TOTAL TOLERANT? 9 THESEN ZUM REGENBOGEN-HYPE

von Nina Brnada

Alles Ampelmännchen! Ganz Wien hat auf Welttoleranzhauptstadt umgeschaltet. Aber so fortschrittlich, wie sie sich gibt, ist Österreichs Gesellschaft gar nicht

NACHFORSCHUNG: BARBARA TÓTH UND NINA BRNADA 

1. Wir sind tolerant gegenüber Schwulen, nicht gegenüber Muslimen

Laut einer aktuellen Toleranz-Studie, die vom Mauthausen Komitee Österreich in Auftrag gegeben wurde, würde es 22 Prozent der Befragten stören, wenn sich jemand aus der Familie zur Homosexualität bekennen würde. Mit 65 Prozent hätten aber deutlich mehr Menschen ein Problem damit, wenn jemand aus ihrer Familie zum Islam konvertieren wollte. Der Islam erfährt insgesamt wenig Toleranz in Österreich. 42 Prozent stoßen sich am Kopftuch, geht aus derselben Umfrage hervor. Und 64 Prozent hätten etwas dagegen, wenn eine Moschee in ihrer Nachbarschaft gebaut werden sollte.

Dass die Mehrheitsgesellschaft intolerant ist, bedeutet jedoch keineswegs automatisch, dass Muslime toleranter seien. Das beispielsweise zeigt eine andere Studie. Im Jahr 2009 erforschte die Organisation „Frauen ohne Grenzen“ im Auftrag des Sozialministeriums die Einstellungen junger muslimischer Männer in Österreich. Hier meinten etwa 70 Prozent der Befragten, der Islam sei die einzig wahre Religion.

2. Gleiche Rechte für Homosexuelle müssen fast immer erzwungen werden

Zum Beispiel bei einer der wichtigsten Streitfragen, der Stiefkindadoption. Sie ist für gleichgeschlechtliche Paare nur deswegen möglich, weil der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg die Republik im Jahr 2013 wegen Diskriminierung verurteilt hat. Auch die Fremdkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare kommt nur, weil der Verfassungsgerichtshof das geltende Verbot für verfassungswidrig befunden hat.

Ähnlich war es bei der Samenzellenspende für Lesben. Auch sie wurde vom Verfassungsgerichtshof dem Gesetzgeber aufgetragen. In Österreich steckt man also gern den Kopf in den Sand, so lange, bis es nicht mehr geht. Dass man sich aktiv zu einer Haltung durchringt, ist selten. Schuld daran ist in diesem Fall eindeutig die ÖVP, die, Hand in Hand mit der katholischen Kirche, diese gesellschaftspolitische Entwicklung bremst, solange es geht. Deswegen wurde auch erst 2009 die „eingetragene Partnerschaft“ eingeführt. Für die Homo-Ehe heißt es wegen ÖVP-Widerstands weiterhin „Bitte warten“. Dabei gibt es sie mittlerweile in 13 europäischen Ländern. Nur nicht in der Heimat Conchita Wursts.

3. Österreich ist im Grunde eine autoritär geprägte Gesellschaft

Das Land sieht sich -nicht zuletzt aufgrund der langen Kanzlerschaft Bruno Kreiskys (SPÖ) in den 1970er- und 1980er-Jahren – gerne als skandinavisch geprägtes, sozialpartnerschaftliches, fortschrittliches Land.

Aber die Wahrheit ist eine andere. Eine linke Mehrheit gab es zuletzt vor 30 Jahren, und selbst da wirkte sie nicht nachhaltig. In einer großen Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 1978 – also mitten in den Kreisky-Jahren -sprach sich eine Mehrheit für die Todesstrafe aus, 67 Prozent wollten strengere Strafen für Transvestiten, 80 Prozent meinten, dass „Verbrecher heute zu milde bestraft werden“.

