Eine Reise zum offenen Grab von Body 122

von Nina Brnada

In Malta haben Europas Politiker vor 24 Holzsärgen getrauert. Darin ruhen ein paar der Opfer der historischen Flüchtlingskatastrophe. An ihren namenlosen Gräbern erfährt man, warum sie sterben mussten

Reportage: Nina Brnada/Malta

Als sich die Eritreer am Strand von San Ġiljan versammeln, ist die Nacht bereits wie ein Tuch über Malta herabgeglitten. Ein Karohemd liegt auf den Felsen inmitten einer Gruppe von rund 50 Männern und Frauen. Darauf werfen sie Münzen sowie Fünf- und Zehn-Euro-Scheine.

Um das Geld mieten sie am nächsten Morgen vier Busse samt Lenker. Die Firma Peppin Transport fährt 150 Menschen nach Addolorata, einen Friedhof nahe Maltas Hauptstadt Valletta, inmitten von Wiesen, die die Sonne in einigen Wochen in Steppe verwandelt haben wird.

Dort werden jene 24 Körper in die Erde gelegt, die aus dem Wasser gezogen wurden, nachdem ein Boot mit Flüchtlingen vor der Küste Libyens gekentert war. Wie viele an Bord saßen, weiß niemand genau, die Rede war zunächst von 700, dann von 950. Überlebt haben 28 Personen.

Im Westflügel des maltesischen Friedhofs öffnen acht Männer in blauen Arbeitshosen sechs Grüfte. In jede stapeln sie vier Totenkisten übereinander. Auf der Insel ist der Platz begrenzt, auch andere Gräber werden auf ähnliche Weise genutzt. Aber allein aufgrund der Anzahl der Särge ist das, was hier passiert, mehr Verladung als Beisetzung. Es braucht Stunden, bis alle Särge heruntergelassen sind.

Derweil harren die Eritreer im Schatten der Pinien aus und beten zu Jesus und Maria. Die Frauen weinen, die Männer daneben stehen da wie geprügelte Hunde. Sie kennen weder die Gesichter noch die Namen derer, deren Tod sie beklagen. Auf den Kisten stehen lediglich Chiffren: Body No. 121, Body No. 122 oder Body No.132. Die Eritreer haben gehört, dass unter den Passagieren des gesunkenen Bootes besonders viele ihrer Landsleute waren, vielleicht also verbargen die Holztruhen auch deren Körper.

Einst sind die Mitglieder der Trauergemeinde selbst mit Booten nach Malta gekommen. Für die Eritreer sind die 24 Unbekannten ihre Toten. Für Europa der Anstoß einer fundamentalen Gewissensprüfung.

Was soll die EU tun, damit nicht wieder Menschen auf diese Weise sterben müssen? Wie kann man Flüchtlingen helfen? Wann gehen sie einen nichts mehr an? Wie viel Verantwortung müssen die Europäer übernehmen?

Die Toten im Mittelmeer sind ein Symptom globaler Entwicklungen. Laut dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen waren Ende 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Wege, die sie nehmen, sind oftmals gefährlich, sie sind ihnen aber lieber, als das zu ertragen, wovor sie flüchten.

Europa zeigt sich betroffen. Noch vor dem Begräbnis werden die 24 Särge einer Schar von Politikern vor die Füße gelegt, etwa dem für Migration zuständigen EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos aus Griechenland und Italiens Innenminister Angelino Alfano. Es kamen Präsidenten und Gesandte, auch Petra Schneebauer, Österreichs Botschafterin in Malta, sie saß in der ersten Reihe.

Sie alle kamen in das eigens dafür aufgespannte Zelt aus weißen Planen vor dem maltesischen Spital Mater Dei, Mutter Gottes. Ein Imam und ein Priester hielten Reden, es gab Harfenmusik, und das Militär salutierte. Europa ehrt die Toten, was aber tut es für die Lebenden?

„Ja, die Flüchtlinge können einem leidtun“, sagt Noel, ein alteingesessener Malteser, er ist Mitte 50. Der Mann verkauft Farben und Lacke in Kübeln und Dosen in Marsa, einer Stadt im Osten der Insel mit rund 5000 Einwohnern.

