AUF DER FLUCHT

von Nina Brnada

Sie entkamen dem Krieg in Syrien und sind unter Lebensgefahr nach Österreich geflüchtet, um hier um Asyl anzusuchen. Vier syrische Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte.

Protokolle: Nina Brnada

Wer ist wer?

Inam ist 37 Jahre alt, sie ist Syrerin aus Damaskus. Ihr Mann wurde von Assad-treuer Polizei verhaftet und bis heute nicht freigelassen. Ihrem älteren Sohn drohte die Einberufung zum Militär, also verließ sie mit ihm und ihrem jüngeren Sohn im Jänner 2013 Syrien. In Österreich kam sie im November 2013 an (rote Fluchtroute).

Mustafa ist 30 Jahre alt, er ist Palästinenser und wurde in ­Damaskus im Palästinenser-Flüchtlingscamp Yarmouk geboren. Mustafa studierte Personalwesen und arbeitete in einem Damaszener Krankenhaus. Nachdem er als Zivilist durch die Kampfhandlungen ­verletzt worden war, floh er im Dezember 2013 mit seinen beiden Brüdern und kam nach drei­monatiger Flucht in ­Österreich an (hellblaue Fluchtroute).

Ahmet ist 35, Kurde und lebte in Al-Hasaka im Nordosten Syriens. Er ist verheiratet und Vater von zwei Mädchen. Der studierte Informatiker arbeitete vor dem Krieg in einer Apotheke. Er protestierte gegen das Assad-Regime und flüchtete wegen ­seiner Einberufung zum Militär (orange Fluchtroute).

Diyar ist Kurde, 18 Jahre alt, in seiner Heimatstadt Al-Qamischli beteiligte er sich an Protesten gegen das Assad-Regime und musste daraufhin fliehen. Er verließ Syrien im November 2012 und kam in Österreich Ende Jänner 2013 noch als Minderjähriger an (blaue Fluchtroute).

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Es ist eine der größten Flüchtlingstragödien seit dem Zweiten Weltkrieg. Wegen des Krieges hat nahezu jeder zweite Syrer sein Zuhause, oft auch seine Familie verlassen. Allein innerhalb der syrischen Grenzen sind 6,5 Millionen Menschen auf der Flucht – kein anderes Land der Erde hat derart viele Binnen­vertriebene. Über drei Millionen Menschen sind seit Kriegsausbruch im Jahr 2011 aus Syrien in Nachbarländer wie den Libanon, in die Türkei oder nach Jordanien geflohen. Im Libanon etwa ist inzwischen jeder vierte Einwohner ein Flüchtling, das ohnehin instabile Land hat laut UN-Flüchtlingshochkommissariat die größte Flüchtlingskonzentration der Welt.

 In Europa haben zwischen April 2011 und Juni 2014 in Summe lediglich 130.793 Flüchtlinge aus Syrien Asyl beantragt, in Österreich waren es bis zum 8. September 3.497 Personen. Auch weil die EU ihre Grenzen dichtmacht, müssen die Vertriebenen verschlungene, lebensgefährliche Irrwege auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen. So wie die vier Protagonisten dieser Geschichte: Inam, Mustafa, Ahmet und Diyar. Sie sind aus Syrien geflohen. Ihre Flucht hat viele Parallelen, sie zeigt aber auch, wie die Katastrophe jedes Leben auf eine andere Weise trifft. Für ihre subjektiven und unmittelbaren Fluchtgeschichten scheint uns keine der klassischen journalistischen Darstellungsformen geeignet. Deshalb haben wir die Erzählungen von Inam, Mustafa, Ahmed und Diyar in kurze Protokolle gegliedert. Sie tauchen zunächst wie Dias nacheinander auf, bleiben aber nicht nur Kollage, sondern fügen sich mit der Zeit zu einer bewegten Geschichte zusammen.

Das erste Opfer

Diyar: Ich war von Anfang an bei den Demonstrationen gegen das Assad-Regime. Ein jüngerer Bruder begleitete mich, einen älteren interessierte das dagegen nur wenig. Er hielt sich da raus, ging lieber arbeiten. Ich selbst habe auch Kundgebungen organisiert. Manchmal kamen 300 bis 400 Menschen. Das war im Herbst 2012.

Ahmet: Ich wollte, dass sich etwas ändert, also bin ich zu den Demos gegangen. Wir wollten das Regime stürzen. Angst hatte ich anfänglich keine, bei den Kundgebungen war ich nicht allein, sondern gemeinsam mit Verwandten und Freunden. Viele kamen, viele, die ich nie zuvor gesehen hatte. Irgendwann fing die Polizei an, auf uns Demonstranten zu schießen. Ich sah, wie Menschen, die gerade eben noch vor mir marschiert waren, getroffen wurden und zu Boden gingen.

Mustafa: Für mich begann der Krieg im März 2011, als das erste Opfer der Ausschreitungen in das Spital eingeliefert wurde, in dem ich gearbeitet habe. Es liegt im Süden von Damaskus. Ich habe dort die Patientenakten verwaltet und war für den Empfang zuständig. Dieser erste Patient, der von einer Demonstration zu uns kam, stammte aus Dar’a, einer Stadt im Süden Syriens. Ein Geschoß hatte sein Bein durchbohrt.

Inam: Eines Tages bekam ich einen Anruf von einem Nachbarn, der neben der Tapeziererwerkstatt meines Ehemanns ein Geschäft hatte. Er sagte, dass mein Mann soeben von der Polizei verhaftet worden sei. Dieser Anruf ist jetzt drei Jahre her. Bis heute ist mein Mann nicht freigekommen.

Ahmet: Als die Unruhen begannen, bekam ich Post vom Militär. Sie wollten mich einziehen. Ich hätte also für jenes System zur Waffe greifen müssen, gegen das ich demonstrierte. Am Anfang habe ich ein paar Beamte geschmiert, damit sie die Einberufung verhindern. Später hat das nichts mehr genützt. Die Militärpolizei suchte nach mir. Sie kamen öfters zu unserem Haus, einmal haben sie es auch durchsucht. Da war mir klar, ich muss das Land verlassen.

Inam: Nach der Verhaftung meines Mannes habe ich viel geweint. Ich wusste ja nicht, wo er ist, wie es ihm geht und ob er überhaupt noch am Leben ist. Niemand hat mir gesagt, warum er festgenommen worden war. Gemeinsam mit meiner Schwiegermutter habe ich ihn gesucht, wir haben bei allen Polizeistationen in der ­näheren Umgebung nach ihm gefragt. Irgendwann aber hörten wir damit auf. Wir hatten Angst, die Polizei zu verärgern und auf uns aufmerksam zu machen.

