In Kirchenhand

von Nina Brnada

Als bekannt wurde, dass Österreich 500 syrische Flüchtlinge aufzunehmen würde, hagelte es Kritik wegen der geringen Zahl und der Bevorzugung von Christen. Jetzt gibt es auch Zweifel an den Vergabeabläufen bei der Hälfte dieser wenigen Plätze.

Text: Nina Brnada

Mithal Mhanna wickelt gekonnt eine Haarsträhne nach der anderen auf die Rundbürsten. Er macht es routiniert, aber er ist nervös. Denn während der Friseur in seinem Salon im vierten Bezirk seine Kundinnen frisiert, ist seine syrische Familie in Gefahr.

Mhanna stammt aus Syrien, er ist griechisch-orthodoxer Christ, seit dem Jahr 1979 lebt der 57-Jährige aber in Wien und ist österreichischer Staatsbürger. Er hoffte, seine Verwandten könnte auf der Liste jener 500 Flüchtlinge Platz finden, deren Aufnahme in Österreich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Ende August zugesichert hatte. Aber als Mithal Mhanna sich darum bemühte, stieß er auf Ablehnung – und ein undurchsichtiges Prozedere, das auch bei näherer Betrachtung höchst fragwürdig bleibt.

Von vielen Seiten wurde Ministerin Mikl-Leitner für die Zahl von 500 Flüchtlingen kritisiert, zu deren Aufnahme man sich bereit erklärt hatte. Diese geringe Zahl erschien vielen zynisch angesichts der über zwei Millionen syrischer Flüchtlinge, die es mittlerweile durch den Krieg gibt; Deutschland etwa hat sich im Gegensatz zu Österreich zur Aufnahme von 10.000 Flüchtlingen bereit erklärt. Die österreichische Innenministerin und ihr Parteiobmann Michael Spindlegger kamen vor allem ins Kreuzfeuer der Kritik, da sie dafür plädierten, vornehmlich Christen zu berücksichtigen – schließlich seien diese als religiöse Minderheit im Orient besonders gefährdet. Doch zu diesen Einwänden kommen jetzt noch weitere offene Fragen.

So ist nicht nur die Zahl der Flüchtlinge fraglich sondern auch der Ablauf bei der Vergabe von fast genau der Hälfte der 500 Plätze. In einem Bereich, in dem ohnehin Leid und Verzweiflung herrschen, scheint das Innenministerium sehr eigenwillig vorzugehen: Es bezieht kirchliche Akteure in seine Entscheidungsprozesse ein, deren Vorgehen intransparent ist.

Asyl ist eine hochgradig komplizierte Angelegenheit. Es gibt aber qualifizierte Organisationen wie das UN-Flüchtlingshochkommissariat, mit Experten vor Ort, mit Kenntnis der Lage, mit jahrzehntelanger Erfahrung, die die Schutzbedürftigkeit der jeweiligen Flüchtlinge professionell einschätzen können. Doch die Republik hat dem UNHCR nur das Vorschlagsrecht für die Hälfte der Flüchtlinge überantwortet, also für 250 Personen, bei denen die Konfession keine Rolle spielt.

Die Vergabe der übrigen 250 Plätze ist im Gegensatz dazu zum größten Teil zweifelhaft. Laut Innenministerium dürfen „kirchliche, oder sonstige anerkannte Organisationen“ Namen von Flüchtlingen vorschlagen; dies geschieht offensichtlich willkürlich: Die katholischen Kirche in Österreich legt dem Innenministerium eine Liste mit 42 Namen vor, dazu gibt es weitere 19 Vorschläge der Erzdiözese Wien, sagt der Ministeriumssprecher. 16 Namen kamen von der griechisch-orthodoxen Kirche, acht vom Roten Kreuz, es könnten sich zudem auch einzelne Privatpersonen direkt an das Ministerium wenden. Vor allem aber ist die syrisch-orthodoxe Kirche involviert, vertreten durch ihren Wiener Bischofsvikar Emanuel Aydin. Er selbst sagt, seine Kirche könne 150 Namen vorschlagen, also die meisten aus diesem Kontingent.

