Nina Brnada

Flüchtlinge am Immobilienmarkt: Jene, die keiner will

690 Euro im Monat für 20 Quadratmeter: Da ihnen keiner Wohnungen vermietet, werden sie in die Hände von Ausbeutern getrieben. Wie Flüchtlinge auf dem Immobilienmarkt unter die Räder kommen.

Text: Nina Brnada

Es gibt Orte, an denen sich Ungerechtigkeit kristallisiert. Ein solcher ist die Wohnung dieser Flüchtlingsfamilie: Mutter, Vater, zwei Buben im Alter von acht und sechs Jahren leben in einem einzigen Zimmer. Hier wird geschlafen, gegessen, gespielt, Wäsche getrocknet.

In dieser Garçonnière funktioniert nur ein einziger Lichtschalter. Jener im Badezimmer ist es nicht, wer also auf die Toilette muss oder duschen geht und nicht in völlige Finsternis eintauchen will, der lässt die Tür einen Spalt weit offen. Wenn es Nacht wird, ziehen die Eltern die Couch für die Buben aus. Da für die zwei Erwachsenen nur noch ein Einzelbett übrig bleibt, schläft Vater Hassan meist auf dem Boden.

„Wir vier wohnen hier auf weniger als 20 Quadratmetern“, sagt er. „Trotzdem zahlen wir dafür monatlich 690 Euro.“ Diese Unterkunft liegt entlang der Trasse der U6 am südlichen Wiener Stadtrand – die Lage erklärt also nicht den Preis, sondern, dass die Mieter Flüchtlinge sind. Menschen, die wegen des Krieges ihre Heimat verlassen haben und nachgewiesen schutzbedürftig sind, müssen mitunter in den schäbigsten Löchern leben, die sich in dieser Stadt finden lassen. Obwohl ihr Status in Österreich geklärt ist und sie bleiben dürfen, haben Flüchtlinge große Ängste– gerade beim Thema Wohnen. So verlieren sie schon vier Monate nach Erhalt eines positiven Asylbescheids den Anspruch auf Grundversorgung, was bedeutet, dass sie aus ihren Quartieren ausziehen müssen. „Danach gibt es keine österreichweite Struktur, die die Flüchtlinge auffangen würde,“ sagt Andreas Gampert vom Flüchtlingsdienst der Diakonie.

Die wenigen Startwohnungen der NGOs sind hoffnungslos überfüllt. Zwar hätten Flüchtlinge dank Mindestsicherung und anderer Beihilfen genügend Mittel für eine günstige, private Wohnung. Aber auf dem Immobilienmarkt zählt nicht nur Geld, sondern auch der soziale Status – und da haben Flüchtlinge schlechte Karten.

Kein Job, keine Bleibe. Also werden jene, die es sich am wenigsten richten können, in die Hände skrupelloser Makler und Immobilieninhaber getrieben, die Bruchbuden zu horrenden Preisen vermieten. Diese Geschichte lässt sich allerdings nicht nur in Schwarz und Weiß darstellen. Auch wenn diese überteuerte Wohnung für ein Familienleben völlig ungeeignet ist, sagt Hassan trotzdem immerzu „Elhamdulillah“ („Gott sei Dank“). „Wenn wir das hier nicht hätten, wären wir auf der Straße.“

Hassans Kinder langweilen sich oft, in diesem Zimmer gibt es weder Internet noch einen Fernseher. Manchmal, erzählt Hassans Frau, Yasmin, würden ihre Buben zum Fenster klettern und in den Wohnungen des Plattenbaus von gegenüber nach Bildschirmen Ausschau halten, auf denen Zeichentrickfilme laufen. Vor neun Monaten flüchtete Hassan von Syrien nach Österreich und bekam bald Asyl, deshalb durfte er Yasmin und die beiden Söhne vor drei Monaten nachholen. Doch das Wiedersehen bedeutete nicht das Ende ihrer Probleme: Als sich Hassan auf Wohnungssuche machte – noch bevor seine Familie ankam –, wies man ihn überall ab. „Der Grund war immer derselbe“, sagt Hassan: Wer noch nicht Deutsch spricht, findet keine Arbeit. Und ohne Arbeit gibt es keinen Lohnzettel – und ohne Lohnzettel keine Wohnung.

Diese Kausalität ist ein Teufelskreis: Denn wer von Obdachlosigkeit bedroht ist, hat keinen Kopf für Dinge wie Deutschlernen. Wer aber nicht Deutsch spricht, der findet kaum Arbeit. Und ohne Arbeit gibt es keinen Lohnzettel – und ohne Lohnzettel keine Wohnung. Also wandte sich Hassan an einen Mann, der ihm diese Ein-Zimmer-Wohnung gegen eine Provision von 500 Euro vermittelte. Hassan möchte seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen und auch nicht den des Maklers oder Vermieters. Das seien Geschäftsleute, viele von ihnen stammen, so wie er selbst, aus dem arabischen Raum, er wolle mit ihnen keine Schwierigkeiten. Ihr Geschäft blüht nur deshalb, weil man manchen Menschen keine andere Wahl lässt. Zum Beispiel diesen Kurden aus Syrien, die zu neunt auf 90 Quadratmetern im Südwesten Wiens wohnen. Etwas Besseres findet keiner von ihnen.

