DIE DAHEIMGEBLIEBENE

von Nina Brnada

Daniela ist fast 29, gebildet und bald Mutter. Sie wird sich selbst um ihr Kind kümmern müssen, weil der Staat ihr zu wenige Betreuungsmöglichkeiten bietet. Sie wird nie wieder Vollzeit arbeiten und mit einer niedrigen Pension auskommen müssen. Daniela ist nur eine statistische Frau – aber ihre Probleme sind echt.

Text: Nina Brnada

Nennen wir sie Daniela. Sie hat lange mit sich gehadert, bevor sie sich für ein Kind entschied. Daniela wollte Kinder haben, doch es machte ihr zugleich Angst. Sie hat es viele Male gesehen, im Freundeskreis und in der Verwandtschaft: Wer Mutter wird, kann die Berufslaufbahn für längere Zeit an den Nagel hängen. Alles, was davor war, ändert sich auf einen Schlag. Was selbstverständlich schien, verkehrt sich zum Kraftakt. Die Ziele der jahrelangen Ausbildungen, die man in Kauf genommen hat, die Pläne für den Job – für Daniela werden sie mit der Geburt des ersten Kindes in weite Ferne rücken. Wer Mutter wird, bekam Daniela zu hören, kann beruflichen Aufstieg über Jahre hinaus vergessen und fristet fortan ein Dasein in der Teilzeitecke.

Mit ihren bisherigen Anstrengungen hat Daniela genau das Gegenteil angestrebt – und nicht nur sie, auch viele andere Frauen ihrer Generation. Daniela wird bald 29 Jahre alt. In dieser Altersgruppe haben in Österreich mehr Frauen als Männer Matura oder einen Hochschulabschluss. Der ambitionierte Bildungsweg aber nützt ihnen wenig – wenn sie Kinder bekommen, verlieren die meisten von ihnen beruflich den Tritt.

Daniela existiert nicht wirklich, sie ist eine Frau ohne Gesicht, eine statistische Projektionsfläche, eine Musterfrau. Als sie 1985 auf die Welt kam, war Daniela der häufigste Name bei neugeborenen Mädchen. Mit ihren 28,7 Jahren hat sie nun exakt das Alter, in dem eine Frau in Österreich ihr erstes Kind bekommt.

Folgt man der Statistik, lebt Daniela in Wien, sie verreist gern, meist mit dem Auto und vornehmlich nach Italien. Ist sie in Österreich unterwegs, fährt sie am häufigsten in die Steiermark. Sie ist unselbstständig erwerbstätig und hatte im Jahr 2012 ein Bruttoeinkommen von 18.217 Euro. Ihr gleichaltriger Partner kam dagegen auf ein Jahres­gehalt von 26.283 Euro.

Die Kinderfrage beeinflusst auch die Beziehung der beiden, schließlich kann sich Daniela mit dem Kinderkriegen nicht ewig Zeit lassen. Es sind diese lebensentscheidenden Fragen, die sie jeden Tag begleiten und zu einem Entschluss drängen: Wie soll es mit dir weitergehen, wo siehst du dich in fünf Jahren? Und was bist du bereit dem Kinderwunsch zu opfern?

So wie ihre männlichen Schulkollegen, die Studienfreunde und der Partner bastelt auch Daniela neben der Familienplanung an ihrem beruflichen Fortkommen. Während Kinder aber den Berufsverlauf von Vätern kaum streifen, schlagen sie in die berufliche Laufbahn von Müttern tiefe Löcher, die niemals wieder richtig geschlossen werden. Laut Publikationen der Akademie der Wissenschaften macht fast jede zweite Frau die Entscheidung für ein Kind stark von der eigenen Arbeit abhängig, während das nur bei 13 Prozent der Männer der Fall ist.

Dass Frauen in viel höherem Maße diese Gedanken anstellen, ist nicht weiter verwunderlich: Denn nach dem Kinderkriegen werden sie es sein, die den Großteil der Betreuungslast tragen. Und die auf eine berufliche Laufbahn verzichten müssen. Musterfrau Daniela wird es wohl ebenfalls erwischen. Insgesamt 71,4 Prozent der Mütter zwischen 25 bis 49 Jahren mit Kindern unter 15 Jahren waren 2011 laut Statistik Austria in Teilzeit – aber nur 4,7 Prozent der Väter. Dass Daniela trotz Kindes später vollzeitbeschäftigt sein wird, ist hingegen eher unwahrscheinlich. Lediglich 19,1 Prozent der Frauen mit betreuungspflichtigen Kindern hatten im Jahr 2011 eine Vollzeitstelle, nicht einmal jede fünfte.

