Nina Brnada

Mein verlorener Sohn

Ein Berufsschüler fällt im Dschihad. Seine Mutter erzählt, wie sich ihr Bub in der Leopoldstadt radikalisierte

Protokoll: Nina Brnada

Dass mein Sohn in Gefahr war, hatte ich erst verstanden, als es schon zu spät war. Am Pfingstsonntag im Jahr 2009 kam ich aus einem Kurzurlaub im Burgenland nach Hause nach Wien und fand auf dem Esstisch den Wohnungsschlüssel meines Sohnes. Daneben lag ein Zettel, der aus einem rot linierten A4-Heft herausgerissen war. Es war ein halbseitiger Abschiedsbrief. Darin stand, dass er gegangen ist, um den Islam zu studieren. Er würde wohl auch nicht mehr zurückkommen, und er liebe uns sehr.

Rund zwei Jahre später war mein Sohn tot; als er starb, war er 18 Jahre alt. Es war am 31. Juli 2011. Das weiß ich zumindest aus einem Video, das Monate später im Internet auftauchte. Darauf ist sein Leichnam zu sehen, auf seiner rechten Gesichtshälfte hat er eine tiefe Narbe, die genäht ist.

Mein Sohn fiel im Kampf in Wasiristan, im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Er hat dort für eine islamistische Gruppe gekämpft, welche genau, ist unbekannt. Ich weiß nicht, wo sein Grab liegt.

Ein Gemeindebau am Stadtrand, offene Fenster, Hundebellen und Vogelgezwitscher. Ein Chihuahua und ein Zwergspitz stürmen zur Begrüßung aus der Wohnung. Die Frau serviert Kaffee mit Milch und zündet sich eine Benston an.

Vier Jahre zuvor hatte er angefangen, sich für den Islam zu interessieren. Dass er sich mit Religion beschäftigte, kam mir zwar ungewöhnlich vor, aber es hat mich nicht weiter verwundert. Denn sein Vater, mein geschiedener Mann, ist Muslim aus Tunesien, wenn auch nicht praktizierend. Wir haben neben dem Sohn noch eine gemeinsame Tochter. Ich habe später nochmal geheiratet und einen zweiten Sohn bekommen.

Als mein älterer begann, sich mit dem Islam zu beschäftigen, dachte ich, er möchte eben seine Wurzeln ergründen. Sie kamen kaum in Berührung mit der Kultur ihres Vaters, weder sprach er mit ihnen arabisch, noch ging er mit ihnen in die Moschee.

Das Erste, was sich bei ihm änderte, waren die Essgewohnheiten. Mein Sohn sagte, er wolle kein Schweinefleisch mehr essen. Ich habe es dann meistens weggelassen, ich mochte es ja auch nicht so gerne. Auch an unseren beiden Hunden hatte er plötzlich etwas auszusetzen. Sie gelten im Islam als unrein. Er setzte sich irgendwann nicht auf die Sitzbank, wenn da Hundehaare klebten.

Er verrichtete auch fünfmal täglich das Gebet in seinem Zimmer. Dort hingen zunächst noch Bilder von seinem Papa, der Schwester, dem jüngeren Halbbruder, der Oma. Anfänglich hat er sie beim Beten umgedreht, weil man als Muslim in einem Raum mit Bildern nicht beten sollte. Irgendwann hat er sie ganz verräumt. Stattdessen brachte er eine grüne Fahne an, auf der ein arabischer Schriftzug geschrieben stand. Was er bedeutet, weiß ich nicht, ich habe ihn auch nicht danach gefragt.

An der Wand der Wohnküche hängen Kinderzeichnungen von Fischen und Fotos von den Kindern, als sie noch klein waren. Gegenüber der Eckcouch ein großer Flachbildschirm und ein Wäscheständer.

Ich hatte vom Thema Radikalismus keine Ahnung. Ich dachte, jemand, der Muslim wird, verhält sich nun einmal so, wie mein Sohn es tat. Heute denke ich, dass ich ihn auch deswegen verloren habe, weil ich das, was er getan hat, nicht deuten konnte. Ich habe mich auch nicht informiert, ich war einfach unaufmerksam.

All diese Entwicklungen fielen in eine Phase, in der mein Sohn ohnehin schon orientierungslos war. Die Lehre als Rauchfangkehrer brach er ab, nachdem er im Rauchfang eine dahinsiechende Taube gesehen hatte, den Anblick hatte er nicht ertragen.

Bis er etwas Neues fand, eine Lehre als Tischler, war er drei Monate lang zu Hause. In dieser Zeit ist er richtig lasch geworden. Er hatte keine Ziele. Und ich hatte Angst, dass er zum Sozialfall wird.

Die Mutter ist gebürtige Wienerin, 51 Jahre alt, gelernte Bürokauffrau, war lange Betriebsrätin.

Dabei konnte er durchaus zielstrebig sein, vor allem, wenn es um Sport ging. Als Fünfjähriger begann er, Fußball zu trainieren. Mit zwölf wollte er Kickboxen ausprobieren. Zwei Jahre lang blieb er dabei und nahm auch an Wettkämpfen teil. Dann aber hörte er abrupt auf. Er sagte, es sei für Muslime verboten, an Turnieren teilzunehmen. Danach ging er zum Boxtraining, an Wettkämpfen nahm er aber nicht teil.

Einmal kam ein tschetschenischer Bursche zu uns nach Hause, den er vom Boxen kannte. Dieser Bub hat nichts geredet.

Ich nehme an, dass er in diesen Kreisen rund um das Boxtraining die ersten Kontakte zu Radikalen geknüpft hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es da nur eine Bekanntschaft oder nur ein Ereignis gegeben hat, durch das er in diese Welt hineingezogen wurde. Was ich sehen konnte, war eine schleichende Veränderung. Und ich habe sie völlig falsch eingeschätzt.

Ein Foto des Sohnes hängt über einer Kommode. Kapuzenpulli, schwarze Haare, dunkler Teint.

Er begann allmählich, andere Kleidung anzuziehen, kürzere Hosen und einfarbige T-Shirts, meist in Grau und Beige. Mein Sohn wurde jetzt immer zielstrebiger, wenn auch ausschließlich in religiösen Dingen.

