Nina Brnada

Die Tragödie der Silberstadt

Von Nina Brnada, Srebrenica

Als wäre ihre Familie nur Einbildung gewesen, ist Hatidža Mehmedović nur noch eine Ahnung geblieben. Nur in Gedanken kann sie nachspüren, wie sich dieses Leben anfühlte, wie ihr Mann sie ansah, wie ihre Kinder rochen, und wie sie einst am Fensterrahmen lehnte, wenn ihre beiden Buben von der Schule einmal wieder länger brauchten als üblich.
Als die Mehmedovićs ihr Haus bauten, schürfte der jüngere Sohn seinen Namen neben die Haustürschwelle in den feuchten Asphalt. LALO. Heute wirken diese vier Buchstaben wie eine Nachricht aus der Vergangenheit. Sie sind Hatidžas einziger Trost, denn sie geben ihr Gewissheit, dass das Leben, das sie einst mit ihrer Familie führte, Wirklichkeit war.

Genauso wie die Murmeln ihres älteren Sohnes. Wenn sie von den Kindern erzählt, holt Hatidža sie aus der Kredenz und rollt sie zwischen den Handflächen, als würde sie dadurch das vergangene Leben erspüren, als würde sie darin ein wenig Wärme finden, damit die Sehnsucht betäuben. Die Buchstaben im erstarrten Asphalt und die Murmeln – das ist alles, was der 61-Jährigen als Andenken an ihre Familie geblieben ist. Denn Hatidža hat ihren Mann und ihre Söhne verloren, sie wurden im Massaker von Srebrenica ermordet. Das, was 1995 passierte, „war meine größte Strafe“, sagt Hatidža. Aus ihr hat es eine Art Prophetin gemacht. Ihr Leben hat sie seither der Warnung vor dem gewidmet, was ihrer Familie einst widerfahren ist. „Das, was mir passiert ist, darf sich niemals wiederholen.“

Hatidža ist Obfrau der Vereinigung „Mütter von Srebrenica“, ihre Mitglieder sind Frauen aus Srebrenica und Umgebung, die, so wie Hatidža selbst, nahezu alle männlichen Verwandten verloren haben. Hatidža hat beispielsweise nicht nur ihre Söhne und den Ehemann zu beklagen, sondern auch alle Neffen, Brüder, Schwager, Cousins. Ihre Verwandten gehören zu den mehr als 8000 Opfern, die von serbischen Milizen systematisch ermordet wurden, nur deswegen, weil sie Muslime waren.

Ein Muster weißer Stelen

Der Ort des Massakers ist längst zur Chiffre geworden für das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – Srebrenica, ein kleiner Ort im Osten Bosniens, rund 15.000 Einwohner. Auf einer zweispurigen Straße fädelt sich diese Gemeinde auf, rechts davon taucht irgendwann der große Friedhof auf, auf dem die Opfer des Massenmordes begraben sind. Weiße Stelen ragen aus dem Boden empor, in exakten Abständen zueinander, sodass ihr Anblick beim Vorbeifahren geometrische Muster ergibt. Der Hauptplatz ist eine Straßenkreuzung, gesäumt von Rathaus, Kirche, Moschee, einer Bankfiliale. Srebrenica, das sind eigentlich die vielen Dörfer rundherum auf den Hügeln, die vielen verstreuten Siedlungen in dieser satten bosnischen Landschaft, mit ihren kalten Nächten und grünen Wäldern.

