„Beschützt und helft uns nicht!“

von Nina Brnada

Gavrilo Princip hatte mit der Ermordung des Thronfolger Franz Ferdinand den äußeren Anlass für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geliefert. Der Nachfahre des berühmten Attentäters über jugendliche Begeisterung, Familientraditionen und die sanfte Hand Österreichs.

Das Gespräch führte Nina Brnada, Ost-Sarajevo

Gavrilo Princip lebt in Ost-Sarajevo, einem peripheren Stadtteil, der seit dem Krieg zur Entität Republika Srpska gehört. Dort betreibt er das Hotel M 3 und eine Tankstelle, zudem ist er als Bauunternehmer tätig.

Die Furche: Herr Princip, Sie tragen nicht nur denselben Namen wie der Attentäter von Sarajevo, sie sind auch mit ihm verwandt – wie genau?

Gavrilo Princip: Mein Großvater und Gavrilos Vater sind gebürtige Brüder. Gavrilos ältester Bruder Jovo hatte zudem meinen Vater bei sich aufgenommen, nachdem er seine Eltern verloren hatte, die an der Spanischen Grippe gestorben waren. Danach kam mein Vater aus dem westbosnischen Ort Bosansko Grahovo zu Gavrilos Bruder Jovo nach Hadˇ˘zi´ci, einem Vorort von Sarajevo. Hier bei Gavrilos Bruder Jovo ist er dann aufgewachsen, ich selbst wurde dort geboren und bin auch dort aufgewachsen. Mein Vater hatte spät geheiratet, da muss er 45 Jahre alt gewesen sein. Vier oder fünf Jahre haben meine Eltern darauf gewartet, dass ich auf die Welt komme, dann gaben sie mir, ihrem einzigen Kind, den Namen Gavrilo. Und ja, das hat eine gewisse Tradition, bisher gab es nämlich in jeder Generation meiner Familie einen Gavrilo, ich bin der dritte.

Die Furche: Hat man in Ihrer Familie viel über den Attentäter gesprochen?

Princip: Nicht wirklich, nur manchmal wurde es erwähnt – natürlich noch um einiges häufiger, solange Jovo, Gavrilos älterer Bruder, noch am Leben war. Es gab allerdings einen wichtigen Brauch in unserer Familie: An jedem 28. Juni, also am Sankt-Veits-Tag, dem Tag des Attentats von Sarajevo, ging die gesamte Familie ins Zentrum von Sarajevo, in die serbisch-orthodoxe Kathedrale zur Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter und danach zum Friedhof im Sarajever Stadtteil Koˇsevo. Dort ist Gavrilo Princip begraben – übrigens ebenso wie alle anderen Teilnehmer des Attentats von Sarajevo. Die sterblichen Überreste aller Beteiligten der Mlada Bosna (Junges Bosnien) wurden später exhumiert und von verschiedenen Stellen dorthin gebracht, wir nennen diese Stelle das Grab der Helden vom Sankt-Veits-Tag. Bis heute kann man dorthin gehen und diese kleine Kapelle am Friedhof besichtigen. Aber nach dem jüngsten Krieg in den Neunzigerjahren hier in Sarajevo bröckelt diese Tradition. In Sarajevo gibt es keine Serben mehr, es gibt keine kritische Masse. Zwar wird in der Kirche immer noch am Sankt-Veits-Tag der Gottesdienst abgehalten, aber ich wüsste nicht, dass heutzutage noch jemand auf den Friedhof geht.

Die Furche: Sehen Sie Gavrilo Princip als Helden oder als Terroristen?

Princip: Als ich in jugoslawischer Zeit noch ein Schüler war, hat man mir beigebracht, dass er ein Held war, dass die Attentäter die Helden des Sankt-Veits-Tages sind. Das war damals zu Zeiten Jugoslawiens gesellschaftlicher Konsens. Mittlerweile ist das aber nicht ganz so klar wie früher. Wir müssen abwarten, bis eine gewisse Zeit vergeht – was diese bringen wird, man wird sehen. Vielleicht wird es eines Tages heißen, Gavrilo Princip sei ein Terrorist gewesen, vielleicht wird sich aber auch das irgendwann wieder ändern. Denn so wie die Zeit vergeht, so verändert sich auch alles hier am Balkan, und zwar zyklisch: Was negativ war, ist dann positiv, und was positiv war, wird negativ und so weiter. Und so ist es seit Jahrhunderten und so wird es auch in Zukunft immer sein. Ich persönlich habe noch nie allzu sehr über Gavrilos Rolle nachgedacht. Aber wenn ich mir das Alter dieser jungen Menschen, also dieser Attentäter von damals, vor Augen führe, dann komme ich zum Schluss, dass die ganze Sache auf jugendliche Begeisterung zurückzuführen ist, genauso wie auf den Wunsch nach Anerkennung (Princip war 19 Jahre alt, als er das Attentat beging; Anm.). Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber auch das Fehlen von Demokratie zur damaligen Zeit hier in Bosnien und Herzegowina, die Unfreiheit, die herrschte und die illegitime und illegale Machtergreifung Österreich-Ungarns in Bosnien und Herzegowina (Im Jahr 1878 hatte Österreich-Ungarn Bosnien besetzt; Anm.). Die Attentäter von Sarajevo haben womöglich geglaubt – wohl auch unter Einfluss von jemand anders -, dass das, was sie taten, eine Heldentat sei.