Er wurde aber auch distanzierter. Mit mir schmusen zum Beispiel wollte er gar nicht mehr. Manchmal habe ich mich auch auf ihn gestürzt und ihn abgebusselt. Dann hat er eh gelacht.

Hin und wieder bin ich doch etwas misstrauisch geworden. Etwa bei einem älteren Freund meines Sohnes. Er brachte ihm Arabisch bei -und anfänglich dachte ich, wie schön, jetzt lernt er die Sprache seines Vaters. Dann aber mehrten sich die Anrufe dieses Freundes. Ich hatte Angst, dass sich dieser Umgang auf die Schulerfolge meines Sohnes negativ auswirken würde. Er war ja ohnehin wackelig, was das angeht. Einmal bin ich ihm dann heimlich gefolgt. Ich sah, dass er in die Altun-Alem-Moschee im zweiten Bezirk ging. Soweit ich weiß, besuchte er aber auch andere Moscheen.

Die Altun-Alem-Moschee liegt im zweiten Bezirk in der Venediger Au. Sie gilt als wichtiger Treffpunkt der Wiener Salafistenszene.

Irgendwann bekam ich einen Anruf von seiner Berufsschule. Sie sagten, dass mein Sohn zwei Wochen lang nicht in die Schule gekommen sei. Drei Tage lang habe ich mit ihm deshalb durchgestritten. Er wollte überhaupt nicht mehr lernen, sagte er. Er könne ja immer in der Moschee schlafen und essen. Ich war fix und fertig, ich dachte, jetzt bricht er seine Zukunft ab. Einen Monat später verschwand er.

In den letzten Wochen war er voller Tatendrang. Ich dachte, jetzt schnappt er völlig über. Er behauptete, er würde bald mit Freunden wandern gehen. Er kaufte sich feste Schuhe, Schlafsack und Regenjacke, die er mir stolz zeigte. In seinem Zimmer schlief er auf dem Boden, er sagte, das müsse er beim Wandern auch. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich auf Pakistan vorbereitete.

Über Pfingsten fuhr ich mit meinem Mann und dem jüngeren Sohn ins Burgenland. Wir telefonierten am Donnerstag. Am Freitag und am Samstag hat er dann nicht abgehoben. Als wir nach Hause kamen, sahen wir seinen Abschiedsbrief.

Erst jetzt fügte sich alles wie zu einem Puzzle zusammen. Erst jetzt wurde mir der Ernst der Lage richtig bewusst.

Wir machten eine Abgängigkeitsanzeige bei der Polizei, dort aber hieß es: Bitte warten! Mein Sohn hatte sein Sparbuch geplündert, darauf waren 1000 Euro. In den nächsten zwei Wochen habe ich mich jeden Tag nach der Arbeit stundenlang vor die Moschee gestellt, zu der ich meinem Sohn zuvor gefolgt war. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er das Land längst verlassen hatte. Erst später erfuhren wir, dass er am Pfingstsamstag 2009 ausgereist ist, über Saudi-Arabien nach Pakistan, zusammen mit zwei anderen Männern. Das fand nicht etwa die Polizei heraus, sondern der Vater eines seiner beiden Reisebegleiter und ich. Eine Bekanntschaft auf dem Flughafen teilte es uns informell mit.

Einer der Mitreisenden ihres Sohnes wurde später in Deutschland aufgegriffen und zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Ein Jahr lang wusste ich nicht, ob er überhaupt noch lebt. Ich entwickelte eine sehr starke Form von Klaustrophobie. Ich konnte nicht mehr U-Bahn fahren und auch nicht in den Aufzug. Wenn ich in einem Raum war, ging ich unter Vorwänden mindestens einmal hinaus. Nur um mich zu vergewissern, ob ich auch wirklich hinauskommen kann.

Später ging ich in Psychotherapie, meine Therapeutin erklärte mir meine Ängste so: Die Zeit sei für mich stehengeblieben, als mein Sohn verschwand. Und weil ich nicht raus aus dieser Situation konnte, bekam ich Klaustrophobie.

Das Zimmer meines Sohnes habe ich ein Jahr lang überhaupt nicht geputzt, nicht gesaugt und seine Bettwäsche nicht abgezogen. Wenn ich bei ihm sein wollte, setzte ich mich in diesen Raum. Dort hat alles noch nach ihm gerochen. Später fing ich an, mich umzusehen. Mal fand ich Socken unter dem Bett oder Zettel in der Lade. Ich habe Spuren von ihm gesucht, und wenn ich sie fand, spürte ich einen Stich.

Ein Jahr nach seinem Verschwinden läutete das Telefon in der Arbeit, und die Stimme sagte: „Hallo Mama, ich bin’s, dein Sohn.“ Danach haben wir beide geweint.

Ich sagte, er soll doch zurückkommen. Er aber sagte: „Ich weiß es nicht.“ Sonst hat er keine meiner Fragen beantwortet, sondern immer nur welche gestellt. Er wollte wissen, wie es der ganzen Familie geht, er fragte nach Details, vom Wetter bis zur Kleidung seines jüngeren Halbbruders. Danach hat er immer wieder angerufen. Der Verfassungsschutz konnte ihn dadurch in Wasiristan lokalisieren.

Wenn er anrief, ging es mir gut. Ich war froh, denn das Kind lebte.

Am 1. Dezember 2011 schließlich bekam ich einen Anruf vom Verfassungsschutz, sie bestellten mich und meinen Exmann zu sich. Dort erklärten sie uns, es gebe ein Video. Aus dem gehe hervor, dass unser Sohn gestorben sei. Wir könnten es anschauen, wenn wir möchten.

Mein Exmann hat es sich angesehen. Er war danach derart aufgelöst, dass ich Angst bekam, er würde sich etwas antun. Ich selbst habe das Video noch niemals angeschaut.

Man hat mir gesagt, dass es rund 20 Minuten dauert. Man sieht meinen Sohn neben einem Fluss sitzen, in der Wiese, auf einem Pferd reiten. Und dann zeigt die Aufnahme lange nur seinen Leichnam.

