Sie lebte mit der Gefahr

von Nina Brnada

María de Villota

Sie erkämpfte sich einen Platz in der Formel 1. Dann hatte sie einen schweren Unfall. Hier erinnern sich Weggefährten an sie

VON NINA BRNADA

In der 64-jährigen Geschichte der Formel 1 versuchten sich fünf Frauen als Rennfahrerin. Eine von ihnen war María de Villota, geboren 1980 in Madrid als Tochter des Formel-1-Piloten Emilio de Villota. Schon mit 16 fuhr sie Kartrennen, mit 20 wurde sie Vizemeisterin in der spanischen Formel Toyota. Ihr Traum war die Formel 1. Er wurde wahr, als das britisch-russische Team Marussia sie 2012 als Testfahrerin verpflichtete. Sie bezahlte für diesen Traum mit dem Leben. Vorigen Oktober starb María de Villota mit 33 Jahren an den Folgen eines Unfalls.

Hier erzählen Familienmitglieder, Freunde und andere Weggefährten, wer María de Villota war und was sie antrieb – eine Geschichte über das Scheitern und das Gewinnen.

Javier Pérez-Mínguez, María de Villotas Cousin

Schon als wir Kinder waren, hat María immer konkurriert. Beim Tennis oder Laufen. Sie hat sich immer mit ihrem Bruder und mir gemessen. In der Rennfahrerschule, die ihrem Vater Emilio de Villota gehörte, sind wir zu dritt Rennen gefahren. Für ihren Bruder und mich war das meist nur Spaß, aber María hat den Wettkampf immer sehr ernst genommen.

Andy Souček, spanisch-österreichischer Rennfahrer und Freund aus Kindertagen

Unsere Väter kennen sich, sie sind beide Rennen gefahren. Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als ich María zum ersten Mal gesehen habe. Seitdem waren wir eng befreundet.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist und Freund der Familie

Motorsport ist in Spanien mit Marías Vater Emilio de Villota verknüpft. Er hatte zwar ein kleines Budget, ein kleines Team, und er erzielte eigentlich keine herausragenden Resultate. Aber er war ein Pionier, Ende der siebziger Jahre hat er den Motorsport in Spanien überhaupt bekannt gemacht. Damals waren Spanier in der Formel 1 etwas Exotisches, so wie es heute vielleicht japanische Toreros wären.

Andy Souček, Rennfahrer

Schon als Teenager, als wir zu dritt in Karts trainiert haben, war María ehrgeizig und eigentlich auch aggressiv in der Strecke. Wir Jungs haben María dafür respektiert.

Aus María de Villotas Autobiografie „La vida es un regalo“ („Das Leben ist ein Geschenk“), erschienen am 14. Oktober 2013

Ich habe mich immer mit anderen gemessen und wollte nie verlieren. Ich habe mit Tennis angefangen, weil es Spaß machte und meine Freunde Tennis spielten. Bald war es aus einem anderen Grund wichtig für mich: Ich wollte gut spielen, so gut ich konnte. Ich trainierte unter der Woche, verbrachte immer mehr Zeit auf dem Platz.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

María hat gewusst, dass sie gut genug für die Formel 1 war. Dieses Selbstbewusstsein hatte sie. Ihr war es wichtig, ernst genommen zu werden, genauso wie mir. Viele Leute haben getuschelt, dass María nur deswegen in der Formel 1 sei, weil sie dafür bezahle – und ich nur deshalb, weil mein Mann im Vorstand meines Teams sitzt. Aber sowohl mein Team Williams als auch Marías Team Marussia sowie alle anderen Teams würden nie jemanden fahren lassen, von dem sie nicht hundertprozentig überzeugt wären.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Marías Familie hatte meiner Einschätzung nach nicht das Geld, sie im großen Stil bei dieser Sache finanziell zu unterstützen. Ihre Familie hat zwar ein gutes Leben, aber reich sind sie nicht. Sie war also nicht einfach ein reiches Mädchen, das Rennen fuhr. Ihr Vater hat María auch nichts vorgemacht: Er hat ihr immer zu verstehen gegeben, wie schwer es ist, für diesen Sport Geld aufzutreiben und Sponsoren zu finden. Es war jedenfalls nicht leicht, für sie genügend Geld zusammenzubekommen.

