Nachsitzen nur freiwillig

von Nina Brnada

Vor 35 Jahren setzte die Alternativschule im Wuk neue Maßstäbe. Heute floriert sie mehr denn je

Text: Nina Brnada

Das Ziel von Alternativschulen ist, dass es sie eines Tages nicht mehr braucht. Denn mehr Mitsprache, mehr Spaß, mehr Entfaltung ist dann endgültig allen Kindern zuteilgeworden. Deshalb sollen eines Tages Setzlinge dessen, was zunächst nur in den Alternativschulen gesät wurde, auch im Regelschulsystem gedeihen. So zumindest die Idee, damals, Ende der 1970er, als es in Wien zur Gründung der ersten dieser Schulen kam.

Susanne Jerusalem sitzt heute auf der Bühne. Sie ist eine der Gründerinnen. Ihre Schöpfung heißt „SchülerInnenschule“ und ist eine der ersten Alternativschulen in Wien. Eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht für Zehn-bis 14-Jährige, angesiedelt im Wuk am Alsergrund.

Die einstige Bildungspionierin Jerusalem ist heute Grünpolitikerin in Mariahilf, sie trägt eine rot umrandete Brille und pinke Sportschuhe. Wenn man ihr zuhört, hat man das Gefühl, dass das ursprüngliche Ziel der Alternativschulen noch nie so weit entrückt war wie heute. Die Bezirkspolitikerin erklärt das öffentliche Schulwesen für bankrott: „Die Regelschule hat gar nichts gelernt, das System Schule ist so schlecht, wie es vor 30 oder 35 Jahren war“, sagt sie. Und gar: „Mit der Zeit ist es dort mit dem ewigen Messen und Drillen noch schlechter geworden.“

Manche Eltern, die im Publikum sitzen, nicken, man fühlt sich bestätigt und beruhigt. Dabei ist es fraglich, ob das Messen und Drillen tatsächlich mehr geworden ist, wie Jerusalem behauptet. Natürlich gibt es heute auch an Regelschulen bereits weniger Noten oder sogenannte „Mehrstufenklassen“, in denen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen. Doch solche Reformen reichen nicht, um die eigenen Kinder vom Frust der Schule abzuschirmen, finden viele der Eltern, die ihren Nachwuchs in Alternativschulen geben. In dieser Form wurden die ersten Kinder vor 35 Jahren unterrichtet. Nun ist ein Band erschienen, in dem die Chronik der Wuk-Schule penibel nachgezeichnet und dem Publikum vorgestellt wurde.

Der Raum ist voll von lauten Stimmen, es surrt. Schüler mit roten Backen und strähnigen Haaren fahren mit Rollern herum, sie plaudern und spielen. Manche Eltern tratschen, jene auf dem Podium verstehen kaum ihr eigenes Wort. Es ist einer dieser ersten warmen Abende im Jahr, der Himmel breitet sich vor den hohen Fenstern aus, auf dem Buffet stehen Töpfe mit mexikanischen Bohnen, indonesischen Glasnudeln und indischem Curry.

Die Schule habe sich aus der Frauen- und Studentenbewegung entwickelt, sagt Jerusalem. Jede Woche traf man sich mindestens einmal, saß bis tief in die Nacht hinein und diskutierte, wie das Schulsystem zu ändern wäre. „Wir waren politisch“, sagt sie. Von derlei Fragen scheinen viele Eltern von heute weit entfernt. Es geht vordergründig nicht mehr um das Umkrempeln gesellschaftlicher Strukturen, sondern um die Optimierung des Wohlbefindens der eigenen Sprösslinge.

Es ist ein Reflex fürsorglicher Eltern, ihren Kindern Kummer ersparen zu wollen. Dem Regelschulsystem sagt man hier Ignoranz nach, auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Kindes werde nicht eingegangen. Aber das ist nur ein Teil des hiesigen Narrativs: Der andere hat etwas mit Stolz zu tun, nämlich darauf, dass man hier Teil einer Gruppe ist, die es schafft, außerhalb des öffentlichen Systems eine funktionierende Parallelstruktur aufrechtzuerhalten.

Jene, die ihre Kinder hierherschicken, kennen einander oftmals bereits aus anderen Zusammenhängen. Es sind Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde. Menschen, die einander in Lebensstil und Einstellungen ähneln, die ähnlich denken und ähnlichen Berufen nachgehen. Und auch solche, die sich ein Schulgeld von monatlich 390 Euro leisten können. Mittagessen, Vormittags- und Nachmittagsjause, Ausflüge, Exkursionen und alle Materialien sind im Schulgeld inbegriffen. Für Skikurse oder Reisen müssen die Eltern dann noch einmal extra in die Taschen greifen.

Hier sind keine Mütter mit Kopftuch und keine Kinder, die nicht Deutsch sprechen. Die sozialen Herausforderungen, die sonst an den meisten Wiener Schulen Realität sind, gibt es hier nicht. Das ist eine Clique, sie wirkt wie ein Freundeskreis und eine Gemeinschaft. Diese Schule ist ein wichtiger Faktor im Leben dieser Familien, die Eltern arbeiten hier zehn Stunden im Monat mit. Sie putzen beispielsweise, sie kochen, geben Klavierunterricht und helfen Legasthenikern. Denn es geht nicht nur darum, Schulgeld zu bezahlen, Engagement der Eltern wird ebenfalls erwartet, das ist der Deal.

Auf die Frage, ob all das nicht auch etwas elitär sei, reagiert man verschnupft. Und verweist darauf, was alles gelingt. Und das ist in der Tat allerhand.

Die Kinder sagen, sie würden gerne in diese Schule gehen. Väter erzählen, dass ihre Kinder manchmal um vier zu Hause anrufen und fragen, ob sie nicht noch eine Stunde länger bleiben dürfen, also so lange, bis die Schule zusperrt. Es ist ein Ort, den alle Beteiligten loben. Niemand jammert, niemand hat Angst, niemand gilt mehr als der andere.

Wenn Entscheidungen getroffen werden, dann nur zusammen, demokratisch, jede Stimme ist gleich viel wert, egal ob die des Schülers oder des Lehrers. Bis auf Deutsch, Englisch und Mathematik gibt es hier keine der herkömmlichen Schulfächer, sondern Themenfelder, es gibt keine Schularbeiten, keine Tests und keine Noten.

Alternativschulen mögen zwar pädagogisch fortschrittlich sein. In einem aber sind sie genauso rückständig wie die meisten anderen, egal ob privat oder öffentlich: Die Schülerstruktur ist weitestgehend homogen.

Denn hier wie da draußen gibt es viel zu wenig Durchmischung von Kindern unterschiedlicher Herkunft, Begabungen und Sprachen. Das gegenwärtige System führt nämlich nicht zu einer Durchmischung, sondern dazu, dass Menschen mit ähnlichen Hintergründen erst recht wieder zusammen sind. Das ist in der Regelschule genauso wie in der Alternativschule.

Erschienen in Falter 20/2015

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