Weil die syrischen Verwandten des Wiener Friseurs Mithal Mhanna durch den Krieg in Syrien ebenfalls  zu Flüchtlingen wurden, sollte Mhanna sogleich nach Bekanntwerden der österreichischen Flüchtlingsaktion Ende August hellhörig werden. Schließlich hieß es aus dem Innenministerium, man würde Flüchtlinge aufnehmen, die „Anknüpfungspunkte in Österreich“ haben, also zum Beispiel Familienangehörige, die hier legal leben. Also rief der syrisch-stämmige Wiener Friseur Mhanna den syrisch-orthodoxen Bischofvikar Aydin an. Er wollte für seine 17 syrischen Verwandten vorstellig werden. „Doch als ich Aydin anrief,“ erzählt Mhanna, „hat dieser verärgert gesagt, die Liste sei schon voll und dann einfach aufgelegt.“

Von einem Mithal Mhanna weiß er nichts, an ein Telefonat dieser Art könne er sich nicht erinnern, sagt Bischofsvikar Aydin, 66 Jahre alt, gestutzter weißer Bart. Er nimmt am großen Holztisch inmitten seiner Kanzlei in Wien-Hietzing Platz. Und ob dieser Mithal Mhanna überhaupt syrisch-orthodox sei, fragt Aydin. Denn nur dann wäre er überhaupt für ihn zuständig. Für andere christliche Konfessionen – zum Beispiel rum-orthodoxe, chaldäisch-katholische, armenisch-apostolische und andere Christen aus Syrien – sind deren Kirchenvertreter zuständig, also auch etwa für den Friseur Mhanna, der griechisch-orthodox ist.

Das jedoch steht im Widerspruch zu dem, was das Innenministerium vermeldet: Die Konfession des Friseurs Mhanna kann dem Ministerium zufolge kein Grund dafür sein, dass er mit seinem Anliegen von Bischofsvikar Aydin nicht angehört wurde. Nach anfänglicher Favorisierung der Christen seitens des Innenministeriums heißt es nun von dort demonstrativ korrekt, „Konfession spiele ohnehin keine Rolle, sondern allein die Schutzbedürftigkeit der Flüchtlinge“, sagt Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck. Der syrisch-orthodoxe Bischofsvikar Emanuel Aydin könne demnach durchaus Angehörige aller Konfessionen vorschlagen – also auch die griechisch-orthodoxen Verwandten des Friseurs Mhanna. Aydin habe schließlich auch Muslime vorgeschlagen, sagt der Sprecher des Innenministeriums.

Die Verwandtschaft von Friseur Mhanna hingegen wurde seinen Aussagen zufolge von Aydin nicht einmal in Erwägung gezogen – sehr wohl aber beispielsweise die aus Syrien geflohene Familie von Mor Dionysius Isa Gürbüz, dem Metropoliten der syrisch-orthodoxen Diözese Schweiz-Österreich, er ist der Vorgesetzte von Bischofvikar Aydins. Sie werden demnächst in Österreich eintreffen, erwähnt Aydin beiläufig.

Bei solchen Vorkommnissen liegt für viele in Österreich lebende Syrer der Verdacht nahe, dass es bei diesen Abläufen nicht mit rechten Dingen zugeht. Ihnen ist nicht klar, nach welchen Gesichtspunkten manche Flüchtlinge vorgeschlagen werden, andere aber nicht. Friseur Mithal Mhanna ist nicht der einzige, der über die unverständliche Vorgehensweise Aydins bei der Nominierung der Flüchtlinge klagt, auch andere Syrer sind über Aydin empört – doch sie wollen ihre Namen nicht veröffentlicht wissen.

