Es gibt größere Probleme als die Pannen bei der Zentralmatura

von Nina Brnada

Kommentar: Nina Brnada

Auf eines muss sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wohl einstellen: Während der Zentralmatura werden jegliche Fehler der Bildungsbehörden zelebriert, falls sie zutage treten. Wenn beispielsweise in eine Schule die falschen Angaben geliefert werden – da sind Schlagzeilen garantiert. Die Zentralmatura ist auch ein Test für das Bildungssystem. Aber nur einer von vielen und auch einer der unwichtigeren. Denn die Probleme des Systems beschränken sich bei weitem nicht auf die Pannen bei der Durchführung der Zentralmatura.

Für viele Schülerinnen und Schüler steht mehr auf dem Spiel, für sie geht es immer mehr um ihre prinzipiellen Chancen in dieser Gesellschaft. Österreich gehört zu jenen OECD-Ländern, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt. So macht etwa mehr als jeder Zweite, dessen Eltern Akademiker sind, ebenso einen Universitätsabschluss. Aus Familien, wo die Eltern nur Pflichtschule absolviert haben, sind es aber nur magere sieben Prozent.

Österreichs Bildungssystem hat ein Problem mit seiner Konstitution, keiner weiß ganz genau, was sie ausmacht. Eine Folge des schlecht umgesetzten Föderalismus ist ein gewaltiger Verwaltungsapparat hinter dem Schulsystem, den niemand überblickt, auch nicht das Ministerium. Detaillierte Daten darüber, was wirklich bei den Schülern ankommt, hat nicht einmal der Rechnungshof.

Ginge es nach den Linken, würden alle Zehn-bist 14-Jährigen alternativlos in eine gemeinsame Schule gehen. Und obwohl bei diesem Thema auch innerhalb der ÖVP die Front bröckelt, beharrt man dennoch auf dem Status quo und der geradezu wahnwitzigen Trennung der Kinder nach der vierten Klasse Volksschule. Manche Teile der ÖVP scheinen von der Frage angeleitet: Was sollen wir unseren Kindern sonst vererben außer Bildung?

Demselben Geist entspringen Sprechblasen wie „Deutsch vor Schuleintritt“. Bildungsministerin Heinisch-Hosek wehrt derlei Begehren zwar stets ab. Gleichzeitig wagt sie nicht mehr Muttersprachenförderung für die Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, obwohl doch alle Experten predigen, dass diese Kinder auch besser Deutsch lernen, wenn sie in ihrer Muttersprache gefördert werden.

Freilich, das Bildungsressort ist kein einfaches. An kaum einen anderen Politikbereich sind so viele Erwartungen geknüpft wie an diesen. In einer Zeit, deren Öffentlichkeit sich zunehmend fragmentiert, bleibt das Schulsystem ein Hort von Stabilität – und ein letzter gesellschaftlicher Kitt. Entsprechend umstritten ist es, weit über die Zentralmatura hinaus.

Erschienen in Falter 19/2015

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