Nina Brnada

Das Zündeln in Mazedonien sollte der EU eine Warnung sein

Kommentar: Nina Brnada 

Zwischenzeitlich keimte in Mazedonien so etwas wie Hoffnung auf. Mazedonier, die die Mehrheit stellen, ebenso wie Angehörige der Minderheit der Albaner gingen gemeinsam auf die Straße, um zu protestieren. In einem Land, das entlang dieser ethnischen Linien einen Bürgerkrieg erlebte, ist das keine Selbstverständlichkeit. Sie hatten es satt, dass ihr Premier Nikola Gruevski das kleine Land immer mehr in die Autokratie führte.

Und dann kam plötzlich die Nachricht aus der nordmazedonischen Stadt Kumanovo. 22 Tote, davon acht Polizisten, der Rest „albanische Terroristen“, wie es offi ziell hieß. Es gibt keine Beweise dafür, dass der Fall Kumanovo politisch orchestriert war, wie viele balkanische Kommentatoren mutmaßen. Jedenfalls aber, und so viel steht fest, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die ethnische Frage, die bis vor kurzem außer Streit stand. Aber die Geschichte um die ethnische Frage ist nicht nur in Mazedonien nie ganz zu Ende. Der gesamte Balkan leidet an ihr wie an einer Psychose. Ethnische Leidenschaften und territoriale Bestrebungen scheinen zwar gebannt, denn es gibt keinen Krieg mehr und die Grenzen sind gezogen. Doch wie schnell wieder geschossen werden kann, beweist Kumanovo.

Der Wunsch nach einer neuen Ordnung ist da, das zeigen die Serben in Bosnien-Herzegowina, die immer wieder ein Unabhängigkeitsreferendum androhen, oder Albaniens Premier Edi Rama, der eine Vereinigung von Albanien und dem Kosovo in den Raum stellte. Es ist ein Säbelrasseln von Nationalisten.

So ein Geplänkel kann sich rasch auswachsen. Dass das nicht passiert, ist auch die Verantwortung der EU. Mazedonien hält sie seit Jahren hin, weil Griechenland wegen des Namensstreits ein Veto einlegt.

Erschienen in Falter 20/2015

Im Auftrag des Alten und Schönen

WIENWÄRTS Wahl 2015

Folge XII: Die Initiative Denkmalschutz kämpft in der gesamten Stadt oft mals einen aussichtslosen Kampf für den Erhalt bedrohter Kulturgüter. So auch gegen den Abbruch zweier alter Gebäude am AKH-Gelände

Vor Ort: Nina Brnada

Markus Landerer ist hin-und hergerissen. Er hadert mit einem Widerspruch, den er sich nicht erklären, sondern nur beschreiben kann. Einerseits nämlich ist Landerer fasziniert von ihm, andererseits aber möchte er, dass er aufhört: der Verfall historischer Gebäude. Landerer ist ein 43-jähriger Mann, wenn er über alte Burgen, Schlösser oder Keller spricht, ist man sich nicht ganz sicher, ob es Liebe ist, die ihn antreibt, oder Besessenheit.

Er ist Vorstand des Vereins Initiative Denkmalschutz, einer Gruppe, die sich für den Erhalt gefährdeter Kulturgüter einsetzt, wie er sagt. In vielen Konflikten in der Stadt spielt dieser Verein eine Rolle, sei es beim Protest gegen neue Wohnbauten am Steinhof oder beim geplanten Hochhaus am Eislaufverein. Landerer gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative. Er trägt Brille und kämmt seine Haare seitlich. Nach der Arbeit in einer Sozialeinrichtung geht er meist in die Vereinsräumlichkeiten in Wien Alsergrund, dort verbringt er die meiste Zeit, wie er sagt. „Das zeigt auch der Kühlschrank, der im Vereinslokal deutlich besser gefüllt ist als zu Hause.“

Hier in der Fuchsthallergasse sind hinter der hohen Glasfront auf dem Schreibtisch Unterschriftenlisten ausgebreitet, eine Spendenbox und dazwischen Bücher mit Titeln wie „Kulturerbe Wien“ oder „Wien wertvoll, bedroht und behütet“. Landerer sitzt hinter dem PC, auf dem er alles dokumentiert, was er tut und was ihm wichtig ist. Wenn er über alte Gebäude spricht, dann wälzt er Eindrücke, schlichtet Epochen, skaliert Bedeutungen und erklärt zu Schönem. Zum Beispiel den Fall zweier Gebäude, die auf dem AKH-Gelände stehen.

Der Ringstraßenarchitekt Emil von Förster hatte für diese die Fassaden entworfen. Sie waren zwischen 1909 und 1911 errichtet worden, als sich das damalige AKH ausdehnte.

Der Großteil des Komplexes liegt jenseits der Spitalgasse und dient heute der Universität Wien als Campus. Den zwei Gebäuden, die damals im Zuge der Ausdehnung errichtet wurden und für die sich Landerer heute interessiert, hätten bald weitere folgen sollen.