Silberin lautet der alte deutsche Name dieses Ortes, schon zu Zeiten des Römischen Reiches wurde hier Silber abgebaut. Als einst katholische Franziskaner nach Bosnien kamen, ließen sie sich zunächst hier nieder und gaben ihrer Provinz den Namen Bosna Srebrena, Bosna Argentina, Silbernes Bosnien.
Und auch in jüngster Vergangenheit hat dieses Kaff dem ganzen Land seinen Stempel aufgedrückt, es ist weltweit zum Synonym geworden für Verbrechen, Tod, für Bosnien. Nur wenige Tage im Jahr allerdings widmet sich die Weltöffentlichkeit diesem Teil Europas. Dann, wenn sich das Massaker wieder jährt, wenn wieder einmal Beisetzungen sterblicher Überreste stattfinden, gehen die jährlich immergleichen Bilder um die Welt – Frauen mit weißen Kopftüchern, die Särge mit grünen Spanntücher umarmen, die sich winden vor Kummer, für die der Tod nochmal physisch wird, die alles nochmal durchleben. Hatidžas hatte einst ebenfalls vor den Sarkophagen ihrer Familie gekniet, das war im Jahr 2010. Heute sagt sie, an diesem Tag wäre sie am liebsten gestorben, aber man gab ihr Beruhigungsmittel, sie benebelten ihr Leiden.

Nichts ist, wie es war

Über Hatidžas Augen hat sich ein milchiges Netz gelegt, es lässt sich kaum erraten, ob ihre Augen braun oder grün sind. Sie hockt auf ihrem Stockerl vor dem Couchtisch, ihr locker geknotetes Kopftuch löst sich immer wieder. Wenn sie weint, dann scheint es ihr gut zu tun, als sei sie in diesen Momenten erleichtert, überhaupt noch irgend-etwas empfinden zu können. Immer wieder sucht sie diese Momente des Schmerzes, wie ein Pyromane, den es zum Feuer drängt, has-tet sie zu den Geschichten über ihre Qualen und jenen Worten, die sie als einziges überhaupt noch berühren können. „Der Regen ist nicht so schön, wie er einst war. Der Schnee ist nicht mehr Schnee, Tage und Nächte sind für mich gleich, denn ich bin nicht mehr glückliche Mutter, nicht mehr glückliche Ehefrau“, sagt sie. „Ich werde die Hochzeit meiner Kinder niemals erleben, keine Feiern, diese Freuden werde ich nicht mehr spüren, ich werde keine Schwiegertöchter haben, keine Enkelkinder. Mein Haus wird nie wieder von Freude erfüllt sein.“

Es ist ein kaltes Haus, in dem Hatidža lebt, nur in der Wohnküche, wo Holz im Ofen brennt, ist es warm, dort lässt es sich sitzen und Kaffee trinken. Der Rest des Hauses ist Rohbau, das Haus wurde während des Krieges zerstört. Mit bescheidenen Hilfsgeldern internationaler NGOs konnte sie sich ein bisschen was zusammenschustern: ein, zwei Zimmer, Bad, WC, ein paar Steckdosen – bosnischer Standard seit Kriegsende 1995.

Vor dem Krieg war Hatidža Näherin, heute wirkt sie müde, das Leben hat die fromme Muslima unfreiwillig zu einer Kämpferin gemacht. Als ihre beiden Söhne ums Leben kamen, waren sie gerade einmal 21 und 18 Jahre alt, „zwei Buben, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen“, sagt sie. „Ich habe ein ruhiges Gewissen, denn ich weiß, sie waren unschuldig“, sagt sie, „ich kann ihren Mördern in die Augen sehen.“

Im Hotel „Misirlije“, dem einzigen des Ortes, lungern einige Journalisten und Touristen herum, Deutsche und Holländer. Sie sitzen breitbeinig auf ihren Sesseln und skypen unüberhörbar für alle, sie wirken beseelt von dem, was sie insgeheim für Mut halten. Dass sie es wagen, hierher zu kommen, an den Ort des Grauens, der banaler ist, als sie es jenen gegenüber, zuhause, am anderen Ende der Internetleitung, zugeben möchten. Hier in Srebrenica fühlt man sich schnell als Voyeur, egal welche Absichten man hat.
Doch das Leid hier ist kein Spektakel, dass einen anzieht, es ist eher ein dumpfer Strom, von dem man sich am liebsten abwenden möchte. Und das beschämt, weil man in Wahrheit zu schwach dafür ist, zu faul für die Realität, weil das eigentliche Leid nicht endet, weil es die eigene Vorstellungskraft übersteigt und weil es keine Wendung in dieser Geschichte gibt. Das Leid hier ist monoton und alltäglich.