Was für viele Frauen in Österreich eine berufliche Zäsur bedeutet, muss aber nicht sein: In manchen Gesellschaften, insbesondere in Nordeuropa, scheinen die Menschen ganz selbstverständlich das Kinderkriegen in ihre Biografien einbauen zu können. Dort gibt es trotz berufstätiger Mütter viele Kinder – vielmehr sind es sogar wegen der Berufstätigkeit der Mütter so viele. So haben laut Zahlen von Eurostat aus dem Jahr 2011 in Island 77,9 Prozent der Frauen gearbeitet und im Schnitt 2,02 Kinder geboren. In Österreich arbeiteten im gleichen Zeitraum weniger Frauen, lediglich 69,6 Prozent, und bekamen auch weniger Kinder, durchschnittlich 1,42.

Dreh- und Angelpunkt dieser Ergebnisse ist ein Umfeld, in dem sich Jungfamilien mehr oder weniger wohlfühlen. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Situation bei der Kinderbetreuung, vor allem die Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Island lässt sich diese auch etwas kosten und steckt laut OECD mit 0,93 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr als doppelt so viel in frühkindliche Betreuung für Kinder bis drei Jahre als Österreich.

Generell scheint also zu gelten: je mehr Kinderbetreuung und je früher, desto besser. Und in dieser Hinsicht steht Österreich relativ schlecht da. Die Betreuungsquote von Kleinkindern in Österreich ist ziemlich bescheiden und weit entfernt vom EU-Ziel von 33 Prozent, das in der Barcelona-Charta festgehalten ist und zu dem sich auch die neue rot-schwarze Koalition in ihrem Regierungsprogramm bekannt hat. Hierzulande beträgt die Betreuungsquote der unter Dreijährigen laut Eurostat im Jahr 2011 nur 14 Prozent, im Musterland Dänemark liegt sie bei 74 Prozent.

Bei den Drei- bis Fünfjährigen ist die Situation in Österreich schon deutlich besser, in dieser Altersklasse sind laut Statistik Austria mehr als 90 Prozent der Kinder in Betreuung. Für diese Altersgruppe gilt seit dem Jahr 2009/2010 bundesweit ein verpflichtendes Kindergartenjahr vor dem Schuleintritt.

Wechseln die Kinder in die Schule, beginnen für viele Eltern die Probleme aber erst richtig. Denn im Regelfall läutet für die Schüler in Österreich die Schulglocke zwischen 12 und 14 Uhr. Ein Großteil der Kinder geht danach heim, lediglich 16,4 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen werden nachmittags außerhalb der Familie betreut, etwa in Ganztagsschulen oder Kindertagesheimen. Bei den Zehnjährigen ist es nur noch jeder Zehnte, und nur noch jeder Hundertste bei den 13-Jährigen. 119.000 Plätze stehen derzeit laut Bildungsministerium für schulische Ganztagsbetreuung in Österreich zur Verfügung, bis 2018 will man auf 200.000 Plätze ausbauen. Damit sollen dann 30 Prozent der Sechs- bis 14-Jährigen ein Angebot vorfinden, derzeit sind es noch 17,6 Prozent. Familien, die für ihre Kinder kein Ganztagsangebot vorfinden, was vor allem im ländlichen Raum schwierig ist, brauchen entweder Großeltern mit viel Zeit oder jede Menge Geld. In Wien kostet ein Hortplatz mit Mittagessen rund 217 Euro im Monat, in Niederösterreich sind es laut Familienreferat im Schnitt 235 Euro.

Familien mit zwei schulpflichtigen Kindern kommen somit auf knapp 500 Euro im Monat allein für die Nachmittagsbetreuung – Zusatzkosten wie Ausflüge, Theaterbesuche und Bastelbeiträge noch nicht mitgerechnet. Frauen, die überlegen, Teilzeit zu arbeiten, weil Vollzeit für sie nahezu unrealistisch geworden ist, stellen diese Zahlen vor eine entscheidende Frage: Laut Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung verdienen sie mit ihrer Teilzeittätigkeit im Schnitt 923 Euro netto – warum also überhaupt arbeiten gehen, wenn mehr als die Hälfte des Einkommens sowieso für die Kinderbetreuung aufgewendet werden muss? Viele Frauen in solchen Situationen überlegen es sich deshalb zweimal, überhaupt wieder in den Beruf zurückzukehren, denn unter dem Strich arbeiten sie zumeist für die Kinderbetreuungskosten. Dazu kommen lange Ferienzeiten, allein neun Wochen im Sommer, für die ebenfalls eine Betreuung gefunden und bezahlt werden muss.

