Der Aufsteiger

von Nina Brnada

Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und arbeitete sich nach oben. Bei der Wiener Gemeinderatswahl tritt Turgay Taşkıran mit eigener Liste und türkischer Unterstützung an. Was sucht er in der Politik?

Porträt: Nina Brnada

Die Van-der-Nüll-Gasse in Favoriten. Das sei ein guter Ausgangspunkt für einen Spaziergang, sagt Turgay Taşkıran. Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, liegt dort, einige Gehminuten weiter die Volksschule, die er besuchte. Ebenso der Viktor-Adler-Markt, auf dem seine Eltern jahrzehntelang jeden Samstag den Wocheneinkauf erledigt haben. Und die Moschee, in der Taşkıran bis heute freitags betet.

An diesem Sommermorgen stehen viele Wohnungsfenster im Viertel offen, davor blühen Linden. Die Gegend mit ihren rasterförmigen Straßenzügen erinnert an Kreuzberg in Berlin, so wäre es wohl auch dort, gäbe es keine Hipster und Bars.

In diesem Wiener Gründerzeitviertel im zehnten Bezirk müffelt es feucht in den Stiegenhäusern. Jene, die sich etwas Besseres leisten können, ziehen von hier weg. Arbeiter, Junkies, Alte und Migranten bleiben. So wie einst Taşkırans Eltern. Anfang der 70er-Jahre waren sie als Gastarbeiter aus der Türkei nach Österreich gekommen. 29 Jahre lang wohnte er mit ihnen hier, unweit des Keplerplatzes.

Taşkıran führt heute bei einem Rundgang durch das Grätzel seiner Kindheit. Der großgewachsene Mann hat etwas Treuherziges in seiner Art. Manchmal legt er den Kopf zur Seite und wirkt dann wie ein großer Bub.

Vielleicht wird durch diesen Streifzug durch Favoriten klarer, warum jemand wie er sich politisch engagieren will. Vielleicht versteht man danach besser, was es genau mit seiner Liste „Gemeinsam für Wien“ auf sich hat, mit der er bei der Wiener Gemeinderatswahl am 11. Oktober antreten will. Vielleicht wird dadurch verständlicher, warum auch ein Aufsteiger wie er chronisch das Gefühl hat, auf ewig der Ausländer zu bleiben, der nicht richtig dazugehört.

Taşkırans Liste jedenfalls erregt viel Aufsehen und auch Widerstand, viele sehen in ihr vor allem eines: die Türkenpartei.

Für die FPÖ ist sie der Beleg, „dass der Integrationswille in der türkischen Community offenbar gar nicht gegeben ist“, wie sie sagt. Und auch die SPÖ ist nicht erfreut, per Aussendung vermeldet sie: „Die eigene Nationalität soll nicht ausschlaggebend für das Wahlverhalten sein. Es geht nicht darum, woher du kommst, sondern wofür du stehst.“

Taşkıran entgegnet darauf, er hätte ohnehin nicht vor, sich an einer Liste zu beteiligen, die nur seinesgleichen offensteht. „Ich als türkischstämmiger Muslim werde zwar die Liste anführen, aber sie soll nicht nur aus Leuten wie mir bestehen und sich auch nicht nur an solche wie mich richten.“ Migranten anderer Herkunft sollen für die Liste kandidieren, ebenso wie Österreicher, sagt er.

Und dennoch, die Liste ist eine Initiative türkischer Verbände in Wien, wie Taşkıran selbst sagt. Welche genau, möchte er für sich behalten. Zu ihrem eigenen Wohl. Denn würden sich die Vereine als Taşkırans Befürworter deklarieren, stellten sie sich offen gegen Wiens mächtige SPÖ. Und das könne schnell den Entzug einer Förderung oder etwa einer Genehmigung für ein Straßenfest bedeuten, sagt Taşkıran.

Mit „Gemeinsam für Wien“ drängt nun jedenfalls ein politisches Projekt an die Öffentlichkeit, das offenbar aus dem islamischtürkischen Dunstkreis gefördert wird. Denn der einzige Verein, der sich bisher als Unterstützer von Taşkırans Liste geoutet hat, ist die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) in Wien. Und diesem Verein wird ein Naheverhältnis zum autoritären türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner religiös-konservativen AKP nachgesagt.

Im Jahr 2004 wurde die UETD zunächst in Deutschland gegründet. Bei der Eröffnung in Köln war auch Erdoğan zugegen. 2006 entstand dann auch der österreichische Ableger der UETD. Zu diesem Zweck kam eigens eine Delegation aus Deutschland angereist, erzählt Taşkıran. In einem Innenstadthotel machte man Interviews, um ein Führungsteam für die UETD Österreich zu finden. Taşkıran war von Anfang an dabei, zunächst als Kassier, später, von 2009 bis 2013, als Vorsitzender des Vereins.

Man würde Präsident Erdoğan respektieren, ja. Aber sowohl Taşkıran als auch der derzeitige UETD-Chef Cem Aslan bestreiten Finanzhilfe von Erdoğans AKP oder türkischer Botschaft an UETD Austria.

Das aber die UETD in Wien mit Erdoğans Regime in Ankara auf spezielle Weise verbunden ist, zeigt etwa die Karriere von Taşkırans Vorgänger, dem ehemaligen UETD-Chef Gürsel Dönmez. Dieser wurde 2009 Erdoğans Berater. Und auch eine andere große Begebenheit belegt das Naheverhältnis: Die UETD organisierte im Juni vergangenen Jahres Erdoğans umstrittenen Wahlkampfauftritt in Wien.