Wenn man ein Kind verliert, fängt man an, das Leben anders zu sehen. Heute achte ich mehr auf meine Familie. Beim jüngeren Sohn zum Beispiel schaue ich mir genau an, was er so tut und welchen Umgang er hat.

Ich träume oft von meinem verstorbenen Sohn, zum Beispiel, dass er zur Tür hereinkommt. Einmal träumte ich, dass er in der Garage unseres Hauses wohnt. Dort lebten Menschen in Kammern. Ich versuche, ihn zu holen, aber ich schaffe es nicht.

Und abends, wenn ich mit den Hunden Gassi gehe, habe ich immer so eine unbestimmte Ahnung, als würde er nochmal auf mich zukommen.

Erschienen in Falter 23/2015 

Bei Ankunft Chaos

Österreich holt syrische Flüchtlinge und kümmert sich bis kurz vor ihrer Ankunft nicht um deren Betreuung

Bericht: Nina Brnada

Wenn man weiß, dass etwas geschehen wird, kann man sich darauf vorbereiten. Planung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist Österreichs derzeitiger Umgang mit Flüchtlingen.

Nicht nur, weil Asylwerber seit kurzem in Zelten wohnen müssen, obwohl die Flüchtlingsströme niemanden mehr überraschen. Österreichs mangelhaften Organisationsgrad in Flüchtlingsfragen zeigt auch ein anderer aktueller Fall. In diesem geht es um die Versorgung jener Flüchtlinge, die die Regierung aktiv nach Österreich holen möchte. Diese Menschen werden schon Ende Mai in Österreich ankommen. Aber erst auf den allerletzten Drücker, wenige Tage vor ihrer Ankunft, wurde nun entschieden, wer sich um sie kümmern wird.

Diese Geschichte begann vor rund einem Jahr. Damals beschloss die Regierung, mittels eines sogenannten humanitären Aufnahmeprogramms 1000 syrische Flüchtlinge nach Österreich zu holen. Zuvor war bereits in einer ersten Aktion 500 Menschen die Unterbringung in Österreich zugesichert worden. Die Republik wagt mit diesen beiden Aktionen etwas, das es vorher hierzulande nur selten gab: aktive Flüchtlingshilfe, die Verfolgte direkt nach Österreich bringt. Diese Menschen müssen nicht um Asyl ansuchen, sondern sind von der ersten Stunde an anerkannte Flüchtlinge.

Das aktuelle Projekt gilt besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen aus Syrien. Jenen Menschen, die auf anderem Wege wohl kaum Chancen gehabt hätten, nach Europa zu gelangen. Erst kürzlich rühmte sich Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) in der „ZiB 2“, dass die 1500 Syrer, deren Aufnahme die Republik über dieses Programm zusicherte, ja nicht mit Schleppern reisen müssten. Die Abwicklung dieser Flüchtlinge sei „professioneller“. Wer sich aber die Vorbereitungen für die Betreuung dieser Menschen in Österreich anschaut, der bekommt Zweifel an der Professionalität so mancher heimischer Behörde.

„Einzig wegen bürokratischer Formalitäten bei der Ausreise hat sich die Ankunft der Flüchtlinge um einige Wochen verzögert“, sagt Christoph Riedl von der Diakonie. „Wäre das nicht geschehen, wären die Leute gekommen und wir hätten aufgrund des fehlenden Auftrags die notwendigen Vorbereitungen nicht treffen können.“ Erst vergangenen Donnerstag kam schließlich die mündliche Zusage vom Integrationsministerium, dass die „Arge Humanitäre Aufnahme“, eine Arbeitsgemeinschaft aus Caritas, Diakonie und Rotem Kreuz, einen Teil des Auftrags bekommt. Der andere geht an den Integrationsfonds, der wiederum dem Integrationsministerium nahesteht, von dem der Projektaufruf stammt. Bis dies allerdings entschieden wurde, hatte es lange gedauert.

Nachdem das zuständige Integrationsministerium nicht einmal den Projektaufruf veröffentlicht hatte, verfassten Caritas, Diakonie und Rotes Kreuz Ende März einen alarmierenden Brief an Minister Kurz. Sie baten, „den Projektaufruf für die Integrationsmaßnahmen unverzüglich zu veranlassen“. Das Projekt beinhaltet sogenannte Integrationsmaßnahmen für 600 Personen, die zwei Millionen dafür kommen von der EU-Kommission. Ihr Zweck ist die Hilfe bei der Wohnungssuche oder beim Deutschlernen. Dieses Projekt wurde aber erst wenige Tage vor der Ankunft der Flüchtlinge vergeben.

Immerhin: Im Gegensatz zum Vorgehen beim ersten Aufnahmeprogramm ist das eine Verbesserung. Damals nämlich wurde das Projekt überhaupt erst ausgeschrieben, als bereits etliche Flüchtlinge im Land waren. Es dauerte fast vier Monate, bis ein Zuschlag für die „Arge Humanitäre Aufnahme“ folgte.

„Viele Flüchtlinge, die damals ankamen, wurden in der Zwischenzeit in der Grundversorgung geparkt“, sagt Riedl. „Die aber ist für derartige Flüchtlinge sehr nachteilig, da es sich ausschließlich um besonders Schutzbedürftige wie Folteropfer oder Schwerkranke handelt, für die in der Grundversorgung keine ausreichende Betreuung vorgesehen ist.“

Das Integrationsministerium verteidigt sich damit, dass die Mittel im August bei der EU-Kommission beantragt und erst im März zugeteilt worden seien. Es könne kein Geld vergeben, das es noch nicht habe. Riedl entgegnet: „Wir als NGOs müssen auch andauernd Projekte vorfinanzieren, teils über Jahre, das ist ganz normal.“

Erschienen in Falter 22 /2015

Herr Kremzar, was bringt die Gratis-Nachhilfe in Wien?

INTERVIEW: NINA BRNADA
Am Apparat Telefonkolumne

Jeder fünfte Schüler in Österreich bekommt Nachhilfe, das ergab eine Studie der Arbeiterkammer. 119 Millionen Euro werden für Lernhilfen ausgegeben, das sind zehn Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Besonders hoch sind die Kosten für Schüler von AHS-Oberstufen, wo jährlich im Mittel 876 Euro ausgegeben werden. Kurt Kremzar von der AK Wien deutet die Studienergebnisse.

