Zum Leben zu wenig

von Nina Brnada

Christian Ebner arbeitet, verdient aber nichts. Weil er als behindert gilt und sein Job als Beschäftigungstherapie. Die Politik sieht zwar das Problem, tut aber nichts dagegen.

Text: Nina Brnada

Es ist richtige Arbeit, die Christian Ebner hier verrichtet. Sein Dienst beginnt um 7.30 Uhr, davor zieht er die breite Baumwollhose an, den Kochkittel mit zwei Knopfreihen, das Haarnetz, die Schürze aus Plastik. Sein Arbeitsplatz ist eine Großküche in der steirischen Industriestadt Kapfenberg, hier gibt es jede Menge Blech, Stahlwannen, Schöpflöffel und Messer. Täglich bereitet Ebner zusammen mit sechs Kollegen bis zu 100 Essensportionen zu. Kindergärten und das benachbarte Kaffeehaus werden mit Mittagsmenüs beliefert, manchmal müssen nebenher auch Brötchen für Veranstaltungen in umliegenden Betrieben belegt werden. Ebner kocht hier fünfmal die Woche, siebeneinhalb Stunden am Tag. Und bekommt dafür 60 Euro. Pro Monat.

Christian Ebner arbeitet, aber er lebt von Sozialhilfe. Denn er verfügt über eine Lernschwäche, gilt also nach dem Gesetz als »behindert«. Obwohl er mit 26 Jahren eigentlich zu alt ist dafür, steht ihm eine erhöhte Familienbeihilfe zu, monatlich 291 Euro. Auch als 40- oder 60-Jähriger wird er sie noch beziehen, bis seine Eltern sterben – dann wird er Waisenpension erhalten. Derzeit ist Ebner bei seinem Vater mitversichert, einem Werksarbeiter. Zusätzlich erhält er monatlich 113 Euro Wohnbeihilfe und 400 Euro vom Behindertenreferat des Landes Steiermark. Insgesamt kommt er damit im Monat auf rund 800 Euro. Immerhin: Je nach Auftragslage der Küche erhält Ebner noch 70 bis 80 Euro Mitarbeiterbeteiligung zusätzlich. Er wohnt alleine, darf für sich selbst sorgen und entscheiden, hat also keinen Sachwalter. Eine staatlich finanzierte »Wohnassistentin«, bereitgestellt von der Lebenshilfe, kommt hin und wieder vorbei und hilft ihm bei den Erfordernissen des Alltags, »also wenn ich etwas Größeres einkaufen muss oder einen Arzttermin habe und meine Eltern mich nicht fahren können«.

Menschen wie Christian Ebner sind auf Transferzahlungen angewiesen, trotz der Arbeit, die sie täglich erbringen. Sie haben keine andere Wahl, als die Hand aufzuhalten. Denn ihre Aufwandsentschädigung von 60 Euro im Monat, umgerechnet rund 40 Cent für jede Arbeitsstunde, ist kein Gehalt, sondern ein Taschengeld. Ebners Kollegen in der Großküche bekommen das Gleiche. Sie leiden unter einer »Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen«, die ihnen eine »Teilnahme am Leben in der Gesellschaft, insbesondere am allgemeinen Erwerbsleben« erschwert, heißt es im Gesetz. Was sie in der Großküche leisten, bezeichnet der Gesetzgeber nicht als Arbeit, sondern als »Beschäftigungstherapie«.

Für ihn sei es eine Beleidigung, wenn man ihn behindert nenne, sagt Ebner. »Ich bin halt einfach etwas schwächer.« Auch mit 26 bereitet ihm das Schreiben noch Probleme. Auch um dieses zu üben, muss er nach jedem Arbeitstag händisch in einer Mappe notieren, was er den Tag über getan hat.

