Ich suchte Gott. Also wurde ich Muslim

von Nina Brnada

Ein österreichischer Teenager ist katholisch. Aber er ist unzufrieden mit seinem Glauben. Also tritt er zum Islam über und begegnet Frommen und Mystikern, Kriminellen und Radikalen. Die Geschichte eines Konvertiten

Protokoll: Nina Brnada

Woher kommt die Sehnsucht nach einem vermeintlich reinen Glauben? Warum mündet sie oft in Radikalismus? Diese Geschichte eines Gottsuchers macht manches klarer. Er ist heute 30 Jahre alt und erzählt aus seiner Jugend. Er will anonym bleiben, deshalb unterbleiben einige Ortsangaben. Der Falter traf den Mann zu stundenlangen Gesprächen. Daraus entstand dieser Bericht.

Es gibt Menschen, die sind religiös veranlagt, und ich glaube, ich bin so jemand. Schon als kleiner Bub habe ich versucht, Gott näherzukommen. Täglich habe ich mich bemüht, in der Früh und am Abend in meinem Zimmer zu beten. Die Texte dieser Andachten las ich von der Rückseite eines postkartengroßen Herz-Jesu-Bildes ab, das Abendgebet stand auf einem Marienbild geschrieben. Diese zwei Kärtchen waren für lange Zeit mein wertvollster Schatz.

Ich hatte sie von den Pfadfindern bekommen, deren Mitglied ich seit meinem siebten Lebensjahr war. In dieser Gruppe haben wir nicht nur im Wald gespielt und gelernt, wie man Feuer macht, sondern auch oft gemeinsam den Rosenkranz gebetet und religiöse Unterweisungen erhalten. Das alles hat mir große Freude bereitet, ich war stolz, dort dabei zu sein.

Das Religiöse war für mich neu und aufregend, denn von zu Hause kannte ich das nicht. Wie so viele sind auch meine Eltern überhaupt nicht gläubig. Ich wurde zwar katholisch getauft, aber mein Vater war schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten und meine Mutter ging nur selten hin.

Wenn Schulfreunde zu uns nach Hause kamen, stellten wir in meinem Kinderzimmer Messen nach: Als Tabernakel diente uns eine Schuhschachtel, die mit einem floralen Muster verziert war. Ich hatte damals ein Hochbett, der Platz darunter war unsere Kirche, ich mimte den Priester, eine Freundin ministrierte.

Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, begannen mich erste Zweifel zu quälen. Mir reichte es plötzlich nicht mehr, das „Gegrüßet seist du, Maria“ zu wiederholen, Rosenkranz zu beten und die zwei Bildchen zu besitzen. Ich spürte, es bräuchte mehr, um ein ganzes Leben nach dem Glauben auszurichten. Und genau danach habe ich gesucht: nach einem System, mit dem ich mein Leben ordnen konnte.

Ich war damals mitten in der Pubertät und war gerade von der Unterin die Oberstufe einer anderen Schule gewechselt. Das sind einschneidende Ereignisse. Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese der Grund für mein plötzliches Unbehagen waren. Heute kann ich nicht mehr verstehen, was mich damals wirklich bewegte. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich mehr über meinen Glauben wissen wollte.

Ein Freund stammte aus einer sehr katholischen Familie, für sein Alter wusste er recht viel über seine Religion, und er schien frei von jeglichen Zweifeln zu sein. Ihn fragte ich immer, wenn ich etwas über Dreifaltigkeit, die Messe und die Beichte wissen wollte. Meine Zweifel darüber besprach ich dann aber mit einem anderen Freund, der nicht gläubig war.

Bei der Suche nach religiösem Wissen wollte ich mich nicht nur auf andere verlassen, also ging ich über mehrere Wochen immer wieder in eine Buchhandlung.

Nach den ersten Besuchen dort war ich enttäuscht: Ich hielt Ausschau nach katholischer Literatur, die mich in meinem religiösen Leben weiterbringen würde, doch alles, was ich fand, waren Bücher, die auf geradezu skurrile Art den Buddhismus in Einklang mit dem Christentum bringen wollten, oder Bücher vom langbärtigen Benediktinerpater Anselm Grün und andere seichte, psychologisierende Lebensberatungsliteratur.

Mir jedoch war all das nicht konkret genug. Ich wollte klare Regeln, etwas, das mein Leben strukturiert und mir den Glauben erklärt. Mich hat das esoterische Gefasel von Engelsmächten und positiven Energien nicht interessiert. Ich war auf der Suche nach etwas, das mir Gott als ein reales Wesen vorstellt. Ich wollte Gott erkennen.

Zu dieser Zeit hatte ich außerdem das Gefühl, Hilfe beim Aufbau einer gewissen Alltagsdisziplin zu brauchen, denn ich empfand mich als schrecklich inkonsequent und faul. Es fanden sich immer tausend Vorwände, um etwas nicht zu tun: also beispielsweise, wenn ich mich lieber mit meinen Freunden traf, anstatt ein vernünftiges Buch zu lesen.