Herr Kremzar, die meisten Schülerinnen und Schüler nehmen keine Nachhilfe in Anspruch. Was machen jene, die Nachhilfe bekommen, falsch?

Viele schaffen es offenbar auch ohne Lernhilfe. Es gibt aber auch viele Eltern, die finden, ihre Kinder bräuchten Nachhilfe, doch das Geld dafür reicht nicht. Das sind rund 40.000, viele von ihnen haben Migrationshintergrund. Diese Eltern lernen übrigens genauso viel mit ihren Kindern wie autochthone Österreicher. Überhaupt engagieren sich die meisten Eltern gleich intensiv, Nachhilfe hin oder her.

In welchen Situationen wird Nachhilfe in Anspruch genommen?

Im Gegensatz zu früher gibt es mehr Ad-hoc-Nachhilfe direkt vor Schularbeiten und Tests. Dabei geht es immer weniger darum, negative Beurteilungen zu vermeiden, sondern darum, positive Noten zu verbessern. Also beispielsweise in der Volksschule die AHS-Reife zu bekommen.

Welchen Einfluss hat die Gratis-Nachhilfe an Wiener Volkschulen, AHS-Unterstufen und Neuen Mitt elschulen?

Seit vergangenem Jahr sind die Ausgaben der Wiener für Nachhilfe um 500.000 Euro gesunken und betragen nun 39,5 Millionen Euro.

Die Kosten für die Maßnahme sind mit 20 Millionen aber deutlich höher.

Die Gratis-Nachhilfe ist trotzdem sinnvoll. Durch sie werden Kinder aufgefangen, die zuvor überhaupt keinen Zugang zu Nachhilfe hatten. Laut unserer Studie hat sich das Ausmaß der unbezahlten Nachhilfe in Wien im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.

Erschienen in Falter 22/2015 

TOTAL TOLERANT? 9 THESEN ZUM REGENBOGEN-HYPE

Alles Ampelmännchen! Ganz Wien hat auf Welttoleranzhauptstadt umgeschaltet. Aber so fortschrittlich, wie sie sich gibt, ist Österreichs Gesellschaft gar nicht

NACHFORSCHUNG: BARBARA TÓTH UND NINA BRNADA 

1. Wir sind tolerant gegenüber Schwulen, nicht gegenüber Muslimen

Laut einer aktuellen Toleranz-Studie, die vom Mauthausen Komitee Österreich in Auftrag gegeben wurde, würde es 22 Prozent der Befragten stören, wenn sich jemand aus der Familie zur Homosexualität bekennen würde. Mit 65 Prozent hätten aber deutlich mehr Menschen ein Problem damit, wenn jemand aus ihrer Familie zum Islam konvertieren wollte. Der Islam erfährt insgesamt wenig Toleranz in Österreich. 42 Prozent stoßen sich am Kopftuch, geht aus derselben Umfrage hervor. Und 64 Prozent hätten etwas dagegen, wenn eine Moschee in ihrer Nachbarschaft gebaut werden sollte.

Dass die Mehrheitsgesellschaft intolerant ist, bedeutet jedoch keineswegs automatisch, dass Muslime toleranter seien. Das beispielsweise zeigt eine andere Studie. Im Jahr 2009 erforschte die Organisation „Frauen ohne Grenzen“ im Auftrag des Sozialministeriums die Einstellungen junger muslimischer Männer in Österreich. Hier meinten etwa 70 Prozent der Befragten, der Islam sei die einzig wahre Religion.

2. Gleiche Rechte für Homosexuelle müssen fast immer erzwungen werden

Zum Beispiel bei einer der wichtigsten Streitfragen, der Stiefkindadoption. Sie ist für gleichgeschlechtliche Paare nur deswegen möglich, weil der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg die Republik im Jahr 2013 wegen Diskriminierung verurteilt hat. Auch die Fremdkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare kommt nur, weil der Verfassungsgerichtshof das geltende Verbot für verfassungswidrig befunden hat.

Ähnlich war es bei der Samenzellenspende für Lesben. Auch sie wurde vom Verfassungsgerichtshof dem Gesetzgeber aufgetragen. In Österreich steckt man also gern den Kopf in den Sand, so lange, bis es nicht mehr geht. Dass man sich aktiv zu einer Haltung durchringt, ist selten. Schuld daran ist in diesem Fall eindeutig die ÖVP, die, Hand in Hand mit der katholischen Kirche, diese gesellschaftspolitische Entwicklung bremst, solange es geht. Deswegen wurde auch erst 2009 die „eingetragene Partnerschaft“ eingeführt. Für die Homo-Ehe heißt es wegen ÖVP-Widerstands weiterhin „Bitte warten“. Dabei gibt es sie mittlerweile in 13 europäischen Ländern. Nur nicht in der Heimat Conchita Wursts.

3. Österreich ist im Grunde eine autoritär geprägte Gesellschaft

Das Land sieht sich -nicht zuletzt aufgrund der langen Kanzlerschaft Bruno Kreiskys (SPÖ) in den 1970er- und 1980er-Jahren – gerne als skandinavisch geprägtes, sozialpartnerschaftliches, fortschrittliches Land.

Aber die Wahrheit ist eine andere. Eine linke Mehrheit gab es zuletzt vor 30 Jahren, und selbst da wirkte sie nicht nachhaltig. In einer großen Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 1978 – also mitten in den Kreisky-Jahren -sprach sich eine Mehrheit für die Todesstrafe aus, 67 Prozent wollten strengere Strafen für Transvestiten, 80 Prozent meinten, dass „Verbrecher heute zu milde bestraft werden“.

Diese Basis nährt bis heute eine der größten und stabilsten radikalen Rechten in Europa. In der „Europäischen Wertestudie“ ist Österreich bei der Ablehnung von Migranten, Muslimen und „Menschen anderer Rasse“ Spitzenreiter unter Europas Demokratien. Seit Jahrzehnten wünschen sich 20 Prozent der Befragten bei politischen Meinungsumfragen einen „starken Führer“. Das erklärt auch, warum die FPÖ, die geschickt diese autoritären Codes nutzt, so erfolgreich ist. Dass Conchita Wurst heute den Status einer Nationalkünstlerin hat, bestätigt eher „einen Trend zur europäischen Offenheit als eine liberale Revolution im österreichischen Wertesystem“, findet daher der Historiker Oliver Rathkolb.