Die Flüchtlinge aus Afrika und dem arabischen Raum würden jetzt nach Europa kommen, so wie die Europäer einst nach Amerika gingen. „Doch die Europäer haben irgendwann begonnen, dort die Einheimischen umzubringen“, sagt er. „Malta ist jetzt schon eines der dichtestbesiedelten Länder der Welt. Ich hoffe nur, dass wir nicht überrannt werden.“

Das Land hat lange Zeit um seine Identität gekämpft, neben Franzosen, Sizilianern und Briten wirkten hier auch Byzantiner, Araber und der kirchliche Ritterorden der Malteser, der die Insel gegen Muslime verteidigte.

Der Archipel war eine Bastei des Abendlandes, und so sieht er nach wie vor aus, mit seinen sandfarbenen Gemäuern und den Gässchen. Aber die Spuren jener, die diesen Flecken Erde prägten, sind bis heute geblieben, etwa in der maltesischen Sprache, die Araber verstehen, sofern man sie langsam spricht, wie man hier allseits versichert. Oder in den Gesten und Blicken der Bewohner.

Die Malteser gefallen sich so, wie sie sind. Sie finden, sie wurden genug im Feuer der Geschichte geprüft. Jetzt wollen sie so bleiben, wie sie sich in Reiseführern präsentieren: katholisch, ein Touristenort, an dem die Sonne scheint und man gut essen kann.

Doch der Weltenlauf folgt oft nicht den Vorstellungen von Menschen, sondern Zufällen, auf die man keinen Einfluss hat. So können die Flüchtlinge nicht wählen, ob sie in einem Land geboren werden, aus dem sie später fliehen müssen. Und die Malteser können auch nichts für die geografische Lage ihres Landes.

Wären die Kontinente Afrika und Europa ein tanzendes Paar, so wäre Malta Europas Ausfallschritt. Denn der Inselstaat ragt tief in den Süden hinein, er ist nur 357 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt. Und weil die sogenannte Dublin-III-Verordnung besagt, dass für einen Flüchtling stets jenes EU-Land zuständig ist, das er als Erstes betreten hat, kommen nach Malta viele Flüchtlinge, ebenso wie in die anderen Grenzländer Italien und Griechenland. „Das halte ich nicht für fair, die Länder des Nordens sollten mehr tun“, sagt Noel, der Farbenverkäufer.

In dieser Gegend von Marsa stehen einstöckige Häuserreihen und Schiffsrümpfe, die schon lange keiner mehr braucht. Das Geschäft, in dem Noel arbeitet, ist vielleicht 100 Meter von der Flüchtlingsunterkunft entfernt. Aus einem Kanal davor stinkt es nach Fäulnis.

Am Straßenrand stehen Fauteuils und Plastiksessel vor der New Tiger Bar. In dieser Spelunke sitzen nur Flüchtlinge aus dem Lager. Viele von ihnen fangen an zu trinken, sagt Oliver Gatt. „Sie sind den Umgang mit Alkohol nicht gewöhnt und nach zwei Bier betrunken.“ Gatt ist Chef des Flüchtlingslagers, sein Hemd ist gebügelt, die Wangen rasiert.

Einst diente sein Arbeitsplatz als Knabeninternat, heute wohnen darin circa 160 erwachsene Männer, zumeist aus Afrika. „Es gibt viele kulturelle Unterschiede zwischen ihnen und uns“, sagt Gatt. Zum Beispiel wenn es um Sauberkeit geht. Einmal habe einer zum Fensterreinigen einen Kübel Wasser ohne Lauge und dreckige Jeans als Putzfetzen verwendet. „Die Scheiben waren danach verschmierter als zuvor.“

Man braucht Geduld und viel Kommunikation im Umgang mit den Flüchtlingen, sagt Gatt. Da gehe es um den Aufbau von Beziehung. Polizeiarbeit, die viele bei Flüchtlingen zuerst forderten, sei in den meisten Fällen fehl am Platz.

