Das Drama von Graz

von Nina Brnada

Ein Mann steigt ins Auto und rast durch eine Fußgängerzone. Drei Menschen sterben, 36 werden verletzt. Die Chronologie einer Tragödie

BERICHT: NINA BRNADA, BENEDIKT NARODOSLAWSKY UND DONJA NOORMOFIDI

Sein Haus liegt direkt am Murradweg, die Straßen zwischen den Einfamilienhäusern tragen Namen wie Roggengasse oder Weizenweg. In der Einfahrt stehen zwei Geländewagen, zwei kleinere Autos, Sperrmüll und ausrangierte Polstermöbel. Im Zaun ist die Figur eines Hasen eingeklemmt, dahinter ein Basketballkorb. Hier vor dem Haus sei er oft gesessen, mit Sonnenbrille und Ruderleiberl, erzählen die Anrainer. Alen R., 26 Jahre, der Amokfahrer von Graz.

Nun sitzt der Mann in der Justizanstalt Graz-Jakomini hinter Gittern. Vergangenen Samstag stieg er zu Mittag in seinen Geländewagen und drückte in der Grazer Zweiglgasse aufs Gaspedal.

Fünf Minuten dauerte seine Fahrt, sie hinterließ eine Blutspur. Drei Menschen starben, 36 wurden verletzt, zwei Schwerverletzte waren erst Dienstagfrüh über den Berg. Die Amokfahrt von Alen R. veränderte die steirische Hauptstadt. „Graz weint“, ist auf der Website der Stadt zu lesen.

Der Täter

Alen R., österreichischer Staatsbürger, verheiratet, zwei Kleinkinder. Was man über ihn weiß, sind Versatzstücke seines Lebens. Sie reichen nicht aus, um seine Tat zu erklären oder gar zu begreifen. Islamistischer Terror wird von den Ermittlern dezidiert ausgeschlossen. Was aber war es dann? War es eine Psychose? War es Rache wegen der angeblich bevorstehenden Scheidung, wie Zeitungen schreiben? Der Beschuldigte selbst machte bis Dienstagfrüh dazu noch keine brauchbaren Aussagen.

In Bihać, im äußersten Westen von Bosnien-Herzegowina, an der kroatischen Grenze, wird Alen R. geboren. Als er vier ist, flüchtet seine Familie vor dem Krieg in Ex-Jugoslawien nach Österreich. Ihr neues Zuhause finden sie in Kalsdorf. Der Ort hat 6700 Einwohner, eine wachsende Gemeinde südlich von Graz. Wer mit den Nachbarn spricht, der erfährt, dass Alen R. und seine Familie so gar nicht in diese Einfamilienhausidylle passen. Die R.s sind im Dorf immer Außenseiter geblieben. Die Nachbarn fürchteten sich vor der Familie. Sie wirken schockiert, aber nicht überrascht, dass es so weit gekommen ist. Höchstens das Ausmaß der Tat verwundert sie.

Alen R. wollte im Erdgeschoß des Hauses ein kleines Geschäft oder ein Café einrichten, erzählen die Nachbarn. Bei der Bauverhandlung im vergangenen Jahr soll er Anwesende als „rassistische Nazischweine“ beschimpft haben. Laut Staatsanwalt wurde R. jedenfalls wegen Beleidigung verurteilt. Außerdem sei er auffällig geworden, weil er mit seiner Waffe auf das Feld vor seinem Haus geschossen hatte. Die Polizei nahm ihm das Kleinkalibergewehr vor etwa einem Jahr ab. Den Nachbarn sind aber eher die Eltern aufgefallen. Die R.s hätten mit Steinen nach Anrainern und sogar Kindern geworfen, einmal hätten sie zwei Hunde malträtiert. Die Polizei bestätigt, dass der Vater in beiden Fällen auch angezeigt wurde. „Wir haben jeden Augenkontakt vermieden“, sagt eine Nachbarin.

Auch innerhalb der Familie kommt es seit Jahren immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen. Am 28. Mai weist die Polizei Alen R. aus seinem Haus -nicht zum ersten Mal. Er soll seine Frau, eine bosnischherzegowinische Staatsbürgerin, die laut Staatsanwaltschaft seit Ende 2011 in Österreich lebt, geschlagen und getreten haben. Sie gibt an, er habe sie gezwungen, Kopftuch zu tragen.

Religiös ist die Familie allem Anschein nach dennoch nicht. In der Moschee des hiesigen Islamischen Kulturzentrums kennt man sie nicht. Auch den Nachbarn ist in dieser Hinsicht nichts aufgefallen.