Disziplin war das, was ich unbedingt brauchte, denn meine Lebensumstände hatten sich verändert: Weil meine neue Schule im Gegensatz zur Unterstufe keine Ganztagsbetreuung anbot, musste ich jetzt nach dem Unterricht heim und mir meine Zeit selbst einteilen. Ich wusste aber nicht so recht, wie.

Meine Noten wurden schlechter, was mich zwar nicht sonderlich traf, aber ich vermutete, an der Hand eines Gottes, wäre es leichter, eine gewisse Ordnung zu befolgen.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob es wirklich nur das war.

Ich weiß nicht, warum die Suche nach klaren Antworten für mich so dringlich wurde. War es, weil mich meine Eltern nicht streng genug erzogen haben oder weil ich ohne Geschwister aufgewachsen bin? War es, weil meine Freundin mich nach einem Monat sitzen gelassen hatte?

Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte, es alleine, aus eigener Kraft es nicht zu schaffen, der zu sein, der ich sein wollte.

Nach einigen misslungenen Versuchen, etwas passendes Christliches zu finden, verließ ich die Buchhandlung schließlich mit einem deutschsprachigen Koran-Exemplar.

Vom Islam hatte ich davor schon im katholischen Religionsunterricht in der Schule gehört. Der Lehrer teilte einen Zettel aus, auf dem die fünf Säulen des Islams aufgelistet waren, das Fundament dieser Religion.

Die erste Säule ist das Glaubensbekenntnis, welches besagt, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Prophet ist.

Die zweite ist das Gebet, das fünf Mal täglich zu verrichten ist.

Die dritte ist die Verpflichtung zum Almosengeben.

Die vierte Säule betrifft die Einhaltung des Fastenmonats Ramadan, und die fünfte die Pilgerreise nach Mekka, den Hadsch, den man als Muslim zumindest einmal in seinem Leben gemacht haben sollte.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich auf dem Blatt, auf dem das stand, einiges unterstrichen habe, vor allem jene Stellen, die sich auf den Ablauf des Gebets bezogen: Man müsse dafür einen Ausschnitt aus dem Koran rezitieren, sich hinunterbeugen, wieder erheben und dann niederwerfen.

Ich kam mit dem Koran aus der Buchhandlung nach Hause und holte diesen Zettel wieder hervor. Er lag noch in meiner Schreibtischlade. Ich kann mich an den Moment erinnern, als ich in meinem Zimmer stand, den Koran und dieses Blatt Papier in Händen.

Im Nachhinein weiß ich, dass ich mich dann sehr dilettantisch angestellt hatte, auch weil ich auf Deutsch und nicht auf Arabisch betete.

Diesen ersten islamischen Gebetsversuch unternahm ich knapp vor meiner Reise nach London, wo ich zum Islam konvertiert bin und Muslim wurde. Ich nahm mir schon zu Hause vor, diesen Schritt in England zu tun. Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass dort viele Muslime leben und es etliche Moscheen gibt.

Meine Eltern waren komplett ahnungslos, sie hatten mich nach London geschickt, damit ich während eines dreiwöchigen Sprachaufenthaltes mein Englisch aufbessere. Niemand wusste etwas von meinem Plan, auch nicht der Schulfreund, der damals zeitgleich mit mir auf Sprachaufenthalt in London war.

Aus dem Reiseführer wusste ich von der Central Mosque, der größten Moschee Londons. Sie liegt unweit der Station Baker Street. In dieser Gegend befinden sich mehrere islamische Buchhandlungen; die erste, die ich sah, betrat ich.

Dort traf ich auf einen Verkäufer, wir kamen sofort ins Gespräch. Er fragte mich, ob ich schon einmal daran gedacht hätte, die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, zu sprechen und damit Muslim zu werden. Wir plauderten ein wenig, er drückte mir Broschüren in die Hand und ich ging bald wieder.

In den nächsten Tagen habe ich meinem Freund, der mit mir in London war, von dem freundlichen Verkäufer aus der islamischen Buchhandlung erzählt. Ich sagte, ich würde überlegen, nochmal in das Geschäft zu gehen und dort zu konvertieren. Mein Freund war entsetzt. Er hat mich überhaupt nicht verstanden, denn er war gar nicht religiös.

Ich erinnere mich, dass wir noch am selben Tag gemeinsam zur Edgware Road fuhren und uns in einem Lokal eine Wasserpfeife bestellten. Nach meiner Konversion, so meinte ich damals, würde ich jeden Tag Shisha rauchen.

Mein Freund beruhigte sich irgendwann, danach unterhielten wir uns über die praktischen Aspekte meiner Konversion. Ich sollte zum Beispiel einen islamischen Namen annehmen. Später an diesem Tag ging ich wieder in die Buchhandlung.

Neben dem Buchhändler, der mich am Vortag angesprochen hatte, traf ich dort auch zwei Iraker, zufällige Kundschaft. Ich sagte zum Verkäufer, ich hätte es mir überlegt und sei bereit, die Schahada zu sprechen. Er rief die Männer zusammen und wir gingen zu seinem Verkaufstisch.