Die Tage vergehen hier, es wird niemand mehr umgebracht. Doch alles, was darüber hinausgeht, ist fast unmöglich. Verschlossenheit, Verbissenheit und eisiger Hass sind hier überall. Die Leute hier leben nicht miteinander, sie leben nebeneinander, wenn nicht gegeneinander. Die Schulen sind nach Volkszugehörigkeit geteilt, es gibt keine gemeinsamen Cafés, die Leute könnten zumindest bei der Arbeit zusammenkommen, aber die gibt es hier fast gar nicht.

Die Situation ist nahezu im gesamten Land ähnlich verheerend wie in Srebrenica. Die Menschen in diesem Land haben gar keine Gelegenheit, die Kriegserlebnisse hinter sich zu lassen, denn die Spuren sind noch immer allgegenwärtig. Vieles ist immer noch nicht aufgebaut, Ruinen klaffen an jeder Ecke, die Menschen haben kein Geld, es gibt keinen wirtschaftlichen Fortschritt, geschweige denn politischen. Und Europa scheint es egal zu sein, dass nur fünf Autostunden von Wien entfernt die Grenzen eines Landes beginnen, das wie ein Wachkoma-Patient vor sich hinvegetiert. Während in Österreich zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg Wirtschaftswunder und Aufbruchseuphorie herrschten, ist Bosnien-Herzegowina in den letzten zwei Dekaden zu einem der ärmsten Länder Europas geworden.

Die Serben, die hier in Srebrenica leben und seit dem Krieg die Mehrheit stellen, sind freundlich zu Fremden. Sie helfen, wo sie können, sie bemühen sich besonders – wohl auch, weil sie das Klischee der Bösen aktiv widerlegen wollen. Viele von ihnen sind selbst nicht von hier, viele hat es aus anderen Teilen des Landes während des Bosnienkrieges hierher verschlagen.

Hinter vorgehaltener Hand sagen manche von ihnen, bei den Gedenkfeierlichkeiten im Sommer würden sich die Muslime wie bei einem Volksfest aufführen. Solche Worte sollen die anderen in ihrem Leid diskreditieren. Und dann gibt es noch manche Muslime, denen das Gefühl der chronischen Benachteiligung in den Knochen sitzt. Man müsse die Geschichte Srebrenicas der Welt erzählen, meint etwa eine junge Frau. Die Welt jedoch, sie kennt die Geschichte dieses Ortes, es scheint aber, als würde sie einfach alles am liebsten vergessen.

Erschienen in DIE FURCHE 50/2013

„Beschützt und helft uns nicht!“

Gavrilo Princip hatte mit der Ermordung des Thronfolger Franz Ferdinand den äußeren Anlass für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geliefert. Der Nachfahre des berühmten Attentäters über jugendliche Begeisterung, Familientraditionen und die sanfte Hand Österreichs.

Das Gespräch führte Nina Brnada, Ost-Sarajevo

Gavrilo Princip lebt in Ost-Sarajevo, einem peripheren Stadtteil, der seit dem Krieg zur Entität Republika Srpska gehört. Dort betreibt er das Hotel M 3 und eine Tankstelle, zudem ist er als Bauunternehmer tätig.

Die Furche: Herr Princip, Sie tragen nicht nur denselben Namen wie der Attentäter von Sarajevo, sie sind auch mit ihm verwandt – wie genau?