4. Das Erbe von Katholizismus und Kaiserhaus wirkt nach

Das Selbstverständnis der katholischen Kirche ist das einer hierarchischen Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen. In Österreich bildete sie über Jahrhunderte eine Allianz mit dem Kaiserhaus. Das Zusammenspiel dieser beiden Machtzentren erzeugte einen Druck, der die Mentalität nachhaltig prägte und bis heute definiert. Kirche und Staat waren vereint, sei es gegen den aufkommenden Nationalismus in den Provinzen der Donaumonarchie oder davor gegen die Protestanten.

Auch nach der Reformation nahmen die katholische Kirche und die weltliche Macht eine scharfe Verteidigungshaltung ein. Es kam zur brutalen Gegenreformation, oft exekutiert von der weltlichen Macht in Namen der Kirche. Die religiöse Verfolgung endete erst mit dem Toleranzpatent Josephs II. Ende des 18. Jahrhunderts wurde zwar dadurch die Ausübung anderer Religionen möglich, allerdings nur unter Auflagen. Die Konfessionen wurden toleriert, sofern sie sich unauffällig verhielten.

5. In Österreich geht es nicht um Debatten, sondern um Entscheidungen von oben

Der Streit gilt in Österreich gemeinhin nicht als gesellschaftlicher Motor, sondern eher als Ausdruck niederer Gefühle. Der Grund für diese Abwehrhaltung hängt wohl auch damit zusammen, dass sich das Bürgertum als Träger der Öffentlichkeit in Österreich erst verspätet und zögerlich entwickelte. Das Land wurde „bis 1918 von den alten, vorbürgerlichen, feudalen Mächten regiert“, schreibt der Politologe Anton Pelinka.

Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, wo es eine sogenannte Zivilkultur gibt, die „tendenziell partizipatorisch ausgerichtet“ ist, herrscht, wie der Historiker Ernst Hanisch formuliert, in Österreich eine „Staatskultur“. Initiative wird von der Obrigkeit erwartet. Der politische Individualismus konnte sich dadurch nur wenig entfalten, die „Lust, in der Gemeinschaft zu versinken, erwies sich von Zeit zu Zeit als überstark“. Zwar hat diese Haltung andererseits auch die frühe Entstehung eines besonders ausgeprägten Sozialstaates begünstigt, aber der Streitkultur im Land war sie nicht zuträglich. Wichtige politische Entscheidungen fallen bis heute oft im Hinterzimmer. Die Organisationen institutionalisierter Debatten – etwa das Parlament – dürfen vieles nur abnicken. Die Medienlandschaft ist stark konzentriert, die Einführung privaten Rundfunks und das Ende des ORF-Monopols erfolgte sehr spät, eine Verzögerung, die Österreich sogar den Spitznamen „Medien-Albanien“ einbrachte.

6. Österreich ist keine Vertragsnation, sondern eine Tourismusnation. Wer zahlt, schafft an

„Pink Dollar“ nennen Tourismusexperten die hohe Kaufkraft von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT) in ihrem Fachjargon. Laut den Angaben der Weltorganisation des Tourismus reisen sie durchschnittlich doppelt so oft im Jahr ( nämlich viermal) als Heteros und geben dabei auch mehr Geld aus. Die Tourismusstadt Wien hat seit 1998 eine eigene Marketingschiene für homosexuelle Gäste – als einzige Stadt Österreichs. Nur die Region Wörthersee und Sölden werben ebenfalls um sie.

Der „Fremdenverkehr“, wie man den Tourismus früher nannte, ist für Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg stark identitätsstiftend, das Betonen der Naturschönheiten und der Stolz auf die Hochkultur gehen Hand in Hand damit. Der gelernte Österreicher hat ein Gespür dafür, was sich verkauft und was nicht. Wenn es nun eine bärtige Diva ist, warum nicht? Aber echten Respekt vor LGBT-Personen bringt das noch nicht, es ist mehr eine „Sie wünschen, wir spielen“-Geste. Toleranz ist in Österreich keine Haltung. Sie ist eine Dienstleistung.

7. Faktor Zufall: Das ganze Toleranzgetue ist Österreich einfach passiert

Conchita Wurst wurde am Anfang angefeindet, vielen war ihre Erscheinung ein Dorn im Auge. Seit sie allerdings den Song Contest gewonnen hat, teilen viele mit ihr die Siegerpose. Dass sich Menschen an Conchitas Erfolg begeistern und alte Vorbehalte überdenken, hat etwas Ermutigendes. Der Herdentrieb, der dahintersteckt, ist aber auch etwas beliebig. Was, wenn statt Conchita jemand gewonnen hätte, der an andere Gefühle appelliert? Jemand, der im Gegensatz zu ihr den Ausschluss bestimmter gesellschaftlicher Gruppen propagiert? So weit muss es aber gar nicht gehen. Was etwa, wenn Andreas Gabalier statt Conchita Wurst beim Song Contest angetreten wäre und gewonnen hätte? Angenommen, er hätte dadurch einen Hype um Volks-Rock-’n‘-Roll in Lederhosen und das Zelebrieren traditioneller Geschlechterrollen ausgelöst -würde die Stadt Wien dann Ampelmanderln und Ampelweiberln in Gamsbarthut und Dirndl als Zeichen alpiner Identität dieses Landes installieren?

8. Österreich ist und bleibt das Land der Hausfrauen

Der Aussage „Hausfrau sein ist genauso befriedigend wie Berufstätigkeit“ stimmten 1999 noch 43 Prozent zu, 2008 waren es um neun Prozent mehr. Die Zustimmung stieg vor allem bei Frauen zwischen 46 und 60, die Studienautoren vermuten dahinter eine „pragmatisch-resignierende Reaktion auf eine ausweglose Situation“. Denn nach einer langen Kinderpause wird der Wiedereinstieg in den Beruf immer schwieriger, „angesichts solcher Perspektiven erscheint die Rolle der Hausfrau gar nicht so unattraktiv“. Moderne Gesellschaften bringen moderne Frauenbilder hervor. Österreich hinkt hinterher.

