Mein verlorener Sohn

von Nina Brnada

Ein Berufsschüler fällt im Dschihad. Seine Mutter erzählt, wie sich ihr Bub in der Leopoldstadt radikalisierte

Protokoll: Nina Brnada

Dass mein Sohn in Gefahr war, hatte ich erst verstanden, als es schon zu spät war. Am Pfingstsonntag im Jahr 2009 kam ich aus einem Kurzurlaub im Burgenland nach Hause nach Wien und fand auf dem Esstisch den Wohnungsschlüssel meines Sohnes. Daneben lag ein Zettel, der aus einem rot linierten A4-Heft herausgerissen war. Es war ein halbseitiger Abschiedsbrief. Darin stand, dass er gegangen ist, um den Islam zu studieren. Er würde wohl auch nicht mehr zurückkommen, und er liebe uns sehr.

Rund zwei Jahre später war mein Sohn tot; als er starb, war er 18 Jahre alt. Es war am 31. Juli 2011. Das weiß ich zumindest aus einem Video, das Monate später im Internet auftauchte. Darauf ist sein Leichnam zu sehen, auf seiner rechten Gesichtshälfte hat er eine tiefe Narbe, die genäht ist.

Mein Sohn fiel im Kampf in Wasiristan, im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Er hat dort für eine islamistische Gruppe gekämpft, welche genau, ist unbekannt. Ich weiß nicht, wo sein Grab liegt.

Ein Gemeindebau am Stadtrand, offene Fenster, Hundebellen und Vogelgezwitscher. Ein Chihuahua und ein Zwergspitz stürmen zur Begrüßung aus der Wohnung. Die Frau serviert Kaffee mit Milch und zündet sich eine Benston an.

Vier Jahre zuvor hatte er angefangen, sich für den Islam zu interessieren. Dass er sich mit Religion beschäftigte, kam mir zwar ungewöhnlich vor, aber es hat mich nicht weiter verwundert. Denn sein Vater, mein geschiedener Mann, ist Muslim aus Tunesien, wenn auch nicht praktizierend. Wir haben neben dem Sohn noch eine gemeinsame Tochter. Ich habe später nochmal geheiratet und einen zweiten Sohn bekommen.

Als mein älterer begann, sich mit dem Islam zu beschäftigen, dachte ich, er möchte eben seine Wurzeln ergründen. Sie kamen kaum in Berührung mit der Kultur ihres Vaters, weder sprach er mit ihnen arabisch, noch ging er mit ihnen in die Moschee.

Das Erste, was sich bei ihm änderte, waren die Essgewohnheiten. Mein Sohn sagte, er wolle kein Schweinefleisch mehr essen. Ich habe es dann meistens weggelassen, ich mochte es ja auch nicht so gerne. Auch an unseren beiden Hunden hatte er plötzlich etwas auszusetzen. Sie gelten im Islam als unrein. Er setzte sich irgendwann nicht auf die Sitzbank, wenn da Hundehaare klebten.

Er verrichtete auch fünfmal täglich das Gebet in seinem Zimmer. Dort hingen zunächst noch Bilder von seinem Papa, der Schwester, dem jüngeren Halbbruder, der Oma. Anfänglich hat er sie beim Beten umgedreht, weil man als Muslim in einem Raum mit Bildern nicht beten sollte. Irgendwann hat er sie ganz verräumt. Stattdessen brachte er eine grüne Fahne an, auf der ein arabischer Schriftzug geschrieben stand. Was er bedeutet, weiß ich nicht, ich habe ihn auch nicht danach gefragt.

An der Wand der Wohnküche hängen Kinderzeichnungen von Fischen und Fotos von den Kindern, als sie noch klein waren. Gegenüber der Eckcouch ein großer Flachbildschirm und ein Wäscheständer.

Ich hatte vom Thema Radikalismus keine Ahnung. Ich dachte, jemand, der Muslim wird, verhält sich nun einmal so, wie mein Sohn es tat. Heute denke ich, dass ich ihn auch deswegen verloren habe, weil ich das, was er getan hat, nicht deuten konnte. Ich habe mich auch nicht informiert, ich war einfach unaufmerksam.

All diese Entwicklungen fielen in eine Phase, in der mein Sohn ohnehin schon orientierungslos war. Die Lehre als Rauchfangkehrer brach er ab, nachdem er im Rauchfang eine dahinsiechende Taube gesehen hatte, den Anblick hatte er nicht ertragen.