Es war ein seltsamer Moment. Ich stand mit ihnen an der Kassa, als ich die Worte aussprach, die mich zum Muslim machten: Es gibt keinen Gott außer Gott. Mohammed ist der Gesandte Gottes.

Danach war die Freude groß, sie küssten und umarmten mich und schenkten mir etliche Bücher, CDs und Parfüms.

Der Buchhändler lud mich zu sich nach Hause zum Essen ein, es gab Lamm mit Reis. Seine Frau durfte ich nicht sehen, eine seiner Töchter, noch ein kleines Mädchen, servierte. Danach nahm er mich mit in die Moschee. Weil ich noch nicht wusste, wie man betet, machte ich ihm einfach alles nach.

Wir haben uns später noch rund ein Jahr lang Briefe geschrieben, heute kann ich mich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern. Dann war der Aufenthalt in London vorbei Ich musste zurück nach Hause. Ich hatte den ganzen Koffer voller Devotionalien und Bücher. Meine Eltern bemerkten das und fragten mich, was all diese Dinge zu bedeuten hätten. Ich antwortete, ich hätte das gekauft, weil es mich interessierte, mehr nicht.

Nun begann ich damit, meinem Alltag eine islamische Struktur zu geben. Ich versuchte zu den festgesetzten Zeiten zu beten, las regelmäßig im Koran und anderen frommen Büchern. Weil sich mein Alltag dadurch verändert hatte, konnte ich es bald nicht mehr verbergen und erzählte meinen Eltern über die Konversion. Sie waren schockiert. Meine Mutter weinte.

Papa schimpfte: Du hättest alles werden können, Jude, Hindu oder Buddhist, aber kein Muslim. Die waren seiner Meinung nach die Schlimmsten, die Unaufgeklärtesten.

Ich machte meiner Mutter Probleme bei den gemeinsamen Mahlzeiten, weigerte mich, Schweinefleisch zu essen. Meine Eltern waren mir lange lästig, auch später, wenn ich sagte, dass ich in die Moschee gehe, gab es immer Widerstand. Irgendwann sagte ich gar nichts mehr.

Zunächst hatte ich überhaupt keine Verbindungen zu Muslimen in meiner Umgebung. Ich fuhr also zu einer größeren Moschee, die etwas weiter von meinem Wohnort entfernt lag. Dort traf ich auf einen Ägypter. Ihn fragte ich nach Moscheen, die näher liegen, er nannte mir einige kleinere Gebetshäuser, in die ich gehen könnte.

Er riet mir davon ab, türkische Moscheen und Kulturvereine aufzusuchen. Dort sei die islamische Religion nur kulturelles Beiwerk, sagte er, mit dem wirklichen Islam habe das kaum mehr etwas zu tun.

Das Beiwerk hat mich ohnehin nicht interessiert, ich wollte meine neue Religion unverfälscht von kulturellen Einflüssen kennenlernen und praktizieren. Deshalb gelangte ich in ein Gebetshaus, das gerne von Muslimen wahhabitischer Prägung besucht wurde, also einer Gruppe, die den Islam sehr streng auslegt.

Ich erinnere mich an meinen ersten Gang zu dieser Moschee. Es fühlte sich an wie damals, als ich mit meinen Freunden zum ersten Mal vor einem Sexshop stand und wir uns nicht trauten hineinzugehen. Nur war ich diesmal mit meiner Unsicherheit alleine. Ich wusste nicht, wer und was mich im Inneren des Gotteshauses erwarten würde.

Die Gebetszeiten kannte ich aus dem Internet, die waren in der gesamten Stadt gleich. So wie ich mich einschätze, bin ich wohl mit ein paar anderen, die gerade vorbeikamen einfach mit hineingeschlüpft.

Drinnen wurde ich sofort angesprochen, ich fand auf der Stelle Anschluss. Die Leute in der Moschee waren alle unglaublich nett zu mir.

Die Medien vermitteln heute meist ein sehr finsteres Bild dieser strengen Muslime, aber ich habe sie stets als freundlich und zuvorkommend erlebt und ich fühlte mich wohl bei ihnen. Frauen bekamen wir dort nie zu Gesicht, die waren im anderen Teil des Gebäudes, da gab es eine rigide Trennung.

Ein junger Mann aus der Moschee hat mich dann unter seine Fittiche genommen. Er war kein Konvertit, er stammte aus einer muslimischen Familie und war damals vielleicht Mitte zwanzig, also rund zehn Jahre älter als ich.

Er brachte mir bei, die für das Gebet notwendigen Koranstellen zu rezitieren und richtig auszusprechen. Sein Arabisch war gut, er hatte im Nahen Osten studiert. Er wurde mir zum Vorbild. So wollte ich auch einmal werden.

Unabhängig von meinem religiösen Experimentieren wurde die Stimmung zu Hause angespannter. Die Ehe meiner Eltern zerbrach. Nachdem Papa ausgezogen war, blieben Mama und ich alleine zu Hause. Mich befiel immer wieder ein schlechtes Gewissen, wenn ich in die Moschee wollte, anstatt bei ihr zu bleiben. Ich ging aber trotzdem hin.

Es passierte nichts Weltbewegendes, aber mein Alltag veränderte sich immer stärker.