„Dazu aber kam es nie, der Erste Weltkrieg brach aus und führte zum Baustopp“, sagt Landerer. Erst viel später wurden neue Gebäude errichtet, Klötze aus Stahl, Solitäre aus der Zukunft und mit ihnen das neue AKH, das größte Spital Österreichs. Die Gebäude aus der Jahrhundertwende, die dereinst als erste auf diesem Grund standen, wurden zu Fremdlingen, etwas verloren stehen sie bis heute zwischen Bettentürmen aus Beton und Pavillons aus Glas.

Und dann geschah mit den Häusern das, was Landerer als die Verschmelzung von Kultur und Natur bezeichnet. Die Natur unterwirft die Bauten ihren Gesetzen und ergreift sie schleichend. Die Farbe der Fassade wird zunächst fahl, dann blättert sie ab, dann bröckeln ganze Teile und irgendwann klaffen Löcher und in ihnen Ziegel wie Fleischwunden. „Diese Gebäude hat man absichtlich verfallen lassen“, sagt Landerer.

Die Stadt Wien jedenfalls fände nicht, dass an den zwei alten Gebäuden etwas Erhaltenswertes wäre, ebenso wie die Behörde des Bundesdenkmalamts. Für den Aktivisten Markus Landerer und die Initiative für Denkmalschutz hingegen ist das kein Argument. Die Entscheidungen der zuständigen Institutionen seien oftmals intransparent und nicht nachvollziehbar, sagt er. Kritiker werfen der Initiative Denkmalschutz reflexhaften Einsatz für Altes vor, auch für jenes, das angeblich nicht schützenswert sei. Landerer aber winkt ab. „Wir finden ja auch nicht, dass alle Gebäude geschützt werden sollten, allerdings wird oftmals zu schnell gegen den Erhalt entschieden“, sagt er. Und meistens ginge es dabei nicht um positive Veränderungen für die Städter, wie er sagt, sondern um pures Profitstreben von Immobilienfirmen.

Die einen sehen in den Unterstützern der Initiative Denkmalschutz beseelte Aktivisten, für die anderen sind sie lästige Nervensägen. Nach eigenen Angaben hat der Verein 500 Förderer. „Ein Unterstützer hat einen beträchtlichen Betrag für die Renovierung des Vereinslokals gespendet, sodass wir uns ein Lokal leisten konnten.“

Niemand bezieht hier Gehalt, auch Landerer arbeitet ehrenamtlich. Vor allem der Zutritt zu Informationen sei nicht immer einfach, sagt er. Und die schwierigsten Fälle würden sich regelmäßig dort finden, wo es keine Öffentlichkeit gibt, etwa bei privaten Häusern oder Grundstücken, die keiner kennt oder die aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind. So verschwand etwa auch eine Jugendstiltoilette am Schwarzenbergplatz: Im Jahr 2002 wurde sie zerstört. Am meisten also, sagt Markus Landerer, seien jene Dinge gefährdet, von denen niemand weiß oder die vergessen sind.

Die Serie Wienwärts befasst sich anlässlich der heurigen Wienwahl mit Menschen, die die Stadt verändern und in ihren Grätzeln etwas bewirken wollen.

Erschienen in Falter 19/2015

Es gibt größere Probleme als die Pannen bei der Zentralmatura

Kommentar: Nina Brnada

Auf eines muss sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wohl einstellen: Während der Zentralmatura werden jegliche Fehler der Bildungsbehörden zelebriert, falls sie zutage treten. Wenn beispielsweise in eine Schule die falschen Angaben geliefert werden – da sind Schlagzeilen garantiert. Die Zentralmatura ist auch ein Test für das Bildungssystem. Aber nur einer von vielen und auch einer der unwichtigeren. Denn die Probleme des Systems beschränken sich bei weitem nicht auf die Pannen bei der Durchführung der Zentralmatura.

Für viele Schülerinnen und Schüler steht mehr auf dem Spiel, für sie geht es immer mehr um ihre prinzipiellen Chancen in dieser Gesellschaft. Österreich gehört zu jenen OECD-Ländern, in denen der Bildungsaufstieg am schlechtesten gelingt. So macht etwa mehr als jeder Zweite, dessen Eltern Akademiker sind, ebenso einen Universitätsabschluss. Aus Familien, wo die Eltern nur Pflichtschule absolviert haben, sind es aber nur magere sieben Prozent.

Österreichs Bildungssystem hat ein Problem mit seiner Konstitution, keiner weiß ganz genau, was sie ausmacht. Eine Folge des schlecht umgesetzten Föderalismus ist ein gewaltiger Verwaltungsapparat hinter dem Schulsystem, den niemand überblickt, auch nicht das Ministerium. Detaillierte Daten darüber, was wirklich bei den Schülern ankommt, hat nicht einmal der Rechnungshof.