Viele Flüchtlinge würden von ihren Sorgen erst später erzählen, wenn sie ein wenig Vertrauen fassten. Gatt weiß von Männern, deren Familien, die in Afrika zurückgeblieben sind, Druck machen. „Jedes Mal, wenn ihr Handy läutet, reißt es sie. Denn sie wissen, dass ihre Kinder in den Hörer schreien werden und man ihnen sagen wird, dass die Familie verhungert, wenn nicht bald Geld geschickt wird.“

Neil Falzon sitzt im Souterrain der Old Mint Street 149 in der Hauptstadt Valletta. Er ist Jurist, Leiter der Menschenrechts-NGO Aditus, einer der wichtigsten Maltas für diesen Bereich. Falzon sagt, er habe schon Angst vor dem Sommer, wenn sich das Wetter stabilisiere und deshalb noch mehr Boote von den Küsten Nordafrikas ablegten. Er sagt das Gleiche wie viele andere Aktivisten auch: Flüchtlinge sind seit Anbeginn der Zeit über illegale und unsichere Wege gereist, man wird niemals die Zahl auf null schrauben können, aber man kann sie reduzieren. Man darf keine Illusionen haben, Flüchtlinge verursachen in den Aufnahmeländern Kosten, finanzielle oder soziale. „Wie hoch diese ausfallen, hängt von der Organisation ab.“ Engagement sei aber in jedem Fall notwendig. Hilfe sei eine Frage der Moral, die Verantwortung Europas endet nicht an seinen Grenzen, man könne nicht zusehen, wie Menschen an unserer Türschwelle krepieren. „Wir müssen uns fragen, in welcher Welt wir leben wollen“, sagt Falzon, „so pathetisch das auch klingen mag.“

Das Schlepperwesen ist Folge des Problems, nicht die Ursache, „es ist ein Geschäft, das lediglich eine Lücke schließt“, sagt Falzon. „Denn die Flüchtlinge könnten auf andere Weise gar nicht zu uns gelangen.“ Natürlich sei es wichtig, Europas Grenzen zu bewachen, sie schaffen nicht nur Bezugspunkte und Identität, sie schützen auch. Es gebe viele externe Gefahren, gegen die man sich abschirmen müsse. „Auch ich bin für starke Grenzen. Sie müssen aber für Schutzsuchende durchlässig sein.“

Die militärische Sicherung der EU-Außengrenzen ist jetzt schon zentralistisch in der EU-Agentur Frontex organisiert. Das Asylwesen in Europa ist hingegen ein Flickwerk und obliegt jedem Land selbst.

Es besser zu orchestrieren wäre schon jetzt möglich, finden manche NGOs. Es gibt Strukturen innerhalb der EU, die sich länderübergreifend mit dem Thema Asyl beschäftigen, etwa das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO). Auch diese Organisation ist wie Frontex eine Agentur der EU. Frontex ist in Polen angesiedelt, die EASO hier in Malta.

Wenn man so will, ist EASO die jüngere Schwester von Frontex. 2010, also fünf Jahre nach Frontex, nahm es seine Arbeit auf. Während die Grenzschutzagentur Frontex stetig an Bedeutung gewinnt, fristet die Asylagentur EASO ein Aschenputteldasein, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und unterdotiert. Das Budget von Frontex ist für das Jahr 2015 mit 115 Millionen Euro zehnmal größer als das von EASO. Aber bei Wahlen zieht Grenzschutz mehr als Asyl.

Die Räumlichkeiten für die 86 EASO-Mitarbeiter befinden sich direkt an Vallettas Hafen in einem Kasten aus Stahl und Glas. Fliesenböden und Klimaanlagen, Ledergarnituren und Flaggenständer.