Die Moschee wurde zum Mittelpunkt meines Lebens. Ich verbrachte täglich einige Stunden dort. Manchmal habe ich im Gebetsraum auch übernachtet. Der Koranunterricht fand immer zwischen Nachmittags- und Abendgebet statt, also in der Zeit, die traditionell dem Studium gewidmet wird. In den Wintermonaten, wenn die Tage kürzer wurden, schwänzte ich oft die Schule, weil ich sonst das Freitagsgebet verpasst hätte.

In der Schule wussten einige meiner Freunde und ein paar muslimische Mitschüler, dass ich nun als Muslim lebte. Eine Klassenkollegin platzte einmal vor dem katholischen Religionslehrer heraus, dass einer seiner Schüler zum Islam konvertiert sei. Der Lehrer war außer sich und fragte herum, wer es denn sei. Viele wussten Bescheid, aber niemand verriet mich. Trotz meiner Begeisterung für die Moschee und meine neuen Brüder dort habe ich nie alle Brücken zu meinem alten Leben abgebrochen.

Ich nahm damals zum Beispiel Klavierunterricht. Das sahen die strengen Muslime nicht gerne. Zum einen, weil es nach ihrer rigiden Auslegung des Islams nicht erlaubt ist, alleine mit einer Frau zu sein – da spielte es auch keine Rolle, dass meine Klavierlehrerin über 70 war. Zum anderen war es verboten, ein Instrument zu spielen.

Damals hatte ich vollstes Verständnis für diese Interpretation des Islam und dachte, es wäre doch wirklich besser, diese Klavierstunden einfach bleiben zu lassen. Dennoch hielt ich meinen wöchentlichen Termin ein.

Ich habe auch immer wieder Alkohol getrunken und in all den Jahren nur einmal den Fastenmonat Ramadan durchgehalten. Sonderlich konsequent war ich also auch dabei nicht. Aber nicht etwa, weil ich dachte, dass all das nicht wichtig wäre, im Gegenteil: Ich war davon überzeugt, dass die Wahhabiten mit dem, was sie forderten, schon recht hätten.

Auch hier empfand ich mich als faul, es fiel mir schwer, mich von Menschen zu lösen, die ich von kleinauf kannte. Das waren Freunde, die ich heute noch regelmäßig sehe.

Es fiel mir schwer, mich ganz auf dieses Lebenskonzept einzulassen, das eine Art Rundumversorgung bereitstellt: Hätte ich in dieser Gruppe beispielsweise ein heiratsfähiges Alter erreicht, wären mir einige Frauen vorgestellt worden, unter denen ich mir eine hätte auswählen dürfen. Hätte ich mich darauf eingelassen, wäre ich wohl jetzt der Vater einer nicht unbeträchtlichen Kinderschar und hätte kaum mehr Bezug zu meinem vorislamischen Leben. Meine Entwicklung hätte einen Lauf genommen, den ich mir heute so gar nicht mehr vorstellen kann.

Die Eltern lagen mir ständig in den Ohren. Sie fürchteten, dass ich mich von ihnen und ihrer Welt total abwenden könnte.

Meine Mama ist eine Frau, die sehr tolerant ist, die alles versteht – und dadurch auch wieder gar nichts. Solange diese keine Auswirkung auf das tägliche Leben hat, findet sie Religion in Ordnung. Aber sie versteht nicht, dass es für manche Menschen eine absolute Wahrheit gibt und dass sich ihr Leben im Streben nach dieser Wahrheit verändert. Und ich wollte diese Wahrheit unbedingt erfahren.

Die Predigten in der Moschee habe ich nicht verstanden, sie wurden nicht auf Deutsch gehalten, das aber störte mich nicht weiter. Mir gefiel es, dass man in der Moschee nie alleine und stets willkommen war. Es war immer jemand da; Männer, die keine Arbeit fanden, oder ägyptische Taxifahrer, die Pause machten.

Die Zeit plätscherte dort angenehm dahin, man plauderte ein wenig, zwischendurch gab es etwas zu essen, dann folgte wieder ein Gebet.

Am Nachmittag machten viele ein Nickerchen, denn ein gottgefälliges Leben ist recht vereinnahmend. Man steht schon zeitig in der Früh auf, um das Morgengebet zu verrichten, und wird dann am Nachmittag schnell müde. An den Wänden des Gebetsraumes lagen Polster auf dem Boden, dort schliefen manche zwischen dem Mittags-und Nachmittagsgebet.

Für das Rasten gibt es ein paar Regeln: Man darf beispielsweise nicht die Füße gen Mekka richten. Auf dem Bauch liegen ist ebenfalls verboten, denn da fürchteten die Frommen die Gefahr der sexuellen Erregung. Über diese würde sich nur der Teufel freuen, sagten die Männer in der Moschee.

Wenn man sich im Schlaf dann doch einmal versehentlich auf den Bauch wälzte, fand sich immer jemand, der einen umgehend umdrehte.

