Im Auftrag des Alten und Schönen

von Nina Brnada

WIENWÄRTS Wahl 2015

Folge XII: Die Initiative Denkmalschutz kämpft in der gesamten Stadt oft mals einen aussichtslosen Kampf für den Erhalt bedrohter Kulturgüter. So auch gegen den Abbruch zweier alter Gebäude am AKH-Gelände

Vor Ort: Nina Brnada

Markus Landerer ist hin-und hergerissen. Er hadert mit einem Widerspruch, den er sich nicht erklären, sondern nur beschreiben kann. Einerseits nämlich ist Landerer fasziniert von ihm, andererseits aber möchte er, dass er aufhört: der Verfall historischer Gebäude. Landerer ist ein 43-jähriger Mann, wenn er über alte Burgen, Schlösser oder Keller spricht, ist man sich nicht ganz sicher, ob es Liebe ist, die ihn antreibt, oder Besessenheit.

Er ist Vorstand des Vereins Initiative Denkmalschutz, einer Gruppe, die sich für den Erhalt gefährdeter Kulturgüter einsetzt, wie er sagt. In vielen Konflikten in der Stadt spielt dieser Verein eine Rolle, sei es beim Protest gegen neue Wohnbauten am Steinhof oder beim geplanten Hochhaus am Eislaufverein. Landerer gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative. Er trägt Brille und kämmt seine Haare seitlich. Nach der Arbeit in einer Sozialeinrichtung geht er meist in die Vereinsräumlichkeiten in Wien Alsergrund, dort verbringt er die meiste Zeit, wie er sagt. „Das zeigt auch der Kühlschrank, der im Vereinslokal deutlich besser gefüllt ist als zu Hause.“

Hier in der Fuchsthallergasse sind hinter der hohen Glasfront auf dem Schreibtisch Unterschriftenlisten ausgebreitet, eine Spendenbox und dazwischen Bücher mit Titeln wie „Kulturerbe Wien“ oder „Wien wertvoll, bedroht und behütet“. Landerer sitzt hinter dem PC, auf dem er alles dokumentiert, was er tut und was ihm wichtig ist. Wenn er über alte Gebäude spricht, dann wälzt er Eindrücke, schlichtet Epochen, skaliert Bedeutungen und erklärt zu Schönem. Zum Beispiel den Fall zweier Gebäude, die auf dem AKH-Gelände stehen.

Der Ringstraßenarchitekt Emil von Förster hatte für diese die Fassaden entworfen. Sie waren zwischen 1909 und 1911 errichtet worden, als sich das damalige AKH ausdehnte.

Der Großteil des Komplexes liegt jenseits der Spitalgasse und dient heute der Universität Wien als Campus. Den zwei Gebäuden, die damals im Zuge der Ausdehnung errichtet wurden und für die sich Landerer heute interessiert, hätten bald weitere folgen sollen.

„Dazu aber kam es nie, der Erste Weltkrieg brach aus und führte zum Baustopp“, sagt Landerer. Erst viel später wurden neue Gebäude errichtet, Klötze aus Stahl, Solitäre aus der Zukunft und mit ihnen das neue AKH, das größte Spital Österreichs. Die Gebäude aus der Jahrhundertwende, die dereinst als erste auf diesem Grund standen, wurden zu Fremdlingen, etwas verloren stehen sie bis heute zwischen Bettentürmen aus Beton und Pavillons aus Glas.

Und dann geschah mit den Häusern das, was Landerer als die Verschmelzung von Kultur und Natur bezeichnet. Die Natur unterwirft die Bauten ihren Gesetzen und ergreift sie schleichend. Die Farbe der Fassade wird zunächst fahl, dann blättert sie ab, dann bröckeln ganze Teile und irgendwann klaffen Löcher und in ihnen Ziegel wie Fleischwunden. „Diese Gebäude hat man absichtlich verfallen lassen“, sagt Landerer.

Die Stadt Wien jedenfalls fände nicht, dass an den zwei alten Gebäuden etwas Erhaltenswertes wäre, ebenso wie die Behörde des Bundesdenkmalamts. Für den Aktivisten Markus Landerer und die Initiative für Denkmalschutz hingegen ist das kein Argument. Die Entscheidungen der zuständigen Institutionen seien oftmals intransparent und nicht nachvollziehbar, sagt er. Kritiker werfen der Initiative Denkmalschutz reflexhaften Einsatz für Altes vor, auch für jenes, das angeblich nicht schützenswert sei. Landerer aber winkt ab. „Wir finden ja auch nicht, dass alle Gebäude geschützt werden sollten, allerdings wird oftmals zu schnell gegen den Erhalt entschieden“, sagt er. Und meistens ginge es dabei nicht um positive Veränderungen für die Städter, wie er sagt, sondern um pures Profitstreben von Immobilienfirmen.

Die einen sehen in den Unterstützern der Initiative Denkmalschutz beseelte Aktivisten, für die anderen sind sie lästige Nervensägen. Nach eigenen Angaben hat der Verein 500 Förderer. „Ein Unterstützer hat einen beträchtlichen Betrag für die Renovierung des Vereinslokals gespendet, sodass wir uns ein Lokal leisten konnten.“

Niemand bezieht hier Gehalt, auch Landerer arbeitet ehrenamtlich. Vor allem der Zutritt zu Informationen sei nicht immer einfach, sagt er. Und die schwierigsten Fälle würden sich regelmäßig dort finden, wo es keine Öffentlichkeit gibt, etwa bei privaten Häusern oder Grundstücken, die keiner kennt oder die aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind. So verschwand etwa auch eine Jugendstiltoilette am Schwarzenbergplatz: Im Jahr 2002 wurde sie zerstört. Am meisten also, sagt Markus Landerer, seien jene Dinge gefährdet, von denen niemand weiß oder die vergessen sind.

Die Serie Wienwärts befasst sich anlässlich der heurigen Wienwahl mit Menschen, die die Stadt verändern und in ihren Grätzeln etwas bewirken wollen.

Erschienen in Falter 19/2015

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