Montag: Fleisch geschnitten, angebraten und portioniert und angerichtet, dann Suppe gemacht und angerichtet und Küche gereinigt und dann Abwasch gemacht Vorgewaschen, abgewaschen fertig

Dienstag: Essen angerichtet und Essen portoniert, Hendel geachtelt, sortiert und dann fritiert und dann Vorgewaschen, abgewaschen und Küche gemacht und Aufgekehrt und Aufgewischt und dann war ich fertig

Mittwoch: Nudeln gekocht und Schinken und Zwiebeln angeschwitzt und portoniert angerichtet und Thunfisch Aufstrich gemacht und Küche gereinigt und Abgewaschen, Abgetrocknet

Donnerstag: Fleisch ausgepackt und gesalzen und angebraten und Reis gekocht und portoniert Küche gesäubert und Herd gereinigt und dann Aufgewaschen und Backraum geholfen und fertig

Freitag: Kartoffeln geschält geschnitten und dann Gulasch angerichtet und flaschen gereinigt und Vorgewaschen, abgewaschen Müll gegangen und Herd gereinigt und Fenster gereinigt und fertig

»In der Volksschule schon hat die Lehrerin gemerkt, dass ich irgendwie nicht richtig mitkomme«, sagt Christian Ebner. Damals diagnostizierten die Ärzte eine Lernschwäche, eine intellektuelle Beeinträchtigung. Christian blieb in der Klasse, bekam einen Extralehrer, Integrationsklasse, auch später in der Hauptschule. Doch die Einbeziehung, die in der Schule noch gut funktionierte, hörte im Berufsalter auf. Jetzt kann er sich durch seine Arbeit keinen angemessenen Lebensunterhalt verdienen. Genau das aber fordert die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die Österreich im Jahr 2008 ratifiziert hat.

Die Umsetzung der Konvention geht jedoch nur schleppend voran. Rund 20.000 Personen befinden sich derzeit österreichweit wie Christian Ebner in Beschäftigungstherapie, die Arbeitslosenstatistik erfasst sie nicht. Und nicht nur, dass die Arbeit, die Ebner fast auf Vollzeitbasis in der Großküche verrichtet, nicht angemessen bezahlt wird – die Betroffenen erwerben dadurch auch keine eigene Sozialversicherung und somit vor allem keinen Anspruch auf eine Pension.

»Ich will endlich auf eigenen Beinen stehen«, sagt Christian Ebner. Die staatlichen Sozialleistungen ermöglichen ihm zwar das finanzielle Auskommen, das allein reiche aber nicht aus, sagt Marianne Schulze. Es gehe auch darum, die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung voranzubringen. Die Juristin ist Vorsitzende jenes Monitoringausschusses, der laut Bundesbehindertengesetz die Einhaltung der UN-Konvention überwachen soll. Obwohl der Ausschuss im Sozialministerium angesiedelt ist, agiert er unabhängig. »Zu glauben, es sei in Ordnung, dass Menschen mit Behinderung trotz ihrer eigenen Arbeitsleistung auf Almosen angewiesen sein sollen, ist völlig veraltet«, sagt Schulze. »Im Prinzip ist es ein Anschlag auf die Würde des Menschen.«

Christian Ebners Blick ist klar, das Lachen hell. Seine Einschränkung ist ihm nicht anzusehen. Auch wenn er spricht, hört man in erster Linie einen erdigen Steirer, der gern redet, sei es über die aktuelle politische Lage, den Abbau von Polizeiposten in der Gegend oder das neue Lied von Rihanna und Shakira.

Wie bei ihm bemerkt man bei vielen der Endzwanziger, die in der Kapfenberger Küche arbeiten, die Beeinträchtigung nicht. Viele haben wie Ebner eine Lernschwäche, andere Epilepsie oder beides. Auch bei Christian Ebner wurde eine solche festgestellt, allerdings in leichter Form. Für jene, bei denen Epilepsie stark ausgeprägt ist, birgt die Küche zu viele Gefahren, sie gehen dann bügeln oder ins Büro. Auf den ersten Blick sieht man es den Menschen hier nicht an, wer einer der elf Betreuer und vier Zivildiener ist und wer »Kunde«, wie es hier heißt. Doch dann gibt es wieder diese Momente, in denen sie Hemmungen zeigen, die nicht ihrem Alter entsprechen. Wenn jemand zufällig ein paar Zahlen sagt und daraus im Rauschen der Großküche eine Parodie auf eine Sexhotline-Werbung hochkocht wie in einer Schulklasse. Dann bebt dieses verschmitzte Lachen des Kollektivs.

Christian Ebner tut viele Dinge, die gesunde Menschen auch tun: Er lebt allein in einer Wohnung. Er spielt seit 13 Jahren Tuba. Er besucht jeden Sonntag seine Eltern zum Essen. Und er geht jeden Tag arbeiten.