Die Amokfahrt

Gegen 12.15 Uhr beschleunigt Alen R. seinen Wagen im Stadtteil Gries. Dort fährt er auf dem Gehsteig eine Frau und einen Mann nieder, der Mann stirbt noch an der Unfallstelle. „Der hat das Paar niedergemäht und ist dann direkt auf mich zugefahren, der hat bewusst die Leute anvisiert“, berichtet der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP). Er selbst entkommt dem Amokfahrer knapp mit seiner Vespa.

In der Grazbachgasse springt Alen R. aus dem Auto und sticht auf ein Ehepaar aus Afghanistan ein, die Frau trägt Kopftuch. Dann rast er weiter in die Fußgängerzone der Herrengasse: Bei der Stadtpfarrkirche fährt er einen vierjährigen Buben tot und erwischt eine etwa 25-jährige Frau, vermutlich eine Bettlerin. Auch sie kommt ums Leben.

Alen R. rauscht vorbei an den Bürgerhäusern, kurz vor dem Hauptplatz rammt er einen Gastgarten. „Die Tische sind geflogen, die Sessel -und die Menschen auch“, erzählt ein Zeuge. Alen R. zieht eine Schleife, verletzt weitere Personen und fährt in die Schmiedgasse ein, auf der viele Radler unterwegs sind. R. sei immer noch mit „irrer Geschwindigkeit“ durch die enge Gasse gefahren, erzählt ein Passant, der an diesem Tag mit seiner kleinen Tochter unterwegs ist. Zwei Polizisten hätten sich dem Amokfahrer in den Weg gestellt. Der Rasende hält an und lässt sich festnehmen. Er leistet keinen Widerstand. In seinem ersten Verhör wird er angeben, sich von „Türken verfolgt zu fühlen“. Sie würden ihn dazu zwingen, „kein Schweinefleisch zu essen“. Ob Alen R. zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig war, wird noch untersucht.

Die Bilanz: drei Tote, 36 zum Teil schwer Verletzte. „Als das Auto weg war, herrschte am Hauptplatz plötzlich völlige Stille“, berichtet ein Augenzeuge. „Man konnte die Vögel zwitschern hören. Dann begannen Leute nach der Rettung zu rufen.“

Die Opfer

Es ist Samstag, kurz vor 13 Uhr, als Džemal D. zum Mittagsgebet aufbricht. Wie jeden Tag kommt er dabei an der Zweiglgasse vorbei, die keine fünf Minuten von seiner Moschee entfernt liegt. In dieser beten vornehmlich Muslime aus Bosnien-Herzegowina, fromme Männer mit dichten Bärten.

Am Straßenrand sieht Džemal D. einen zugedeckten Körper. Er bleibt nur kurz stehen. Später wird er erfahren, dass er am Leichnam seines Sohnes Adis vorbeigegangen war.

Adis wurde nur 28 Jahre alt, wie der Vater war auch er ein frommer Muslim, frisch verheiratet und gerade mit seiner Frau zu Fuß unterwegs. An der Stelle, wo er ermordet wurde, brennen heute Kerzen, Tee-und Grablichter, Wachs ist auf dem Gehsteig geronnen, dazwischen Blumen. Auf dem Asphalt sind mit giftgrüner Farbe Formen gesprüht, runde Umrisse, daneben ein Kreis, darunter eine Ellipse, dann zwei Striche – Kopf, Rumpf, Beine -ein Körper.

Etwas mehr als 24 Stunden nach dem Tod des Sohnes steht der Vater vor seiner Moschee, um ihn herum ein halbes Dutzend Männer mit verschränkten Armen und gesenkten Köpfen. Die Schatten unter Džemals Augen sind braun, sein Mund ist trocken. Er sagt: „Hätte ich meine Religion nicht, würde ich hier nur noch herumbrüllen.“ Als seine Frau erfahren hatte, was in der Stadt los war, rief sie ihren Sohn Adis an. Sein Handy läutete, „aber er konnte nicht abheben“, sagt der Vater, „weil er ja tot war.“

Wenige Tage zuvor hatte sein Sohn Adisa geheiratet. Er hatte sie in Bosnien-Herzegowina kennengelernt, er selbst war in Österreich aufgewachsen, nachdem er als Achtjähriger aus Velika Kladuša in Bosnien-Herzegowina nach Österreich gekommen war.