Ermittlungen. Diese Männer sind von der Flucht gezeichnet, sie sitzen bis tief in die Nacht zusammen und rauchen, trinken Energydrinks und manche von ihnen immer öfter auch Bier. In ihrer ausrangierten Kredenz sind Thunfischdosen gestapelt, daneben Rasierschaum, Olivenöl und eine Flasche Palmolive. Fast alle hier schlafen auf dem Boden auf Matratzen, die sie tagsüber zwischen Kühlschrank und Kasten klemmen.

Ihre Miete von 900 Euro ist pro Kopf gerechnet günstiger als Hassans Ein-Zimmer-Wohnung. Aber es ist hier trotz Heizung so kalt, dass manche die Jacken anbehalten. Dabei sei es vor einigen Tagen sogar noch kälter gewesen. Letztens hätte ihnen ihr Vermieter die Heizung abgedreht, erzählen sie. Erst nachdem einer der Bewohner in seinem Büro lautstark protestierte, wurde sie wieder aufgedreht.

Die Männer hier wollen anonym bleiben; wie Hassan haben auch sie Angst und bitten inständig, den Vermieter nicht mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Der „Presse“ ist der Name des gebürtigen Irakers bekannt, gegen ihn wird laut Wiener Staatsanwaltschaft bereits ermittelt, es besteht der Verdacht auf Ausbeutung von Fremden, Paragraf 116 des Fremdenpolizeigesetzes. Diese Kurden leben legal in dieser Wohnung, es gibt einen Mietvertrag, und jeder von ihnen hat einen Meldezettel. Doch kaum jemand bekommt von derlei Vorfällen etwas mit. Die allermeisten Flüchtlinge sind eingeschüchtert und trauen sich nicht, ihre Rechte einzufordern.

18 Tage ohne Strom. Viele von ihnen haben noch schlimmere Geschichten zu erzählen, etwa Mazen, ein Iraker. Der Physiker flüchtete vor zwei Jahren nach Österreich. Er wohnte mit seiner Frau und zwei Söhnen auf 35 Quadratmetern in einer Erdgeschoßwohnung am Gumpendorfer Gürtel für 450 Euro. Der Mann, der ihm die Unterkunft vermittelt und dank einer Vollmacht des Eigentümers auch vermietet hat, heißt Hamed Ali Shikrhie. Der gebürtige Iraker ist unter den Flüchtlingen als Abu Saed bekannt. Im Juli soll Shikrhie untergetaucht sein, angeblich in der Türkei. Mazens vorgeblich untergetauchter Vermieter hätte nicht die Stromrechnungen beglichen, wie dies vereinbart war, behauptet zumindest Mazen. Vergangenen November wurde der Familie deshalb der Strom abgedreht. 18 Tage lang musste sie ohne Strom auskommen. Nach all den Vorfällen sind sie in einer Wohnung der Diakonie untergekommen. Auch zu Hamed Ali Shikrhie wird ermittelt, sowie zu einem guten Dutzend weiterer Personen, bestätigt die Staatsanwaltschaft. Der Grund auch hier: Verdacht auf Ausbeutung von Fremden. Hamed Ali Shikrhie war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Auf der Warteliste. Susanne Schaidinger ist täglich auf der Suche nach seriösen Vermietern, die bereit wären, an Flüchtlinge zu vermieten. Sie arbeitet bei Interface Wien, einer Einrichtung der Gemeinde, die Flüchtlingen hilft, in Wien Fuß zu fassen. Sie begleitet den Kontakt zwischen wohnungssuchenden Flüchtlingen und potenziellen privaten Vermietern.

Diese hätten oft Bedenken, weil sie glauben, arbeitslose Flüchtlinge hätten kein Geld für die Miete. Zudem würden sie sich nicht an Hausordnungen halten. Beides aber stimme so nicht: „Die Menschen haben staatliche Hilfszahlungen“, sagt sie. „Und viele praktische Probleme sind oft banale Missverständnisse – etwa, wo der Müllraum ist oder wann der Rauchfangkehrer kommt.“ Doch wie schwierig es ist, vertrauenswürdige Eigentümer von Flüchtlingen als Mieter zu überzeugen, illustrieren einfache Zahlen: Im Jahr 2013 hat Interface Wien lediglich die Vermittlung von 144 privaten Mietwohnungen begleiten können. Wie groß aber der Bedarf ist, zeigt ein Beispiel aus der Diakonie: Allein bei ihrem Projekt „Into Wien“, das 70 Startwohnungen umfasst, die allesamt belegt sind, gibt es 551 Anmeldungen auf der Warteliste.

Flüchtlinge, die ihre Asylverfahren in kleineren Ortschaften abgewartet haben, zieht es danach oft in die Ballungszentren. Sie sind auf der Suche nach Deutschkursen, Jobs und vor allem nach einer Bleibe. Viele kommen dort erst einmal bei Bekannten unter, hier eine Woche auf der Couch und da ein paar Tage auf der Matratze. „Im Grunde sind das Fälle von versteckter Obdachlosigkeit“, sagt Andreas Gampert von der Diakonie.