Ginge es nach den Linken, würden alle Zehn-bist 14-Jährigen alternativlos in eine gemeinsame Schule gehen. Und obwohl bei diesem Thema auch innerhalb der ÖVP die Front bröckelt, beharrt man dennoch auf dem Status quo und der geradezu wahnwitzigen Trennung der Kinder nach der vierten Klasse Volksschule. Manche Teile der ÖVP scheinen von der Frage angeleitet: Was sollen wir unseren Kindern sonst vererben außer Bildung?

Demselben Geist entspringen Sprechblasen wie „Deutsch vor Schuleintritt“. Bildungsministerin Heinisch-Hosek wehrt derlei Begehren zwar stets ab. Gleichzeitig wagt sie nicht mehr Muttersprachenförderung für die Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, obwohl doch alle Experten predigen, dass diese Kinder auch besser Deutsch lernen, wenn sie in ihrer Muttersprache gefördert werden.

Freilich, das Bildungsressort ist kein einfaches. An kaum einen anderen Politikbereich sind so viele Erwartungen geknüpft wie an diesen. In einer Zeit, deren Öffentlichkeit sich zunehmend fragmentiert, bleibt das Schulsystem ein Hort von Stabilität – und ein letzter gesellschaftlicher Kitt. Entsprechend umstritten ist es, weit über die Zentralmatura hinaus.

Erschienen in Falter 19/2015

Eine Reise zum offenen Grab von Body 122

In Malta haben Europas Politiker vor 24 Holzsärgen getrauert. Darin ruhen ein paar der Opfer der historischen Flüchtlingskatastrophe. An ihren namenlosen Gräbern erfährt man, warum sie sterben mussten

Reportage: Nina Brnada/Malta

Als sich die Eritreer am Strand von San Ġiljan versammeln, ist die Nacht bereits wie ein Tuch über Malta herabgeglitten. Ein Karohemd liegt auf den Felsen inmitten einer Gruppe von rund 50 Männern und Frauen. Darauf werfen sie Münzen sowie Fünf- und Zehn-Euro-Scheine.

Um das Geld mieten sie am nächsten Morgen vier Busse samt Lenker. Die Firma Peppin Transport fährt 150 Menschen nach Addolorata, einen Friedhof nahe Maltas Hauptstadt Valletta, inmitten von Wiesen, die die Sonne in einigen Wochen in Steppe verwandelt haben wird.

Dort werden jene 24 Körper in die Erde gelegt, die aus dem Wasser gezogen wurden, nachdem ein Boot mit Flüchtlingen vor der Küste Libyens gekentert war. Wie viele an Bord saßen, weiß niemand genau, die Rede war zunächst von 700, dann von 950. Überlebt haben 28 Personen.

Im Westflügel des maltesischen Friedhofs öffnen acht Männer in blauen Arbeitshosen sechs Grüfte. In jede stapeln sie vier Totenkisten übereinander. Auf der Insel ist der Platz begrenzt, auch andere Gräber werden auf ähnliche Weise genutzt. Aber allein aufgrund der Anzahl der Särge ist das, was hier passiert, mehr Verladung als Beisetzung. Es braucht Stunden, bis alle Särge heruntergelassen sind.

Derweil harren die Eritreer im Schatten der Pinien aus und beten zu Jesus und Maria. Die Frauen weinen, die Männer daneben stehen da wie geprügelte Hunde. Sie kennen weder die Gesichter noch die Namen derer, deren Tod sie beklagen. Auf den Kisten stehen lediglich Chiffren: Body No. 121, Body No. 122 oder Body No.132. Die Eritreer haben gehört, dass unter den Passagieren des gesunkenen Bootes besonders viele ihrer Landsleute waren, vielleicht also verbargen die Holztruhen auch deren Körper.

Einst sind die Mitglieder der Trauergemeinde selbst mit Booten nach Malta gekommen. Für die Eritreer sind die 24 Unbekannten ihre Toten. Für Europa der Anstoß einer fundamentalen Gewissensprüfung.

Was soll die EU tun, damit nicht wieder Menschen auf diese Weise sterben müssen? Wie kann man Flüchtlingen helfen? Wann gehen sie einen nichts mehr an? Wie viel Verantwortung müssen die Europäer übernehmen?

Die Toten im Mittelmeer sind ein Symptom globaler Entwicklungen. Laut dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen waren Ende 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Wege, die sie nehmen, sind oftmals gefährlich, sie sind ihnen aber lieber, als das zu ertragen, wovor sie flüchten.

Europa zeigt sich betroffen. Noch vor dem Begräbnis werden die 24 Särge einer Schar von Politikern vor die Füße gelegt, etwa dem für Migration zuständigen EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos aus Griechenland und Italiens Innenminister Angelino Alfano. Es kamen Präsidenten und Gesandte, auch Petra Schneebauer, Österreichs Botschafterin in Malta, sie saß in der ersten Reihe.