Die Furche: Wie stehen Sie zu den geplanten Gedenkfeierlichkeiten im kommenden Jahr 2014?

Princip: Mich hat noch niemand zu irgendetwas eingeladen, das in diesem Zusammenhang steht. Aber ich habe gehört, dass die Wiener Philharmoniker anlässlich dieses Gedenkjahres 2014 ein Konzert im alten Rathaus in Sarajevo spielen und dieses nach seiner Restaurierung nach der Zerstörung durch den Krieg damit auch wiedereröffnet wird. Ich habe auch kürzlich gehört, dass der serbische Botschafter in Wien dort bei einer Gelegenheit vorgeschlagen haben soll, dass die Nachfahren der Dynastie Habsburg und die Familie Princip sich in Wien zu einem Gedenkkonzert treffen sollten. Aber daraus ist wohl nichts geworden, ich habe nie etwas Konkreteres darüber erfahren und mich hat auch niemand informiert.

Die Furche: Welchen Einfluss wird aus ihrer Sicht das Jahr 2014 auf die aktuelle Situation in Bosnien und Herzegowina haben?

Princip: Dadurch werden bestimmt die Gräben zwischen den unterschiedlichen Völkern Bosnien und Herzegowinas tiefer, als sie ohnehin schon sind. Das ist kaum verwunderlich, denn es gibt keine gemeinsame Sichtweise auf die Ereignisse von 1914. Ein Teil der Bevölkerung findet, dass Franz Ferdinand Besatzer des Landes und Gavrilo Princip ein Held war – der andere Teil des Landes aber meint, Franz Ferdinand war Aufklärer und Gavrilo Princip Terrorist. Bei derart unterschiedlichen Positionen gibt es natürlich Probleme, das ist klar. Bosnien-Herzegowina ist eine komplizierte Geschichte, so war es immer über ihre Historie hinweg, so wird es wohl auch bleiben. Das Land, in dem wir hier leben, das war nie so, wie es die Völker, die hier heimisch sind, wollten. Sondern immer nur so, wie es einflussreiche Weltmächte wollten und entschieden haben. Erinnern Sie sich an die Versailler Verträge, die Konferenz von Jalta, den Zweiten Weltkrieg und am Ende an den Friedensvertrag von Dayton von 1995. Unsere Kappen wurden uns immer von anderen geschneidert, nie aber von den Völkern, die hier lebten.

Die Furche: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor, was muss geschehen, damit es mit Bosnien-Herzegowina bergauf geht?

Princip: Die Geschichte wiederholt sich. Ihr alle aus dem Ausland werdet uns am meisten helfen, wenn ihr euch nicht einmischt in das, was wir hier tun. Beschützt uns nicht und helft uns nicht! Jetzt ist wieder alles so, wie es schon vor hundert Jahren war. Hier ist wieder Österreich-Ungarn, es gibt zwar keine Militärmacht mehr, aber sehr starke und wichtige finanzielle Fäden und handfeste Handelsinteressen. Unsere Politiker am Balkan beteuern zwar, dass wir unsere Gesetzgebung und unser Leben und Normen an die im Rest Europas angleichen sollen, damit wir eines Tages ebenfalls zur Europäischen Union dazugehören. Und die normalen, einfachen Leute auf der Straße verstehen das nicht – und weder die Serben, die Kroaten, die Muslime oder Montenegriner braucht die EU für irgendetwas anderes, außer als Konsumentenmarkt und als billige Arbeitskräfte. Hier in Bosnien und Herzegowina etwa gibt es keine einzige bosnische Bank, sondern nur noch österreichische, deutsche und italienische Institute – die Hypo-Alpe-Adria und das war’s. Jetzt kommt die Verpackung eben nicht mehr mit der Pistole, sondern mit einem Mascherl – jetzt passiert alles mit sanfter Hand.

Erschienen in DIE FURCHE 50/2013

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