24 STUNDEN TRAISKIRCHEN

von Nina Brnada

Einen Tag und eine Nacht lang auf dem Gehsteig vor dem Flüchtlingslager in Traiskirchen. Was sieht man, wen trifft man? Fünf Begebenheiten

VORMITTAG

Der verschollene Cousin

Als Majed mit seinem Cousin zuletzt telefonierte, befand sich dieser in der Nähe von Wien, auf der Flucht von Syrien nach Deutschland. Dann muss er wohl von der österreichischen Polizei festgenommen worden sein. Zumindest glaubt das Majed, ein Mann in lachsfarbenem Hemd, mit geölten Haaren und Berliner Akzent. „Das ist die einzige Erklärung dafür, warum er sich nicht mehr meldet.“ Seit 31 Jahren lebt der gebürtige Libanese in Deutschland. Als er nichts mehr von seinem Cousin hörte, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr von Berlin nach Wien. Dort fragte er bei der erstbesten Polizeistation, wo er seinen Verwandten finden könnte. Fragen Sie doch in Traiskirchen nach, sagte man ihm.

Nun sitzt er da, auf dem Sockel eines Zaunes gegenüber dem Eingang des Flüchtlingslagers. Majed wartet. Dabei weiß er gar nicht, ob sich sein Verwandter wirklich da drinnen befindet. Als er zum Sicherheitspersonal am Lagerschranken ging, meinte dieses sogleich, sie könnten ihm nicht sagen, ob der Cousin hier sei. Und schon gar nicht dürften sie ihn ins Lager hineinlassen.

Neben dem Eingangstor zum Flüchtlingslager klebt ein Plakat mit der Frage: „Thinking of home?“ Wer freiwillig wieder in die Heimat wolle, könne sich in Haus Nummer 7 melden. Für die Rückkehrer gibt es auch Auskunft unter der kostenlosen Hotline unter 0800/20 30 40. Aber für jemanden wie Majed, der auf der Suche nach einem Verwandten ist, gibt es keine Informationen. Nicht nur die Wachleute am Tor weigerten sich, ihm zu sagen, ob sein Cousin im Lager Traiskirchen ist. Auch ein Anruf bei der Lagerverwaltung blieb erfolglos. „Jetzt kann ich nur noch hier draußen rumsitzen und darauf hoffen, dass er irgendwann da rauskommt – falls er überhaupt da ist“, sagt Majed.

NACHMITTAG

Vater und Sohn

Das Geld reichte nicht, um die Flucht der gesamten Familie aus Bagdad zu bezahlen. Also hat sich der Mann Folgendes überlegt: „Meinen kleinsten Sohn konnte ich nicht auf die Flucht mitnehmen, denn er hat ein Herzproblem. Und die Tochter würde ohnehin nicht ohne Mutter fortgehen wollen.“ Der Vater entschied sich für den ältesten Sohn, einen Buben von sieben Jahren.

Der Vater trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Konterfei des US-Rappers Tupac Shakur, in seine Haare hat er eine schwarze Sonnenbrille geschoben. Er sagt, er habe im Irak für die Amerikaner als Computerspezialist gearbeitet. Dann habe er einen Drohbrief bekommen, in dem stand, dass man ihn töten würde, denn er habe mit den Ungläubigen zusammengearbeitet.

Sein Sohn steht daneben. Der Bub ist die kindliche Version des Vaters: dichte Augenbrauen, Grübchen auf der rechten Wange. Die beiden sind ein Team. Der Vater beschützt den Kleinen physisch, der Bub den Vater psychisch. „Wäre nicht mein Sohn, ich würde die ganze Zeit nur weinen.“ Jetzt stehen sie vor dem Tor des Lagers Traiskirchen, andere Väter und Mütter spazieren gerade mit ihren Kindern vorüber, man nickt einander zu. Die Kinder vom Flüchtlingslager Traiskirchen haben alle etwas Ähnliches in ihrer Art: Sie beobachten wachsam, taxieren ständig ihre Umgebung. Sie sind vorsichtig, denn in ihrer Heimat haben sie den Tod gesehen. Und hier in Österreich hören sie dauernd Gespräche der Erwachsenen mit, in denen ständig über „Fingerprints“ und „Transfer“ gesprochen wird. Das alles macht aus ihnen Erwachsene in Kinderkörpern.