Sie alle kamen in das eigens dafür aufgespannte Zelt aus weißen Planen vor dem maltesischen Spital Mater Dei, Mutter Gottes. Ein Imam und ein Priester hielten Reden, es gab Harfenmusik, und das Militär salutierte. Europa ehrt die Toten, was aber tut es für die Lebenden?

„Ja, die Flüchtlinge können einem leidtun“, sagt Noel, ein alteingesessener Malteser, er ist Mitte 50. Der Mann verkauft Farben und Lacke in Kübeln und Dosen in Marsa, einer Stadt im Osten der Insel mit rund 5000 Einwohnern.

Die Flüchtlinge aus Afrika und dem arabischen Raum würden jetzt nach Europa kommen, so wie die Europäer einst nach Amerika gingen. „Doch die Europäer haben irgendwann begonnen, dort die Einheimischen umzubringen“, sagt er. „Malta ist jetzt schon eines der dichtestbesiedelten Länder der Welt. Ich hoffe nur, dass wir nicht überrannt werden.“

Das Land hat lange Zeit um seine Identität gekämpft, neben Franzosen, Sizilianern und Briten wirkten hier auch Byzantiner, Araber und der kirchliche Ritterorden der Malteser, der die Insel gegen Muslime verteidigte.

Der Archipel war eine Bastei des Abendlandes, und so sieht er nach wie vor aus, mit seinen sandfarbenen Gemäuern und den Gässchen. Aber die Spuren jener, die diesen Flecken Erde prägten, sind bis heute geblieben, etwa in der maltesischen Sprache, die Araber verstehen, sofern man sie langsam spricht, wie man hier allseits versichert. Oder in den Gesten und Blicken der Bewohner.

Die Malteser gefallen sich so, wie sie sind. Sie finden, sie wurden genug im Feuer der Geschichte geprüft. Jetzt wollen sie so bleiben, wie sie sich in Reiseführern präsentieren: katholisch, ein Touristenort, an dem die Sonne scheint und man gut essen kann.

Doch der Weltenlauf folgt oft nicht den Vorstellungen von Menschen, sondern Zufällen, auf die man keinen Einfluss hat. So können die Flüchtlinge nicht wählen, ob sie in einem Land geboren werden, aus dem sie später fliehen müssen. Und die Malteser können auch nichts für die geografische Lage ihres Landes.

Wären die Kontinente Afrika und Europa ein tanzendes Paar, so wäre Malta Europas Ausfallschritt. Denn der Inselstaat ragt tief in den Süden hinein, er ist nur 357 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt. Und weil die sogenannte Dublin-III-Verordnung besagt, dass für einen Flüchtling stets jenes EU-Land zuständig ist, das er als Erstes betreten hat, kommen nach Malta viele Flüchtlinge, ebenso wie in die anderen Grenzländer Italien und Griechenland. „Das halte ich nicht für fair, die Länder des Nordens sollten mehr tun“, sagt Noel, der Farbenverkäufer.

In dieser Gegend von Marsa stehen einstöckige Häuserreihen und Schiffsrümpfe, die schon lange keiner mehr braucht. Das Geschäft, in dem Noel arbeitet, ist vielleicht 100 Meter von der Flüchtlingsunterkunft entfernt. Aus einem Kanal davor stinkt es nach Fäulnis.

Am Straßenrand stehen Fauteuils und Plastiksessel vor der New Tiger Bar. In dieser Spelunke sitzen nur Flüchtlinge aus dem Lager. Viele von ihnen fangen an zu trinken, sagt Oliver Gatt. „Sie sind den Umgang mit Alkohol nicht gewöhnt und nach zwei Bier betrunken.“ Gatt ist Chef des Flüchtlingslagers, sein Hemd ist gebügelt, die Wangen rasiert.

Einst diente sein Arbeitsplatz als Knabeninternat, heute wohnen darin circa 160 erwachsene Männer, zumeist aus Afrika. „Es gibt viele kulturelle Unterschiede zwischen ihnen und uns“, sagt Gatt. Zum Beispiel wenn es um Sauberkeit geht. Einmal habe einer zum Fensterreinigen einen Kübel Wasser ohne Lauge und dreckige Jeans als Putzfetzen verwendet. „Die Scheiben waren danach verschmierter als zuvor.“

Man braucht Geduld und viel Kommunikation im Umgang mit den Flüchtlingen, sagt Gatt. Da gehe es um den Aufbau von Beziehung. Polizeiarbeit, die viele bei Flüchtlingen zuerst forderten, sei in den meisten Fällen fehl am Platz.