Und so verging die Zeit. Dazwischen wurden gelegentlich VHS-Kassetten abgespielt, die Kampfszenen aus Tschetschenien oder Bosnien zeigten. Sie waren den Dschihad-Videos nicht unähnlich, die man heute aus Syrien kennt: Eine Rakete trifft einen Panzer und die Krieger in der Aufnahme rufen „Allahu akbar“, Gott ist groß. Anschließend halten die Kämpfer die schwarze Fahne mit den Schriftzügen des islamischen Glaubensbekenntnisses in die Kamera. Ich weiß noch, dass ich oft beim Schauen dieser Videos eingenickt bin.

Wenn ich zu Hause war, surfte ich oft stundenlang im Internet und trieb mich in islamischen Chatrooms herum. Ich besaß noch keinen eigenen Computer, also benutzte ich den PC meiner Mutter, der in ihrem Arbeitszimmer stand. Für das Abspielen von Dschihad-Videos war die damalige Internetverbindung zu langsam, dafür klickte ich aber umso öfter Fotos an, auch solche von Enthauptungen. Ich weiß nicht, ob ich damals wirklich verstanden habe, worum es bei diesen Bildern geht. Für mich waren diese Dschihadisten Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, um gegen Ungerechtigkeit und für eine bessere Ordnung zu kämpfen.

Dass ich als Muslim lebte, habe ich in der Schule nie offiziell bekanntgegeben. Auch nach meiner Konversion ging ich wie gehabt in den katholischen Religionsunterricht.

Durch einen muslimischen Mitschüler lernte ich aber den islamischen Religionslehrer kennen, der in meiner Schule unterrichtete. Er bot mir an, seine Religionsstunden zu besuchen, was ich dann auch tat.

Dieser Mann war ein Muslimbruder aus Nordafrika, der hier in Europa im Exil lebte. Er sollte mich mit der Ideologie der Muslimbruderschaft bekanntmachen. Diese Gruppierung gab sich intellektueller als die Wahhabiten.

Der Lehrer klärte mich über die Wichtigkeit der Bildung im Islam auf, versorgte mich mit Büchern über die Auslegung des Korans und vermittelte mir einen Arabischlehrer, der ebenfalls Muslimbruder war.

Mit dieser Strömung hatte ich nun öfter zu tun, doch ich besuchte auch weiterhin die Moschee der Wahhabiten. Dadurch sah ich, wie groß die Uneinigkeit unter den unterschiedlichen islamischen Ausrichtungen war. Viele sehr religiöse Gruppierungen hassten und misstrauten einander. Dabei ging es meistens um theologische Spitzfindigkeiten.

Je nachdem, mit wem ich sprach, hieß es, dass die Gültigkeit des Gebets nur dann garantiert war, wenn man hinter dem Imam der jeweils eigenen Gruppe betete.

Dieses Ausbooten der anderen betrieben nicht nur Ultrareligiöse und Konservative, auch unter den gemäßigten Muslimen gab es undurchschaubare Befindlichkeiten. Bosnier rieten mir zum Beispiel, die Moscheen der Albaner zu meiden, die Türken warnten mich vor den Bosniern und so weiter.

Rund ein Jahr nach meiner Konversion machte ich eine zweite Sprachreise nach London. Obwohl dort in den Augen meiner Eltern das ganze Unheil seinen Lauf genommen hatte, ließen sie mich wieder fahren. Denn zu dieser Zeit war ich schon etwas gemäßigter in meinen Ansichten, was sicher auch auf den Einfluss des Religionslehrers zurückzuführen war.

In London ging ich wieder an den Ort meiner Konversion, in die Buchhandlung nahe der Central Mosque. Das war rund zwei Jahre zuvor gewesen. Hinter der Kassa stand nun eine Dame, mein Pate arbeitete dort nicht mehr. Die Verkäuferin erzählte, dass er jetzt in Birmingham lebe und von seiner Frau geschieden sei.

Als ich nach Österreich zurückkehrte, wurde mein Leben nicht einfacher. Ich begann, Schwierigkeiten in der Schule zu haben. Das Lernen fiel mir schwer. Da halfen auch die frommen Ratschläge des Religionslehrers nicht. Ich sah es kommen: Diese Klasse würde ich nicht schaffen.

Die Lage erschien mir ausweglos, und so fasste ich eines Tages den Entschluss, meine Heimat, mein altes Leben hinter mir zu lassen. Ich ging in ein Reisebüro und buchte einen Flug nach Kairo. Dort wollte ich an der bedeutendsten Hochschule des sunnitischen Islams, der Al-Azhar-Universität, meine Religion studieren und ein frommes Leben in einem gläubigen Umfeld führen.

Das Geld nahm ich von meinem Sparbuch, das Eltern und Großeltern für mich angelegt hatten.

Ich fuhr zum Flughafen, passierte Gepäck-und Passkontrolle und wartete darauf, in das Flugzeug zu steigen. Aber als das Boarding begann, wurde ich nervös, meine Abreise wurde real – und mich verließ der Mut. Ich war schließlich noch nie zuvor in einem islamischen Land gewesen. Ich wusste nicht, was mich dort erwarten würde, und fürchtete mich vor dieser Ungewissheit. Ich wollte wieder raus. Also ging ich zurück, retour durch die Sicherheitskontrolle, hinaus aus dem Flughafen auf die Straße.