Gavrilo Princip: Mein Großvater und Gavrilos Vater sind gebürtige Brüder. Gavrilos ältester Bruder Jovo hatte zudem meinen Vater bei sich aufgenommen, nachdem er seine Eltern verloren hatte, die an der Spanischen Grippe gestorben waren. Danach kam mein Vater aus dem westbosnischen Ort Bosansko Grahovo zu Gavrilos Bruder Jovo nach Hadˇ˘zi´ci, einem Vorort von Sarajevo. Hier bei Gavrilos Bruder Jovo ist er dann aufgewachsen, ich selbst wurde dort geboren und bin auch dort aufgewachsen. Mein Vater hatte spät geheiratet, da muss er 45 Jahre alt gewesen sein. Vier oder fünf Jahre haben meine Eltern darauf gewartet, dass ich auf die Welt komme, dann gaben sie mir, ihrem einzigen Kind, den Namen Gavrilo. Und ja, das hat eine gewisse Tradition, bisher gab es nämlich in jeder Generation meiner Familie einen Gavrilo, ich bin der dritte.

Die Furche: Hat man in Ihrer Familie viel über den Attentäter gesprochen?

Princip: Nicht wirklich, nur manchmal wurde es erwähnt – natürlich noch um einiges häufiger, solange Jovo, Gavrilos älterer Bruder, noch am Leben war. Es gab allerdings einen wichtigen Brauch in unserer Familie: An jedem 28. Juni, also am Sankt-Veits-Tag, dem Tag des Attentats von Sarajevo, ging die gesamte Familie ins Zentrum von Sarajevo, in die serbisch-orthodoxe Kathedrale zur Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter und danach zum Friedhof im Sarajever Stadtteil Koˇsevo. Dort ist Gavrilo Princip begraben – übrigens ebenso wie alle anderen Teilnehmer des Attentats von Sarajevo. Die sterblichen Überreste aller Beteiligten der Mlada Bosna (Junges Bosnien) wurden später exhumiert und von verschiedenen Stellen dorthin gebracht, wir nennen diese Stelle das Grab der Helden vom Sankt-Veits-Tag. Bis heute kann man dorthin gehen und diese kleine Kapelle am Friedhof besichtigen. Aber nach dem jüngsten Krieg in den Neunzigerjahren hier in Sarajevo bröckelt diese Tradition. In Sarajevo gibt es keine Serben mehr, es gibt keine kritische Masse. Zwar wird in der Kirche immer noch am Sankt-Veits-Tag der Gottesdienst abgehalten, aber ich wüsste nicht, dass heutzutage noch jemand auf den Friedhof geht.

Die Furche: Sehen Sie Gavrilo Princip als Helden oder als Terroristen?

Princip: Als ich in jugoslawischer Zeit noch ein Schüler war, hat man mir beigebracht, dass er ein Held war, dass die Attentäter die Helden des Sankt-Veits-Tages sind. Das war damals zu Zeiten Jugoslawiens gesellschaftlicher Konsens. Mittlerweile ist das aber nicht ganz so klar wie früher. Wir müssen abwarten, bis eine gewisse Zeit vergeht – was diese bringen wird, man wird sehen. Vielleicht wird es eines Tages heißen, Gavrilo Princip sei ein Terrorist gewesen, vielleicht wird sich aber auch das irgendwann wieder ändern. Denn so wie die Zeit vergeht, so verändert sich auch alles hier am Balkan, und zwar zyklisch: Was negativ war, ist dann positiv, und was positiv war, wird negativ und so weiter. Und so ist es seit Jahrhunderten und so wird es auch in Zukunft immer sein. Ich persönlich habe noch nie allzu sehr über Gavrilos Rolle nachgedacht. Aber wenn ich mir das Alter dieser jungen Menschen, also dieser Attentäter von damals, vor Augen führe, dann komme ich zum Schluss, dass die ganze Sache auf jugendliche Begeisterung zurückzuführen ist, genauso wie auf den Wunsch nach Anerkennung (Princip war 19 Jahre alt, als er das Attentat beging; Anm.). Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber auch das Fehlen von Demokratie zur damaligen Zeit hier in Bosnien und Herzegowina, die Unfreiheit, die herrschte und die illegitime und illegale Machtergreifung Österreich-Ungarns in Bosnien und Herzegowina (Im Jahr 1878 hatte Österreich-Ungarn Bosnien besetzt; Anm.). Die Attentäter von Sarajevo haben womöglich geglaubt – wohl auch unter Einfluss von jemand anders -, dass das, was sie taten, eine Heldentat sei.