Diyar: Ich war gerade dabei, eine Demo zu organisieren, als mein Vater mich anrief. Er sagte, die Polizei suche nach mir, es sei zu gefährlich für mich, nach Hause zu kommen. Ich solle zu einem seiner Freunde gehen, mich dort einige Tage verstecken und abwarten.

Inam: Nun war ich völlig auf mich allein gestellt. Mein Schwiegervater ist sehr alt, er konnte sich nicht um meine Kinder und mich kümmern.

Diyar: Während ich mich beim Freund meines Vaters versteckte, hatte ich große Angst – weniger um mich selbst als um meine Familie. Was, wenn sie meinet­wegen ein Familienmitglied gefangen nehmen und foltern würden? Doch zum Glück passierte nichts. Mein Vater hatte aber schon begonnen, meine Flucht aus Syrien zu organisieren. So wie einer meiner älteren Brüder Monate zuvor, sollte auch ich versuchen, nach Österreich zu gelangen.

Mustafa: Ich dachte, dass die Kämpfe zwischen Regierung und Demonstranten so wie in anderen Ländern des Arabischen Frühlings, etwa in Tunesien, nach ein, zwei Monaten vorüber sein würden. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es in Syrien derart kompliziert werden und bis heute andauern würde.

Töten oder getötet werden

Diyar: Das Haus meiner Familie ist typisch arabisch, ein ebenerdiges Gebäude, bei dem alle Zimmer zum Hof ausgerichtet sind. Es war der Mittelpunkt unseres Alltags, 14 Personen in sechs Zimmern lebten unter seinem Dach. Das letzte Mal war ich am 9. November 2012 dort.

Inam: Ich hatte nicht nur Angst um meinen Mann, sondern auch um meinen älteren Sohn. Er war gerade volljährig geworden, ihm drohte also die Einberufung zum Militär. Er stammt aus meiner ersten Ehe und musste schon einiges mitmachen: Die neue Frau meines Ex-Mannes hatte ihn geschlagen, mein Mann stritt sich oft mit ihm. Meine Schwestern sagten, dass ich nichts für ihn tun könne, er müsse auf jeden Fall zum Militär. Für mich kam das nicht infrage, der Militärdienst hätte sein Leben in Gefahr gebracht. Ich musste handeln, also entschloss ich mich, mit meinen beiden Söhnen aus Syrien zu fliehen. Es war der 7. oder 8. Jänner 2013, als wir das Land verließen.

Ahmet: Ich wollte um keinen Preis zum Militär. Das Militär bedeutet töten oder getötet werden.

Mustafa: Ich bin Palästinenser, meine Großeltern mussten aus Nazareth fliehen, als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde. Meine Brüder und ich sind in Yarmouk aufgewachsen, dem größten palästinensischen Flüchtlingscamp in Syrien. Es wurde 1957 gegründet und liegt am Rande von Damaskus. Anfangs standen dort nur Zelte, später fingen die Flüchtlinge an, Lehmhütten zu bauen. Im Lauf der Zeit wurden daraus richtige Häuser. Durch den Krieg mussten wir Palästinenser wieder flüchten und nun auch Syrien verlassen.

Das Flugzeug hob ohne mich ab

Inam: Als wir in Benghazi ankamen, ließ uns der Fahrer aussteigen, mitten auf einer Straße, mitten im Nirgendwo. Mein Handy hatte keinen Empfang. Ich wusste nicht, was wir als Nächstes tun oder wohin ich mit meinen Kindern gehen sollte. Wir standen auf der Straße und wussten nicht weiter. Es war genau jenes Schreckensszenario, das ich mir vor unserer Abreise ausgemalt hatte, jetzt trat es tatsächlich ein. Dann aber hielt ein Auto neben uns. Der Fahrer bot an, uns zu einem Hotel zu bringen. Später habe ich erfahren, dass viele syrische Frauen in Libyen entführt werden. Gut, dass ich das vorher nicht gewusst habe, sonst wäre ich niemals in dieses Auto gestiegen.

Diyar: Nach zwei Wochen in Istanbul hatte ich einen Schlepper gefunden, der mir einen deutschen Pass besorgen wollte. Das Dokument lief auf einen falschen Namen. Ein Freund hat es mit so einer Fälschung bis nach Deutschland geschafft. Der Schlepper hatte einen Kontaktmann in Syrien, mit dem es eine Vereinbarung gab. Mein Vater, der in Syrien zurückgeblieben war, gab diesem Verbindungsmann 9.000 Euro. Dieser fungierte als eine Art Treuhänder – falls ich es nach Wien schaffte, würde er das Geld an jenen Schlepper weiterleiten, der mir den falschen Pass besorgt hatte. Sollte ich es nicht schaffen, würde der Kontaktmann meinem Vater die gesamten 9.000 Euro zurückgeben.

Mustafa: Mit einem Schlepper einigten wir uns auf eine Flucht über Griechenland. Wir fuhren von Istanbul in den Süden an die Küste nach Çeşme, rund 100 Kilometer südwestlich von Izmir. Dort wartete ein Boot auf uns; wir waren insgesamt 16 Personen. Mit dem lokalen Schlepper konnten wir uns nicht verständigen, er sprach nur Türkisch. Er fuhr uns mit dem Boot an eine unbewohnte Stelle, vielleicht war es eine Insel oder ein Teil des Festlands, ich habe keine Ahnung. Dort mussten wir aussteigen, er selbst kehrte wieder um. Er wollte eine weitere Gruppe holen, um uns danach nach Griechenland zu bringen. Doch auf der Rückfahrt ging sein Boot kaputt, er schaffte es gerade noch zurück nach Çeşme. Das haben uns jene erzählt, die dort warteten – wir standen mit ihnen telefonisch in Kontakt.

Diyar: Nachdem ich den falschen Pass bekommen hatte, fuhr ich zum Istanbuler Flughafen Atatürk. Der Schlepper hatte mein Flugticket im Internet gekauft; er sagte, ich solle es mit meinem neuen Pass am Ticketschalter abholen. Als Zielort stand Wien auf der Karte. Ich passierte sämtliche Kontrollen: Ticket, Gepäck, Pass. Niemand hielt mich auf. Alles schien zu funktionieren. Ich dachte schon, ich hätte es geschafft. Dann aber kam eine Mitarbeiterin der Turkish Airlines zu mir und bat mich, Platz zu nehmen und kurz zu warten. Nach einigen Minuten tauchten zwei Flughafenpolizisten auf und nahmen mich fest. Das Flugzeug nach Wien hob ohne mich ab. Mein Vater bekam seine 9.000 Euro zurück.