Andy Souček, Rennfahrer

Emilio war immer der Meinung, seine Kinder sollten studieren. Sein Sohn, der so heißt wie er, ist Diplom-Ingenieur. Und auch María hat studiert, Sportwissenschaften. Weil die Kinder diese Bedingung des Vaters erfüllten und fleißig studierten, konnte der Vater nichts mehr dagegen tun, dass sie auch Rennen fuhren. Marías Bruder Emilio war allerdings nicht so erfolgreich und hat es irgendwann aufgegeben. María hingegen war für eine Frau ziemlich gut und machte weiter.

Javier Pérez-Mínguez, der Cousin

Motorsport ist sehr gefährlich. Marías Mutter hatte schon wegen ihres Mannes nervlich viel durchgestanden.

Andy Souček, Rennfahrer

Irgendwann hat mir Marías Mutter mal gesagt, manchmal sei sie gar nicht mehr nervös wegen der Rennen, weil sie sich schon daran gewöhnt habe und die Rennen zum Teil ihres Lebens geworden seien. Als die Eltern einsehen mussten, dass María davon nicht abzubringen war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie zu unterstützen.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Rennfahrers Timo Glock

María war so sympathisch, eine Spanierin eben, immer am Lächeln. Sie hatte total Lust auf den Job, sie wurde im Jahr 2012 Testfahrerin bei Marussia. Und das war etwas ganz Besonderes, alle haben gestaunt, dass da plötzlich eine Frau kommt.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

María war schließlich die erste Frau in der Formel 1 seit 1992: Nach der damaligen Fahrerin Giovanna Amati hatte es keine andere bis in die Formel 1 geschafft. María wusste immer ganz genau, wie weit sie als Frau kommen konnte. Gleichzeitig aber hat sie sich immer enorm angestrengt, ihre Grenzen zu verschieben. Sie war sehr fleißig, hat viel trainiert. Sie war Realistin und Träumerin zugleich.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Rennfahrers Timo Glock

Von ihrem Freund Rodrigo hat sie oft erzählt, sie schien sehr verliebt zu sein, und ich glaube, dass er ein toller Mann für sie war. Er arbeitet als Fitnesstrainer.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

Ihre Schwester Isabel war wohl ihr größter Fan, die beiden standen sich sehr nahe. Isabel war auch ihre Sprecherin und eine große Unterstützung für sie.

E-Mail von Isabel de Villota, der Schwester und Sprecherin María de Villotas

Wir versuchen alle, irgendwie weiterzumachen und zurechtzukommen, und wir möchten zurzeit keine Interviews geben.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Bevor María zum Team Marussia kam, hatte sie bereits Erfahrungen in der Formel 1 gesammelt. Ihr Werdegang begann damit, dass sie zu Bernie Ecclestone ging und ihn wissen ließ, sie wolle Formel-1-Pilotin werden. Damals war sie davon weit entfernt und fuhr Nachwuchs-Formelrennserien. Bernie Ecclestone war auch zunächst nicht interessiert. Doch zwei Jahre später sprach sie ihn wieder an. Das alles war ein schwieriges Unterfangen, es war nahezu unmöglich. María hat das nicht weiter gekümmert, sie hat es einfach gemacht. Ecclestone dürfte etwas in ihr gesehen haben, denn er rief schließlich den damaligen Boss des Lotus-Teams an und bat ihn, María zu helfen, in die Formel 1 einzusteigen. Daraufhin nahm sie an einem aufwendigen, teuren Trainingsprogramm bei Lotus teil.