Was aus ihm einen Behinderten macht, sind Unsicher heit, Befangenheit, Aussetzer. Wenn es zum Beispiel um das Belegen von Brötchen geht – obwohl es ihm oft vorgemacht wurde, gerät er immer wieder ins Stocken. Kommt zuerst die Mayonnaise oder das Gurkerl aufs Brot? Wie dünn soll er die Schinkenscheiben schneiden, und auf welche Art dreht man die Hand so, dass der Käse beim Falten nicht einknickt? Es sind wohl diese kleinen Momente der Schwebe, die ihn von vielen anderen unterscheiden. Das heißt aber nicht, dass er nicht richtig anpacken kann. Zum Beispiel, wenn er die dreckige Herdplatte mit Reinigungsmilch schrubbt. Oder den Eisbergsalat zerkleinert und die Blätter in den Wasserwannen wäscht. Oder mit den Fischfilets auf den Backblechen hantiert und die Portionen würzt. Oder wenn er am Ende des Tages die großen Wannen abwäscht und trocknet. Dann sind die Fensterscheiben vom heißen Dampf beschlagen, und allen in der Küche rinnt der Schweiß herunter.

Der Erlös aus den Leistungen, die hier erbracht werden, sei im besten Fall kostendeckend, sagt Karin Prethaler, Geschäftsführerin der Lebenshilfe im Bezirk Bruck an der Mur, zu der die Einrichtung in Kapfenberg gehört. Neben der Küche betreibt diese auch zwei Cafés und ein Büro, in dem Grußkarten gefertigt werden. Finanziert wird sie vor allem über Tagsätze, die in diesem Fall das Land Steiermark an die Lebenshilfe zahlt. Die Höhe der Tagsätze hänge vom Grad der Einschränkung des Betroffenen ab, sagt Prethaler. Wie hoch der Tagsatz für Christian Ebner ist, möchte sie nicht sagen. »Die Beschäftigungstherapien sind je nach Bundesland unterschiedlich geregelt«, sagt Hansjörg Hofer, der österreichische Behindertenanwalt. Wie viele Trägervereine es landesweit gibt und wie viel insgesamt für die Beschäftigungstherapien ausgegeben wird, weiß nicht einmal der Behindertenanwalt des Bundes.

»Man sollte diesen Sektor in die Sozialversicherung holen, richtige Arbeitsverträge schaffen und ein Gehalt statt Taschengeld ausbezahlen«, sagt Marianne Schulze, Vorsitzende des Monitoringausschusses. Werkstätten seien nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, sie seien sogar sehr wichtig, würden viel Hilfe und Schutz bieten. Aber die dortigen Rahmenbedingungen müssten sich ändern. Diese Notwendigkeit hat auch die Bundesregierung erkannt und im Nationalen Aktionsplan 2012 die »Schaffung einer sozialversicherungsrechtlichen Absicherung von Menschen mit Behinderungen in der Beschäftigungstherapie« für das Jahr 2015 angekündigt.

Bislang sei davon jedoch keine Rede, die Maßnahme komme nicht vom Fleck, sagt Schulze. Es könnte zwar zu einer Reform kommen, diese werde aber auf halbem Weg stehen bleiben, meint auch Behindertenanwalt Hofer. Die Reform werde lediglich darin bestehen, dass Behinderte in Werkstätten künftig zwar eine eigene Sozialversicherung haben, aber eben immer noch kein Gehalt, sondern weiterhin nur ein Taschengeld. Wie aber ginge ein Pensionsanspruch ohne reguläres Arbeitseinkommen?»Wenn man Pensionsanspruch hat, muss man ja auch ein Gehalt haben«, sagt die Brucker Lebenshilfe-Leiterin Prethaler. »Wie soll man sonst ins Sozialsystem einzahlen?« Sollte behinderten Menschen in der Beschäftigungstherapie dereinst ein echtes Gehalt ausbezahlt werden, stellt sich auch schon die nächste Frage: jene nach dessen Finanzierung. Bisherige Transferleistungen könnten dadurch ersetzt werden, sagt Behindertenanwalt Hofer. Doch wer für die Gehälter in den Werkstätten aufkommen würde, lässt das Sozialministerium auf Anfrage unbeantwortet.