Mustafa: Wir saßen auf diesem unbewohnten Landstrich fest und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Also riefen wir jenen Schlepper an, mit dem wir in Istanbul alles vereinbart hatten. Er sagte uns nur, dass wir kein Feuer ent­fachen dürften, um die Polizei nicht auf uns aufmerksam zu machen. Aber es war windig und kalt, die Kinder konnten nicht einschlafen – also machten wir Feuer. Dennoch blieben wir unentdeckt. Täglich telefonierten wir mit dem Schlepper in Istanbul: War es Vormittag, versprach er uns für den Abend ein Boot. Am Abend hieß es, es komme eines am nächsten Morgen. Nach dem ersten Tag hatten wir kein Essen mehr. Ich hatte zumindest zwei Stangen Zigaretten mit, die ich zuvor gekauft hatte. Am dritten Tag waren wir ausgehungert; ich war so schwach, ich hatte kaum noch Kraft in meinen Armen. Bevor uns allen die Handyakkus ausgingen, telefonierten wir noch einmal mit dem Schlepper. Wir sagten ihm, dass wir sterben würden, wenn er nichts unternimmt. Daraufhin verständigte er die türkische Polizei, die uns zurück nach Çeşme brachte. Dort kamen wir ins Gefängnis, wurden aber gleich am nächsten Tag wieder freigelassen.

Ahmet: Für meine Familie wäre es unzumutbar gewesen, wie ich über den Grenzzaun zu klettern und womöglich beschossen zu werden. Also bezahlten sie 1.000 Dollar Schmiergeld an einen Polizisten an der syrisch-türkischen Grenze, damit er sie am regulären Übergang durchwinkt. Sie kamen zu mir nach Istanbul, wo ich auf sie wartete. Schon bald jedoch sollte ich weiterziehen und meine Familie erneut zurücklassen. Weil eine gemeinsame Flucht zu gefährlich gewesen wäre, wollte ich mich zunächst allein durchschlagen und sie später nachholen.

Diyar: »Solltest du am Flughafen gefasst werden, dann behaupte, dass du Palästinenser bist«, hatte mir ein Bekannter in Istanbul geraten – was ich auch getan habe. Ich sagte, ich sei aus Gaza geflohen. Ich war ­ziemlich nervös, während ich auf der Rückbank im Wagen der beiden Flughafenpolizisten saß. Sie ließen mich meinen Bruder anrufen, mit dem ich dann ­Kurdisch sprach. Weil aber einer der Polizisten selbst Kurde war, flog meine Tarnung als Palästinenser auf. Dennoch blieben die Sicherheitsbeamten mir gegenüber freundlich. Sie nahmen mich auf ihr Wachzimmer mit, wo ich medizinisch untersucht wurde. Und weil ich dort der Jüngste war, ließen sie mich nicht in einer Zelle schlafen, sondern in einem normalen Zimmer. Am nächsten Tag brachten sie mich dann ins Flüchtlingscamp in der Stadt.

Inam: Benghazi war nur eine Zwischenstation, unser Ziel war Tripolis. Bustickets für uns drei hatte ich bereits gekauft. Was ich aber nach unserer Ankunft tun sollte, das wusste ich nicht. Ich kannte dort niemanden. Also begann ich, über Skype Syrer in Tripolis zu kon­taktieren. Ich sagte, dass ich zwei Kinder habe und eine Wohnung suche. Ich hatte zwar Angst vor Fremden, doch ich wusste mir nicht anders zu helfen. Einer ­dieser Gesprächspartner war sehr hilfsbereit, er bot sich gleich an und lud uns zu sich nach Hause ein. Seine Mutter und seine Schwester lebten ebenfalls bei ihm. Zehn Tage blieben wir bei ihnen, dann fanden wir etwas eigenes: eine heruntergekommene Wohnung mit zwei Zimmern. Dort zog es, die Türen gingen nicht zu und das Bad wurde von mehreren Familien benutzt. Es war ein Loch.

Mustafa: Von Çeşme aus starteten meine Brüder und ich einen zweiten Versuch, nach Griechenland, genauer gesagt auf die gegenüberliegende Insel Chios, zu gelangen. Wir stiegen in ein Schlauchboot, in dem diesmal 36 Personen saßen, alles Flüchtlinge. Die Schlepper hatten einigen von uns zuvor erklärt, wie das Boot zu steuern war. Sie reichten uns noch einen Kanister mit zehn Liter Diesel herein für den Fall, dass wir uns verfahren würden. Drei, vier Stunden tuckerten wir mit vielleicht zehn Kilometern pro Stunde hinaus aufs Meer. Dann fuhr ein Boot mit griechischer Flagge auf uns zu – es war die Polizei. Sie nahmen jedem von uns Wertsachen, Handys und Dokumente ab und schmissen sie ins Wasser. Unser Geld steckten sie sich in die eigenen Taschen. Dann leinten sie unser Boot an das ihre und fuhren mit uns in türkische Gewässer. Dort banden sie es los und sagten, wir sollten zurück in die Türkei fahren. Wir versuchten uns zu orientieren, doch wir wussten nicht, wohin. Es herrschte Panik. Eine Stunde später tauchte ein weiteres Schlauchboot mit einem unserer Schlepper auf. Wir warteten mit ihm den Sonnenuntergang ab, danach fuhr er vor und lotste uns auf einem anderen Weg nach Chios.

Diyar: Das Flüchtlingslager, in das mich die Istanbuler Polizei gebracht hatte, war gut, sauber. Viele Afghanen lebten dort, ich war der einzige syrische Kurde. Wir konnten uns nicht unterhalten, denn wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Verstanden habe ich nur die Frage, ob ich Muslim sei – da habe ich genickt. Als sie mich fragten, ob ich Schiit sei, habe ich den Kopf geschüttelt – ich bin Sunnit. Sie aber waren Schiiten. Wir wurden nicht die besten Freunde. Fünf Tage blieb ich in diesem Flüchtlingslager. Ich konnte dort ein- und ausgehen, wann immer ich wollte. Eines Abends kehrte ich einfach nicht mehr zurück. Stattdessen fuhr ich nach Aksaray, ins Istanbuler Schlepperviertel, um jemanden zu finden, der mir beim nächsten Fluchtversuch helfen konnte.