Andy Souček, Rennfahrer

Dann machte María zwei Tests mit einem Formel-1-Wagen auf der Paul-Ricard-Strecke im südfranzösischen Le Castellet. Und weil die so gut liefen, hatte sie endgültig Ecclestones Unterstützung. So konnte sie in der Formel 1 bleiben, obwohl sie eine Frau war.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Für eine Frau jedenfalls war María ganz gut. Nach ihrer Zeit bei Lotus wechselte sie zum Team Marussia. Mark Blundell, ein Brite und ehemaliger Formel-1-Fahrer, half ihr, den Kontakt herzustellen. Bei Marussia absolvierte María ein Programm, um als Fahrerin noch besser zu werden. Das war auch eine gute Gelegenheit, mehr Bewusstsein für Frauen in der Formel 1 zu schaffen und gleichzeitig Sponsoren zu bekommen. Blundell ist ein ernsthafter Manager, und er sah Potenzial in María. Erst kürzlich begann er, mit dem finnischen Fahrer Kimi Räikkönen zu arbeiten. Über die konkrete Vereinbarung zwischen María und Marussia weiß Mark Blundell mehr, er war dann auch Marías Manager.

E-Mail von Jo Young, Vorstandsassistentin bei Mark Blundell Partners

Ich habe mit Mark Rücksprache gehalten, und er lässt ausrichten, dass er keinen Kommentar abgeben möchte.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

Wir haben uns im Jahr 2012 in Valencia kennengelernt. Die Leute glauben ja, dass sich alle Rennfahrer kennen müssten, aber das stimmt nicht. Wir haben Telefonnummern ausgetauscht und uns dann immer wieder angerufen, viel über den Sport geredet. Später haben wir einander unsere Trainingspläne geschickt und uns gegenseitig Tipps gegeben, wie wir Abläufe optimieren können. Wir haben anders trainiert als unsere männlichen Kollegen. Frauen haben schließlich 30 Prozent weniger Muskeln als Männer.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Als Frau hatte María physische Grenzen, die enger gesteckt waren als diejenigen der Männer. Aber sie hat sehr viel trainiert, sie hat viel gearbeitet, und nicht jeder ist bereit, das zu tun.

Javier Pérez-Mínguez, der Cousin

Als sie endlich bei der Formel 1 war, hatte sie nur noch wenig Zeit, sie war sehr beschäftigt, unsere Beziehung wurde erst nach dem Unfall wieder viel intensiver.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Rennfahrers Timo Glock

Sie hatte ein gutes technisches Wissen. Bei den Rennen haben sie und ich immer hinten in der Garage gestanden und alles verfolgt. Zwei Stunden haben wir da in einem kleinen Bereich in der Teambox verbracht, wo nicht mehr als sieben Leute reinpassen. Es waren oft Gäste des Teams bei uns, für die war das alles aufregend und laut. Über Funk haben María und ich alles hören können, worüber die Ingenieure und die Fahrer während der Fahrt sprachen. Und da ging es oft um Fachausdrücke und Situationen, deren Bedeutung sie mir dann genau erklärt hat.

Andy Souček, Rennfahrer

María war in technischen Fragen wirklich sehr versiert, darüber haben auch immer alle schon in der Fahrschule ihres Vaters gestaunt.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

María hatte den Motorsport zwar in die Wiege gelegt bekommen, dennoch war ihre Entwicklung eine eigene. Das, was passierte, war ihr Ding. Sie hat den Rennsport geliebt, er war ihr Schicksal.

Andy Souček, Rennfahrer

Die de Villotas standen sich alle sehr nahe. Sie haben immer Zeit füreinander gefunden, obwohl jeder von ihnen ein sehr stressiges Leben führte. Sie haben zum Beispiel oft zusammen gegessen, das hat mir bei ihnen so gut gefallen.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Fahrers Timo Glock

In der Familie waren alle unglaublich hilfsbereit und vertraut miteinander. Einmal haben sie mir bei einer Sache beigestanden, was ich ihnen niemals vergessen werde: Timo Glock ist in Valencia krank geworden und musste in die Klinik. Marías Familie war zu dem Zeitpunkt auch da. Sie alle haben mir ihre Hilfe angeboten, und dann haben sie mich abends noch zu sich auf ein Glas Wein eingeladen. An diesem Abend war auch Marías Freund Rodrigo dabei. Die zwei haben die ganze Zeit über Händchen gehalten.