Die Furche: Wie stehen Sie zu den geplanten Gedenkfeierlichkeiten im kommenden Jahr 2014?

Princip: Mich hat noch niemand zu irgendetwas eingeladen, das in diesem Zusammenhang steht. Aber ich habe gehört, dass die Wiener Philharmoniker anlässlich dieses Gedenkjahres 2014 ein Konzert im alten Rathaus in Sarajevo spielen und dieses nach seiner Restaurierung nach der Zerstörung durch den Krieg damit auch wiedereröffnet wird. Ich habe auch kürzlich gehört, dass der serbische Botschafter in Wien dort bei einer Gelegenheit vorgeschlagen haben soll, dass die Nachfahren der Dynastie Habsburg und die Familie Princip sich in Wien zu einem Gedenkkonzert treffen sollten. Aber daraus ist wohl nichts geworden, ich habe nie etwas Konkreteres darüber erfahren und mich hat auch niemand informiert.

Die Furche: Welchen Einfluss wird aus ihrer Sicht das Jahr 2014 auf die aktuelle Situation in Bosnien und Herzegowina haben?

Princip: Dadurch werden bestimmt die Gräben zwischen den unterschiedlichen Völkern Bosnien und Herzegowinas tiefer, als sie ohnehin schon sind. Das ist kaum verwunderlich, denn es gibt keine gemeinsame Sichtweise auf die Ereignisse von 1914. Ein Teil der Bevölkerung findet, dass Franz Ferdinand Besatzer des Landes und Gavrilo Princip ein Held war – der andere Teil des Landes aber meint, Franz Ferdinand war Aufklärer und Gavrilo Princip Terrorist. Bei derart unterschiedlichen Positionen gibt es natürlich Probleme, das ist klar. Bosnien-Herzegowina ist eine komplizierte Geschichte, so war es immer über ihre Historie hinweg, so wird es wohl auch bleiben. Das Land, in dem wir hier leben, das war nie so, wie es die Völker, die hier heimisch sind, wollten. Sondern immer nur so, wie es einflussreiche Weltmächte wollten und entschieden haben. Erinnern Sie sich an die Versailler Verträge, die Konferenz von Jalta, den Zweiten Weltkrieg und am Ende an den Friedensvertrag von Dayton von 1995. Unsere Kappen wurden uns immer von anderen geschneidert, nie aber von den Völkern, die hier lebten.

Die Furche: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor, was muss geschehen, damit es mit Bosnien-Herzegowina bergauf geht?

Princip: Die Geschichte wiederholt sich. Ihr alle aus dem Ausland werdet uns am meisten helfen, wenn ihr euch nicht einmischt in das, was wir hier tun. Beschützt uns nicht und helft uns nicht! Jetzt ist wieder alles so, wie es schon vor hundert Jahren war. Hier ist wieder Österreich-Ungarn, es gibt zwar keine Militärmacht mehr, aber sehr starke und wichtige finanzielle Fäden und handfeste Handelsinteressen. Unsere Politiker am Balkan beteuern zwar, dass wir unsere Gesetzgebung und unser Leben und Normen an die im Rest Europas angleichen sollen, damit wir eines Tages ebenfalls zur Europäischen Union dazugehören. Und die normalen, einfachen Leute auf der Straße verstehen das nicht – und weder die Serben, die Kroaten, die Muslime oder Montenegriner braucht die EU für irgendetwas anderes, außer als Konsumentenmarkt und als billige Arbeitskräfte. Hier in Bosnien und Herzegowina etwa gibt es keine einzige bosnische Bank, sondern nur noch österreichische, deutsche und italienische Institute – die Hypo-Alpe-Adria und das war’s. Jetzt kommt die Verpackung eben nicht mehr mit der Pistole, sondern mit einem Mascherl – jetzt passiert alles mit sanfter Hand.