Adis und Adisa, das junge Paar. Sie stellten Bilder von der Hochzeitsfeier auf Facebook, sie in Weiß, mit bedeckten Haaren, Brautstrauß werfen, Torte anschneiden, Schleppe, Krawatte, Fotos fürs Leben. Einen Tag vor seinem Tod hatte er seinen letzten Arbeitstag gehabt. Im Sozialamt der Stadt Graz hatte der HAK-Absolvent zuvor im Rahmen eines Arbeitsprogramms ein halbes Jahr als Assistent im Verwaltungsbereich für Sozialhilfe und Mindestsicherung gearbeitet.

Am Freitag hatten sich noch alle Kollegen von ihm verabschiedet, er hatte Abschiedsgeschenke bekommen. Bis zum Rest des Monats wollte er seinen verbleibenden Urlaub aufbrauchen.

Die Helfer

Schreie im Chaos. Viele wissen nicht, was gerade passiert ist. Peter Panzenböck sitzt mit seiner Frau in der Brötchenbar Frankowitsch, als ihn jemand zu Hilfe ruft. In der Herrengasse findet er „ein Schlachtfeld“ vor, wie er sagt. Panzenböck ist Chirurg, Körper, Blut und Fleisch sind sein Geschäft. Aber die Bilder dieser „apathischen, blassen, blutigen Kinder“ gehen ihm auch Tage nach der Tat nicht aus dem Kopf. Zuerst versorgt er eine schwerverletzte junge Frau, dann eine Familie mit Kleinkind. Auch Laien haben nicht gezögert, Erste Hilfe zu leisten, sagt er. „Die Leute waren toll.“

Im ersten Stock der Paulustorgasse 4, nur wenige hundert Meter, sitzen die Helfer der Helfer, das Kriseninterventionsteam (KIT) des Landes Steiermark. Mehr als hundert Freiwillige haben sich sofort gemeldet, als KIT-Koordinatorin Cornelia Forstner sie gerufen hat. Sie selbst ist nur wenige Minuten vom Hauptplatz entfernt, als Alen R. durch die Menschenmenge rast. Forstner gibt sofort Alarm. Als sie auf die Herrengasse kommt, sieht sie Menschen, die sich in Nischen verkrochen haben und weinen. Kinder, die sich an Eltern klammern. Silberdecken über reglosen Körpern. Sie mobilisiert ihr Team und spendet den Opfern Trost, auch Tage nach der Amokfahrt ist sie mit einem Heer von Freiwilligen im Einsatz. Sie kümmern sich um Menschen, die ihren Schlaf und Appetit verloren haben. Die sich nicht mehr auf die Plätze der Tat trauen oder von Bildern und Gerüchen verfolgt werden.

Die Helfer des Kriseninterventionsteams haben eine eigene Hotline (0316/877 655 1) eingerichtet, unter der sich Betroffene melden können. Gerade ist jemand aus Liezen in der Leitung. Die ganze Familie hat die Amokfahrt beobachtet, ein Team von Helfern wird zu ihnen geschickt.

Die Freiwilligen sprechen in der Innenstadt Passanten und Geschäftsleute an, sie gehen an die Orte, an denen die Grazer Kerzen anzünden und sich die Blicke in ihrem Leuchten verlieren. „Ich will ein Stückweit helfen“, sagt Franz, ein Freiwilliger des KIT, der den ganzen Tag über mit Traumatisierten gesprochen hat. Man hört, wie viel Druck auf seinem Brustkorb lastet. Nach getaner Arbeit bekommen auch die Helfer der Helfer Hilfe.

Die Scharfmacher

Früher Samstagnachmittag, die Ermittlungen laufen erst an. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache informiert seine 233.000 große Fangemeinde auf Facebook: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen!“

In der rechten Szene dominiert nicht Mitgefühl, sondern Hass. Straches Fan Richard J. kommentiert: „Der Bosna gehört als Strafe mit Schweinefleisch vollgestopft und mit Wodka vollgesoffen, wen er nicht will, dann gibt es einen Trichter und Handschellen.“ Isabella S. schreibt: „Was war er wieder mal??? Kein Österreicher natürlich!!! Typisch!!! Weg damit, gefoltert gehört er u. gequält “ Max G.: „Dreckiger Bastard. Stirb mit deines gleichen“. Dem Posting fügt er vier brennende Bombensymbole an. Selbst als die Polizei am Nachmittag einen Terrorakt ausschließt, schreibt der FPÖ-nahe Blog unzensuriert. at: „Auch wenn Fanatismus und Terrorismus vom steirischen Landespolizeidirektor Josef Klamminger vorerst nicht zu den Hintergründen der Tat gezählt werden, kann ein religiöses oder politisches Motiv noch nicht ausgeschlossen werden.“ Dass der österreichische Staatsbürger Alen R. in Bosnien-Herzegowina geboren ist, streicht der Blog drei Mal heraus.