Andy Souček, Rennfahrer

Der Test, bei dem der Unfall passierte, fand recht früh am Morgen statt.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Rennfahrers Timo Glock

Es war eine gerade Strecke am Flughafen im englischen Duxford, einmal Highspeed und dann wieder runter. Für María aber war es ein besonderer Tag: Es war ihre erste Testfahrt für Marussia. Am Abend zuvor war sie mit ihrer Schwester im Hotel und schickte mir eine SMS. Sie schrieb, dass sie aufgeregt sei und sich sehr freue und dass am Morgen ein Traum in Erfüllung gehe.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

Ich kann mich genau erinnern: Als ich vom Unfall hörte, war ich gerade bei Williams. Ein Mechaniker sagte es mir. Wir haben sofort den Fernseher eingeschaltet, es lief schon auf Sky News, für uns alle war es ein Schock. Ich steckte gerade in den Vorbereitungen für meine eigene Testfahrt. Wie dieser blöde Unfall passieren konnte, habe ich überhaupt nicht verstanden. Die ersten Nachrichten, die über den Unfall kamen, waren schlimm, wir wussten nicht genau, was passiert war, ob sie tot oder wie schwer verletzt sie war.

Andy Souček, Rennfahrer

Ich habe es vom Journalisten Javier Rubio erfahren, er sagte: „María hatte einen schweren Unfall, ich glaube, sie ist lebensgefährlich verletzt worden.“ Ich habe dann sofort Marías Bruder Emilio angerufen. Er hat sich aber nicht gemeldet, was sehr ungewöhnlich ist. Beim vierten Anruf hat er dann abgehoben, ich habe ihn gefragt, ob es stimmt. Er hat geantwortet, dass die Familie gerade die Koffer packt und gleich nach England fliegen wird. Keiner wusste etwas über den Zustand Marías, nur dass es ein schlimmer Unfall war.

dpa-Meldung vom 3. Juli 2012

Formel-1-Testfahrerin María de Villota kämpft nach einem schweren Unfall um ihr Leben. Die Spanierin sei am Dienstag bei Übungsfahrten auf dem Flugfeld im englischen Duxford in einen Laster gerast, schrieb ihr Marussia-Team in einer Mitteilung. De Villota habe sich lebensbedrohliche Verletzungen zugezogen, bestätigte ein Sprecher des Rettungsdienstes.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

Viele haben sich damals gedacht: Was hatte dieser Lastwagen da zu suchen? Das ist total unüblich. Dieser Unfall war einfach komisch.

motorsport-total.com am 3. Juli 2012

Nach wie vor herrscht nach dem schweren Unfall von María de Villota bei einem Aerodynamik-Test in Duxford am Vormittag banges Warten. (…) Zurzeit befindet sich de Villota im Addenbrooke’s Hospital in Cambridge in Behandlung. Laut der Magpas-Luftrettung habe de Villota Verletzungen am Kopf und im Gesicht erlitten, als sie mit dem Helm frontal auf die Seitenkante der Rampe prallte.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Als sie erfuhr, dass sie ihr Auge verloren hatte, war sie wütend auf die Ärzte. Sie sagte: „Warum habt ihr mir mein Auge genommen? Ich brauche es doch, um zu fahren.“ Sie hat das Ausmaß des Unfalls überhaupt nicht begriffen.

María de Villota im Interview mit „Bild am Sonntag“ am 11. Mai 2013

Ich habe ständig schlimme Kopfschmerzen. Riechen geht nicht mehr. Das ist hart beim Duschen. Wenn ich mich einseife, rieche ich den Duft der Seife nicht und fühle mich danach immer noch schmutzig. Schmecken kann ich noch ein bisschen. Aber nur sehr intensive Sachen. Statt Joghurteis esse ich heute zum Beispiel Schokoladeneis, weil Joghurt für mich wie ein Schneeball schmeckt. Ich vermisse den Geschmack von Meeresluft. Und den Geruch meines Freundes.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Nachdem sie sich zum ersten Mal nach dem Unfall im Spiegel sah, sagte sie zu ihrer Mutter, die danebenstand: „Wie soll mich jemals wieder jemand lieben?“