Mustafa: Die griechische Polizei hatte uns zwar unser Geld genommen, wir hatten aber noch welches bei Western Union in Istanbul zurückgelegt. Wir hatten es uns selbst zu unserem nächsten Ziel geschickt, nach Athen. Sollten wir dort nicht ankommen, hätten  wir  es auch in der Türkei wieder abheben können. Unser gesamtes Geld haben wir nie auf einmal mitgenommen. So machen das alle – für den Fall, dass etwas nicht klappt. Bei unserem erneuten Versuch ging aber nichts mehr schief, wir landeten auf der nahegelegenen griechischen Insel Chios.

Inam: Wir blieben neun Monate in Tripolis. Meinen jüngeren Sohn konnte ich in dieser Zeit nicht in die Schule einschreiben. Der ältere arbeitete auf dem Bau. In Tripolis kam es damals zu ersten größeren Gefechten. Eines Tages rief mich mein älterer Sohn an; er weinte und sagte, er habe gerade gesehen, wie Autos angehalten und Menschen auf offener Straße erschossen wurden. Da wusste ich, dass wir auch in Libyen nicht mehr sicher waren. Ich hörte mich um, wie wir aus dem Land rauskommen könnten. Ich erfuhr, dass es einige mit dem Boot nach Europa versuchen wollen. Ich rief einen Schlepper an, dessen Nummer ich von einer Nachbarin bekommen hatte – er organisierte unsere Flucht. Für uns drei zahlte ich ihm dafür insgesamt 7.500 Dollar. Rund 5.000 Dollar kamen von einer Familie aus Tripolis, die Mitleid mit uns hatte, für den Rest verkaufte ich meinen Goldschmuck.

Mustafa: Ein paar von uns wurden von der griechischen Polizei nach unserer Ankunft auf Chios misshandelt. Sie schlugen sofort zu, wenn man bei den Kontrollen nicht gleich die Beine spreizte. Sie schimpften uns Malaka, Wichser.

Diyar: Ich wollte so schnell wie möglich nach Österreich. Die Schlepper in Aksaray sagten mir aber, ich müsse mich mindestens einen Monat gedulden. Ich telefonierte regelmäßig mit meinem Vater in Syrien. Er meinte, ich solle auch einen Bekannten von ihm in Istanbul kontaktieren. Dieser Mann bot mir an, eine Wohnung und einen Job für mich zu finden. Er hat sogar gesagt, er könne mir auch eine Braut vermitteln. Ich aber wollte nur weg. Bis es so weit war, mochte ich niemandem auf der Tasche liegen, also heuerte ich in einer Textilfabrik an, im Osten der Stadt.

Dann nahmen sie uns fest

Inam: Wir warteten noch zwei Wochen in Tripolis, bis es losgehen konnte. Die See war zu stürmisch, also mussten wir uns gedulden, bis sich das Wetter beruhigt hatte. Dann fuhren wir los, das war im Oktober 2013.

Diyar: In der Fabrik wurde Männer- und Kinderkleidung genäht. Ich habe auf dem Gelände nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt. Es gab einen großen Schlafraum, wo ich mit vielen türkischen Kurden zusammenlebte. Manchmal bekamen wir Essen, manchmal durften wir selbst kochen. Die Gehaltsauszahlung habe ich nicht mehr abgewartet, denn nach nur einer Woche bin ich weg. Ein Schlepper hatte sich unerwartet rasch gemeldet. Er sagte, er habe bereits eine Möglichkeit gefunden, mich nach Österreich zu bringen. Mir blieb keine Zeit, mich von meinen neuen Freunden in Istanbul zu verabschieden. Noch am selben Tag traf ich mich mit dem Schlepper.

Ahmet: Für die Schlepper ist das, was sie tun, nicht mehr als ihre Arbeit. Sie nützen aus, dass wir Flüchtlinge Hilfe brauchen und uns sonst kaum jemand unterstützt.

Diyar: Als Treffpunkt vereinbarten wir einen Park in Aksaray. Der Mann war ein syrischer Kurde; alle, die im Wagen saßen, waren Kurden, neun Personen, alles Männer. Der Schlepper fuhr uns aus Istanbul hinaus in den Nordwesten, bis knapp vor die türkisch-bulgarische Grenze. Dort warteten ein Afghane und ein Iraner auf uns. Es war Nacht, sehr kalt, im Dezember 2012.

Ahmet: Erneut ließ ich meine Familie zurück, um vorauszufahren. Ich traf mich mit den Schleppern und 17 anderen Männern in Aksaray. Ein Bus brachte uns in einen Istanbuler Vorort, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Dort mussten wir in einen Kühlwagen umsteigen, auch zwei Frauen kamen dazu. Der Laderaum des Transporters war sehr gut abgedichtet. Die einzige Luftzufuhr war die Kühlung; wenn diese nicht aufgedreht war, wurde es schnell sehr warm. Wenn wir keine Luft mehr bekamen, gaben wir dem Fahrer durch ein Klopfen an der Wand ein Zeichen, damit er die Kühlung stärker aufdreht. Meistens brannte Licht. Wurde es ausgeschaltet, war das das Signal, dass wir uns irgendeiner Staatsgrenze zwischen der Türkei und Österreich näherten.

Inam: Kurz vor unserer Abreise hätte ich am liebsten alles abgesagt. Ich hatte große Angst vor dem Meer und dem Unbekannten, vor dem, was auf uns zukommen würde. Auch meine Söhne wären lieber in Libyen geblieben. Aber es ging nicht mehr, es war zu gefährlich. Am nächsten Tag setzten wir uns ins Boot. Jeder durfte als Gepäckstück einen Rucksack mitnehmen. Wir waren über 200 Menschen auf diesem Fischerboot, das nur für etwa 50 Personen vorgesehen war. Wir konnten uns kaum bewegen. Jeder von uns trug eine Schwimmweste.

Diyar: Wir sahen die vielen LKW, die an der bulgarischen Grenze auf die Einreise in die EU warteten. Der Afghane und der Perser sollten uns zu Fuß den Weg über die Grenze weisen. Aber schon nach den ersten 50 Metern deuteten sie uns, wir sollten uns hinter Bäumen verstecken. Die Angst, entdeckt zu werden, war zu groß. Wir probierten es daraufhin an vier anderen Stellen: Die erste Route endete an einem Teich, den wir nicht überqueren konnten. Die zweite wurde von einer türkischen Polizeistreife versperrt, der dritte Weg führte über eine Feuchtwiese. Dort sackten wir beim Gehen bis zu den Knien ins Nass ein, wir mussten also umkehren. Geklappt hat es schließlich über die vierte Route: Wir mussten über einen Bach springen und über drei Grenzzäune klettern. Als wir endlich auf der anderen Seite standen, merkten wir erst, wie kalt uns war, wir waren völlig durchnässt. Keine 15 Minuten später spürte uns die bulgarische Polizei in einem Waldstück nahe der Straße auf. Wir wurden festgenommen.

