so alltäglich, dass zwei Männer zwei Kinder haben.“ Aber schlechte Erfahrungen hätten sie bisher nicht machen müssen, weder im Kindergarten oder beim Arzt noch daheim bei den Großeltern in ihrer oberösterreichischen Heimat.

Das Familienleben stellt Stephan und Thorsten trotzdem vor enorme berufliche Herausforderungen: Stephan ist Alleinverdiener und sein Partner Thorsten derzeit zu Hause – unfreiwillig. Er wollte seinen Reisebürojob im Rahmen einer Karenz eine Zeit lang verlassen, nachdem er erfahren hatte, dass das Paar ein Pflegekind aufnehmen werde. Pflegeeltern – ungeachtet der sexuellen Orientierung – stehe gesetzlich aber keine Karenz zu, argumentierte der Arbeitgeber. Auf ein Entgegenkommen hoffte Thorsten vergeblich. Also reichte er seine Kündigung ein, um sich um die Kinder kümmern zu können. Seit mehr als zwei Jahren ist er nun arbeitslos. In der Zwischenzeit ist auch die leibliche Schwester des Buben dazugekommen, gleich drei Tage nach der Entbindung kam sie zu dem schwulen Paar.

Die öffentliche Hand jedenfalls weiß ein solches Engagement zu nutzen. Schließlich nehmen Leute wie Stephan und Thorsten den Behörden viel Arbeit ab und sorgen für ein stabiles familiäres Umfeld für die Pflegekinder. Dafür erhalten die beiden auch das sogenannte Pflegeelterngeld, pro Kind 450 Euro, 16 Mal im Jahr. Dennoch suchen die Jugendbehörden laufend nach Interessenten. Immer wieder auch mit groß angelegten öffentlichen Kampagnen, beispielsweise derzeit in Wien.

Ob Pflegeelternschaft für Homosexuelle möglich ist oder nicht, entscheiden die jeweiligen Bundesländer. In Wien etwa gibt es homosexuelle Pflegeeltern bereits seit fast zwei Jahrzehnten. Von den anderen Bundesländern sträubt sich lediglich das von der ÖVP regierte Niederösterreich dezidiert dagegen. Hier will man keinem „diffusen medialen und gesellschaftlichen Gruppendruck nachgeben“ und nicht „umfallen“, wie ein Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt des Bundeslandes der Tageszeitung Kurier sagte. In allen anderen Bundesländern hingegen, auch dort, wo die ÖVP mitregiert, ist die homosexuelle Pflegeelternschaft durchaus möglich. Etwa in Tirol, Salzburg und auch in Oberösterreich, dessen Landeshauptmann Josef Pühringer zugleich die Apokalypse heraufziehen sieht, wenn homosexuelle Paare Kinder aufziehen.

Angesprochen auf diese schizophrene Situation, gibt die Bundes-ÖVP nur inhaltsleere Stehsätze von sich. Man betont die „Natürlichkeit“ sowie „christlich-soziale Werte“ und beschwört das Kindeswohl, das ja eigentlich immer noch am besten durch Vater und Mutter, Mann und Frau sichergestellt sei.

Die Pflegeeltern Stephan und Thorsten bemühen sich indessen, an unangenehme Fragen aktiv heranzugehen. Etwa ob dem Mädchen weibliche Vorbilder fehlen werden, wenn es eines Tages älter wird. „Da schauen wir, dass wir beispielsweise unsere Schwestern möglichst viel einbinden“, sagt Stephan. Das Paar erhebt keinen eifersüchtigen Anspruch auf die beiden Pflegekinder, im Gegenteil. Der Kontakt zur leiblichen Familie müsste in jedem Fall gefördert werden, sagt Thorsten. Nicht nur, weil es die Pflicht aller Pflegeeltern ist, sondern „damit sich die Kinder damit wohlfühlen und wissen, woher sie sind“, sagt er. Einmal im Monat sehen die beiden ihre leibliche Mutter.

Das Geschwisterpaar jedenfalls wird wohl weiterhin bei Thorsten und Stephan aufwachsen. Unter den Augen von Papi und Papa werden die beiden größer werden, mit dem Paar leben. „Und hoffentlich“, sagt Stephan und lacht, „ziehen sie auch irgendwann einmal wieder aus.“

Erschienen in DIE ZEIT 46/2013

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