Viele Flüchtlinge würden von ihren Sorgen erst später erzählen, wenn sie ein wenig Vertrauen fassten. Gatt weiß von Männern, deren Familien, die in Afrika zurückgeblieben sind, Druck machen. „Jedes Mal, wenn ihr Handy läutet, reißt es sie. Denn sie wissen, dass ihre Kinder in den Hörer schreien werden und man ihnen sagen wird, dass die Familie verhungert, wenn nicht bald Geld geschickt wird.“

Neil Falzon sitzt im Souterrain der Old Mint Street 149 in der Hauptstadt Valletta. Er ist Jurist, Leiter der Menschenrechts-NGO Aditus, einer der wichtigsten Maltas für diesen Bereich. Falzon sagt, er habe schon Angst vor dem Sommer, wenn sich das Wetter stabilisiere und deshalb noch mehr Boote von den Küsten Nordafrikas ablegten. Er sagt das Gleiche wie viele andere Aktivisten auch: Flüchtlinge sind seit Anbeginn der Zeit über illegale und unsichere Wege gereist, man wird niemals die Zahl auf null schrauben können, aber man kann sie reduzieren. Man darf keine Illusionen haben, Flüchtlinge verursachen in den Aufnahmeländern Kosten, finanzielle oder soziale. „Wie hoch diese ausfallen, hängt von der Organisation ab.“ Engagement sei aber in jedem Fall notwendig. Hilfe sei eine Frage der Moral, die Verantwortung Europas endet nicht an seinen Grenzen, man könne nicht zusehen, wie Menschen an unserer Türschwelle krepieren. „Wir müssen uns fragen, in welcher Welt wir leben wollen“, sagt Falzon, „so pathetisch das auch klingen mag.“

Das Schlepperwesen ist Folge des Problems, nicht die Ursache, „es ist ein Geschäft, das lediglich eine Lücke schließt“, sagt Falzon. „Denn die Flüchtlinge könnten auf andere Weise gar nicht zu uns gelangen.“ Natürlich sei es wichtig, Europas Grenzen zu bewachen, sie schaffen nicht nur Bezugspunkte und Identität, sie schützen auch. Es gebe viele externe Gefahren, gegen die man sich abschirmen müsse. „Auch ich bin für starke Grenzen. Sie müssen aber für Schutzsuchende durchlässig sein.“

Die militärische Sicherung der EU-Außengrenzen ist jetzt schon zentralistisch in der EU-Agentur Frontex organisiert. Das Asylwesen in Europa ist hingegen ein Flickwerk und obliegt jedem Land selbst.

Es besser zu orchestrieren wäre schon jetzt möglich, finden manche NGOs. Es gibt Strukturen innerhalb der EU, die sich länderübergreifend mit dem Thema Asyl beschäftigen, etwa das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO). Auch diese Organisation ist wie Frontex eine Agentur der EU. Frontex ist in Polen angesiedelt, die EASO hier in Malta.

Wenn man so will, ist EASO die jüngere Schwester von Frontex. 2010, also fünf Jahre nach Frontex, nahm es seine Arbeit auf. Während die Grenzschutzagentur Frontex stetig an Bedeutung gewinnt, fristet die Asylagentur EASO ein Aschenputteldasein, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und unterdotiert. Das Budget von Frontex ist für das Jahr 2015 mit 115 Millionen Euro zehnmal größer als das von EASO. Aber bei Wahlen zieht Grenzschutz mehr als Asyl.

Die Räumlichkeiten für die 86 EASO-Mitarbeiter befinden sich direkt an Vallettas Hafen in einem Kasten aus Stahl und Glas. Fliesenböden und Klimaanlagen, Ledergarnituren und Flaggenständer.

Robert Visser ist hier der Chef, er ist ein großgewachsener Niederländer mit offenem Blick und begrenzten Kompetenzen. Das EASO könne nur das machen, was ihm die Länder ermöglichen, seine Arbeit hänge von politischen Entscheidungen ab, sagt Visser. Die Aufgabe des EASO sei vor allem, die Länder in ihren Asylangelegenheiten zu unterstützen. Das europäische Wertesystem sei prinzipiell ein gutes, an das er glaube. Menschen, die wegen Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen, sollen bei uns Schutz finden können. Wirtschaftsflüchtlinge würden nicht darunter fallen, „so verständlich deren Motive auch sein mögen“.

Neil Falzon von Aditus hingegen findet, dass Europa genau diese Haltung überdenken muss. Nicht nur Krieg kann Leben bedrohen, auch Hunger. Auch jene, die aus wirtschaftlichen Gründen weggehen, sollten die Möglichkeit haben, nach Europa zu kommen. Für diese Menschen gebe es ohnehin einen Bedarf, sagt Falzon. „Jede Regierung sagt hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Land Migranten als Arbeitskräfte braucht, offen spricht es keiner aus, weil es zu unpopulär wäre.“

Wer aber sollte sich nicht in der EU niederlassen dürfen? Wem, der will und nicht kriminell ist, sollte man das verweigern? Diese Frage sei sehr schwierig zu beantworten, sagt Neil Falzon.