Bis er etwas Neues fand, eine Lehre als Tischler, war er drei Monate lang zu Hause. In dieser Zeit ist er richtig lasch geworden. Er hatte keine Ziele. Und ich hatte Angst, dass er zum Sozialfall wird.

Die Mutter ist gebürtige Wienerin, 51 Jahre alt, gelernte Bürokauffrau, war lange Betriebsrätin.

Dabei konnte er durchaus zielstrebig sein, vor allem, wenn es um Sport ging. Als Fünfjähriger begann er, Fußball zu trainieren. Mit zwölf wollte er Kickboxen ausprobieren. Zwei Jahre lang blieb er dabei und nahm auch an Wettkämpfen teil. Dann aber hörte er abrupt auf. Er sagte, es sei für Muslime verboten, an Turnieren teilzunehmen. Danach ging er zum Boxtraining, an Wettkämpfen nahm er aber nicht teil.

Einmal kam ein tschetschenischer Bursche zu uns nach Hause, den er vom Boxen kannte. Dieser Bub hat nichts geredet.

Ich nehme an, dass er in diesen Kreisen rund um das Boxtraining die ersten Kontakte zu Radikalen geknüpft hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es da nur eine Bekanntschaft oder nur ein Ereignis gegeben hat, durch das er in diese Welt hineingezogen wurde. Was ich sehen konnte, war eine schleichende Veränderung. Und ich habe sie völlig falsch eingeschätzt.

Ein Foto des Sohnes hängt über einer Kommode. Kapuzenpulli, schwarze Haare, dunkler Teint.

Er begann allmählich, andere Kleidung anzuziehen, kürzere Hosen und einfarbige T-Shirts, meist in Grau und Beige. Mein Sohn wurde jetzt immer zielstrebiger, wenn auch ausschließlich in religiösen Dingen.

Er wurde aber auch distanzierter. Mit mir schmusen zum Beispiel wollte er gar nicht mehr. Manchmal habe ich mich auch auf ihn gestürzt und ihn abgebusselt. Dann hat er eh gelacht.

Hin und wieder bin ich doch etwas misstrauisch geworden. Etwa bei einem älteren Freund meines Sohnes. Er brachte ihm Arabisch bei -und anfänglich dachte ich, wie schön, jetzt lernt er die Sprache seines Vaters. Dann aber mehrten sich die Anrufe dieses Freundes. Ich hatte Angst, dass sich dieser Umgang auf die Schulerfolge meines Sohnes negativ auswirken würde. Er war ja ohnehin wackelig, was das angeht. Einmal bin ich ihm dann heimlich gefolgt. Ich sah, dass er in die Altun-Alem-Moschee im zweiten Bezirk ging. Soweit ich weiß, besuchte er aber auch andere Moscheen.

Die Altun-Alem-Moschee liegt im zweiten Bezirk in der Venediger Au. Sie gilt als wichtiger Treffpunkt der Wiener Salafistenszene.

Irgendwann bekam ich einen Anruf von seiner Berufsschule. Sie sagten, dass mein Sohn zwei Wochen lang nicht in die Schule gekommen sei. Drei Tage lang habe ich mit ihm deshalb durchgestritten. Er wollte überhaupt nicht mehr lernen, sagte er. Er könne ja immer in der Moschee schlafen und essen. Ich war fix und fertig, ich dachte, jetzt bricht er seine Zukunft ab. Einen Monat später verschwand er.

In den letzten Wochen war er voller Tatendrang. Ich dachte, jetzt schnappt er völlig über. Er behauptete, er würde bald mit Freunden wandern gehen. Er kaufte sich feste Schuhe, Schlafsack und Regenjacke, die er mir stolz zeigte. In seinem Zimmer schlief er auf dem Boden, er sagte, das müsse er beim Wandern auch. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich auf Pakistan vorbereitete.

Über Pfingsten fuhr ich mit meinem Mann und dem jüngeren Sohn ins Burgenland. Wir telefonierten am Donnerstag. Am Freitag und am Samstag hat er dann nicht abgehoben. Als wir nach Hause kamen, sahen wir seinen Abschiedsbrief.

Erst jetzt fügte sich alles wie zu einem Puzzle zusammen. Erst jetzt wurde mir der Ernst der Lage richtig bewusst.

