Teufels Werk

von Nina Brnada

Vor zehn Jahren gründete Volksschullehrerin Ingrid Teufel Wiens erste gemeinsame Schule für 6- bis 14-Jährige. Die Geschichte einer Pionierleistung

Porträt: Nina Brnada

Es braucht nur einen Menschen im Leben, der an einen glaubt, sagt Ingrid Teufel. In ihrem Fall war es einst die Hauptschullehrerin. In der vierten Klasse starb Teufels Großvater, bei ihm war sie aufgewachsen. Danach sackten die schulischen Leistungen des Mädchens ab, ihr Teenagerleben drohte aus den Fugen zu geraten. Die Lehrerin gab ihr trotzdem gute Noten, sodass sie ein Gymnasium besuchen konnte. „Sie glaubte an mich“, sagt Teufel. „Ohne sie wäre mein Leben wohl anders verlaufen.“

Teufel sollte später selbst Lehrerin werden, 44 Jahre lang übte sie diesen Beruf aus. Die heute 64-Jährige ist eine Frau mit offenem Blick und blauen Augen. Für Generationen von Schülern wollte sie diejenige sein, die Zuversicht zeigte. „Es geht schließlich nicht um Schul-, sondern um Lebenserfolg.“

Sie überlegte, was es braucht, damit Kinder sich wohl fühlen und erfolgreich lernen können. Vor zehn Jahren begründet sie die Lerngemeinschaft 15, einen Schulversuch an der Volksschule Friedrichsplatz in Rudolfsheim-Fünfhaus.

Dort sollten erstmals an einer öffentlichen Schule in Wien Kinder zwischen 6 und 14 Jahren eine gemeinsame Schule besuchen. Dieses Projekt hat mittlerweile Nachahmer gefunden. „Wenn man so will, war es Wiens erste öffentliche Gesamtschule,“ sagt Teufel.

Die Lerngemeinschaft 15 geht eines der Hauptprobleme des heimischen Schulsystems an: die Selektion am Ende der Volksschulzeit. Sie ist die große Wunde des österreichischen Bildungssystems. Und der Horror für alle Beteiligten, sagt Teufel, für Schüler, Eltern, Lehrer. „Es fängt schon in der dritten Klasse Volksschule an.“ Da würden die Eltern schon rotieren. „In der vierten herrscht dann Panik.“ Dann nämlich gibt es die ersten Schularbeiten, der Druck auf die Kinder steigt immens, denn es braucht Einser, um es aufs Gymnasium zu schaffen. Manchmal drohen bessergestellte Eltern in dieser kritischen Phase den Lehrern ihrer Kinder sogar mit dem Rechtsanwalt, sagt Teufel. Die Noten in diesen Momenten stellen die Weichen für die Zukunft.

Die Selektion nach der Volksschule ist auch Streitgegenstand der Politik. Ginge es nach den Sozialdemokraten, würde erst mit 14 Jahren getrennt werden, doch die Konservativen warnen vor Gleichmacherei und Leistungsverfall.

Dabei bröckelt auch in der ÖVP die Front der Gegner. Selbst Niederösterreichs ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll sprach sich für die Ausweitung der Volksschule von vier auf sechs Jahre aus. Und die ÖVP-nahe Industriellenvereinigung präsentierte vergangenen November ihren Vorschlag für eine gemeinsame Schule, deren Strukturen stark an Ingrid Teufels Pionierprojekt erinnern.

Teufel selbst findet, es reiche nicht, nur die Gesamtschule einzuführen, man müsse auch neue pädagogische Konzepte anwenden. Statt in herkömmlichen Klassen werden in Teufels Lerngemeinschaft etwa jeweils drei Altersstufen zu sogenannten Stammklassen zusammengefügt. Von denen gibt es drei mit je rund 25 Kindern. Zudem setzt man große Themen, an denen sich die Schüler abarbeiten – die Trennung der Schulfächer wird dadurch aufgehoben. Ähnliche Überlegungen gibt es derzeit auch in Finnland, dem Spitzenreiter bei den Pisa-Ergebnissen, wo man die klassischen Fächer durch Unterricht zu Phänomenen ersetzen will.

In Österreich ist man von derlei Überlegungen weit entfernt. Zwar wurde eine sogenannte Bildungsreformkommission der Regierung und Landeshauptleute ins Leben gerufen, die bis 17. November Ergebnisse liefern soll. Bisher allerdings befasste sie sich vor allem mit Verwaltungsfragen.

Mit den Behörden habe sie bei der Gründung ihres Schulversuchs nie Probleme gehabt, sagt Teufel. „Ich hatte stets Narrenfreiheit, auch weil ich immer Schüler genommen habe, die sonst kaum ein Lehrer wollte.“ Zunächst waren es Kinder mit Behinderung und solche aus unterprivilegierten Migrantenfamilien. „Manche von ihnen hatten noch nie eine Schere in Händen gehalten, geschweige denn dass ein Schreibtisch zuhause stand“, sagt Teufel.

Heute jedoch drängen vor allem Sprösslinge bildungsaffiner Eltern in das Projekt. Es könne sich vor Nachfrage kaum retten, sagt Teufel. Manche würden den Wohnsitz ihrer Kinder sogar bei Freunden anmelden, die in der Nähe der Schule wohnen, nur um die Chancen zu erhöhen, dort einen Platz zu bekommen.

Teufels Projekt läuft parallel zum normalen Schulbetrieb am Friedrichsplatz. Es muss auch Konzessionen an das herkömmliche Bildungssystem machen. Weil es keine eigene rechtliche Bestimmung hat, sind manche in Teufels Lerngemeinschaft AHS-Schüler, andere bekommen ein Zeugnis der Neuen Mittelschule, also der Nachfolgerin der Hauptschule. „Das aber entspricht nicht der Realität in den Klassen, denn es arbeiten zwar alle am selben Thema. Aber jeder von seinem eigenen Niveau aus.“

Teufel sagt, sie sei stolz, weil ihre Ehemaligen später in Schulen gingen, „die ihren Talenten entsprechen“. Die Schüler hätten gelernt, an sich zu glauben, nicht selten würden sie später auch Schulsprecher.

Teufels eigenes Berufsleben war wie eine Zeitreise, sagt sie. „Ich habe in einer Zeit angefangen, als ein Kind schon als verhaltensauffällig galt, wenn es auf dem Sessel kniete, anstatt gerade zu sitzen.“ Bis auf ein halbes Jahr verbrachte sie über vier Jahrzehnte an derselben Schule. Vieles hat sich verändert, auch zum Guten. „Heute reden alle über Bildung,“ sagt sie. Seit einem Jahr ist sie in Pension und engagiert sich seither in Bildungsprojekten wie „Schule im Aufbruch“ oder der Bildungs-NGO „Jedes Kind“.“Und ich glaube, dass sich etwas bewegen wird, denn es brodelt.“

Erschienen in Falter 15/2015

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