Erschienen in DIE FURCHE 50/2013

Die Auferstehung der Drachen

Von Nina Brnada, Zagreb

Es ist noch nicht einmal sechs Monate her, da kamen aus Kroatien die besten Nachrichten für die EU seit langer Zeit. Als das exjugoslawische Land im Juli als 28. Mitgliedsland der Union beitrat, markierte dies das symbolische Ende der Nachkriegsjahre. Seit Zagreb nicht mehr unter EU-Kuratel steht, folgt aus Kroatien allerdings eine befremdliche Nachricht auf die nächste.

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Beim jüngsten Qualifikationsspiel zur WM gegen Island skandierte Mannschaftskapitän Josip Šimuniæ nach dem Sieg der Kroaten „Za dom spremni“: „Für die Heimat bereit“, den Gruß des faschistischen Ustascha-Regimes. Die Massen auf den Rängen grölten, später drückten weitere 160.000 Menschen per „Like“ auf Facebook ihre Begeisterung über den Vorfall aus.

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Bei dem vorvergangene Woche abgehaltenen Referendum einer schwulenfeindlichen Bürgerinitiative namens „Im Namen der Familie“ ging es darum, die Ehe ausschließlich als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau in der Verfassung zu verankern. Die Gruppe geriert sich als Bürgerbewegung gegen die sozialdemokratisch geführte Regierung, NGO-Vertreter vermuten dahinter Rechtsparteien sowie Kräfte der Kirche. Die Einführung der Homo-Ehe selbst stand zu keinem Zeitpunkt auf der Agenda der Politik. Zwar nahmen nur 37 Prozent der Wahlberechtigten am Referendum teil, womit die Zustimmung weniger breit ausfiel als angenommen – das Verbot gilt mit 66 Prozent „Ja“-Stimmen dennoch als beschlossen und bindend.

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Davon inspiriert, versucht nun eine weitere Gruppierung, ihre Anliegen mittels direkter Demokratie durchzusetzen, diesmal gegen die Serben: Die Verwendung der kyrillischen Schrift soll eingeschränkt werden. In Kroatien vergeht derzeit kaum eine Nacht, in der nicht kyrillische Tafeln auf Amts- und Vereinshäusern demoliert werden.

Die Verdichtung der Ereignisse hängt stark mit der Entwicklung der rechtskonservativen HDZ (Kroatische Demokratische Union) zusammen: Die Partei des Staatsgründers Franjo Tudjman galt in den Nullerjahren unter ihrem Vorsitzenden und kroatischen Premier Ivo Sanader als moderne europäische Volkspartei, nachdem Sanader die radikalen Kräfte entmachtet hatte, was ihm den Spitznamen „Drachentöter“ einbrachte. Doch seit der einstige Aufsteiger der europäischen Konservativen im vergangenen November wegen Korruption zu zehn Jahren Haft verurteilt worden ist, entwickelt sich seine einstige Partei, die mittlerweile in der Opposition sitzt, allmählich zu einem rechtspopulistischen Sammelbecken, das eine giftige Stimmung ähnlich der US-Tea-Party schürt. So unterstützt die HDZ heute den Vorstoß gegen die Verwendung der kyrillischen Schrift, die sie vor drei Jahren als Regierungspartei noch gesetzlich schützte. Der Nährboden für radikale Positionen wird zudem durch die katastrophale wirtschaftliche Lage Kroatiens bereitet. Die Jugendarbeitslosigkeit (52 Prozent) ist EU-weit nur in Griechenland und Spanien höher.

Erschienen in profil 50/2013