„DIE SANKTIONEN MÜSSEN ERWEITERT WERDEN“

von Nina Brnada

Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, alias „Pussy Riot“, über russische Repressionen, ukrainische Lektionen und die Prinzipientreue Europas.

Interview: Stefan Apfl, Thomas Trescher, Nina Brnada

Wir sitzen in einer Küche, 13 Stockwerke über dem revolutionären Kiew. Es ist abends, kurz nach  21 Uhr, als sich die Tür öffnet und zwei junge Frauen hereintreten: Nadeschda Tolokonnikowa, 24, und Marija Aljochina, 25. Unter dem Namen „Pussy Riot“ sind die beiden Russinnen weltbekannt, seit die feministischen Punkmusikerinnen am 21. Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale einen Song gegen Putin und die orthodoxe Kirche zum Besten gaben. Die darauf folgenden 21 Monate Haft scheinen die beiden nicht gebrochen zu haben: Auf ihrer scheinbar aussichtslosen Mission, Putin zu stürzen, sind sie heute früh in Kiew angekommen, am Dienstag werden sie vor dem Europäischen Parlament in Brüssel sprechen. Ob sie zum Interview bereit seien? Ja, sagen sie, und gehen in die Hocke.

Was bringt Euch in die Ukraine? 

MARIJA ALJOCHINA: Wir sind in die Ukraine gekommen, weil wir der Meinung sind, dass hier derzeit die wichtigsten Ereignisse für Europa und natürlich auch für Russland stattfinden. Die Ukraine inspiriert uns sehr und wir hoffen, dass Russland ihrem Beispiel folgen und ebenfalls seine kriminellen Machthaber stürzen wird.

Denkt Ihr, ein Szenario wie die ukrainische Revolution könnte sich auch in Russland abspielen?

NADESCHDA TOLOKONNIKOWA: In Russland gibt es eine starke innere oppositionelle Stimmung. Die Menschen bringen das nicht öffentlich zum Ausdruck, weil sie es gewohnt sind, dass der Chef immer Recht hat. Aber zu einem gegebenen Zeitpunkt kann dieser gesellschaftliche Vertrag kollabieren. Als ich im Gefängnis war, habe ich mit sehr vielen Menschen gesprochen und festgestellt, dass die Leute über die Ereignisse in der Ukraine sehr glücklich sind, aber nicht wissen, was sie selbst tun sollen. Es kann der Augenblick kommen, wo es ihnen klar wird.

Was müsste passieren, damit der Rote Platz zum Maidan wird? 

TOLOKONNIKOWA: Ich denke, diese Frage müsste man den Russen selbst stellen. Mir scheint, dieser Zeitpunkt wird früher oder später kommen, denn in Russland wird nichts produziert, es gibt keine funktionierende Wirtschaft. Der Staat ist vollkommen von den Rohstoffen abhängig. Schon jetzt müssen die Sozialausgaben gekürzt werden, und diese Tendenz wird von Jahr zu Jahr stärker werden.

Ihr lebt noch immer in Moskau. Wie sieht der Alltag eines Staatsfeindes in Russland aus?

TOLOKONNIKOWA: Wir stehen unter permanenter Beobachtung der Behörden. Es gibt ein unausgesprochenes Verbot für uns, in andere Regionen Russlands zu reisen. Jedes Mal, wenn wir das tun, werden lokale junge Männer gegen uns aufgehetzt, die mit der Polizei zusammenarbeiten und uns körperlich angreifen. Offensichtlich haben die Behörden Angst, dass die Menschen in den russischen Provinzen die Wahrheit erfahren könnten.

Sind Eure Familien ebenfalls davon betroffen? 

ALJOCHINA: Ja. Der Kindergarten, in dem sich mein Kind derzeit befindet, wird regelmäßig von Angehörigen der politischen Polizei aufgesucht. Es handelt sich dabei um Mitarbeiter des sogenannten „Zentrums gegen den politischen Extremismus“. Diese Leute stellen unangenehme Fragen. Sie tauchen außerdem auf der Hochschule auf, wo ich selbst im Moment allerdings nicht hingehe, weil ich akademisch beurlaubt bin. Sie versuchen herauszufinden, ob ich politische Agitation durchgeführt oder politische Reden gehalten habe. Sie machen das nicht nur im Bezug auf uns, sondern auch im Bezug auf unsere Anwälte, die an unserem Menschenrechtsprojekt beteiligt sind. Beispielsweise steht die Familie eines unserer Anwälte in der russischen Provinz Mordowien unter Repressionen, ihr Auto wurde beschädigt.

Wie ist es hier in der Ukraine? Könnt Ihr Euch frei bewegen? 

TOLOKONNIKOWA: Ja.

Was tut Ihr hier in Kiew? Gebt Ihr Interviews oder führt Ihr auch Aktionen durch? 

TOLOKONNIKOWA: Das ist unser erstes Interview hier. Wir sind als unabhängige Bürger hergekommen, weil wir mit eigenen Augen sehen wollen, was hier passiert. In Russland wird viel geredet, aber unsere Medien verzerren die Fakten. Jene Medien, die versuchen, unabhängig zu berichten, werden unterdrückt. Wir wollen uns deshalb selbst ein Bild machen und herausfinden, auf welche Weise die Menschen es hier geschafft haben, ein korruptes Regime umzustürzen.

Welche Lektionen habt Ihr hier bisher gelernt?

ALJOCHINA: Wir haben begriffen, dass ganz gewöhnliche Menschen die Revolution machen, solche Menschen wie wir, nicht etwa die professionellen Politiker. Also nicht irgendwelche Leute, die jahrelang dafür ausgebildet werden, sondern gewöhnliche Bürger, die einfach begriffen haben, dass die Macht allen gehört.

Auf Einladung der Deutschen Grünen werdet Ihr am Dienstag vor dem Europäischen Parlament sprechen. Was werdet Ihr sagen, was ist Eure Botschaft an Europa?

TOLOKONNIKOWA: Wir wollen, dass Europa nach seinen eigenen Prinzipien handelt. Wir rufen Europa dazu auf, Sanktionen gegen Politiker zu verhängen, die das Putin-Regime bilden. Die Liste der Personen, die von Sanktionen betroffen sind, sollte erweitert werden. Auf dieser Liste sollte Igor Setschin stehen, und auchAlexej Miller. Aus irgendeinem Grund sind sie noch nicht drauf. Das gilt auch fürRoman Abramowitsch.

Versteht Ihr Euch als Europäerinnen?

ALJOCHINA: Wir halten Russland für ein europäisches Land, und als Bürger Russlands halten wir uns selbstverständlich für Europäer. Alle Russen würden das so sehen, wenn wir die Machtstrukturen unseres Landes korrigieren könnten.

Erschienen auf datum.at am 31. März 2014

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