Javier Pérez-Mínguez, der Cousin

Der Zustand meines Sohnes verschlechterte sich ungefähr zu der Zeit, als María den Unfall hatte. Mein Sohn litt an einer neuromuskulären Krankheit, die unheilbar war. Er hatte Atemnot. Er war drei Jahre alt, als er starb. Marías Vater erzählte ihr davon, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Zsuzsa Szalontai, Sprecherin des Fahrers Timo Glock

Nach dem Unfall gab es blöde Sprüche: Es sei ja typisch Frau, dass sie die Kontrolle über das Auto verloren habe. Das hat María wütend gemacht, dagegen hat sie sich gewehrt. Sie betonte, das hätte jedem Fahrer passieren können und habe nichts damit zu tun, dass sie eine Frau sei.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Über die Unfallursache wurde Stillschweigen vereinbart, weder die Familie de Villota noch Marussia haben sich dazu geäußert.

Susie Wolff, Testfahrerin Team Williams

Wir wollten uns nach dem Unfall beim Grand Prix in Barcelona wiedersehen. Sie hatte Angst vor der Reaktion der Leute an der Rennstrecke. Sie wusste nicht, ob sie da noch willkommen wäre. Ich habe ihr gesagt: „Was redest du da, du musst kommen, komm direkt zu Williams.“ Unser Verhältnis war nach dem Unfall enger als vorher. Pedro de la Rosa, ein spanischer Fahrer, hat sie ebenfalls ermutigt. Er hat sie zu den Fahrern eingeladen. Aber sie hatte Hemmungen, sie wusste nicht, wie man auf sie reagieren würde. Als sie dann doch kam, war sie sehr gerührt, weil sich alle gefreut haben über ihr Kommen. Und sie sah ja wirklich gut aus, ihr starker Charakter wurde durch die neue Kurzhaarfrisur noch betont. Zudem stimmte sie die Farbe der Augenklappe immer mit ihrer Kleidung ab.

Javier Pérez-Mínguez, der Cousin

Eines Tages tauchte María mit ihrem Vater Emilio in unserer Stiftung für muskelkranke Kinder auf und sagte, sie wolle uns helfen. Davor war ich schon nahe daran, die Arbeit in der Stiftung aufzugeben. Mein Sohn war gestorben, es war eine schlimme Zeit für meine Familie. Aber dann stieß María zu uns und gab der ganzen Sache neuen Schwung. Sie sagte, sie wolle die Aktivitäten der Stiftung bekannt machen, aber auch die Krankheit selbst. Sie wollte mit den Familien reden und mit den kranken Kindern spielen. Deren Situation war der von Maria nicht unähnlich – mit der Diagnose ändert sich ihr Leben unwiderruflich, das Gleiche passierte María mit dem Unfall. María wollte den Familien Trost spenden, indem sie von ihrer persönlichen Leidenserfahrung erzählte.

Andy Souček, Rennfahrer

Die Kids im Krankenhaus haben ihr geholfen. Sie hat durch sie eine Möglichkeit gefunden, sich gebraucht zu fühlen, auch ohne den Rennsport. Das war ihr zuvor immer so schwergefallen. Für uns, ihre Freunde und ihre Familie, war es gut, dass María nach dem Unfall nach vorne sehen konnte. Mit dem Motorsport aber war es für sie für immer vorbei.

María de Villota im Interview mit „Bild am Sonntag“

Ich sitze nicht in der Ecke und weine. Das wäre nicht ich. Ich habe seit dem Unfall nur zweimal wirklich geweint. Einmal, als der Arzt mir sagte, dass ich mein Auge verloren habe. Und das zweite Mal, als ich nach zwei Monaten im Krankenhaus zurück in mein Haus nach Madrid kam. Aus purem Glück.