Politiker kritisieren Straches Aussagen, das meiste mediale Echo findet aber ein Posting von Marko Stanković, Stürmer des SK Sturm Graz. „Schämen Sie sich, Herr Strache!“, schreibt er auf die Facebook-Seite des FPÖ-Obmanns. Doch die FPÖ beherrscht das Spiel mit der Empörung. Am Montag verteidigt sich Strache abermals auf Facebook. Man habe ihm die Worte im Mund umgedreht, die „Strategie jener, die das im Vorfeld der Wien-Wahl versuchen, ist leicht durchschaubar“. Er geißelt „die hetzerische und absurde Behauptung, dass ich dieses brutal geplante Verbrechen politisch missbraucht hätte“. So deuten die Freiheitlichen die Empörung aufgrund H.-C.s Hetze zur Hetze gegen H.-C. um.

Derzeit weist nichts darauf hin, dass es sich bei der Amokfahrt um einen Terrorakt gehandelt hat.

Die Folgen

Kann man Lehren aus einem Amoklauf eines offenbar psychisch Kranken ziehen? Der Fall Alen R. könnte zumindest eine Diskussion anstoßen. Seit Jahren fordert der Verein Neustart, der ehemalige Gefangene bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft, eine „Krisenhilfe für Weggewiesene“ einzurichten. Meist sind die Betroffenen Männer, die nach Gewalt in der Familie ihre Wohnung nicht mehr betreten dürfen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, weil die Staatsgewalt sie vor die Tür setzt, und geben meist ihrer Partnerin die Schuld für die Misere.

„In dieser existenziellen, emotionalen und gefährlichen Krise bleibt der Weggewiesene sich selbst überlassen“, kritisiert Neustart. Die Männer stehen ohne Kleidung, Dokumente und Zahnbürste vor der Tür. Diese empfundene Ungerechtigkeit staut sich zu neuem Gewaltpotenzial auf. Man solle ihnen helfen, um weiteres Unglück zu vermeiden, argumentiert Neustart. Ein 24-Stunden-Krisendienst, sogenannte „Weggewiesenenhilfeeinrichtungen“, könnte die mutmaßlichen Täter emotional abfangen.

Auch Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) fordert seit Montag einen psychologischen Dienst für Gewalttäter. Weggewiesene sollen außerdem zu einer Rechtsberatung verpflichtet werden.

Im Fall Alen R. lag zwischen dem Amoklauf und der Wegweisung ein ganzer Monat. Kann die Wegweisung, selbst nach so langer Zeit, zu einer Gewalttat führen? Neustart-Sprecher Andreas Zembaty sagt, er kenne den Fall Alen R. zu wenig. „Aber eine Tat muss nicht spontan nach der Wegweisung passieren“, sagt Zembaty, „wir beobachten immer wieder, dass es eine Zeit dauern kann.“

Die Trauer

Das Verbrechen hat die ganze Stadt in einen schweren Schock versetzt. Die Grazer Herrengasse ist die Flaniermeile der Stadt, hier trifft man sich an sonnigen Samstagen, um ein Eis zu essen oder einzukaufen. Man fühlte sich sicher. Der Amokfahrer hat dieses Idyll zerstört, Alen R. hat hier wahllos Menschen verletzt und getötet. Vor der Stadtpfarrkirche, wo zwei Menschen ums Leben kamen, schaben Helfer beständig die geschmolzenen Kerzen vom Boden, damit der Gedenkort sauber bleibt und weitere Kerzen, Stofftiere und Blumen Platz haben. Menschen blicken mit leeren Blicken auf die Lichterinseln, die sich durch die Innenstadt ziehen. Die Herrengasse gleicht dieser Tage einem Kreuzweg.

Manche umarmen einander, andere zünden eine Kerze an, viele weinen, auch wenn sie gar nicht selbst betroffen sind. Graz ist klein genug, dass fast jeder einen kennt, der alles mit eigenen Augen gesehen hat. Die Menschen ahnen, wie leicht sie selbst unter den Opfern hätten sein können. Die Stadt trägt Trauer, der Uhrturm und das Rathaus wurden schwarz beflaggt, an die Ortstafeln sind Trauerschleifen gebunden. Für nächsten Sonntag ist ein Gedenkmarsch geplant.

Möglich, dass die Ermittlungen irgendwann mehr Klarheit in die Motive des Täters bringen. Der Schmerz der Opfer und ihrer Angehörigen wird bleiben. Die Herrengasse ist nach diesem 20. Juni 2015 nicht mehr dieselbe.

Erschienen im Falter Ausgabe 26 / 2015

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