Diese Basis nährt bis heute eine der größten und stabilsten radikalen Rechten in Europa. In der „Europäischen Wertestudie“ ist Österreich bei der Ablehnung von Migranten, Muslimen und „Menschen anderer Rasse“ Spitzenreiter unter Europas Demokratien. Seit Jahrzehnten wünschen sich 20 Prozent der Befragten bei politischen Meinungsumfragen einen „starken Führer“. Das erklärt auch, warum die FPÖ, die geschickt diese autoritären Codes nutzt, so erfolgreich ist. Dass Conchita Wurst heute den Status einer Nationalkünstlerin hat, bestätigt eher „einen Trend zur europäischen Offenheit als eine liberale Revolution im österreichischen Wertesystem“, findet daher der Historiker Oliver Rathkolb.

4. Das Erbe von Katholizismus und Kaiserhaus wirkt nach

Das Selbstverständnis der katholischen Kirche ist das einer hierarchischen Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen. In Österreich bildete sie über Jahrhunderte eine Allianz mit dem Kaiserhaus. Das Zusammenspiel dieser beiden Machtzentren erzeugte einen Druck, der die Mentalität nachhaltig prägte und bis heute definiert. Kirche und Staat waren vereint, sei es gegen den aufkommenden Nationalismus in den Provinzen der Donaumonarchie oder davor gegen die Protestanten.

Auch nach der Reformation nahmen die katholische Kirche und die weltliche Macht eine scharfe Verteidigungshaltung ein. Es kam zur brutalen Gegenreformation, oft exekutiert von der weltlichen Macht in Namen der Kirche. Die religiöse Verfolgung endete erst mit dem Toleranzpatent Josephs II. Ende des 18. Jahrhunderts wurde zwar dadurch die Ausübung anderer Religionen möglich, allerdings nur unter Auflagen. Die Konfessionen wurden toleriert, sofern sie sich unauffällig verhielten.

5. In Österreich geht es nicht um Debatten, sondern um Entscheidungen von oben

Der Streit gilt in Österreich gemeinhin nicht als gesellschaftlicher Motor, sondern eher als Ausdruck niederer Gefühle. Der Grund für diese Abwehrhaltung hängt wohl auch damit zusammen, dass sich das Bürgertum als Träger der Öffentlichkeit in Österreich erst verspätet und zögerlich entwickelte. Das Land wurde „bis 1918 von den alten, vorbürgerlichen, feudalen Mächten regiert“, schreibt der Politologe Anton Pelinka.

Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, wo es eine sogenannte Zivilkultur gibt, die „tendenziell partizipatorisch ausgerichtet“ ist, herrscht, wie der Historiker Ernst Hanisch formuliert, in Österreich eine „Staatskultur“. Initiative wird von der Obrigkeit erwartet. Der politische Individualismus konnte sich dadurch nur wenig entfalten, die „Lust, in der Gemeinschaft zu versinken, erwies sich von Zeit zu Zeit als überstark“. Zwar hat diese Haltung andererseits auch die frühe Entstehung eines besonders ausgeprägten Sozialstaates begünstigt, aber der Streitkultur im Land war sie nicht zuträglich. Wichtige politische Entscheidungen fallen bis heute oft im Hinterzimmer. Die Organisationen institutionalisierter Debatten – etwa das Parlament – dürfen vieles nur abnicken. Die Medienlandschaft ist stark konzentriert, die Einführung privaten Rundfunks und das Ende des ORF-Monopols erfolgte sehr spät, eine Verzögerung, die Österreich sogar den Spitznamen „Medien-Albanien“ einbrachte.

6. Österreich ist keine Vertragsnation, sondern eine Tourismusnation. Wer zahlt, schafft an

„Pink Dollar“ nennen Tourismusexperten die hohe Kaufkraft von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT) in ihrem Fachjargon. Laut den Angaben der Weltorganisation des Tourismus reisen sie durchschnittlich doppelt so oft im Jahr ( nämlich viermal) als Heteros und geben dabei auch mehr Geld aus. Die Tourismusstadt Wien hat seit 1998 eine eigene Marketingschiene für homosexuelle Gäste – als einzige Stadt Österreichs. Nur die Region Wörthersee und Sölden werben ebenfalls um sie.