Daniela hatte sich das alles irgendwie anders vorgestellt. Sie ist auch mit einem anderen Geschlechterbild groß geworden. Die Endzwanzigerin gehört zu jener Generation, bei der in der Erziehung zwischen Burschen und Mädchen keine Unterschiede gemacht wurden. Sie wuchs in dem Glauben auf, dass Frauen und Männer Dinge gleich gut machen und schaffen können. Dass sie aber als Frau mehr oder weniger alleine für die Kinderfrage verantwortlich gemacht wird, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Politik und Medien meist in einem Atemzug mit Frauen und kaum je mit Männern oder einfach Eltern genannt wird, das hat Daniela dann doch ziemlich ernüchtert. Mit dem Kind wurde ihr diese Unterscheidung so deutlich wie noch nie, und es wurde ihr eine Rolle zugewiesen, von der sie eigentlich dachte, dass sie für Frauen ihrer Generation längst passé sei.

Frauen wie Daniela sinnieren lange und ausführlich über das Thema Kinder. Während in den Achtzigerjahren Frauen ihr erstes Kind mit durchschnittlich 24 Jahren bekamen, lassen sie sich heute gut fünf Jahre länger Zeit. Aufgrund ihrer guten Ausbildung haben sie mehr Möglichkeiten für ihre Lebensplanung, gleichzeitig sehen die allermeisten in der Mutterschaft nach wie vor eine große Erfüllung: 93,8 Prozent der 20- bis 29-jährigen Frauen in Österreich wünschen sich laut einer Erhebung der Statistik Austria aus den Jahren 2008/2009 Kinder, die meisten von ihnen zwei.

Die Unsicherheit, die das Kinderkriegen hierzulande mit sich bringt, ist jedoch kein Naturgesetz. Der auch sonst allseits strapazierte Vergleich mit nordischen Ländern, wo Frauen im Schnitt mehr Kinder als in Österreich oder auch Deutschland haben, macht es deutlich: Die Fertilitätsrate hängt in Europa nicht nur von der Gleichstellung der Geschlechter und deren Beteiligung am Arbeitsleben ab – es geht auch darum, welche Prioritäten die Politik bei Familien setzt. Die OECD-Publikation »Familien besser fördern« aus dem Jahr 2011 thematisiert die Frage, in welcher Form Familienleistungen am effektivsten ausgeschüttet werden. Und es zeigt sich: Jene Länder, in denen aus Sicht der OECD die Familienpolitik gut funktioniert, stecken den Großteil ihrer Familiengelder in Sachleistungen wie Kinderbetreuungseinrichtungen und Bildungsmaßnahmen. Dazu zählt etwa Dänemark, das damit auch die Kinderarmut bei 3,7 Prozent hält. In Österreich hingegen, wo die Kinderarmut mit 6,2 Prozent vergleichsweise hoch ist, ist auch der Anteil der Finanzleistungen an den kinderbezogenen Ausgaben so hoch wie in kaum einem anderen OECD-Land. 40 Prozent der öffentlichen Mittel für Kinder werden hier über Kindergeld und Familienbeihilfe direkt an die Eltern gezahlt, anstatt sie wie in Dänemark und Schweden vorrangig in den Ausbau staatlicher Betreuungsleistungen zu investieren, wo die direkten Zahlungen dafür nur die Hälfte ausmachen.

Genau dieses Missverhältnis zwischen Sachleistungen, die allen Eltern zugutekommen, auf der einen Seite und individuellen Transferleistungen auf der anderen fördert das Zuhausebleiben von Frauen wie Daniela. Denn wollen sie berufstätig sein, wäre ihnen mehr geholfen, wenn der Staat weniger auf Beihilfen setzt und dafür das schulische Betreuungsangebot am Nachmittag ausbauen würde.

Daraus wiederum ergibt sich ein Rattenschwanz an Problemen, der mitten in die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen führt. Denn Kinderkriegen hat nicht nur auf die Arbeitszeit von Frauen massiven Einfluss, sondern überhaupt auf die Beschäftigungsquote. Zwischen kinderlosen Männern und Frauen gibt es dabei kaum Unterschiede, laut Statistik Austria beträgt die Differenz lediglich 2,9 Prozentpunkte. Sobald Männer und Frauen jedoch zu Vätern und Müttern werden, wächst der Abstand plötzlich auf 19,7 Prozentpunkte an.

Neben dem persönlichen Schaden, den Daniela durch den Knick im Erwerbsleben erfährt, ist dieser auch extrem unwirtschaftlich: Immer mehr Frauen durchlaufen lange Ausbildungsphasen, ihre Qualifikationen allerdings liegen nach der Geburt ihrer Kinder häufig brach und werden durch lange Karenzzeiten verschüttet. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds zeigt ebenfalls, wie fatal die mangelnde Einbindung von Frauen in die Erwerbstätigkeit ist, auch global betrachtet: Demnach ließe sich das Brutto­­in­­­­lands­pro­dukt der USA um fünf Prozent erhöhen, wenn ebenso viele Frauen wie Männer erwerbstätig wären, das BIP von Japan könnte sogar um neun Prozent steigen.