In der Einöde des äußersten Südens Maltas liegt Ħal-Far. Hier stehen einige ebenerdige Häuser, sie gehörten einst zum Flughafen, den die Royal Air Force des Vereinigten Königreichs hier aufgebaut hatte. „Mein heutiges Büro nutzte Winston Churchill während der Konferenz von Malta 1945 als Rückzugsort“, sagt Dionysius Mintoff. Rund um das einstige Churchill-Büro wohnen 50 Flüchtlinge, die Mintoff im Rahmen seiner NGO Peace Lab beherbergt. Der 84-Jährige ist Franziskanerpater, sein Bruder Dom Mintoff, ein Sozialist, war Maltas Premierminister.

In Rufweite von hier sind auch staatliche Flüchtlingslager, die Menschen dort sind teilweise im einstigen Flugzeughangar untergebracht, hier bei ihm leben sie in kleinen Containern. Als er diese zum ersten Mal aus Mailand einführen ließ, machten es ihm die Behörden gleich nach. Ein Teil der staatlichen Lager ist jetzt ebenfalls eine Containersiedlung. „Das ist im Vergleich zu den Zelten, die früher dort herumstanden, eine große Verbesserung“, sagt Mintoff. „Würde mich die Regierung bloß immer kopieren.“

Auch beim Umgang mit Rassismus, den es auch unter den Flüchtlingen gibt, sagt Mintoff. „Sie sagen, sie wollen nicht miteinander leben, weil die jeweils anderen für ihre Flucht oder den Tod eines Familienmitglieds verantwortlich sind.“ In den staatlichen Lagern würde man sie deswegen trennen. „Ich aber sage ihnen:’Wir leben hier alle zusammen, hier wird dir niemand etwas tun.‘ Und dann gewöhnen sie sich aneinander. Viel wichtiger ist ohnehin, eine Arbeit zu finden.“

Mintoff selbst wurde ebenfalls angefeindet, die Mauern seiner Kirche wurden immer wieder von Leuten begeschmiert, denen es nicht passte, dass sich der Geistliche um Flüchtlinge kümmert. Er stützt sich auf seinen Stock und zuckt mit den Schultern. Es scheint ihm egal zu sein.

Der Garten seiner Wohngemeinschaft ist sich selbst überlassen, die Wurzeln der Bäume drängen an die asphaltierten Gehwege und verbiegen sie, eine tote Katze liegt neben dem Zaun. Dieser Ort steht nicht für Ordnung, sondern für Ruhe.

Manche Bewohner ziehen auch weiter, wie die junge Eritreerin, die heute in London lebt. Sie flog eigens für das Begräbnis der 24 Unbekannten nach Malta und ging zum Friedhof Addolorata. Mintoff war ebenfalls dort. Als sie ihn sah, umarmte sie ihn und weinte. Dionysius Mintoff blieb bei ihr und stellte sich im Schatten der Pinien dazu.

Erschienen in Falter 18/2015 

Wo sind die barrierefreien WCs in den Öffis, Herr Unger?

Interview: Nina Brnada
Am Apparat Telefonkolumne

Die Wiener Linien hatten noch nie so viele Fahrgäste und so wenige Schwarzfahrer. Die Zufriedenheit mit den Öffi s scheint recht groß zu sein, doch auch Kritik wird dieser Tage laut, etwa vom Behindertenberatungszentrum „Bizeps“: „Derzeit kann man nicht sicher sein, ob man die Toiletten in den U-Bahn-Stationen nutzen kann“, sagt dessen Mobilitätsexpertin Christiane Link. „Einige sind zugesperrt, andere in schlechtem Zustand .“Michael Unger, Sprecher der Wiener Linien, kann die Kritik nicht nachvollziehen.

Herr Unger, wie viele barrierefreie WCs gib es im Bereich der Wiener Linien?

Derzeit sind es insgesamt 68 WC-Anlagen, davon 51 Behindertentoiletten. Diese waren ursprünglich in der Zuständigkeit der MA 48, im März 2014 wurden sie den Wiener Linien überantwortet. Die Wartung und Reinigung der WCs sind für uns ein Riesenaufwand, die Anlagen werden untertags dreimal gereinigt und einmal in der Nacht. Das alles kostet jährlich 1,8 Millionen Euro.

Es wird kritisiert, dass nicht herauszufinden ist, wie viele barrierefreie WC-Anlagen es im Öffi-Bereich gibt und wo sich diese befinden.

Wir bieten auf unseren Barrierefrei-Seiten im Web detaillierte Wegbeschreibungen zu den einzelnen Stationen und auch zu den vorhandenen WC-Anlagen.

Ein Gesamtüberblick fehlt aber, warum?

Ja, das stimmt, dieser fehlt, und man kann bestimmt über grafische Lösung nachdenken, wo alle Informationen online auf einen Blick zu sehen sind. Allerdings stellt sich dabei natürlich die Frage, ob so eine grafische Aufbereitung den Betroffenen tatsächlich weiterhelfen würde. Schließlich sind ja diejenigen, die auf barrierefreie Anlagen angewiesen sind, in der Regel sehr gut informiert, wo es solche Anlagen gibt.