Wir machten eine Abgängigkeitsanzeige bei der Polizei, dort aber hieß es: Bitte warten! Mein Sohn hatte sein Sparbuch geplündert, darauf waren 1000 Euro. In den nächsten zwei Wochen habe ich mich jeden Tag nach der Arbeit stundenlang vor die Moschee gestellt, zu der ich meinem Sohn zuvor gefolgt war. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er das Land längst verlassen hatte. Erst später erfuhren wir, dass er am Pfingstsamstag 2009 ausgereist ist, über Saudi-Arabien nach Pakistan, zusammen mit zwei anderen Männern. Das fand nicht etwa die Polizei heraus, sondern der Vater eines seiner beiden Reisebegleiter und ich. Eine Bekanntschaft auf dem Flughafen teilte es uns informell mit.

Einer der Mitreisenden ihres Sohnes wurde später in Deutschland aufgegriffen und zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Ein Jahr lang wusste ich nicht, ob er überhaupt noch lebt. Ich entwickelte eine sehr starke Form von Klaustrophobie. Ich konnte nicht mehr U-Bahn fahren und auch nicht in den Aufzug. Wenn ich in einem Raum war, ging ich unter Vorwänden mindestens einmal hinaus. Nur um mich zu vergewissern, ob ich auch wirklich hinauskommen kann.

Später ging ich in Psychotherapie, meine Therapeutin erklärte mir meine Ängste so: Die Zeit sei für mich stehengeblieben, als mein Sohn verschwand. Und weil ich nicht raus aus dieser Situation konnte, bekam ich Klaustrophobie.

Das Zimmer meines Sohnes habe ich ein Jahr lang überhaupt nicht geputzt, nicht gesaugt und seine Bettwäsche nicht abgezogen. Wenn ich bei ihm sein wollte, setzte ich mich in diesen Raum. Dort hat alles noch nach ihm gerochen. Später fing ich an, mich umzusehen. Mal fand ich Socken unter dem Bett oder Zettel in der Lade. Ich habe Spuren von ihm gesucht, und wenn ich sie fand, spürte ich einen Stich.

Ein Jahr nach seinem Verschwinden läutete das Telefon in der Arbeit, und die Stimme sagte: „Hallo Mama, ich bin’s, dein Sohn.“ Danach haben wir beide geweint.

Ich sagte, er soll doch zurückkommen. Er aber sagte: „Ich weiß es nicht.“ Sonst hat er keine meiner Fragen beantwortet, sondern immer nur welche gestellt. Er wollte wissen, wie es der ganzen Familie geht, er fragte nach Details, vom Wetter bis zur Kleidung seines jüngeren Halbbruders. Danach hat er immer wieder angerufen. Der Verfassungsschutz konnte ihn dadurch in Wasiristan lokalisieren.

Wenn er anrief, ging es mir gut. Ich war froh, denn das Kind lebte.

Am 1. Dezember 2011 schließlich bekam ich einen Anruf vom Verfassungsschutz, sie bestellten mich und meinen Exmann zu sich. Dort erklärten sie uns, es gebe ein Video. Aus dem gehe hervor, dass unser Sohn gestorben sei. Wir könnten es anschauen, wenn wir möchten.

Mein Exmann hat es sich angesehen. Er war danach derart aufgelöst, dass ich Angst bekam, er würde sich etwas antun. Ich selbst habe das Video noch niemals angeschaut.

Man hat mir gesagt, dass es rund 20 Minuten dauert. Man sieht meinen Sohn neben einem Fluss sitzen, in der Wiese, auf einem Pferd reiten. Und dann zeigt die Aufnahme lange nur seinen Leichnam.

Wenn man ein Kind verliert, fängt man an, das Leben anders zu sehen. Heute achte ich mehr auf meine Familie. Beim jüngeren Sohn zum Beispiel schaue ich mir genau an, was er so tut und welchen Umgang er hat.

Ich träume oft von meinem verstorbenen Sohn, zum Beispiel, dass er zur Tür hereinkommt. Einmal träumte ich, dass er in der Garage unseres Hauses wohnt. Dort lebten Menschen in Kammern. Ich versuche, ihn zu holen, aber ich schaffe es nicht.

Und abends, wenn ich mit den Hunden Gassi gehe, habe ich immer so eine unbestimmte Ahnung, als würde er nochmal auf mich zukommen.

Erschienen in Falter 23/2015 

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