Andy Souček, Rennfahrer

Nach dem Unfall hat sie Kleinigkeiten mehr geschätzt. Das hat sie selbst gesagt, aber man hat es auch gemerkt. Sie hat sich zum Beispiel für alle mehr Zeit genommen, sie hat viel mehr geredet als davor, als sie oft sehr hektisch war. Wir Rennfahrer sind immer auf eine gewisse Weise egoistisch – das müssen wir auch sein, denn der Sport verlangt das von uns. Man muss als Profisportler immer das Beste für sich herausholen. Nach dem Unfall aber dachte María wohl, es gibt viel mehr als die Formel 1.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Sie hat sich ziemlich bald erholt, sie hat ihr Leben genossen, hat auch langsam wieder mit dem Sporttreiben begonnen, was sie sehr mochte. Sie ging jetzt schwimmen.

Andy Souček, Rennfahrer

Es war eine Überraschung, als sie ihre Verlobung bekannt gab. Es war auf einer Cocktailparty, zu der sie eingeladen hatte, vielleicht zwei, drei Wochen bevor die Hochzeit stattfinden sollte. Alles schien gut, und wir alle dachten, sie sei jetzt definitiv über den Berg, da ist es dann passiert.

María de Villotas Facebook-Account, 11. Oktober 2013

Liebe Freunde, María ist von uns gegangen. Sie musste wie alle Engel in den Himmel zurückkehren. Wir danken Gott für die zusätzlichen eineinhalb Jahre, die er sie bei uns gelassen hat.

Statement der Familie de Villota vom 11. Oktober 2013

María hat uns im Schlaf verlassen. Laut den Aussagen der Mediziner war ihr Tod die Folge der neurologischen Verletzungen, die sie im Juli 2012 erlitten hat.

Javier Rubio, Motorsport-Journalist

Es war kein Suizid. Jeder wusste, dass sie leben wollte. Nur einige Tage später sollte ihr Buch präsentiert werden, La vida es un regalo.

dpa-Meldung vom 13. Oktober 2013

Die ehemalige Testpilotin María de Villota ist tot. Sie wurde 33 Jahre alt. Alles deute auf einen natürlichen Tod hin, hieß es. De Villota war am 3. Juli vergangenen Jahres bei einer Testfahrt schwer verunglückt. Am Freitag wurde sie tot in einem Hotel in Sevilla aufgefunden. „María wurde von allen geliebt“, sagte ihr Landsmann Fernando Alonso am Freitag nach dem Formel-1-Training in Japan. „Heute ist ein tragischer Tag für den Motorsport“, betonte der Präsident des Automobil-Weltverbandes, Jean Todt.

Aus María de Villotas Autobiografie „La vida es un regalo“

Ich war Rennfahrerin. Ich fuhr viel, und ich war schnell. So schnell, dass ich das Elend der Welt nicht an mich heranließ. Ich wusste zwar, dass es da war, nicht mal weit weg von mir, aber ich wollte fahren, weiterkommen, mein Ziel erreichen, meinen Traum verwirklichen. Und dabei siehst du nicht hin, schaust dich nicht um, dein Herz spürt fast nichts, weil du so viele Schutzhüllen um dein Leben gelegt hast, die dich stärker machen, blinder, stumpfer, lebloser.

Einen lebensbedrohlichen Unfall zu erleben ist schrecklich. Aber wenn du es schaffst, zu überleben und weiterzuleben, kann er auch ein Geschenk sein – so als hättest du die Möglichkeit, in deine Kindheit zurückzukehren, all die Jahre und dein Panzer fallen von dir ab […]. Du fühlst dich, als wärst du eben erst geboren. Und so ist es auch: Du wurdest noch einmal geboren.

Du weinst mehr, bist dankbar, schwach sein zu können, auch wenn der Schmerz manchmal so groß wird, dass du wieder wegrennen willst. Aber ich werde diejenigen, die jetzt im Stillen um meine Hilfe bitten, nicht im Stich lassen. Weil nicht viele sie hören, so wie ich sie früher nicht gehört habe […]. Seitdem ich eine von ihnen war, kann und will ich diesen Schmerz nicht ignorieren und wünsche mir, ein besserer Mensch zu sein. Ich bin dankbar, dass ich sie wahrnehme. Die Kranken und die Gesunden.

Erschienen in ZEITmagazin 08/2014

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