Mustafa: Die Polizei auf Chios schlug auch meinen Bruder Ahmad, sie glaubten ihm nicht, dass wir das Boot selbst gesteuert hätten. Wir wurden für vier Tage eingesperrt. Im Gefängnis besuchten uns Vertreter der Vereinten Nationen, sie sagten uns, wir sollten in Griechenland Asyl beantragen. Als wir freikamen, mussten wir der Polizei versichern, Griechenland innerhalb von sechs Monaten zu verlassen. Wir hatten kein Geld mehr und borgten uns von anderen Syrern 150 Euro. Damit kauften wir uns Tickets für die Fähre und fuhren nach Athen.

Inam: In unserem Boot saßen viele Familien, die meisten von ihnen waren aus Syrien. Daneben gab es auch viele Männer, die allein unterwegs waren, Pakistanis und Afrikaner. Vor dem Start erklärten die Schlepper einigen der Flüchtlinge, wie das Boot zu bedienen sei. Sie selbst gingen nicht mit an Bord, die Passagiere mussten es selbst steuern. Wir verbrachten die Nacht auf dem offenen Meer, es war schon kalt geworden, bereits Oktober, meine Söhne trugen aber nur kurzärmlige T-Shirts. Der jüngere musste sich, wie damals auf dem Flug von Beirut nach Kairo, auch jetzt auf dem Boot ständig übergeben.

Diyar: Die bulgarische Polizei brachte uns in ein Gefängnis. Einer der Kurden aus der Gruppe war Englischlehrer, er konnte sich mit den Polizisten verständigen. Sie brachten uns in einen kleinen Raum, wo man sich weder hinsetzen noch hinlegen konnte. Wir behielten unsere nasse Kleidung an. Nach sieben Stunden wurden wir in eine Anstalt in die Hauptstadt Sofia überstellt.

Inam: Während der Fahrt fiel plötzlich der Motor aus – er wurde mitten auf dem Meer not­dürftig repariert. Es war schrecklich. An Bord waren auch Babys, die nicht älter als zwei Wochen waren. Nach 30 Stunden auf See entdeckte uns die italienische Küstenwache. Ich war heilfroh, als ich die Italiener sah. Sie brachten uns nach Lampedusa.

Mustafa: In Athen suchten wir uns ein Zimmer, und ich ging ins Spital, um meine Verletzungen verarzten zu lassen.

Inam: Die Quartiere auf Lampedusa waren überfüllt, wir schliefen unter freiem Himmel. Fünf Tage blieben wir dort, dann flogen uns die Behörden aufs italienische Festland. Ich kann mich nicht erinnern, wie der Ort hieß, an den man uns brachte, ich weiß nur noch, dass er im Süden des Landes war.

Diyar: Weil ich minderjährig war, steckten sie mich in den Familientrakt. In diesem Gefängnis war ich der einzige Kurde aus Syrien, es gab viele Afghanen. Schwarze Menschen hatte ich zum ersten Mal in Istanbul gesehen, hier im Gefängnis freundete ich mich mit einigen von ihnen an. Die Afrikaner sind nette Menschen, sie sind nicht nachtragend und sie haben Mitleid mit den Menschen in Syrien.

Die Luft war abgestanden

Mustafa: Nach einem Monat in Athen fanden wir schließlich einen Schlepper, der für uns einen LKW-Transport nach Österreich organisieren wollte.

Diyar: Ich wollte raus aus dem Gefängnis, dafür musste ich aber eine Meldeadresse in Sofia vorweisen können. Das ist zwar völlig absurd, aber um 50 Euro kann man sich so etwas besorgen. Als ich die Adresse hatte, wurde ich aus dem Gefängnis entlassen, musste mich aber dafür in einem Flüchtlingslager melden. Nach zwei Stunden dort ging ich zur Busstation, wo ein Schlepper auf mich wartete. Diesen Kontakt hatte ich im Gefängnis bekommen. Er kaufte mir ein Busticket bis nach Ruse, einer Stadt in Nordbulgarien, und sagte, ich solle bei der letzten Station aussteigen. Er gehörte zu jener Gruppe von Schleppern, die mich schon nach Bulgarien gebracht hatten. Schlepper handeln nicht allein, sondern es ist ein ganzes Schleppernetz, durch das Flüchtlinge weitergereicht werden. Der Mann etwa, der mich nun von Bulgarien nach Österreich bringen sollte, kannte diejenigen, die mich aus Istanbul hierher gebracht hatten. Ich hatte kein Geld, um die Schlepper sofort zu bezahlen, aber das war egal, denn sie wussten, sie bekommen ihr Geld von meinen Verwandten in Syrien in dem Moment, in dem ich in Österreich ankomme. Das ist so üblich.

Mustafa: Wir stiegen in einen LKW, man gab uns Flaschen, Behälter zum Urinieren. Den Wagen hatten meine Brüder und ich für uns allein. Als wir drinnen waren, schlichteten die Schlepper Kartons hinein, um uns zu verstecken.

Diyar: An der Bushaltestelle in Ruse holte mich, wie ausgemacht, eine Kontaktperson ab. Wir gingen in ihre Wohnung, wo ich einige Tage blieb. Mit mir waren dort noch zwölf andere Flüchtlinge untergebracht. Jeden Tag gingen drei von uns weg. Als ich an der Reihe war, brachte der Schlepper meine Gruppe in einen Wald an der bulgarisch-rumänischen Grenze, wo wir vier Stunden lang umherstreiften. Es regnete. Wir versteckten uns vor einer Polizeistreife, bis die weiterfuhr und wir zum Haus eines weiteren Schleppers auf der rumänischen Seite der Grenze gehen konnten. Dort blieben wir einen Tag.

Ahmet: Wir saßen also in diesem Kühltransporter nach Österreich. Jeder von uns hatte ein Stück Brot und Bananen bekommen. Wenn wir urinieren mussten, benutzten wir Männer Flaschen, die man uns vor dem Einsteigen gegeben hatte. Wenn eine der beiden Frauen musste, knoteten wir aus unseren Westen eine Art Vorhang. Es war eine Katastrophe. Wir alle hatten Angst. Es war heiß, die Luft war schlecht und abgestanden.