Profitieren von mehr Wohnungen für Flüchtlinge würde etwa auch Hassans Familie, die in ihrer kleinen Garçonnière am Wiener Stadtrand sitzt. Da die Miete dafür gar so hoch ist – und noch nicht alle Beihilfen angelaufen sind, auf die die Familie Anspruch hat, musste Hassan im vergangenen Monat Schulden machen. 500 Euro borgte er sich von einem Bekannten, weil der Familie Geld für Essen fehlte.

Erschienen am 21. Dezember 2014 in Die Presse

 

Gottes teures Haus

Die Erzdiözese Wien vermietete ein Haus billig an ein Paar mit der Bedingung, Wohnungen günstig an Studenten weiterzuvermieten. Vermietet wurde offenbar teuer an Flüchtlinge.

Text: Nina Brnada

Das Gebäude in der Alliiertenstraße 4 ist ein weißer, in die Jahre gekommener Neubaukasten – direkt bei der katholischen Kirche Am Tabor in Wien Leopoldstadt. In Internetanzeigen wird unter dieser Adresse eine „akademische Wohngemeinschaft“ beworben. Diese wird von Zuhari Yousif, einem syrischorthodoxen Iraker und seiner Frau, Christina Pfeifer-Yousif, betrieben. Die beiden sind nach eigenen Angaben zu jeweils unterschiedlichen Teilen Hauptmieter des Objekts, Eigentümer ist die Erzdiözese Wien.

Nun ist die Frage aufgetaucht: Hat das Ehepaar Yousif die Immobilie günstig angemietet und die Vorgaben der Erzdiözese ignoriert, um Wohnungen teuer (vor allem) an Flüchtlinge weiterzuvermieten? Es stellt sich die Frage, ob die Erzdiözese sich jahrelang nicht dafür interessiert und nicht registriert hat, dass das Paar mit der Unterbringung von Flüchtlingen offenbar gute Geschäfte macht.

Die Erzdiözese Wien sagt, mit dem Ehepaar Yousif sei vereinbart, dass sie Wohnungen an ausländische Studenten untervermietet. Prinzipiell sei nichts dagegen einzuwenden, „dass die Wohnungen an Asylwerber untervermietet“ werden. Dennoch spricht die Erzdiözese auf Nachfrage der „Presse am Sonntag“ vage von Problemen, die sie nicht weiter ausführt. Man sei dabei, die Mietverträge zu prüfen.

Das Ehepaar Yousif sagt, es wüsste nicht, was die Erzdiözese mit „Problemen“ meine, man verstehe die Welt nicht mehr. Vor einigen Wochen, erzählen sie, hieß es plötzlich, man wolle ihren Vertrag binnen eines Jahres auflösen. Dabei hätte die Erzdiözese sich in den vergangenen zehn Jahren kaum dafür interessiert, was in dem Haus passiert. Alle zwei, drei Jahre hätte es lediglich kurze Visiten gegeben.

Das Ehepaar macht kein Hehl daraus, dass bei ihnen viele Flüchtlinge untergebracht sind. Nur zehn Prozent der 59 Untermieter sind keine Flüchtlinge, insgesamt werden laut dem Ehepaar rund 1000 Quadratmeter untervermietet. Über die Miete, die das Ehepaar Yousif an die Erzdiözese zahlt, möchte diese nichts sagen. Zuhari Yousif meint nur: „Ich helfe den Flüchtlingen aus Nächstenliebe.“ Er selbst ist christlicher Theologe, ein Mann mit Dreitagesbart und Kreuz um den Hals.

Allerdings: Die Nächstenliebe dürfte sich auch finanziell auszahlen, denn Informationen aus kirchlichen Kreisen werfen Schlaglichter auf das Ausmaß der Einkünfte, die die Familie Yousif durch die Untervermietung an Flüchtlinge einnimmt. So sei etwa in einem Mietvertrag aus dem Jahr 2007 für eine Fläche von 101 Quadratmetern als Hauptmietzins 305 Euro vereinbart worden, heißt es in kirchlichen Kreisen. Das ist weniger als die Miete für die billigsten Zimmer, deren Preise laut den Eheleuten Yousif zwischen 330 und 370 Euro schwanken. Für dieses Geld gibt es ein Einzelzimmer, einen Kühlschrank im Zimmer, Internet sowie Gemeinschaftsräume wie Küche, Bad und WC, die sich jeweils rund ein halbes Dutzend Bewohner teilen.

Das Ehepaar Yousif möchte zu dem Mietbetrag, den es an die Erzdiözese überweist, nur so viel sagen: Die Miete sei zwar günstig, doch die Betriebskosten seien relativ hoch. „Für das Geld, das ich bekomme, stelle ich nicht nur Wohnraum zur Verfügung“, rechtfertigt sich Zuhari Yousif. „Ich bin hier auch ein Lebensbegleiter, helfe bei Amtswegen, Übersetzungen und gehe, wenn nötig, mit ihnen zum Arzt.“

Erschienen am 21. Dezember 2014 in Die Presse