Einige Monate später sollte ich nicht wieder kneifen. Diesmal ging der Flug nach London, und ich saß tatsächlich drinnen. Von dort aus wollte ich weiter nach Afghanistan zu reisen. Nicht, um Gotteskrieger zu werden, nein, ich meinte, dort wäre die einzige Umgebung, in der ich ein islamisches Leben führen könnte. Ich hatte zu Hause sehr darunter gelitten, nicht alle islamischen Regeln einhalten zu können. Und daran gab ich damals vor allem meiner unislamischen Umgebung die Schuld, die meinem gottgefälligen Leben im Weg stand.

In Afghanistan herrschten damals die Taliban unter ihrem Anführer Mullah Omar. Ich hoffte, wenn ich dorthin ginge, wo den Menschen eine Lebensweise oktroyiert wird, fiele es auch mir leichter, als guter Muslim zu leben. Das regelmäßige Gebet zum Beispiel wurde dort von allen erwartet, sämtliche Geschäfte hatten während der Gebetszeiten geschlossen zu sein. Die Rahmenbedingungen schienen mir ideal.

Von meinem Vorhaben, nach Afghanistan zu reisen, wusste kein Mensch, niemand hat mich dazu aufgerufen oder ermuntert. Ich selbst hatte diesen Entschluss gefasst. Dabei waren für mich vor allem meine eigenen Recherchen im Internet ausschlaggebend: Ich stieß auf die Predigten Abu Hamzas, eines Ägypters, der in London in der Moschee von Finsbury Park als Imam wirkte. Erst kürzlich wurde er in den Vereinigten Staaten zu lebenslanger Haft verurteilt. Dieser Mann hatte einst als Mudschahed in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung gekämpft und dabei ein Auge und beide Arme verloren. Heute trägt er auf der rechten Seite einen Haken, weswegen er auch The Hook genannt wird.

Abu Hamza erklärte, dass alle Muslime Mullah Omar, dem Führer des von den Taliban gegründeten Emirats Afghanistan, die Treue schwören sollten. Es sei das Land des Islams, und außerhalb seiner Grenzen könnten Muslime nur schwer ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen.

Für mich war Afghanistan das gelobte Land. Ich war davon überzeugt, dass die Menschen dort glücklich lebten. Alle gegenteiligen Berichte der Medien hielt ich für reine Propaganda.

Der Plan war also gefasst, ich wollte nach Afghanistan, doch kannte ich noch niemanden dort.

Also schrieb ich an ein afghanisches Transportunternehmen, auf das ich im Internet gestoßen war, ein E-Mail, noch bevor ich meine Reise antrat. Ich meinte, ich würde gerne nach Afghanistan auswandern und dabei Hilfe benötige. Nach wenigen Tagen bekam ich eine Antwort:

Sie schrieben mir, dass ich in jedem Fall über Pakistan fliegen müsse. Von dort solle ich weiter nach Peschawar, wo die Taliban ein Büro hätten.

Nach meiner Ankunft in London begann mich trotzdem wieder mein Gewissen zu quälen. Ich hatte mit niemandem über meine Pläne gesprochen. Wie würden meine Eltern reagieren, wenn ich abends nicht nach Hause käme? Ich dachte, das könnte ich ihnen nicht antun. Sofort nach der Landung ging ich zum Schalter der Fluggesellschaft und kaufte mir für den nächsten Tag ein Retourticket.

Danach fuhr ich in die Central Mosque, in der ich ja schon öfter gewesen war. Ich wollte beten. Dort wusch ich mich, das ist vor jedem Gebet Pflicht. Dabei reinigt man sich Hände, Füße, Gesicht und zieht dafür Wasser in die Nase. Und weil es an diesem Wintertag besonders frostig war, ich aus der Kälte kam, das Wasser aber warm war, rann mir plötzlich Blut aus der Nase.

Danach durfte ich nicht beten, weil Blut die rituelle Reinheit stört.

Eine Zeitlang saß ich untätig vor dem Gebetsraum da, frustriert, meinen Rucksack bei mir, und wusste nicht, wohin. Ein Moscheebesucher bot mir an, bei ihm zu Hause zu übernachten, das aber wollte ich nicht, denn aus einem unbestimmten Grund schien dieser Mann mir seltsam. Ich ließ mich von ihm bei einem Hotel absetzen, das nicht allzu teuer war. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, war es wohl ein Stundenhotel. Ich nahm mir dort ein Zimmer, das gleich hinter der Rezeption lag.

Ich wusste zwar schon, dass ich nun nicht mehr nach Afghanistan fliegen würde, aber da ich schon mal in London war, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dem Anführer der Taliban, Mullah Omar, die Treue zu schwören. Das konnte ich bei seinem Repräsentanten in der Finsbury-Park-Moschee tun, bei Abu Hamza, so hatte ich die Informationen im Internet verstanden.

Ich machte mich also auf den Weg in diese große Moschee. Den Männern, die ich dort antraf, sagte ich, ich wolle mit Abu Hamza sprechen. Sie sahen mich misstrauisch an und ließen mich erst einmal eine Zeitlang warten.