Der „Fremdenverkehr“, wie man den Tourismus früher nannte, ist für Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg stark identitätsstiftend, das Betonen der Naturschönheiten und der Stolz auf die Hochkultur gehen Hand in Hand damit. Der gelernte Österreicher hat ein Gespür dafür, was sich verkauft und was nicht. Wenn es nun eine bärtige Diva ist, warum nicht? Aber echten Respekt vor LGBT-Personen bringt das noch nicht, es ist mehr eine „Sie wünschen, wir spielen“-Geste. Toleranz ist in Österreich keine Haltung. Sie ist eine Dienstleistung.

7. Faktor Zufall: Das ganze Toleranzgetue ist Österreich einfach passiert

Conchita Wurst wurde am Anfang angefeindet, vielen war ihre Erscheinung ein Dorn im Auge. Seit sie allerdings den Song Contest gewonnen hat, teilen viele mit ihr die Siegerpose. Dass sich Menschen an Conchitas Erfolg begeistern und alte Vorbehalte überdenken, hat etwas Ermutigendes. Der Herdentrieb, der dahintersteckt, ist aber auch etwas beliebig. Was, wenn statt Conchita jemand gewonnen hätte, der an andere Gefühle appelliert? Jemand, der im Gegensatz zu ihr den Ausschluss bestimmter gesellschaftlicher Gruppen propagiert? So weit muss es aber gar nicht gehen. Was etwa, wenn Andreas Gabalier statt Conchita Wurst beim Song Contest angetreten wäre und gewonnen hätte? Angenommen, er hätte dadurch einen Hype um Volks-Rock-’n‘-Roll in Lederhosen und das Zelebrieren traditioneller Geschlechterrollen ausgelöst -würde die Stadt Wien dann Ampelmanderln und Ampelweiberln in Gamsbarthut und Dirndl als Zeichen alpiner Identität dieses Landes installieren?

8. Österreich ist und bleibt das Land der Hausfrauen

Der Aussage „Hausfrau sein ist genauso befriedigend wie Berufstätigkeit“ stimmten 1999 noch 43 Prozent zu, 2008 waren es um neun Prozent mehr. Die Zustimmung stieg vor allem bei Frauen zwischen 46 und 60, die Studienautoren vermuten dahinter eine „pragmatisch-resignierende Reaktion auf eine ausweglose Situation“. Denn nach einer langen Kinderpause wird der Wiedereinstieg in den Beruf immer schwieriger, „angesichts solcher Perspektiven erscheint die Rolle der Hausfrau gar nicht so unattraktiv“. Moderne Gesellschaften bringen moderne Frauenbilder hervor. Österreich hinkt hinterher.

9. Reden wir über Sex? Lieber nicht!

Offen über Homosexualität und Transgender-Personen zu sprechen heißt für die Mehrheitsgesellschaft auch, offen über die eigene Heterosexualität zu sprechen. Soll in der Schule offensiverer Aufklärungsunterricht stattfinden? Nein, sagt die Familienministerin Sophie Karmasin, das ist Sache der Eltern. Ja, sagt die Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

Gleichzeitig hat Österreich eine vergleichsweise hohe Abtreibungsrate, weil Jugendliche mangelhaft über Sex und Verhütung Bescheid wissen. 2,4 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter haben abgetrieben. In Kanada, wo die Abtreibung erlaubt und nicht nur „legalisiert“ ist wie in Österreich, sind es 1,4 Prozent. Die Pille auf Krankenschein? Auch das ist im „Regenbogen-Musterland“ Österreich undenkbar.

Erschienen in Falter 21/2015

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