9. Reden wir über Sex? Lieber nicht!

Offen über Homosexualität und Transgender-Personen zu sprechen heißt für die Mehrheitsgesellschaft auch, offen über die eigene Heterosexualität zu sprechen. Soll in der Schule offensiverer Aufklärungsunterricht stattfinden? Nein, sagt die Familienministerin Sophie Karmasin, das ist Sache der Eltern. Ja, sagt die Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

Gleichzeitig hat Österreich eine vergleichsweise hohe Abtreibungsrate, weil Jugendliche mangelhaft über Sex und Verhütung Bescheid wissen. 2,4 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter haben abgetrieben. In Kanada, wo die Abtreibung erlaubt und nicht nur „legalisiert“ ist wie in Österreich, sind es 1,4 Prozent. Die Pille auf Krankenschein? Auch das ist im „Regenbogen-Musterland“ Österreich undenkbar.

Erschienen in Falter 21/2015

Beim zehnten Anlauf

Sofija Hindler genießt die Ruhe im Gemeindebau in der Malfattigasse. Hier fühlt sich die geborene Serbin endlich zu Hause

Visite: Nina Brnada

Am liebsten, sagt sie, putze sie zunächst die ganze Wohnung, schalte alle Lampen aus, zünde eine Kerze an, nehme sich eine Zigarette und setze sich mit ihre drei Hunden auf die Couch. Sofija Hindler, 47, sagt, sie genieße die Ruhe. Jahrelang sei es in ihrer Wohnung drunter und drüber gegangen, „manchmal spielten meine drei Söhne in der Wohnung Fußball mit einem Flummi, und das Fenster benutzten sie als Tor“.

Zwei ihre drei Söhne leben nun in eigenen Wohnungen, Sofija und ihr Mann haben somit mehr Platz für sich – das erste eigene Zimmer in 18 Jahren Ehe.

Hindler sitzt in ihrem Wohnzimmer, an den Wänden hängen das „Letzte Abendmahl“ und über dem Elektrokamin ein Flatscreen. Um die Beine der zwei Couchtische sind Bänder mit Strasssteinchen gewickelt, auf dem Esstisch steht ein Lilienarrangement.

Die Vorliebe für Schnörkel sei ihr von ihrem alten Beruf geblieben, sagt sie. Die gebürtige Serbin ist gelernte Kristallschleiferin, hier in Österreich aber verdingte sie sich meist als Putzfrau. Im Jahr 1992 war Hindler nach Österreich gekommen. Ihr Stiefvater arbeitete beim jugoslawischen Zoll, er habe ihr geraten, so schnell wie möglich fortzugehen, in ihrem Land herrschte bereits Krieg.

Hindlers erste Wiener Wohnung hatte WC am Gang. Das sei beklemmend gewesen, sagt sie, „ich konnte es nicht ertragen, dass alle Nachbarn wissen, wann ich aufs Klo gehe.“

In den ersten 13 Jahren in Österreich lebte sie in neun verschiedenen Wohnungen: in der Leopoldstadt, in Margareten, in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mal wollten die Vermieter doch keine Ausländer, dann kam das erste, das zweite Kind.

Seit zehn Jahren bewohnt sie nun die aktuelle Wohnung, 80 Quadratmeter, drei Zimmer. Vom Hof des Meidlinger Gemeindebaus in der Malfattigasse dringt der Duft frisch gemähten Grases in Hindlers Parterrewohnung. Wenn das Wetter schön ist, bleiben die Fenster offen, da könne man auch gleich mit vorbeigehenden Nachbarinnen ein wenig schwatzen. Mit deren Hilfe habe sie auch schwierigere Zeiten überwunden, sagt sie. „Sie kamen zum Kaffeetrinken und redeten mir gut zu.“

Zum Beispiel, als sie an einem Nervenleiden erkrankt sei. „Ich rannte gegen Türrahmen und ließ Gläser neben dem Tisch fallen, die ich eigentlich auf der Tischplatte abstellen wollte.“ Ihren Job als Putzfrau auf der Onkologie im Wilhelminenspital musste sie aufgeben. Die Ärzte schickten sie mit 35 in die Invaliditätspension. Dass sie so jung schon in Pension musste, war ihr peinlich. „Ich sagte meinen Kindern, sie sollten sagen, dass ich Hausfrau bin, falls wer fragt, was ihre Mutter beruflich macht.“

Erschienen in Falter Stadtplaung 20a/2015 

Nachsitzen nur freiwillig

Vor 35 Jahren setzte die Alternativschule im Wuk neue Maßstäbe. Heute floriert sie mehr denn je

Text: Nina Brnada

Das Ziel von Alternativschulen ist, dass es sie eines Tages nicht mehr braucht. Denn mehr Mitsprache, mehr Spaß, mehr Entfaltung ist dann endgültig allen Kindern zuteilgeworden. Deshalb sollen eines Tages Setzlinge dessen, was zunächst nur in den Alternativschulen gesät wurde, auch im Regelschulsystem gedeihen. So zumindest die Idee, damals, Ende der 1970er, als es in Wien zur Gründung der ersten dieser Schulen kam.

Susanne Jerusalem sitzt heute auf der Bühne. Sie ist eine der Gründerinnen. Ihre Schöpfung heißt „SchülerInnenschule“ und ist eine der ersten Alternativschulen in Wien. Eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht für Zehn-bis 14-Jährige, angesiedelt im Wuk am Alsergrund.