Robert Visser ist hier der Chef, er ist ein großgewachsener Niederländer mit offenem Blick und begrenzten Kompetenzen. Das EASO könne nur das machen, was ihm die Länder ermöglichen, seine Arbeit hänge von politischen Entscheidungen ab, sagt Visser. Die Aufgabe des EASO sei vor allem, die Länder in ihren Asylangelegenheiten zu unterstützen. Das europäische Wertesystem sei prinzipiell ein gutes, an das er glaube. Menschen, die wegen Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen, sollen bei uns Schutz finden können. Wirtschaftsflüchtlinge würden nicht darunter fallen, „so verständlich deren Motive auch sein mögen“.

Neil Falzon von Aditus hingegen findet, dass Europa genau diese Haltung überdenken muss. Nicht nur Krieg kann Leben bedrohen, auch Hunger. Auch jene, die aus wirtschaftlichen Gründen weggehen, sollten die Möglichkeit haben, nach Europa zu kommen. Für diese Menschen gebe es ohnehin einen Bedarf, sagt Falzon. „Jede Regierung sagt hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Land Migranten als Arbeitskräfte braucht, offen spricht es keiner aus, weil es zu unpopulär wäre.“

Wer aber sollte sich nicht in der EU niederlassen dürfen? Wem, der will und nicht kriminell ist, sollte man das verweigern? Diese Frage sei sehr schwierig zu beantworten, sagt Neil Falzon.

In der Einöde des äußersten Südens Maltas liegt Ħal-Far. Hier stehen einige ebenerdige Häuser, sie gehörten einst zum Flughafen, den die Royal Air Force des Vereinigten Königreichs hier aufgebaut hatte. „Mein heutiges Büro nutzte Winston Churchill während der Konferenz von Malta 1945 als Rückzugsort“, sagt Dionysius Mintoff. Rund um das einstige Churchill-Büro wohnen 50 Flüchtlinge, die Mintoff im Rahmen seiner NGO Peace Lab beherbergt. Der 84-Jährige ist Franziskanerpater, sein Bruder Dom Mintoff, ein Sozialist, war Maltas Premierminister.

In Rufweite von hier sind auch staatliche Flüchtlingslager, die Menschen dort sind teilweise im einstigen Flugzeughangar untergebracht, hier bei ihm leben sie in kleinen Containern. Als er diese zum ersten Mal aus Mailand einführen ließ, machten es ihm die Behörden gleich nach. Ein Teil der staatlichen Lager ist jetzt ebenfalls eine Containersiedlung. „Das ist im Vergleich zu den Zelten, die früher dort herumstanden, eine große Verbesserung“, sagt Mintoff. „Würde mich die Regierung bloß immer kopieren.“

Auch beim Umgang mit Rassismus, den es auch unter den Flüchtlingen gibt, sagt Mintoff. „Sie sagen, sie wollen nicht miteinander leben, weil die jeweils anderen für ihre Flucht oder den Tod eines Familienmitglieds verantwortlich sind.“ In den staatlichen Lagern würde man sie deswegen trennen. „Ich aber sage ihnen:’Wir leben hier alle zusammen, hier wird dir niemand etwas tun.‘ Und dann gewöhnen sie sich aneinander. Viel wichtiger ist ohnehin, eine Arbeit zu finden.“

Mintoff selbst wurde ebenfalls angefeindet, die Mauern seiner Kirche wurden immer wieder von Leuten begeschmiert, denen es nicht passte, dass sich der Geistliche um Flüchtlinge kümmert. Er stützt sich auf seinen Stock und zuckt mit den Schultern. Es scheint ihm egal zu sein.

Der Garten seiner Wohngemeinschaft ist sich selbst überlassen, die Wurzeln der Bäume drängen an die asphaltierten Gehwege und verbiegen sie, eine tote Katze liegt neben dem Zaun. Dieser Ort steht nicht für Ordnung, sondern für Ruhe.

Manche Bewohner ziehen auch weiter, wie die junge Eritreerin, die heute in London lebt. Sie flog eigens für das Begräbnis der 24 Unbekannten nach Malta und ging zum Friedhof Addolorata. Mintoff war ebenfalls dort. Als sie ihn sah, umarmte sie ihn und weinte. Dionysius Mintoff blieb bei ihr und stellte sich im Schatten der Pinien dazu.

Erschienen in Falter 18/2015 

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