Mehrmals hätten sein Bub und er selbst Menschen sterben sehen, erzählt der Vater. Vor allem in Bagdad, wo ständig irgendetwas explodierte. Seit einigen Tagen halten sie sich nun in Traiskirchen auf. Der Vater sagt, er danke diesem Land dafür, dass es ihn und seinen Sohn aufgenommen habe. Nun hofft er auf Asyl, sodass auch seine Frau und die beiden anderen Kinder nachkommen können.

„Hoffentlich hat sich die Situation im Lager bis dahin gebessert“, sagt er. Denn derzeit muss er mit seinem Sohn unter freiem Himmel schlafen. So wie 1500 der Lagerbewohner. Das sei momentan vor allem aus einem Grund ziemlich hart: Die Detonationen von Bagdad hätten aus seinem Buben einen Bettnässer gemacht.

ABEND

Ein Becher in der Tasche

Der Abend legt sich langsam übers Land. Es wird endlich ein wenig kühler, die Menschen strömen aus dem Lager hinaus auf die Straße zum Spaziergang. Nahezu jeder Flüchtling trägt eine Tasche mit sich. Mal ist es ein Rucksack, mal eine Umhängeoder eine Bauchtasche. Die Menschen hier haben ihre Dokumente und all ihr Geld immer dabei.

Je dunkler es wird, desto geschäftiger wird es auf der Straße. Gruppen von Burschen schlendern vorüber, nur um kurze Zeit später wieder kehrtzumachen. So vertreiben sie sich ihre Zeit. Drei junge Traiskirchnerinnen mit Spaghettiträgern und geglätteten Haaren stehen an der Straßenecke und warten auf den Bus. Die afghanischen Jungs versuchen anzubandeln, aber sie bringen nicht mehr heraus als Worte, die sie anderswo schon gehört haben: „Grüß Gott, Wiener Polizei.“

Die Gehsteige sind derart voll, dass man zuweilen glaubt, man befindet sich auf einer Einkaufsstraße. Nur eine Frau sticht aus dem Straßenbild heraus. Sie ist eine Anrainerin, die Einzige mit kurzen, blonden Haaren hier, um die 40 Jahre alt. Sie hält einen Gartenschlauch in Händen. Vor ihrem Haus, schräg gegenüber dem Eingang des Lagers, spritzt die Frau abends den Gehsteig ab. Das ist für sie ein sommerliches Ritual, aber es wirkt auch wie eine Markierung und Verteidigung von Territorium. Hinter dem Gartentor der Blondine hechelt ein Dobermann.

Sie zieht an ihrer Zigarette, sie wirkt gereizt. Sie sagt, es sei ständig laut hier, es seien zu viele Menschen im Lager gegenüber. Ihr sei das alles zu viel. Prinzipiell wäre das Lager kein Problem, „es gab Zeiten, wo alles gut funktionierte“, sagt sie. „Wenn zum Beispiel 800 Menschen hier sind, ist alles wunderbar. Aber knapp 4000, so wie jetzt, sind zu viele.“

Während sie erzählt, kommt eine Afghanin mit nachgezogenen Augenbrauen vorbei. Sie bleibt stehen und deutet mit dem rechten Zeigefinger auf den Wasserschlauch. Dann greift sie in ihre Umhängetasche und zieht einen metallenen Becher heraus. Die Anrainerin klemmt sich ihre Zigarette zwischen die Zähne, dreht den Schlauch auf und gießt der Afghanin Wasser in den Becher.

Es sind Momente wie diese, die verstehen lassen, wie es drinnen im Lager zugehen muss. „Dort kommt man offenbar nicht einmal richtig zu Wasser“, sagt die Anrainerin. „Wir sind alle unglücklich. Die da drinnen genauso wie wir hier draußen.“

NACHT

In der Warteschlange

Es ist der letzte Tag des Ramadan. Für Muslime steht das traditionelle Fastenbrechen bevor, das bei Sonnenuntergang feierlich begangen wird. Hier im Lager hat man keine große Auswahl, wie man das Fest begehen will.

Manche haben sich eine Pizza vom Bahnhof geholt. Die meisten jedoch sind in die Moschee gegangen, die ums Eck vom Lager liegt. Dort wurden 3000 Essensportionen ausgegeben. Lammgulasch, Reis, Linsensuppe, Limonade, Bananen. Und jetzt, wo alle gegessen haben und wieder ins Lager wollen, bildet sich eine Schlange vor dem Eingang. Polizeiliche Absperrungen wie bei einer Demonstration regulieren den Weg.