Die einstige Bildungspionierin Jerusalem ist heute Grünpolitikerin in Mariahilf, sie trägt eine rot umrandete Brille und pinke Sportschuhe. Wenn man ihr zuhört, hat man das Gefühl, dass das ursprüngliche Ziel der Alternativschulen noch nie so weit entrückt war wie heute. Die Bezirkspolitikerin erklärt das öffentliche Schulwesen für bankrott: „Die Regelschule hat gar nichts gelernt, das System Schule ist so schlecht, wie es vor 30 oder 35 Jahren war“, sagt sie. Und gar: „Mit der Zeit ist es dort mit dem ewigen Messen und Drillen noch schlechter geworden.“

Manche Eltern, die im Publikum sitzen, nicken, man fühlt sich bestätigt und beruhigt. Dabei ist es fraglich, ob das Messen und Drillen tatsächlich mehr geworden ist, wie Jerusalem behauptet. Natürlich gibt es heute auch an Regelschulen bereits weniger Noten oder sogenannte „Mehrstufenklassen“, in denen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen. Doch solche Reformen reichen nicht, um die eigenen Kinder vom Frust der Schule abzuschirmen, finden viele der Eltern, die ihren Nachwuchs in Alternativschulen geben. In dieser Form wurden die ersten Kinder vor 35 Jahren unterrichtet. Nun ist ein Band erschienen, in dem die Chronik der Wuk-Schule penibel nachgezeichnet und dem Publikum vorgestellt wurde.

Der Raum ist voll von lauten Stimmen, es surrt. Schüler mit roten Backen und strähnigen Haaren fahren mit Rollern herum, sie plaudern und spielen. Manche Eltern tratschen, jene auf dem Podium verstehen kaum ihr eigenes Wort. Es ist einer dieser ersten warmen Abende im Jahr, der Himmel breitet sich vor den hohen Fenstern aus, auf dem Buffet stehen Töpfe mit mexikanischen Bohnen, indonesischen Glasnudeln und indischem Curry.

Die Schule habe sich aus der Frauen- und Studentenbewegung entwickelt, sagt Jerusalem. Jede Woche traf man sich mindestens einmal, saß bis tief in die Nacht hinein und diskutierte, wie das Schulsystem zu ändern wäre. „Wir waren politisch“, sagt sie. Von derlei Fragen scheinen viele Eltern von heute weit entfernt. Es geht vordergründig nicht mehr um das Umkrempeln gesellschaftlicher Strukturen, sondern um die Optimierung des Wohlbefindens der eigenen Sprösslinge.

Es ist ein Reflex fürsorglicher Eltern, ihren Kindern Kummer ersparen zu wollen. Dem Regelschulsystem sagt man hier Ignoranz nach, auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Kindes werde nicht eingegangen. Aber das ist nur ein Teil des hiesigen Narrativs: Der andere hat etwas mit Stolz zu tun, nämlich darauf, dass man hier Teil einer Gruppe ist, die es schafft, außerhalb des öffentlichen Systems eine funktionierende Parallelstruktur aufrechtzuerhalten.

Jene, die ihre Kinder hierherschicken, kennen einander oftmals bereits aus anderen Zusammenhängen. Es sind Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde. Menschen, die einander in Lebensstil und Einstellungen ähneln, die ähnlich denken und ähnlichen Berufen nachgehen. Und auch solche, die sich ein Schulgeld von monatlich 390 Euro leisten können. Mittagessen, Vormittags- und Nachmittagsjause, Ausflüge, Exkursionen und alle Materialien sind im Schulgeld inbegriffen. Für Skikurse oder Reisen müssen die Eltern dann noch einmal extra in die Taschen greifen.

Hier sind keine Mütter mit Kopftuch und keine Kinder, die nicht Deutsch sprechen. Die sozialen Herausforderungen, die sonst an den meisten Wiener Schulen Realität sind, gibt es hier nicht. Das ist eine Clique, sie wirkt wie ein Freundeskreis und eine Gemeinschaft. Diese Schule ist ein wichtiger Faktor im Leben dieser Familien, die Eltern arbeiten hier zehn Stunden im Monat mit. Sie putzen beispielsweise, sie kochen, geben Klavierunterricht und helfen Legasthenikern. Denn es geht nicht nur darum, Schulgeld zu bezahlen, Engagement der Eltern wird ebenfalls erwartet, das ist der Deal.

Auf die Frage, ob all das nicht auch etwas elitär sei, reagiert man verschnupft. Und verweist darauf, was alles gelingt. Und das ist in der Tat allerhand.

Die Kinder sagen, sie würden gerne in diese Schule gehen. Väter erzählen, dass ihre Kinder manchmal um vier zu Hause anrufen und fragen, ob sie nicht noch eine Stunde länger bleiben dürfen, also so lange, bis die Schule zusperrt. Es ist ein Ort, den alle Beteiligten loben. Niemand jammert, niemand hat Angst, niemand gilt mehr als der andere.

Wenn Entscheidungen getroffen werden, dann nur zusammen, demokratisch, jede Stimme ist gleich viel wert, egal ob die des Schülers oder des Lehrers. Bis auf Deutsch, Englisch und Mathematik gibt es hier keine der herkömmlichen Schulfächer, sondern Themenfelder, es gibt keine Schularbeiten, keine Tests und keine Noten.

Alternativschulen mögen zwar pädagogisch fortschrittlich sein. In einem aber sind sie genauso rückständig wie die meisten anderen, egal ob privat oder öffentlich: Die Schülerstruktur ist weitestgehend homogen.

Denn hier wie da draußen gibt es viel zu wenig Durchmischung von Kindern unterschiedlicher Herkunft, Begabungen und Sprachen. Das gegenwärtige System führt nämlich nicht zu einer Durchmischung, sondern dazu, dass Menschen mit ähnlichen Hintergründen erst recht wieder zusammen sind. Das ist in der Regelschule genauso wie in der Alternativschule.

Erschienen in Falter 20/2015

Der Mann, der den Song Contest holte

Der Chef von Wien Tourismus Norbert Kettner wirbt für Wien im Ausland und verändert dabei auch das Selbstverständnis der Stadt. Porträt eines Pragmatikers

Einschätzung: Nina Brnada

Die Wiener Stadthalle ist der Ort, an dem sich die Arbeit von Norbert Kettner materialisiert. Ein Jahr lang bestand sein Tun für den Song Contest aus Besprechungen und Papieren. Nun aber haben sich die Pläne in Lärm und Stahl ausgewachsen.

Eine Hebemaschine, eine Art Bagger, steht inmitten der Halle, Arbeiter stemmen und hämmern, es riecht nach Staub und Spanplatten.

Die Bühne säumen runde Lampen, sie sind noch kalt. Ihre Anordnung mutet wie der Schweif der Milchstraße an.