Musterfrau Daniela wird jedenfalls, auch wenn sie vor der Geburt ihres Kindes gut in die Arbeitswelt integriert war, eher länger zu Hause bleiben als ihr Partner. Vor dem zweiten Geburtstag des Kindes steigt laut Arbeiterkammer nicht einmal jede zweite Frau wieder in den Beruf ein. Die Hälfte der Männer unterbricht die Erwerbstätigkeit dagegen längstens drei Monate.

Dementsprechend wären neben Modellen wie dem vieldiskutierten »Papamonat« kürzere Karenzzeiten der Arbeiterkammer zu­folge ein Mittel, um die Situation zwischen den Geschlechtern etwas auszugleichen. Sie würden auch für berufstätige Väter einen Anreiz schaffen, sich mehr zu beteiligen und in Karenz zu gehen. Bisher greift dieses Mittel jedoch wenig: Im Jahr 2011 waren lediglich 8,4 Prozent aller Karenzgeldbezieher Männer, ermittelte das Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung der Fachhochschule Joanneum. Und weil die Männer kürzer in Karenz bleiben, nahmen sie in diesem Jahr auch nur 4,2 Prozent der Kinderbetreuungstage in Anspruch. Dabei hat der Staat insbesondere für sie zusätzlich zu den pauschalen Modellen des Kinderbetreuungsgelds ein einkommensabhängiges geschaffen. Frauen hingegen entscheiden sich eher für Pauschalmodelle mit längeren Karenzzeiten und geringeren Geldbezügen. Das häufig niedrige Gehalt in ihrem ursprünglichen Job bietet ihnen nicht genügend Anreize, bald wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren – und sie handeln dabei eigentlich nur logisch: Wo sie keine Perspektive sehen, strengen sie sich auch nicht an. Für viele Frauen bedeutet die Verquickung dieser Umstände aber einen Teufelskreis.

Sobald Daniela in Pension geht, wird sie den letzten Schock ihrer Karriere als Berufstätige und Mutter erleben. Denn was sie durch Karenz und lange Teilzeitarbeit verloren hat, holt sie nie wieder auf. Die geringen Versicherungsjahre drücken sich dann in den Pensionszahlen aus: Die mittlere Alterspension von Frauen aus der gesetzlichen Pensionsversicherung, also ohne Beamte, betrug im Jahr 2011 monatlich 793 Euro, jene der Männer 1.668 Euro – eine Differenz von 52,5 Prozent.

Aber es sind nicht nur Entscheidungen über Karenz und Kinderbetreuung, die Frauen wie Daniela Kopfzerbrechen bereiten. Es geht auch um Lebensqualität. Darum, dass Frauen wie Männer etwas von der Familie haben wollen, einen gemeinsamen Alltag, der auch gemeinsame Zeit bedeutet. Das erscheint vielen nicht realistisch, selbst wenn theoretisch alle Frauen Vollzeit arbeiten würden und die Kinder betreuungstechnisch versorgt wären. Die Autoren einer Studie, die die Zeitschrift Brigitte beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in Auftrag gab, sprechen demgemäß von einer notwendigen »neuen Vollzeit« von 32 Wochenstunden für Frauen wie Männer, damit einerseits mehr Zeit für die Familie bleibt, andererseits der Konkurrenzkampf in der Arbeitswelt fairer abläuft. Zudem ergäbe eine Reduktion der Arbeitszeit der Männer und eine gleichzeitige Erhöhung jener der Frauen den Forschern zufolge immer noch ein höheres Arbeitsvolumen als heute, die Produktivität würde steigen.

In diese Kerbe schlug Deutschlands neue Frauenministerin Manuela Schwesig. Die Sozialdemokratin hatte ebenfalls von 32 Stunden für Eltern gesprochen, wurde aber bald darauf von CDU-Kanzlerin Angela Merkel abgewürgt. Und auch Österreichs neue Familienministerin, die von der ÖVP nominierte Sophie Karmasin, meinte kürzlich in einem »ZiB«-Interview: »Die Idealvorstellung wäre, dass Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vollzeittätigkeit reduzieren.« Bisher haben solche Forderungen allerdings kaum jemanden interessiert. Dabei würde ihre Erfüllung viel bringen. Und zwar allen – nicht nur Daniela.

Erschienen in DATUM 2/14

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