Wie viele barrierefreie WC-Anlagen sind nicht benützbar?

Derzeit sind rund zehn WC-Anlagen vorübergehend geschlossen.

Erschienen in Falter 17/2015 

Eine Bohrinsel vor der Urlaubsinsel

Österreichs OMV darf in der Adria nach Öl suchen. Umweltschützer warnen den Konzern

Bericht: Nina Brnada

Kroatien ist nahe genug, dass man mit dem Auto hinfahren kann, und doch so weit entfernt, dass man sich in einer anderen Welt wiederfindet. Rund 70 Kilometer von der Südgrenze Österreichs entfernt liegt das Land mit seinen 1244 Inseln und 1777 Kilometern Küste, mit Kieselstränden und Pinienwäldern. Gerade bei Österreichern ist die ex-jugoslawische Teilrepublik beliebt, hinter Italien die wichtigste Reisedestination.

Das Land bewirbt seine Schönheit in der Werbung als „zeitlos mediterran“, doch Umweltschützern zufolge könnte sie bald Vergangenheit sein. Die kroatische Regierung will nämlich nach Öl-und Gasvorkommen auf dem Grund der Adria bohren lassen. Einer der wichtigsten Player bei diesem Projekt ist Österreichs teilstaatliche OMV. Sie hat mit dem US-amerikanischen Konzern Marathon Oil ein Konsortium gegründet und den Großteil der Bohrkonzessionen erhalten. Diese ermöglichen nicht nur die Erschließung, sondern im Fall einer Bergung von Reserven auch die Förderung von Gas und Öl in der Adria.

Mancherorts sind die Bohrstellen nur zehn Kilometer von der Küste entfernt, nahe von Orten, die Aushängeschilder des Landes sind, kritisiert Johannes Wahlmüller von Global 2000. Zum Beispiel vor den Kornaten, einem Nationalpark in Norddalmatien, der 140 Inseln umfasst. Oder nahe dem Nationalpark der Insel Mljet im Süden oder vor der Altstadt von Dubrovnik, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

Umweltschützer und Aktivisten sind alarmiert. Sie warnen vor einer möglichen Umweltkatastrophe, vor negativen Auswirkungen auf den kroatischen Tourismus, und sie kritisieren Ablauf und Umstände der Konzessionsvergaben als intransparent.

Diese Geschichte beginnt am 2. Jänner dieses Jahres. An diesem Tag gibt Kroatiens Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak die Namen der Firmen bekannt, die Bohrkonzessionen bekommen haben. Von insgesamt zehn Konzessionen gehen sieben an ein Konsortium aus OMV und der US-amerikanischen Marathon Oil. Die restlichen drei bekommen der kroatische Ölkonzern INA, die ungarische MOL und ein Konsortium der italienischen ENI und der in London ansässigen Medoilgas. Laut Wirtschaftsminister werden die Investoren in den nächsten fünf Jahren über eine halbe Milliarde Euro für die Erschließung der Stätten ausgeben.

Man müsse mit seinem Potenzial etwas anfangen und könne nicht allein in Schönheit sterben, rechtfertigen die Befürworter den Plan. Der Wirtschaftsminister träumt schon vom kleinen Norwegen am Balkan.

Gegner kritisieren jedoch, dass die Ergebnisse der Studie zur strategischen Umweltverträglichkeit erst veröffentlicht wurden, nachdem die Konzessionen schon vergeben worden waren. „Diese Abfolge steht auf rechtlich wackligen Beinen“, sagt Luka Tomac, Vizepräsident von Zelena Akcija, der Grünen Aktion, einer großen kroatischen Umweltschutz-NGO.

Barbara Dorić, Direktorin der zuständigen staatlichen Agentur für Kohlenwasserstoffe, hält im kroatischen Fernsehen dagegen, es werde erst gebohrt, nachdem die endgültigen Verträge unterschrieben sind. Das allerdings ist nur ein Formalakt, denn für das Projekt und die konkreten Lizenznehmer hat sich die Regierung längst entschieden, kritisieren die Gegner.

Doch nicht nur das erregt Widerstand. Im Zuge des Projekts muss auch auf mögliche Auswirkungen auf die Biodiversität geachtet werden, also ob bestimmte Fisch-, Schildkröten-und Vogelbestände intakt bleiben. Dies obliegt allerdings nicht etwa einer unabhängigen oder staatlichen Stelle, sondern den Ölkonzernen selbst, kritisieren Umweltaktivisten. „Diese Firmen haben ein wirtschaftliches Interesse“, sagt Tomac von Zelena Akcija. Das sei so, als würde ein Wolf die Schafe hüten.