Irgendwann tauchte ein junger Mann auf, der sich als Abu Hamzas Sohn vorstellte. Er löcherte mich mit Fragen -wer ich sei, was ich wolle. Erst danach brachte er mich zu Abu Hamza. In sein Büro ging es durch eine Tapetentür. Und da saß er, auf einem Bürosessel, um ihn herum einige kräftige, bärtige Gestalten – ich vermutete, seine Bodyguards.

Mich überkam Angst. Zum ersten Mal seit ich zum Islam konvertiert war, fühlte ich mich unwohl, ich merkte, dass man mir nicht traute.

Worüber ich mit ihm gesprochen habe, weiß ich nicht mehr. Sein Englisch war so schlecht, ich habe ihn kaum verstanden. Ich weiß nur noch, dass er mir das Gefühl vermittelte, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich zu ihm gekommen war.

Irgendwann meinte er, er würde mir helfen, den Treueeid könne ich aber nicht sofort ablegen. Er sagte, es gäbe dafür einen Termin, an dem mehrere gleichzeitig den Schwur leisten würden. Ich solle nach Hause gehen und dann wiederkommen. Bevor ich das Gebäude verließ, schenkte er mir ein Buch. Er meinte, ich solle CDs und Videos von seiner Organisation kaufen, um deren Ziele auch in meiner Heimat bekanntzumachen. Ich aber wollte nur schnell weg, Abu Hamza war nicht mein Fall.

Als ich wieder auf der Straße war, beeilte ich mich, zur U-Bahn-Station zu kommen. Ich fühlte mich verfolgt.

Am Abend rief ich meine Mutter an. Sie weinte. Sie sagte, ich solle nie wieder davonlaufen und sofort wieder heimkommen.

Am nächsten Tag fuhr ich zum Flughafen. Ich hatte den ganzen Tag in der Central Mosque verbracht und weder etwas gegessen noch getrunken, denn es war Ramadan. Ich weiß noch, dass ich in der U-Bahn saß und einen Becher mit Ayran in der Hand hielt.

Bei Sonnenuntergang zog ich den Aluminiumdeckel ab, trank das Joghurt und brach damit mein Fasten.

Mit den Wahhabiten zu Hause hatte ich, beeinflusst von meinem Religionslehrer, inzwischen weniger zu tun. Nach meiner Rückkehr aus London, brach ich endgültig mit den Radikalen. Ich sah sie plötzlich in einem anderen Licht.

An ihrem Verhalten mir gegenüber hatte sich zwar nichts geändert, aber der Besuch bei Abu Hamza hatte mir die Augen geöffnet, denn er ist ebenfalls ein Wahhabit. Sie schienen mir nach meiner Erfahrung in London plötzlich nicht mehr so sympathisch wie zuvor.

Viele dieser Wahhabiten riefen mich an, aber ich hob nicht ab. Wenn ich jemanden von ihnen zufällig auf der Straße traf, log ich und sagte, ich könne nicht mehr kommen, weil ich in der Schule gerade viel zu tun hätte. Ich sagte, ich würde jetzt in eine türkische Moschee gehen, weil die für mich günstiger liegt – was auch stimmte. Die Wahhabiten jedoch schienen besorgt um mich, sie sagten, ich solle zu ihnen zurückkommen.

Sie bedrohten mich nicht, sie waren nicht unfreundlich oder unangenehm – im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, sie machten sich Sorgen um mich, weil sie Angst hatten, dass ich mich vom Glauben abwenden könnte.

Man darf nicht vergessen, dass die meisten dieser Muslime nicht als Wahhabiten geboren wurden. Der Großteil von ihnen stammt zwar aus muslimischen Familien, doch erfuhren sie in diesen radikalen Gruppen eine Art religiöser Neugeburt, eine Bekehrung, durch die sie sich von ihrem alten Leben teilweise vollkommen gelöst haben. Die meisten bezichtigten ihre Mütter und Väter, einen verfälschten Islam zu praktizieren. Viele dieser Männer hatten einen harten Bruch in ihrer Vita erfahren.

Sie wussten, wie es mir ging, und sie wollten mich nicht gehen lassen, nachdem ich ihnen zufolge auf den rechten Pfad gefunden hatte.

Ich wollte zwar nicht mehr zu ihnen, aber das bedeutete nicht, dass ich plante, mich vom Islam abzuwenden.

Ich besuchte nun eben andere Moscheen. Lange bevor ich Muslim wurde, als Kind von vielleicht neun Jahren, war mir eine Moschee aufgefallen. Sie lag auf dem Weg zu meinem Zahnarzt, und weil ich wegen meiner Zahnspange oft dorthin zur Kontrolle gegangen war, konnte ich mich nun erinnern, wo sie sich befand.

Ein charismatischer Lehrer hatte hier einen kleinen Kreis treuer Schüler um sich geschart. Hier lernte ich eine andere Art des Islams kennen. Unser Lehrer legte das Hauptaugenmerk auf die Reinigung des Herzens, die Innerlichkeit. Zusammen sprachen wir immer wieder die gleichen Gebetsformeln und versuchten durch die Anrufung der Namen Allahs, Gott näher zu kommen. Dieses Rezitieren versetzte uns gelegentlich fast in Trance.