Diyar: Für meine nächste Fahrt musste ich mich im Hohlraum eines Kombis zusammen mit einem anderen Kurden und einem Christen aus Syrien verstecken. Das Versteck befand sich unter der Platte, an der die Sitze angeschraubt sind. Wir legten uns hin, dann wurden wir eingeschlossen. Ich in der Mitte, der Christ rechts von mir. Über seinem Kopf war ein Loch; es war dazu da, uns mit Luft zu versorgen. Der Mann links von mir hatte es am schlechtesten erwischt, er lag am weitesten von der Öffnung entfernt. Zunächst hatte ich Angst, wieder verhaftet zu werden, wie am Istanbuler Flughafen und an der türkisch-bulgarischen Grenze. Wir lagen da wie Tote in Särgen, konnten uns nicht bewegen, es war dunkel und kalt, wir konnten nichts trinken, unsere Rücken schmerzten. Erst redeten wir über die Lage in Syrien, irgendwann später habe ich angefangen, kurdische Lieder zu singen. Doch wir konnten der Panik nicht entkommen, wir fingen an, gegen die Abdeckung zu hämmern, immer heftiger. Wir wollten aus dieser Box heraus, haben es kaum ausgehalten. Phasenweise war es uns egal, ob uns die Polizei entdeckt oder nicht, denn die Beklemmung war kaum auszuhalten. Der Fahrer hat unser Klopfen ignoriert und ist einfach weitergefahren.

Ahmet: Die Fahrt von Istanbul nach Österreich dauerte 40 Stunden. An einer Autobahnraststätte hat der Fahrer dann halt gemacht und uns herausgelassen. Wir hatten keine Ahnung, wo wir waren. Mit zwei anderen Flüchtlingen ging ich schließlich los, bis wir eine Tankstelle erreichten.

Mustafa: Fünf Tage waren meine Brüder und ich in diesem LKW, ohne Pause, ohne Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse. Für den Fahrer war es wie eine gewöhnliche Fahrt: Er hat geschlafen, Reifen gewechselt, ganz so, als ob in seinem Wagen nichts anderes als irgendwelche Kisten gestapelt wären. Wir drei hatten derweil keine Ahnung, wo wir waren. Wir hatten ständig Angst, dass er uns irgendwo außerhalb Österreichs aussetzt.

Ahmet: An der Tankstelle hat man uns dann ein Taxi besorgt. Mit dem fuhren wir ins Stadtzentrum von Wien, bis zu einer U-Bahn-Station. Wo genau das war, weiß ich nicht. Für die Fahrt bezahlten wir 90 Euro. Wir hatten einen Zettel dabei, den uns der Fahrer des LKW beim Aussteigen gegeben hatte. Auf dem stand Traiskirchen. Wir fragten uns durch und fuhren mit dem Zug dorthin.

Inam: Eine syrische Frau, die wir auf der Flucht trafen, erzählte von einem Onkel, der ebenfalls geflohlen sei und in Österreich Asyl bekommen habe. Sicher und schön sei es dort. Auf dem italienischen Festland angekommen, haben wir nicht gezögert: Man brachte uns zwar in ein Flüchtlingslager, aber da blieben wir nur zwei Stunden. Dann gingen wir zum Bahnhof und kauften uns Tickets für die Fahrt nach Wien.

Mustafa: Nachdem meine Brüder und ich aus dem LKW ausgestiegen waren, lagen wir erst einmal eine halbe Stunde auf dem Boden. Fünf Tage lang hatten wir kein Tageslicht gesehen. Unweit von dieser Stelle war eine Tankstelle. Dort stand ein Taxi, mit dem wir für rund 40 Euro bis vor die Tore des Flüchtlingslagers Traiskirchen fuhren. Es war der 18. Februar 2014.

Diyar: Auf einem Parkplatz hat uns der Fahrer aus dem Versteck unter den Autositzen hervorgeholt. Was aus dem anderen Kurden und dem Christen geworden ist – ich weiß es nicht. Ich stieg in das Auto eines Mannes um, den der Schlepper kannte. Dieser brachte mich in die Nähe von Traiskirchen und sagte, ich solle zu den Beamten dort »Asyl« sagen.

Ich habe den Tod gesehen

Ahmet: Ich konnte mir in meinem ganzen Leben nicht vorstellen, Syrien zu verlassen, und jetzt lebe ich so weit von meiner Heimat entfernt. In den vergangenen drei Jahren habe ich den Tod gesehen. Meine Flucht nach Österreich war sehr anstrengend. Jetzt habe ich Angst um meine Eltern, die noch immer in Syrien sind und nun vom Islamischen Staat bedroht werden. Meine Frau und meine Kinder sind mittels Familienzusammenführung inzwischen auch nach Österreich gekommen. Wir leben heute in Wien.

Mustafa: Viele, die ich kenne, sind enttäuscht davon, wie sie in Österreich behandelt werden. Oft müssen sie sehr lange auf den Asylbescheid warten, leben in feuchten Unterkünften, irgendwo in der Provinz. Es gibt Familien, von denen beispielsweise alle Asyl bekommen – bis auf ein Mitglied. Obwohl sie alle das Gleiche erlebt haben. So etwas schafft viel Leid und Verzweiflung. Meine Brüder und ich haben Asyl bekommen und suchen nun eine Wohnung in Wien. Bald möchte ich auch meine Frau nach Österreich holen.

Inam: Meine Söhne und ich haben subsidiären Schutz bekommen und leben heute in Wien. Warum mein Mann festgenommen wurde, weiß ich immer noch nicht. Aber heute weiß ich wenigstens, dass er noch lebt. Er ist nach wie vor in Syrien im Gefängnis.

Diyar: Ich habe Asyl erhalten und konnte meine Eltern genauso wie meine minderjährigen Geschwister mittels Familienzusammenführung nachholen. Auch eine meiner Schwestern, die zwar volljährig ist, aber wegen ihrer Behinderung nicht allein leben kann, hat in Österreich Asyl bekommen. Seit ich geflohen bin, schlafe ich nicht gut. Ich war bisher bei drei Psychologen in Behandlung. Viele meiner Freunde in Syrien sind gestorben, das macht mich sehr traurig. Ich habe versucht, mich umzubringen, aber es hat nicht funktioniert. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich weisen.

 

Diyar: Meine Mutter packte Hosen und T-Shirts in eine Tasche, dazu zwei Winterjacken und Schuhe. Ich steckte noch eine Speicherkarte mit Fotos von Familie und Freunden ein. Zum Mittagessen gab es gefüllte Weinblätter, mein Lieblingsessen. Meine Mutter weinte, wir alle waren sehr traurig. Um 16 Uhr musste ich weg, ein Bekannter meines Vaters kam mit seinem Auto, um mich fortzubringen.