Zum ersten Mal sieht Kettner die Vorbereitungen an dem Ort, wo der Song Contest stattfinden wird. Er gilt als wichtiger Mann im Hintergrund. Dass es zur Austragung des Song Contests in Wien überhaupt kam, ist auch sein Verdienst.

Kettner ist Chef von Wien Tourismus, jener kommunalen Einrichtung, die Wiens touristische Vermarktung betreibt. Als solche hat diese „an vorderster Front“, wie Kettner sagt, dafür geworben, dass der Song Contest in Wien stattfindet. Graz und Innsbruck gingen leer aus. „So klar war das nicht, dass Wien den Zuschlag bekommt“, sagt Kettner. „Schon am ersten Tag nach Conchitas Sieg hat für uns die Arbeit begonnen.“ Es galt, Informationen über Wiens Infrastruktur zusammenzutragen, Präsentationen zu erstellen, kleine und große Sitzungen zu absolvieren.

In der Stadthalle grüßt Kettner alle mit dem gleichen Elan. Den Security-Jungen in der Neonjacke genauso wie Pius Strobl in blauem Sakko. Der einstige ORF-Kommunikationschef Strobl wurde eigens für die Zeit des Song Contest von seinem alten Arbeitgeber wieder angestellt, er managt ihn nun vor Ort.

Kettner ist Jahrgang 1967, er agiert so zuvorkommend, dass man sich fragt, ob seine Professionalität Ausdruck spontaner Freundlichkeit ist oder doch bloß gewiefte Kommunikation.

Von 1993 bis 2003 war Kettner im Rathaus. Sepp Rieder, Wiens einstiger SPÖ-Vizebürgermeister, hatte ihn dorthin als Pressereferenten geholt.

Heute ist er bei Wien Tourismus Chef von 110 Mitarbeitern und verfügt über ein Budget von rund 25 Millionen Euro. Seine Arbeit besteht darin, Touristen nach Wien zu locken.

Seit dem Jahr 2009 werden dafür keine Inserate mehr geschaltet, sondern Aktionen durchgeführt. Es werden Bilder von Wien auf das Dach der Oper in Sydney projiziert. Oder man tingelt durch Europas Hauptstädte mit einer begehbaren, überdimensionierten Kugel, die 20 Meter hoch ist, und nennt das Ganze „Vienna Sphere“. Zwar kann man bei Werbung nie genau sagen, ob sie funktioniert, aber Faktum ist: Die Touristen kommen. Im Vorjahr gab es mehr als 13 Millionen Gästenächtigungen, so viele wie nie zuvor. Bis zum Jahr 2020 sollen es um fünf Millionen mehr werden.

„Wir haben derzeit viele Gäste aus Nordamerika“, sagt Kettner. Vor allem aber auf Asien setzt er seine Hoffnungen, immer mehr Menschen haben dort Geld für Reisen. „Unsere Botschaft ist, wenn du in Europa bist, dann musst du auch in Wien vorbeischauen.“

Nicht allen ist das recht: Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi etwa nannte Kettners Pläne, den Tourismus zu intensivieren, eine „gefährliche Drohung“. Man müsste sich hüten vor dem „übereifrigen Herrn Kettner“, dessen Vorhaben Wien austauschbar machen würden.

Kettner kann das nicht verstehen. Er fände ja auch nicht alle Tourismusideen sinnvoll, sagt er. Etwa jene, Segway-Touren am Zentralfriedhof zu organisieren. Es ginge schon darum, Funktionen von Orten zu belassen. Aber eine Stadt ist nun einmal kein Biobauernhof, kontert er der Kritik. „Und ich lebe nicht in der Stadt, wenn ich will, dass es samstags in der Innenstadt ruhig ist.“

Er ist jemand, der in behäbigen Verhältnissen die Grenzen auszuweiten versucht. Etwa auch, wenn es um das Thema Sonntagsöffnung geht. Von Sozialdemokraten wird sie oftmals kategorisch abgelehnt, Kettner hingegen, selbst SPÖ-Mitglied, kann sie sich in bestimmten Touristenzonen vorstellen.

Auch was die Frage neuer Anbieter im Bereich Fremdenverkehr -etwa Airbnb, jene Plattform, auf der Private ihre Wohnungen vermieten können – angeht, zeigt sich Kettner pragmatisch. Diese Entwicklung sei unumkehrbar, sagt Kettner, aber auch problematisch. Die Vermieter dort zahlen im Gegensatz zu Hotelbetreibern keine Ortstaxe. „Ich frage mich, ob das wirklich fairer Wettbewerb ist oder doch eher eine Entprofessionalisierung der Wirtschaft.“ Er bezeichnet sich selbst als „habituell bürgerlich, aber insgesamt moderat“. Die Eltern von Kettner waren Arbeiter in Tirol. Im Erwachsenenalter trat ihr Sohn den Roten bei. Norbert Kettner ist der Erste in seiner Familie, der maturiert und studiert, Jus in Wien.

Der junge Kettner saß jedoch lieber in Kaffeehäusern als auf der Uni, erzählt er, das Studium beendete er nicht. Stattdessen fängt er mit PR an, dann wechselt er in den Journalismus und hat dabei keine Berührungsängste mit dem Boulevard. Er heuert als freier Mitarbeiter im Wien-Chronikressort der Kronen Zeitung an. „Dort habe ich sehr viel gelernt, etwa wie man etwas knapp rüberbringt, und auch auf die Stimme des Volkes zu hören.“

Vielleicht ist es genau dieser Pragmatismus, der Kettner erfolgreich macht. Er agiert völlig unideologisch. Und wenn man den Prognosen glauben darf, kann er sich als Chef von Wien Tourismus wegen des Song Contest einmal mehr die Hände reiben.

Laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS), soll der Werbewert des Events für Wien bei 100 Millionen Euro liegen. Zwar sollen die Kosten der Gemeinde Wien laut eigenen Angaben 11,71 Millionen Euro betragen und die des ORF rund 15 Millionen Euro. Demgegenüber steht allerdings eine angenommene Wertschöpfung von 38,1 Millionen Euro. Doch zunächst muss in der Wiener Stadthalle fertiggehämmert werden. Und der wuchtige Bogen aus Lampen erglühen.

Erschienen in Falter 20/2015