Die Wahhabiten haben solche Strömungen stets kritisiert, für sie handelte es sich dabei um unerlaubte Neuerungen in der Religion, die mit dem wahren Islam nichts zu tun hatten.

Dann kam der 11. September 2001, die Anschläge von New York und Washington. Und die Welt in den Moscheen veränderte sich.

Wir begannen uns Gedanken zu machen: Wo stehen wir? Wenn es hart auf hart kommt, würden wir auch für den Islam kämpfen? Ich war unsicher. Hinter den Anschlägen des 11. September vermutete ich finstere Mächte, aber doch keine Muslime. Sollten die Anschläge nur dazu dienen, die Vernichtung des einzig wirklichen islamischen Staates dieser Welt – Afghanistan – zu legitimieren?

Ich fing an, Albträume zu haben. Darin sah ich meinen Lehrer aus der Moschee, er verfolgte mich, und ich versuchte vor ihm davonzulaufen. Es war immer wieder derselbe Traum.

Ich hatte Angst, obwohl ich nicht bedroht und auch nicht unter Druck gesetzt worden war. Aber was mich geschreckt hatte, war wohl der Gedanke, mich fix binden zu müssen, klar Stellung zu beziehen.

Danach wurde es immer schwieriger für mich, in die Moschee zu gehen. Ich machte mich zwar oft auf den Weg dorthin, doch drehte ich häufig wieder um – manchmal auf halbem Weg, ein anderes Mal vor der Eingangstür der Moschee.

Dann fühlte ich mich erleichtert und schuldig zugleich.

In dieser Zeit zog es mich zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in Kirchen. Ich begann an Messen teilzunehmen, ging aber weiterhin in Moscheen. Ich war hin und her gerissen: An einem Tag schmückte ich mein Zimmer mit arabischen Kalligrafien, am nächsten mit einem kitschigen Marienbild.

Beim jeweils anderen fühlte ich mich schuldig.

Kurzfristig hatte ich das Gefühl, zum Christentum zurückgefunden zu haben. Ich meinte, dort eine lange vermisste Heimat wiederzufinden. In Messen hörte ich wieder Lieder, die ich bereits aus meiner frühesten Kindheit kannte. Es gab Tage, da besuchte ich gleich drei Messen am Stück. Die alten Gebäude, der Weihrauch – ich war nicht überzeugt davon. Aber die Atmosphäre tat mir gut.

Ich entdeckte nun auch die Schönheiten der katholischen Religion, doch mir fehlten überzeugende Vorbilder, die ich persönlich kannte. Das war unter den Muslimen ganz anders gewesen. Bei ihnen hatte ich zahllose Menschen gekannt, deren Leben heiligmäßig war.

Das gemeinsame Beten, der Austausch über die Religion, das gesellige Beisammensein – all das fehlte mir, all das konnte ich im Katholizismus nicht finden. Mir fehlten Menschen, die wahrhaftig nach ihrem Glauben lebten.

Dazu kamen Zweifel an den grundlegenden Dogmen der christlichen Religion. Der Dreifaltigkeit, ein Gott in drei Personen. Gott Vater, der seinen Sohn opfert, um sich mit der gefallenen Menschheit zu versöhnen. Die Erbsündenlehre, die Theologie der Messe. Wie schwer war es doch, daran zu glauben!

Der Gedanke ist zwar schön, dass Gott sich für seine Schöpfung hingibt, und ich würde ja gerne daran glauben, aber leicht fällt mir das nicht.

Der Islam ist im Gegensatz dazu einfach und leicht zu verstehen: der Glaube an einen Gott, der über den Dingen steht und einen Propheten schickt, um seine Botschaft ein für alle Mal klarzumachen.

Wie gerne würde ich den Ursprung und das Ziel dieses Lebens klar erkennen. Es ist für mich unerlässlich, daran zu glauben, dass dieses Leben nicht alles ist, dass danach die Ewigkeit bei Gott folgt. Ohne Gott hätte der Tod etwas furchtbar Grausames und das Leben davor würde bloß aus der Furcht bestehen, etwas zu verpassen.

Ich weiß, dass ich mir auf der Suche nach Gott selbst im Weg stehe, dass ich während meiner Gottsuche doch eigentlich immer bloß um mich selbst kreise.

Ich merke, dass ich beim Thema Religion immer noch sehr zerrissen bin: Einerseits nehme ich in Gesprächen, in denen Muslime und ihre Religion kritisiert werden, diese stets in Schutz.

Andererseits aber ergreife ich die Partei der Christen, wenn sich die Diskussion beispielsweise um ihre bedrohte Stellung in Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit dreht.

Derzeit ist Religion in meinem Leben eher in den Hintergrund getreten, und diese Situation ist unbefriedigend für mich.

Ich frage mich manchmal, ob ich einst auf dem Sterbebett Klarheit haben werde.

Erschienen im Falter 15/2015

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