Ahmet: Ich bin verheiratet und habe zwei kleine Mädchen. Der Abschied war furchtbar, doch wir hatten keine Wahl. Mein Cousin holte mich mit seinem Auto ab und fuhr mich an die syrisch-türkische Grenze, rund 70 Kilometer von meiner Heimatstadt Al-Hasaka entfernt. Von dort aus wollte ich zu Fuß in die Türkei. Meine Familie sollte so schnell wie möglich nachkommen.

Mustafa: Im Dezember 2012 besetzten erste Rebellen das Yarmouk-Camp. Vor ihnen hatten wir weniger Angst als vor den drohenden Bombardements von Assads Luftwaffe. Ich flüchtete mit meinen Eltern und meinen Brüdern zu Freunden in einen Vorort von Damaskus. Rund 20 Gehminuten von dort entfernt liegt das Haus meiner Schwiegereltern, wohin ich nach meiner Heirat zog. Meine Frau und ich heirateten mitten im Krieg. Der war mittlerweile zum Alltag geworden, höchstens das Geräusch von herannahenden Flugzeugen konnte uns noch in Aufregung versetzen. Die ständigen Schüsse aber empfanden wir fast schon als normal. An einem Nachmittag versuchte ich ein wenig zu schlafen. Was dann geschah, weiß ich nur aus Erzählungen: Eine Granate traf das Haus meiner Schwiegereltern, die Wohnzimmerwand stürzte auf mich herab, ich verlor das Bewusstsein. Meine Frau und ihre Eltern waren nicht im selben Raum, ihnen passierte nichts. Sie riefen meine beiden Brüder an, die mich abholten und zum Arzt brachten. Meine Frau konnte mich nicht begleiten, das wäre zu gefährlich gewesen, denn auf dem Weg zur Ambulanz wurde gekämpft. Mein Ellbogen war gebrochen, das Becken geprellt. Meine Brüder und ich gingen danach zu unseren Eltern. Sie sagten, ich müsse sofort das Land verlassen und mich im Ausland behandeln lassen. Meine Frau ist noch am selben Tag mit ihren Eltern zu ihrer Schwester geflüchtet, deren Haus ungefähr vier Kilometer entfernt liegt. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.

Inam: Für unsere Flucht sortierte ich tagelang unsere Dokumente, packte die wichtigste Kleidung ein und bereitete Essen für die Fahrt zu, Gebäck, das ich mit Käse und Zatar füllte, einer Gewürzmischung aus Kräutern wie Thymian, Sesam und Salz. Von Verwandten borgte ich mir 700 Dollar.

Mustafa: Wir wollten nach Österreich, weil wir schon öfter Österreicher getroffen hatten. Sie waren im Rahmen verschiedener Friedensmissionen nach Syrien gekommen und arbeiteten auch für das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge, das uns in Yarmouk betreut hatte. Zudem kennt jeder Araber das Lied der syrischen Sängerin Asmahan, in dem sie die schönen Nächte in Wien besingt.

700 Dollar pro Person

Inam: Ich habe die ganze Nacht vor unserer Flucht kein Auge zugetan. Eine ganz konkrete Vorstellung machte mir Angst: Mit meinen beiden Söhnen irre ich auf irgendeiner Straße umher, allein, ohne Ziel. Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Sammeltaxi von Damaskus zum Flughafen nach Beirut. Neben dem Fahrer saßen noch zwei fremde Männer.

Mustafa: Mein verletzter Ellbogen und mein Becken taten sehr weh. Wegen der starken Schmerzen hätte ich nicht allein fliehen können. Meine Brüder wollten mit mir kommen, auch um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Wir organisierten über einen befreundeten General der syrischen Armee einen Inlandsflug von Damaskus nach Al-Qamischli – der Landweg kam für uns nicht infrage, weil wir es für unmöglich hielten, alle Kontrollpunkte unbeschadet zu passieren. Wir zahlten rund 700 Dollar pro Person. Ein schwarzer Mercedes mit Militärkennzeichen holte uns von zu Hause ab. Wir mussten bei keinem der vielen Checkpoints in der Stadt halten, die Soldaten winkten uns bis zum Flughafen einfach durch.

Inam: Von Beirut wollten wir nach Kairo fliegen. In Ägypten bleiben kam aber nicht infrage – ich hatte nämlich gehört, dass seit den Umbrüchen dort viele junge Menschen drogensüchtig sind. Meinen Kindern sollte dieses Schicksal erspart werden. Lieber wollte ich mit meinen Söhnen nach Libyen, dort schien es mir am sichersten zu sein.

Diyar: Der Bekannte meines Vaters, der mich nach dem Mittagessen abholte, war ein Schlepper. Meine Heimatstadt Al-Qamischli liegt gleich an der Grenze zur Türkei, es war also nicht wirklich weit. Dennoch brauchte ich den Mann, denn er kannte die besten Wege auf die andere Seite. Mein Vater zahlte ihm 25.000 syrische Lira – damals waren das rund 280 Euro, heute wäre das nicht einmal die Hälfte wert. Kurz vor der Grenze stieg ich aus dem Auto und ging allein weiter. Ich hatte Glück, ich stieß weder auf Polizei noch auf Soldaten.

Mustafa: Am Damaszener Flughafen holte der Militär unsere Tickets und verabschiedete sich. Zwei Stunden später startete unser Flugzeug nach Al-Qamischli, wo uns ein Mann erwartete. Es war ungefähr 19 Uhr. Wir fuhren mit ihm zu seinem Haus, das uns für diese Nacht Obdach bot. Am nächsten Tag brachte uns der Mann direkt an die türkische Grenze.

Ahmet: Für den Weg über die Grenze organisierte ich mir einen Schlepper aus Al-Qamischli. Er verlangte 100 US-Dollar, dafür sollte er mich zu einer Stelle führen, wo es am einfachsten ist, über die drei Zäune zu klettern, die Syrien von der Türkei trennen. Zuerst lief alles gut, der erste und der zweite Zaun waren kein Problem. Doch beim dritten hörte ich plötzlich Schüsse – die türkischen Grenzposten feuerten auf mich.

Mustafa: Wir drei sind mit dem Schlepper eine halbe Stunde durch die Gegend gelaufen, bis wir die Grenze überqueren konnten. Durchgekommen sind wir an einer Stelle, an der der Sperrzaun durchtrennt war.