Dazu kommt die Angst vor einer Havarie. Im kleinen Adriatischen Meer, das allseits, außer im Süden, von Land umschlossen ist, hätte ein Unglück besonders gravierende Auswirkungen, argumentieren Kroatiens Umweltschutzorganisationen. Deshalb haben sie sich zu einer Koalition namens „SOS für die Adria“ zusammengeschlossen. Mittlerweile treten auch regionale Verwaltungen gegen die Bohrungen auf dem Meeresgrund auf, etwa in der Region rund um die dalmatinische Küstenstadt Šibenik. „Sollten wegen Ölvorkommen Plattformen errichtet werden, würde man die von den Stränden aus sehen“, sagt Tomac.

Dazu kommt, das der Fall an die Küsten anderer Adriastaaten. Italien und Slowenien machen von der sogenannten Espoo-Konvention Gebrauch. Das ist ein Instrument, das bei Vorhaben zum Einsatz kommt, deren Auswirkungen auf die Umwelt über nationalstaatliche Grenzen hinausreichen könnten – in diesem Fall halten die betroffenen Staaten etwa öffentliche Anhörungen ab. Die Resultate werden in einigen Wochen an die kroatische Regierung übermittelt.

„Zwar haben diese Länder kein Recht, ein Veto einzulegen, und die Ergebnisse der öffentlichen Diskussion haben nur Vorschlagscharakter“, sagt Nina Štros von Greenpeace Slowenien. „Aber auch in den Ländern der Region gibt es ein reges Interesse an diesem Thema, auch weil die zuständigen kroatischen Behörden nicht ausreichend erklären können, was sie bei einem etwaigen Unfall auf dem Meer täten.“

Die kroatische Regierung hält an ihren Plänen fest. Bohrungen in der kroatischen Adria würden schon seit Jahrzehnten durchgeführt, argumentiert sie – allerdings wird bisher nur Gas gefördert, kein Öl.

Aktivisten wie Luka Tomac fordern nun ein Referendum. Sie appellieren an die Ölkonzerne, die endgültigen Verträge für die Bohrungen nicht zu unterschreiben.

Bei der OMV will man auf die Fragen zu den Bohrungen in Kroatien nicht antworten. Der Konzern verweist stattdessen auf den US-Partner Marathon Oil. Dieser leitet das Konsortium und hat daran einen 60-Prozent-Anteil. Die Marathon Oil sei deshalb auch für die Kommunikation zuständig, erklärt der Unternehmenssprecher der OMV. Doch auch Marathon Oil ist auf Falter-Nachfrage zu keiner Stellungnahme bereit.

Erschienen in Falter 16/2015 

Haben Rassisten Ihre Ortstafel gestohlen, Herr Horvath?

Interview: Nina Brnada
Am Apparat Telefonkolumne

Im Gegensatz zu Kärnten gab es im Burgenland nie Probleme wegen zweisprachiger Ortstafeln. Laut Bundeskanzleramt stehen dort 60 Ortstafeln mit kroatischen Bezeichnungen und fünf mit ungarischen. Einer dieser Orte ist Unterwart, auf Ungarisch Alsóőr, eine Gemeinde im Südburgenland mit 910 Einwohnern. Nun wurde dort eine zweisprachige Ortstafel gestohlen -es war die fünfte in etwas mehr als einem Jahr. ÖVP-Bürgermeister Josef Horvath hält alles für einen schlechten Scherz.

Herr Horvath, wann wurde die erste zweisprachige Ortstafel gestohlen?

Vergangenes Jahr in der letzten Faschingswoche. Wir alle dachten damals, das sei ein Faschingsscherz, doch dann verschwanden im selben Jahr gleich zwei weitere. Und heuer dann wieder zwei. Aber nicht nur in Unterwart, auch in Oberwart ist vergangenen September eine zweisprachige Ortstafel verschwunden.

Vermuten Sie rassistische Motive?

Kriminalpolizei und Verfassungsschutz ermitteln zu den Vorfällen in Unterwart, aber wir im Ort können uns nicht vorstellen, dass jemanden der Namen Alsóőr stört. Unterwart war ursprünglich zur Gänze ungarischsprachig, erst mit Zuzug und Heirat kamen auch mehr Deutschsprachige dazu. Meine Mutter etwa war deutschsprachig und aus Loipersdorf, mein Vater ein ungarischsprachiger Unterwarter. Ich selbst bin zweisprachig aufgewachsen, genauso wie meine Töchter. Kindergarten und Volksschule in Unterwart si nd bilingual, unser Ort hat etwa 20 Vereine und 50 Veranstaltungen im Jahr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand etwas gegen dieses gute Zusammenleben haben könnte.

Gibt es Hinweise auf die Diebe?

Wir haben keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte. Aber der Dieb oder die Diebe sind immer gleich vorgegangen, sie haben die Tafeln wohl mit einem Schraubenschlüssel herausgelöst.

Erschienen in Falter 16/2015