Christian Ebner hat immer wieder versucht, den Sprung aus der Werkstatt in die ungeschützte Arbeitswelt zu schaffen – und ist immer wieder abgeblitzt. Er hat eine partielle Ausbildung als Koch, eine sogenannte Teilqualifizierungslehre, er hat auch schon einige Praktika in Gastronomiebetrieben absolviert.

»Doch als es dann darum gegangen ist, ob ich einen richtigen Job bekomme, hat mich doch keiner genommen.« Er sei nämlich brav und fleißig, würden alle versichern, aber eben nicht selbstständig genug, nicht schnell genug, würde sich nicht so gut unter Druck zurechtfinden. So wie Ebner ergeht es vielen Betroffenen, kaum einer von ihnen schafft es je aus der Werkstatt für Behinderte hinaus. Die Beschäftigten in der Kapfenberger Großküche erzählen von ein, zwei, die es in ein Gasthaus geschafft haben – aber das sind Ausnahmen. Und tatsächlich hat Christian Ebner kaum Erfahrung mit Arbeit unter Druck. Ein Grund dafür ist wohl auch Martin Obergruber. Denn Herr Martin, wie ihn hier alle nennen, ist einfach ein guter Chef. Und genau das ist das Problem.

Obergruber ist ein geradliniger Mann. Breite Brust, stoppelige Haare, ruhige Körperhaltung, der klassische Typ Turnlehrer. Täglich leitet er die Arbeiten in der Großküche, moderiert als Küchenchef mit klaren Anweisungen und verlässlichen Abmachungen. An der Wand hängen Listen, auf denen er in übersichtlichen Tabellen die Arbeitseinteilung seines Küchenpersonals festhält. So eine strukturierte Kommunikationskultur und klare Herangehensweise fehlt in herkömmlichen Firmen häufig. Wer Obergruber beobachtet, erkennt: In der normalen Arbeitswelt herrscht allzu oft jene Art von Flexibilität, die eigentlich nur Stress bedeutet. Nicht umsonst verglühen viele Arbeitnehmer unter Druck, wie die Debatte über Burnout zeigt – auch bei Menschen ohne Behinderung. Der Unterschied zu Christian Ebner ist nur, dass dieser eben schneller kapituliert als Menschen ohne Einschränkungen. Manchmal sei Christian stur, sagt Obergruber, manchmal gingen in der Großküche auch die Emotionen hoch. »Aber Christian könnte viele Dinge in einem normalen Betrieb machen«, sagt er. »Christian bräuchte dort allerdings eine Ansprechperson, einen Mentor, an den er sich immer wenden kann.« Und weil in herkömmlichen Betrieben kaum Zeit und Ressourcen für diese Art von Betreuung frei sind, bleiben Leute wie Christian Ebner in einer Zwischenwelt gefangen: zu gut für die Werkstatt, zu schlecht für den Arbeitsmarkt.

Eine richtige Arbeitsstelle würde für Christian Ebner aber auch ein immens großes Risiko bedeuten. Dann nämlich würde er automatisch sämtliche Sozialleistungen verlieren, auf die er als Mensch mit Behinderung Anspruch hat – dann gibt es keinen Weg zurück. Er würde dann Mindestsicherung erhalten, so wie jeder andere. Das Gesetz kennt nur ganz gesunde oder ganz behinderte Menschen, dazwischen gibt es nichts. Im Nationalen Aktionsplan für Behinderte kündigt die Bundesregierung zwar an, diese Diskrepanz abzuschleifen, in Wien gäbe es sogar ein Modell für so etwas, das Projekt »Rückversicherung«. Durch dieses können Menschen mit Behinderung einen Arbeitsversuch in einem herkömmlichen Betrieb wagen, ohne Angst haben zu müssen, ihre Ansprüche bei einem Scheitern völlig zu verlieren. Seit dem Jahr 2001 existiert das Projekt bereits, doch in den 13 Jahren wurde es weder gesetzlich verankert noch auf andere Bundesländer ausgeweitet. Es gibt zudem keine Erhebungen darüber, wie viele Betroffene von dieser »Rückversicherung« schon Gebrauch gemacht haben. Im Nationalen Aktionsplan heißt es, dieses Modell »sollte bundesweiter Standard werden«.

Doch bis wann zumindest das passieren soll, darauf weiß die Politik keine Antwort.

Erschienen in DATUM 3/2014

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