Ahmet: Die türkischen Grenzwachen riefen mir zu, dass ich wieder nach Syrien zurücksolle. Heute glaube ich, dass sie absichtlich danebengezielt haben. Ich war allein auf diesem Zaun und hatte große Angst. Mir ging alles Mögliche durch den Kopf. Meine Kinder, meine Frau. Es war pures Adrenalin. Ich beeilte mich, von dort wegzukommen. Ich hetzte so sehr, dass ich mir die Hände am Stacheldraht aufriss. Dass sie bluteten, bemerkte ich erst später.

Inam: Von Damaskus bis nach Beirut brauchte unser Sammeltaxi ungefähr acht Stunden, dabei sind die zwei Städte nicht einmal 90 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Doch wegen der Kämpfe gab es viele Umleitungen, Sperren und Staus. Ich hatte furchtbare Angst. Immerzu habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn syrische Militärs meinen Sohn an der Grenze zum Libanon abfangen und ihn zwingen würden, zurückzukehren und in den Krieg zu ziehen.

Diyar: Ich war in der Türkei, in Nusaybin. Die Stadt liegt direkt neben meiner Heimatstadt, dennoch war ich zum ersten Mal dort. Überhaupt war ich zum ersten Mal in meinem Leben im Ausland. Ich ging sofort zum Busbahnhof und kaufte mir ein Ticket nach Istanbul.

Ahmet: Wie ich es von diesem Grenzzaun heruntergeschafft habe, weiß ich nicht mehr genau. Danach bin ich einfach nur gelaufen. Die Grenzer ließen mich durch, ich lief weiter bis ins Stadtzentrum von Nusaybin. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich nichtsyrischen Boden unter meinen Füßen hatte. In einem Park habe ich mich ausgeruht, dann ging ich zum Bahnhof und fuhr mit dem Bus über Urfa nach Istanbul.

Mustafa: Als Palästinenser aus Syrien besitze ich keinen Pass, ich bin staatenlos. Ich habe zwar ein Reisedokument, doch unter normalen Umständen gibt mir kaum ein Land der Welt ein Ein­reisevisum.

Inam: Der Beiruter Flughafen war voller Flüchtlinge aus Syrien. Wir warteten dort auf unseren Flug nach Kairo, den uns ein Bekannter in Damaskus organisiert hatte, der für eine Fluggesellschaft arbeitet. Die Tickets kosteten rund 60.000 syrische Lira, das waren damals rund 650 Euro. Es war unser allererster Flug überhaupt. Mein jüngerer Sohn hat sich ständig übergeben. Kaum in Kairo angekommen, wählte ich eine Telefonnummer, die mir Freunde in Damaskus gegeben hatten.

Diyar: Von Nusaybin aus kontaktierte ich einen Freund, der schon länger in Istanbul lebt, und bat ihn, mich am Busbahnhof abzuholen. Meine Fahrt dorthin dauerte 24 Stunden.

Mustafa: Meine Brüder und ich brauchten weit mehr als zehn Stunden bis nach Istanbul.

Diyar: Auf der Fahrt hat uns einmal das türkische Militär angehalten. Die Soldaten kontrollierten die Ausweise aller Insassen. Ich war sehr nervös. Als sie zu mir kamen und nach meinen Dokumenten fragten, musste ich lügen und sagte, ich hätte sie zu Hause vergessen. Ich erzählte ihnen, ich würde meine Schwester besuchen fahren, die seit ihrer Hochzeit in der nächsten Stadt lebe. Sie haben mir die Geschichte nicht abgenommen, aber ich hatte Glück, denn einer der Soldaten war wie ich Kurde. Sie ließen mich weiterfahren.

Inam: Ein Mann meldete sich am anderen Ende der Leitung. Ich sagte ihm, dass ich mit meinen Kindern nach Li­byen wolle. Kurze Zeit später holte er uns vom Flughafen ab und fuhr uns noch am selben Tag in den Norden Ägyptens, nach Alexandria an der Mittelmeerküste. Wir aßen die Teigtaschen, die ich von Zuhause mitgenommen hatte. Sie schmeckten schon ranzig.

Diyar: Um neun Uhr morgens kam ich in Istanbul an. Der Freund holte mich wie vereinbart ab und kaufte mir als Erstes eine SIM-Karte von Turkcell für mein Handy. Danach gingen wir in seine Wohnung im Istanbuler Viertel Zeytinburnu, wo ich vorerst unterkam. Ich wollte nicht lange hierbleiben, mein Ziel war Österreich.

Inam: In Alexandria nahmen wir den Linienbus nach Benghazi. Die Fahrt dauerte zwei Tage, die wir hauptsächlich im Bus verbrachten. Wassertropfen sickerten durch das kaputte Dach, die Sitze waren feucht, es war kalt, Winter, Anfang Jänner. Ich wusste nicht mehr, weshalb ich eher weinen sollte – wegen der Kälte oder wegen der Ungewissheit.

Mustafa: Von Zuhause hatten wir mehr als 5.000 Euro mitgenommen. Als wir in Istanbul ankamen, mieteten wir uns in einem Hotel in Aksaray ein, einem Viertel im europäischen Teil von Istanbul. In dieser Gegend gibt es viele Flüchtlinge, Schlepper und ihre Dolmetscher, Menschen von überall her, nicht nur Syrer, sondern auch Iraker, Afghanen und Pakistanis.

Ahmet: Nach meiner Ankunft in Istanbul habe ich versucht, so schnell wie möglich einen Schlepper zu ­finden, der mich von dort weiterbringt. Doch man braucht Geduld; es kann dauern, bis sich eine Möglichkeit ergibt. Währenddessen versuchte ich, den Kontakt zu meiner Frau und meinen Kindern in Syrien aufrecht­zuerhalten. Das war nicht einfach, denn das Telefonnetz fiel im Kriegsgebiet immer wieder aus. Um mich zu erreichen, musste meine Frau von Al-Hasaka, ihrem Wohnort, rund 70 Kilometer an die türkische Grenze fahren. Nur dort konnte sie sich ins türkische Handynetz einwählen.

Mustafa: Meine Verletzungen am Ellbogen und an der Hüfte mussten versorgt werden. Ich ging zum Arzt und bekam einen Gips. In Aksaray sprachen wir mit vielen Schleppern, um herauszufinden, welche Möglichkeiten es gab weiterzukommen. Man konnte zwischen Auto, Schiff und Flugzeug wählen.

Erschienen im Datum 10/2014
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