Eine Bohrinsel vor der Urlaubsinsel

von Nina Brnada

Österreichs OMV darf in der Adria nach Öl suchen. Umweltschützer warnen den Konzern

Bericht: Nina Brnada

Kroatien ist nahe genug, dass man mit dem Auto hinfahren kann, und doch so weit entfernt, dass man sich in einer anderen Welt wiederfindet. Rund 70 Kilometer von der Südgrenze Österreichs entfernt liegt das Land mit seinen 1244 Inseln und 1777 Kilometern Küste, mit Kieselstränden und Pinienwäldern. Gerade bei Österreichern ist die ex-jugoslawische Teilrepublik beliebt, hinter Italien die wichtigste Reisedestination.

Das Land bewirbt seine Schönheit in der Werbung als „zeitlos mediterran“, doch Umweltschützern zufolge könnte sie bald Vergangenheit sein. Die kroatische Regierung will nämlich nach Öl-und Gasvorkommen auf dem Grund der Adria bohren lassen. Einer der wichtigsten Player bei diesem Projekt ist Österreichs teilstaatliche OMV. Sie hat mit dem US-amerikanischen Konzern Marathon Oil ein Konsortium gegründet und den Großteil der Bohrkonzessionen erhalten. Diese ermöglichen nicht nur die Erschließung, sondern im Fall einer Bergung von Reserven auch die Förderung von Gas und Öl in der Adria.

Mancherorts sind die Bohrstellen nur zehn Kilometer von der Küste entfernt, nahe von Orten, die Aushängeschilder des Landes sind, kritisiert Johannes Wahlmüller von Global 2000. Zum Beispiel vor den Kornaten, einem Nationalpark in Norddalmatien, der 140 Inseln umfasst. Oder nahe dem Nationalpark der Insel Mljet im Süden oder vor der Altstadt von Dubrovnik, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

Umweltschützer und Aktivisten sind alarmiert. Sie warnen vor einer möglichen Umweltkatastrophe, vor negativen Auswirkungen auf den kroatischen Tourismus, und sie kritisieren Ablauf und Umstände der Konzessionsvergaben als intransparent.

Diese Geschichte beginnt am 2. Jänner dieses Jahres. An diesem Tag gibt Kroatiens Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak die Namen der Firmen bekannt, die Bohrkonzessionen bekommen haben. Von insgesamt zehn Konzessionen gehen sieben an ein Konsortium aus OMV und der US-amerikanischen Marathon Oil. Die restlichen drei bekommen der kroatische Ölkonzern INA, die ungarische MOL und ein Konsortium der italienischen ENI und der in London ansässigen Medoilgas. Laut Wirtschaftsminister werden die Investoren in den nächsten fünf Jahren über eine halbe Milliarde Euro für die Erschließung der Stätten ausgeben.

Man müsse mit seinem Potenzial etwas anfangen und könne nicht allein in Schönheit sterben, rechtfertigen die Befürworter den Plan. Der Wirtschaftsminister träumt schon vom kleinen Norwegen am Balkan.

Gegner kritisieren jedoch, dass die Ergebnisse der Studie zur strategischen Umweltverträglichkeit erst veröffentlicht wurden, nachdem die Konzessionen schon vergeben worden waren. „Diese Abfolge steht auf rechtlich wackligen Beinen“, sagt Luka Tomac, Vizepräsident von Zelena Akcija, der Grünen Aktion, einer großen kroatischen Umweltschutz-NGO.

Barbara Dorić, Direktorin der zuständigen staatlichen Agentur für Kohlenwasserstoffe, hält im kroatischen Fernsehen dagegen, es werde erst gebohrt, nachdem die endgültigen Verträge unterschrieben sind. Das allerdings ist nur ein Formalakt, denn für das Projekt und die konkreten Lizenznehmer hat sich die Regierung längst entschieden, kritisieren die Gegner.

Doch nicht nur das erregt Widerstand. Im Zuge des Projekts muss auch auf mögliche Auswirkungen auf die Biodiversität geachtet werden, also ob bestimmte Fisch-, Schildkröten-und Vogelbestände intakt bleiben. Dies obliegt allerdings nicht etwa einer unabhängigen oder staatlichen Stelle, sondern den Ölkonzernen selbst, kritisieren Umweltaktivisten. „Diese Firmen haben ein wirtschaftliches Interesse“, sagt Tomac von Zelena Akcija. Das sei so, als würde ein Wolf die Schafe hüten.

Dazu kommt die Angst vor einer Havarie. Im kleinen Adriatischen Meer, das allseits, außer im Süden, von Land umschlossen ist, hätte ein Unglück besonders gravierende Auswirkungen, argumentieren Kroatiens Umweltschutzorganisationen. Deshalb haben sie sich zu einer Koalition namens „SOS für die Adria“ zusammengeschlossen. Mittlerweile treten auch regionale Verwaltungen gegen die Bohrungen auf dem Meeresgrund auf, etwa in der Region rund um die dalmatinische Küstenstadt Šibenik. „Sollten wegen Ölvorkommen Plattformen errichtet werden, würde man die von den Stränden aus sehen“, sagt Tomac.

Dazu kommt, das der Fall an die Küsten anderer Adriastaaten. Italien und Slowenien machen von der sogenannten Espoo-Konvention Gebrauch. Das ist ein Instrument, das bei Vorhaben zum Einsatz kommt, deren Auswirkungen auf die Umwelt über nationalstaatliche Grenzen hinausreichen könnten – in diesem Fall halten die betroffenen Staaten etwa öffentliche Anhörungen ab. Die Resultate werden in einigen Wochen an die kroatische Regierung übermittelt.

„Zwar haben diese Länder kein Recht, ein Veto einzulegen, und die Ergebnisse der öffentlichen Diskussion haben nur Vorschlagscharakter“, sagt Nina Štros von Greenpeace Slowenien. „Aber auch in den Ländern der Region gibt es ein reges Interesse an diesem Thema, auch weil die zuständigen kroatischen Behörden nicht ausreichend erklären können, was sie bei einem etwaigen Unfall auf dem Meer täten.“

Die kroatische Regierung hält an ihren Plänen fest. Bohrungen in der kroatischen Adria würden schon seit Jahrzehnten durchgeführt, argumentiert sie – allerdings wird bisher nur Gas gefördert, kein Öl.

Aktivisten wie Luka Tomac fordern nun ein Referendum. Sie appellieren an die Ölkonzerne, die endgültigen Verträge für die Bohrungen nicht zu unterschreiben.

Bei der OMV will man auf die Fragen zu den Bohrungen in Kroatien nicht antworten. Der Konzern verweist stattdessen auf den US-Partner Marathon Oil. Dieser leitet das Konsortium und hat daran einen 60-Prozent-Anteil. Die Marathon Oil sei deshalb auch für die Kommunikation zuständig, erklärt der Unternehmenssprecher der OMV. Doch auch Marathon Oil ist auf Falter-Nachfrage zu keiner Stellungnahme bereit.

Erschienen in Falter 16/2015 

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