Beim zehnten Anlauf

von Nina Brnada

Sofija Hindler genießt die Ruhe im Gemeindebau in der Malfattigasse. Hier fühlt sich die geborene Serbin endlich zu Hause

Visite: Nina Brnada

Am liebsten, sagt sie, putze sie zunächst die ganze Wohnung, schalte alle Lampen aus, zünde eine Kerze an, nehme sich eine Zigarette und setze sich mit ihre drei Hunden auf die Couch. Sofija Hindler, 47, sagt, sie genieße die Ruhe. Jahrelang sei es in ihrer Wohnung drunter und drüber gegangen, „manchmal spielten meine drei Söhne in der Wohnung Fußball mit einem Flummi, und das Fenster benutzten sie als Tor“.

Zwei ihre drei Söhne leben nun in eigenen Wohnungen, Sofija und ihr Mann haben somit mehr Platz für sich – das erste eigene Zimmer in 18 Jahren Ehe.

Hindler sitzt in ihrem Wohnzimmer, an den Wänden hängen das „Letzte Abendmahl“ und über dem Elektrokamin ein Flatscreen. Um die Beine der zwei Couchtische sind Bänder mit Strasssteinchen gewickelt, auf dem Esstisch steht ein Lilienarrangement.

Die Vorliebe für Schnörkel sei ihr von ihrem alten Beruf geblieben, sagt sie. Die gebürtige Serbin ist gelernte Kristallschleiferin, hier in Österreich aber verdingte sie sich meist als Putzfrau. Im Jahr 1992 war Hindler nach Österreich gekommen. Ihr Stiefvater arbeitete beim jugoslawischen Zoll, er habe ihr geraten, so schnell wie möglich fortzugehen, in ihrem Land herrschte bereits Krieg.

Hindlers erste Wiener Wohnung hatte WC am Gang. Das sei beklemmend gewesen, sagt sie, „ich konnte es nicht ertragen, dass alle Nachbarn wissen, wann ich aufs Klo gehe.“

In den ersten 13 Jahren in Österreich lebte sie in neun verschiedenen Wohnungen: in der Leopoldstadt, in Margareten, in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mal wollten die Vermieter doch keine Ausländer, dann kam das erste, das zweite Kind.

Seit zehn Jahren bewohnt sie nun die aktuelle Wohnung, 80 Quadratmeter, drei Zimmer. Vom Hof des Meidlinger Gemeindebaus in der Malfattigasse dringt der Duft frisch gemähten Grases in Hindlers Parterrewohnung. Wenn das Wetter schön ist, bleiben die Fenster offen, da könne man auch gleich mit vorbeigehenden Nachbarinnen ein wenig schwatzen. Mit deren Hilfe habe sie auch schwierigere Zeiten überwunden, sagt sie. „Sie kamen zum Kaffeetrinken und redeten mir gut zu.“

Zum Beispiel, als sie an einem Nervenleiden erkrankt sei. „Ich rannte gegen Türrahmen und ließ Gläser neben dem Tisch fallen, die ich eigentlich auf der Tischplatte abstellen wollte.“ Ihren Job als Putzfrau auf der Onkologie im Wilhelminenspital musste sie aufgeben. Die Ärzte schickten sie mit 35 in die Invaliditätspension. Dass sie so jung schon in Pension musste, war ihr peinlich. „Ich sagte meinen Kindern, sie sollten sagen, dass ich Hausfrau bin, falls wer fragt, was ihre Mutter beruflich macht.“

Erschienen in Falter Stadtplaung 20a/2015 

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