Bischofsvikar Aydin selbst windet sich im Gespräch um die Frage herum, nach welcher Methode er die Vorschlagsliste gestaltet. Zunächst sagt er, es ginge schlicht um die zeitliche Reihenfolge der Registrierungen, frei nach dem Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Im weiteren Verlauf des Gesprächs behauptet Aydin dann aber, er schicke einfach alle Namen, die an ihn herangetragen werden, ans Innenministerium. Und schließlich erzählt er, dass er mittlerweile an die Angehörigen aus Österreich appelliere, sich nicht mehr bei ihm zu melden, weil es ohnehin keine Plätze mehr gäbe. Doch wie es im Endeffekt zur Nominierung der Flüchtlinge kommt, verrät er nicht.

Die österreichischen Behörden jedenfalls scheinen in einer Sache, bei der es um Menschenleben geht, sehr schlampig und gleichgültig zu handeln. Abgesehen von der niedrigen und zudem offenbar vollkommen willkürlich gewählten Zahl von 500 Flüchtlingen, von denen bis zum Ende der Woche laut Innenministerium gerade einmal 231 im Land sein dürften, scheint auch das Auswahlprozedere recht unseriös.

Dabei gäbe es Möglichkeiten einer professionellen Abwicklung: Neben Aktionen von erfahrenen Organisationen wie dem UNHCR könnte man laut Experten beispielsweise auch etablierte sogenannte Resettlement-Programme einführen, wie es sie in 15 anderen EU-Ländern bereits gibt. Diese Verfahren bieten ausgefeilte Instrumentarien zur Ermittlung besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge. Das Rote Kreuz etwa, Diakonie und Caritas fordern diese Programme für Österreich seit langem. Doch statt auf professionelle Organisationen und deren Expertise zurückzugreifen, vertraut die Republik lieber vornehmlich Kirchenleuten, die in einem geschlossenen Kreis ihrer Community mit besonderer Autorität agieren und offenbar sehr wenig Kontrolle von außen erwarten müssen.

Das betrifft nicht nur Aydins syrisch-orthodoxe, sondern auch beispielsweise die katholische Kirche. Diese hat laut Hubert Philipp Weber, Erzbischöflicher Sekretär von Kardinal Christoph Schönborn, ebenfalls 42 Personen vorgeschlagen (zusätzlich dazu gibt es weitere 19 Namen, die von der Erzdiözese Wien kamen, Anm.). Bischöfe verschiedener christlicher Kirchen in Flüchtlingsgebieten hätten deshalb Namen von Flüchtlingen an die katholische Kirche in Österreich herangetragen, sagt Weber. „Dem Urteilsvermögen dieser Bischöfe vertrauen wir.“

Friseur Mithal Mhanna jedenfalls hat – nachdem er von Bischofsvikar Aydin abgewiesen wurde – selbstständig und direkt das Innenministerium kontaktiert. Dieses hat schließlich bei allen Entscheidungen das letzte Wort. Mhanna setzte sich dort für seine Verwandten ein, hat jedoch bisher vom Innenministerium keinerlei Reaktion auf sein Ansuchen bekommen.

Mhannas Verwandtschaft wurde vom Krieg in Syrien hart getroffen, sein 22-jähriger Neffe Rafi geriet sogar in Gefangenschaft von Rebellen. Der Wiener Friseur Mhanna hatte daraufhin im Frühjahr auf eigene Faust mit den Entführern Kontakt aufgenommen, mit ihnen verhandelt, seinen Neffen freigekauft und schließlich nach Österreich gebracht, die Tageszeitung Die Presse berichtete ausführlich. Mhannas Neffe Rafi hat wegen einer Verletzung durch Granatsplitter am rechten Auge 60 Prozent seiner Sehkraft verloren – doch immerhin, er ist nun in Sicherheit, die österreichischen Behörden haben dem jungen Mann Asyl zugesprochen. Nun gilt es Mhannas 17 weiteren Verwandten zu helfen – darunter wären beispielsweise auch die Eltern des Neffen Rafi.

Erschienen auf datum.at am 19. Dezember 2012

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