Die Auferstehung der Drachen

von Nina Brnada

Von Nina Brnada, Zagreb

Es ist noch nicht einmal sechs Monate her, da kamen aus Kroatien die besten Nachrichten für die EU seit langer Zeit. Als das exjugoslawische Land im Juli als 28. Mitgliedsland der Union beitrat, markierte dies das symbolische Ende der Nachkriegsjahre. Seit Zagreb nicht mehr unter EU-Kuratel steht, folgt aus Kroatien allerdings eine befremdliche Nachricht auf die nächste.

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Beim jüngsten Qualifikationsspiel zur WM gegen Island skandierte Mannschaftskapitän Josip Šimuniæ nach dem Sieg der Kroaten „Za dom spremni“: „Für die Heimat bereit“, den Gruß des faschistischen Ustascha-Regimes. Die Massen auf den Rängen grölten, später drückten weitere 160.000 Menschen per „Like“ auf Facebook ihre Begeisterung über den Vorfall aus.

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Bei dem vorvergangene Woche abgehaltenen Referendum einer schwulenfeindlichen Bürgerinitiative namens „Im Namen der Familie“ ging es darum, die Ehe ausschließlich als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau in der Verfassung zu verankern. Die Gruppe geriert sich als Bürgerbewegung gegen die sozialdemokratisch geführte Regierung, NGO-Vertreter vermuten dahinter Rechtsparteien sowie Kräfte der Kirche. Die Einführung der Homo-Ehe selbst stand zu keinem Zeitpunkt auf der Agenda der Politik. Zwar nahmen nur 37 Prozent der Wahlberechtigten am Referendum teil, womit die Zustimmung weniger breit ausfiel als angenommen – das Verbot gilt mit 66 Prozent „Ja“-Stimmen dennoch als beschlossen und bindend.

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Davon inspiriert, versucht nun eine weitere Gruppierung, ihre Anliegen mittels direkter Demokratie durchzusetzen, diesmal gegen die Serben: Die Verwendung der kyrillischen Schrift soll eingeschränkt werden. In Kroatien vergeht derzeit kaum eine Nacht, in der nicht kyrillische Tafeln auf Amts- und Vereinshäusern demoliert werden.

Die Verdichtung der Ereignisse hängt stark mit der Entwicklung der rechtskonservativen HDZ (Kroatische Demokratische Union) zusammen: Die Partei des Staatsgründers Franjo Tudjman galt in den Nullerjahren unter ihrem Vorsitzenden und kroatischen Premier Ivo Sanader als moderne europäische Volkspartei, nachdem Sanader die radikalen Kräfte entmachtet hatte, was ihm den Spitznamen „Drachentöter“ einbrachte. Doch seit der einstige Aufsteiger der europäischen Konservativen im vergangenen November wegen Korruption zu zehn Jahren Haft verurteilt worden ist, entwickelt sich seine einstige Partei, die mittlerweile in der Opposition sitzt, allmählich zu einem rechtspopulistischen Sammelbecken, das eine giftige Stimmung ähnlich der US-Tea-Party schürt. So unterstützt die HDZ heute den Vorstoß gegen die Verwendung der kyrillischen Schrift, die sie vor drei Jahren als Regierungspartei noch gesetzlich schützte. Der Nährboden für radikale Positionen wird zudem durch die katastrophale wirtschaftliche Lage Kroatiens bereitet. Die Jugendarbeitslosigkeit (52 Prozent) ist EU-weit nur in Griechenland und Spanien höher.

Erschienen in profil 50/2013

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