Der Mann, der den Song Contest holte

von Nina Brnada

Der Chef von Wien Tourismus Norbert Kettner wirbt für Wien im Ausland und verändert dabei auch das Selbstverständnis der Stadt. Porträt eines Pragmatikers

Einschätzung: Nina Brnada

Die Wiener Stadthalle ist der Ort, an dem sich die Arbeit von Norbert Kettner materialisiert. Ein Jahr lang bestand sein Tun für den Song Contest aus Besprechungen und Papieren. Nun aber haben sich die Pläne in Lärm und Stahl ausgewachsen.

Eine Hebemaschine, eine Art Bagger, steht inmitten der Halle, Arbeiter stemmen und hämmern, es riecht nach Staub und Spanplatten.

Die Bühne säumen runde Lampen, sie sind noch kalt. Ihre Anordnung mutet wie der Schweif der Milchstraße an.

Zum ersten Mal sieht Kettner die Vorbereitungen an dem Ort, wo der Song Contest stattfinden wird. Er gilt als wichtiger Mann im Hintergrund. Dass es zur Austragung des Song Contests in Wien überhaupt kam, ist auch sein Verdienst.

Kettner ist Chef von Wien Tourismus, jener kommunalen Einrichtung, die Wiens touristische Vermarktung betreibt. Als solche hat diese „an vorderster Front“, wie Kettner sagt, dafür geworben, dass der Song Contest in Wien stattfindet. Graz und Innsbruck gingen leer aus. „So klar war das nicht, dass Wien den Zuschlag bekommt“, sagt Kettner. „Schon am ersten Tag nach Conchitas Sieg hat für uns die Arbeit begonnen.“ Es galt, Informationen über Wiens Infrastruktur zusammenzutragen, Präsentationen zu erstellen, kleine und große Sitzungen zu absolvieren.

In der Stadthalle grüßt Kettner alle mit dem gleichen Elan. Den Security-Jungen in der Neonjacke genauso wie Pius Strobl in blauem Sakko. Der einstige ORF-Kommunikationschef Strobl wurde eigens für die Zeit des Song Contest von seinem alten Arbeitgeber wieder angestellt, er managt ihn nun vor Ort.

Kettner ist Jahrgang 1967, er agiert so zuvorkommend, dass man sich fragt, ob seine Professionalität Ausdruck spontaner Freundlichkeit ist oder doch bloß gewiefte Kommunikation.

Von 1993 bis 2003 war Kettner im Rathaus. Sepp Rieder, Wiens einstiger SPÖ-Vizebürgermeister, hatte ihn dorthin als Pressereferenten geholt.

Heute ist er bei Wien Tourismus Chef von 110 Mitarbeitern und verfügt über ein Budget von rund 25 Millionen Euro. Seine Arbeit besteht darin, Touristen nach Wien zu locken.

Seit dem Jahr 2009 werden dafür keine Inserate mehr geschaltet, sondern Aktionen durchgeführt. Es werden Bilder von Wien auf das Dach der Oper in Sydney projiziert. Oder man tingelt durch Europas Hauptstädte mit einer begehbaren, überdimensionierten Kugel, die 20 Meter hoch ist, und nennt das Ganze „Vienna Sphere“. Zwar kann man bei Werbung nie genau sagen, ob sie funktioniert, aber Faktum ist: Die Touristen kommen. Im Vorjahr gab es mehr als 13 Millionen Gästenächtigungen, so viele wie nie zuvor. Bis zum Jahr 2020 sollen es um fünf Millionen mehr werden.

„Wir haben derzeit viele Gäste aus Nordamerika“, sagt Kettner. Vor allem aber auf Asien setzt er seine Hoffnungen, immer mehr Menschen haben dort Geld für Reisen. „Unsere Botschaft ist, wenn du in Europa bist, dann musst du auch in Wien vorbeischauen.“

Nicht allen ist das recht: Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi etwa nannte Kettners Pläne, den Tourismus zu intensivieren, eine „gefährliche Drohung“. Man müsste sich hüten vor dem „übereifrigen Herrn Kettner“, dessen Vorhaben Wien austauschbar machen würden.

Kettner kann das nicht verstehen. Er fände ja auch nicht alle Tourismusideen sinnvoll, sagt er. Etwa jene, Segway-Touren am Zentralfriedhof zu organisieren. Es ginge schon darum, Funktionen von Orten zu belassen. Aber eine Stadt ist nun einmal kein Biobauernhof, kontert er der Kritik. „Und ich lebe nicht in der Stadt, wenn ich will, dass es samstags in der Innenstadt ruhig ist.“

Er ist jemand, der in behäbigen Verhältnissen die Grenzen auszuweiten versucht. Etwa auch, wenn es um das Thema Sonntagsöffnung geht. Von Sozialdemokraten wird sie oftmals kategorisch abgelehnt, Kettner hingegen, selbst SPÖ-Mitglied, kann sie sich in bestimmten Touristenzonen vorstellen.

Auch was die Frage neuer Anbieter im Bereich Fremdenverkehr -etwa Airbnb, jene Plattform, auf der Private ihre Wohnungen vermieten können – angeht, zeigt sich Kettner pragmatisch. Diese Entwicklung sei unumkehrbar, sagt Kettner, aber auch problematisch. Die Vermieter dort zahlen im Gegensatz zu Hotelbetreibern keine Ortstaxe. „Ich frage mich, ob das wirklich fairer Wettbewerb ist oder doch eher eine Entprofessionalisierung der Wirtschaft.“ Er bezeichnet sich selbst als „habituell bürgerlich, aber insgesamt moderat“. Die Eltern von Kettner waren Arbeiter in Tirol. Im Erwachsenenalter trat ihr Sohn den Roten bei. Norbert Kettner ist der Erste in seiner Familie, der maturiert und studiert, Jus in Wien.

Der junge Kettner saß jedoch lieber in Kaffeehäusern als auf der Uni, erzählt er, das Studium beendete er nicht. Stattdessen fängt er mit PR an, dann wechselt er in den Journalismus und hat dabei keine Berührungsängste mit dem Boulevard. Er heuert als freier Mitarbeiter im Wien-Chronikressort der Kronen Zeitung an. „Dort habe ich sehr viel gelernt, etwa wie man etwas knapp rüberbringt, und auch auf die Stimme des Volkes zu hören.“

Vielleicht ist es genau dieser Pragmatismus, der Kettner erfolgreich macht. Er agiert völlig unideologisch. Und wenn man den Prognosen glauben darf, kann er sich als Chef von Wien Tourismus wegen des Song Contest einmal mehr die Hände reiben.

Laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS), soll der Werbewert des Events für Wien bei 100 Millionen Euro liegen. Zwar sollen die Kosten der Gemeinde Wien laut eigenen Angaben 11,71 Millionen Euro betragen und die des ORF rund 15 Millionen Euro. Demgegenüber steht allerdings eine angenommene Wertschöpfung von 38,1 Millionen Euro. Doch zunächst muss in der Wiener Stadthalle fertiggehämmert werden. Und der wuchtige Bogen aus Lampen erglühen.

Erschienen in Falter 20/2015

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