Wer hinein will, muss sich hinten anstellen, alle paar Meter steht ein Polizist und teilt die Schlange in kleine Abschnitte. Grüppchenweise werden die Lagerbewohner abgefertigt und hineingelassen. Einige junge Männer versuchen, sich vorzudrängen, aber die Polizei lässt niemanden passieren. Ein junger Afghane ist besonders hartnäckig. Immer wieder geht er ans oberste Ende der Schlange, die die ganze Straße entlangführt, und probiert, durch den Lagereingang zu schlüpfen.

Ein Polizist mit Schnauzer und verschwitztem Gesicht verliert die Nerven und brüllt ihn an: „Bist du ein Mann oder ein Lulu?“ Er solle gefälligst die Wartezeit geduldig ertragen. Aber der Afghane versteht kein Wort und versucht es nochmal. Dann rempelt ihn der Polizist an der Schulter und stößt einen Schrei aus, der durch die gesamte Straße hallt: „Schleich di.“

MORGENGRAUEN

Maik und seine Freunde

Menschen wie Maik haben es leichter. Der 29-jährige Iraker ist Christ, er spricht Englisch, weil er als Kind in Kanada gelebt habe, erzählt er. Er ist ein tätowierter Muskelprotz mit der Aura eines bekifften Surfers. Wenn er mit den Securitys am Eingang des Flüchtlingslagers redet, haben diese das Gefühl, dass sie es mit einem coolen Typen zu tun haben. Und es scheint, als würden sie glauben, dass seine Coolness auf sie abfärbt, wenn sie sich mit ihm abgeben. Also bringen sie ihm ungefragt eine Flasche kühles Wasser, während er auf dem Trottoir der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt. Oder eine Packung Zuckerln. Einfach so. Dann schaut sie Maik mit seinen großen braunen Augen an und sagt: „Thanks, man, I appreciate that.“

Maik wirkt hier als Kitt zwischen der Außenwelt und seinen drei Freunden, mit denen er aus dem Irak geflüchtet ist. Diese sind ganz und gar nicht wie Maik: Sie sprechen nur Arabisch, sind Muslime, und ihr Verhalten ist freundlich, aber schüchtern. Maik ist ihr Fürsprecher und ihr Vermittler.

Zwei von Maiks Freunden dürfen heute Nacht nicht mehr ins Lager, nachdem sie schon einige Tage dort verbracht haben. Denn untertags haben sie es abgelehnt, in eine Unterkunft nach Oberösterreich gebracht zu werden. Sie hätten von anderen Flüchtlingen gehört, dass diese nicht gut sei, also haben sie sich geweigert, erzählt Maik. Deswegen kommen sie für heute nicht ins Lager und müssen diese Nacht auf dem Gehsteig schlafen. Maik dürfte im Gegensatz zu ihnen zwar ins Lager hinein, aber er hat seine zwei Decken heraus auf die Straße getragen, weil er auf dem Gehsteig bei seinen Freunden schlafen möchte. Außerdem würde er drinnen ja auch unter freiem Himmel übernachten, nur eben auf der anderen Seite des Zaunes, sagt er.

Aus dem unruhigen Bauch des Lagers dringt währenddessen Getöse auf die Straße, es klingt so, als sei da drinnen ein Fußballspiel im Gange. „Es ist Ende des Ramadan, die Muslime feiern“, erklärt Maik. „Jemand spielt über sein Handy Musik ab, und dann tanzen alle im Kreis.“ Das geht die halbe Nacht lang so. Immer wieder fahren Polizeiautos ins Lager, dann Rettungsfahrzeuge, manche mit Blaulicht. Es kommt andauernd zu Raufereien, sagt Maik. Afghanen gegen Syrer, Algerier gegen Somalier. Die Atmosphäre sei angespannt, immer wieder würden die Leute aufeinander losgehen.

Maik breitet eine Decke unter sich aus, mit einer zweiten deckt er sich gut zu, jetzt, wo es Nacht ist, wimmelt es hier draußen vor grauen und braunen Käfern. Nach wenigen Minuten schnarcht er. Gegenüber parken neue Busse mit neuen Flüchtlingen. Maiks Freund, der neben ihm liegt, starrt in sein Handy, er skypt mit seiner Familie. Eine Frauenstimme und ein hustendes Kind, dann bricht die Leitung ab.

Erschienen im Falter Ausgabe 30 / 2015

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