Derzeit versuchen Taşkıran und seine Mitstreiter genug Unterstützungserklärungen für den Wahlantritt zu bekommen. 50 Befürworter braucht es pro Bezirk, um für die Bezirksvertretung kandidieren zu können, für die Gemeindeebene 100 in jedem der 18 Wiener Wahlkreise.

Bislang hat die Liste aber weder ein Programm noch konkrete Forderungen. Und auch was das langfristige politische Ziel des Projekts ist, vermag Taşkıran nicht zu sagen. Er spricht lediglich von Zusammenhalt, von Solidarität, von Mitmenschlichkeit. Lauter Allgemeinplätze.

Sollte Taşkırans Liste ausreichend Unterstützungserklärungen für den Wahlantritt zusammenkriegen, ist es wohl unwahrscheinlich, dass sie die Fünfprozenthürde überwindet. Zu unterschiedlich sind die politischen Präferenzen, nicht nur der Migranten im Allgemeinen, sondern auch unter den Einwanderern aus der Türkei im Speziellen. Das heißt dennoch nicht, dass Taşkırans politisches Vorhaben unbedeutend wäre. Denn einerseits wirft es die Frage auf, ob es zu wenige sichtbare Politiker mit Migrationshintergrund innerhalb der etablierten Parteien gibt, wie Taşkıran argumentiert. Oder ob es so ist, wie seine Kontrahenten meinen: Die sogenannte Parallelgesellschaft möchte ihre Andersartigkeit nicht nur wie bisher in der Lebensweise, sondern nun auch auf dem politischen Parkett zementieren.

Taşkıran steht vor der Van-der-Nüll-Gasse 6, dem Haus, in dem er aufgewachsen ist. Über der Einfahrt steht auf einem Schild „Elektromotoren Reparatur u. Verkauf“. Er deutet auf das gekippte Fenster im ersten Stock, dort hauste die Familie zunächst in Zimmer und Küche. Später zog die Familie innerhalb des Hauses zwei Mal um. Mit jedem Umzug wurde die Wohnsituation ein wenig besser. Und dennoch lebte die vierköpfige Familie zuletzt lediglich auf 45 Quadratmeter.

Heute besitzt Taşkıran ein Haus in Oberlaa, allein seine Terrasse ist mit 40 Quadratmetern annähernd so groß wie die gesamte einstige elterliche Wohnung. Seine beiden Töchter, drei und sechs Jahre alt, haben mehr als genug Platz, sie werden ihre Hausaufgaben nicht wie ihr Vater am Fußboden oder am Couchtisch schreiben müssen.

„Ich habe es hier heraus geschafft“, sagt Taşkiran und schaut nach oben, zu den Fenstern der elterlichen Wohnung. „Aber wenn ich hier so stehe, kommen Gefühle hoch.“ Und plötzlich ist da ein Mensch, den es überkommt. Stolz, Wut, Selbstmitleid, Nostalgie. Seine Stimme stockt, seine Finger fischen nach einer Zigarette in der Marlboro-Packung.

Taşkırans Eltern stammen aus Denizli in der Westtürkei. Er ist ihr erstes Kind, 1973 wird er in Mödling geboren. Anfangs lebt die Familie noch in Guntramsdorf in einer Garage, erzählt Taşkiran. Das Dach ist löchrig. Wenn es regnet, nehmen die Nachbarn das Baby hinein ins trockene Haus.

Die Eltern bekommen noch einen Buben und ein Mädchen. Taşkırans Bruder wird noch als Baby auf eine schicksalhafte Weise aus dem Leben der Familie scheiden:

Als Taşkıran gerade einmal zwei Jahre alt ist und sein Bruder neu geboren, fährt die Familie mit dem Auto in den Urlaub von Österreich in die Türkei. Sie macht Pause in Bulgarien, erzählt Taşkıran. „Neben einem Fluss stellte mein Vater das Auto ab, die Familie sitzt drinnen. Doch er vergisst vermutlich, die Handbremse anzuziehen.“ Der Wagen rollt nach hinten ins Wasser. Die Tür des Autos stand offen, der kleine Bruder rutscht aus dem Auto ins Wasser. Zwei Tage lang suchen Taucher nach dem Baby. Niemand hatte es je wieder gefunden.

Zu dieser Zeit zieht die Familie von Guntramsdorf nach Wien in die Van-der-Nüll-Gasse. Und obwohl sie in der großen Stadt leben, bleiben ihre Gewohnheiten die der türkischen Provinz. So schneien Gäste zum Beispiel einfach bei der Tür herein, wenn sie zufällig in der Gegend sind. Erst ab dem Jahr 1985 kündigen sie sich vorher an, da nämlich bekamen die Taşkırans ein Telefon.

Im Gemeindebau dürfen sie nicht wohnen, weil sie damals noch nicht österreichische Staatsbürger waren, aber dort ist ihr Arzt. Stets begleitet Taşkıran seine Eltern dorthin, er übersetzte und vermittelte, schon als Kind. Und damals spürt er, er will Arzt werden. Im Jahr 1998 wird ihm dann der Doktortitel verliehen. Allerdings war es bis dahin ein steiniger Weg, härter als für andere, für Nicht-Türken, glaubt Taşkıran heute.

Er geht weiter, auf die Gudrunstraße. Taşkıran ist ein zurückhaltender Typ. So sehr, dass man zuweilen nicht weiß, wer wen durch das Grätzel führt. Er bleibt am Keplerplatz vor einem Gebäude aus Backstein stehen – Taşkırans Volksschule.

Seine eigenen Kinder werden in eine Privatschule gehen. Die ältere sei schon für den Herbst in der katholischen Neulandschule angemeldet. Dem öffentlichen Schulsystem vertraue er nicht, sagt er. Er selbst habe erfahren, wie es dort zugeht. „Wäre es nach meiner Volksschullehrerin gegangen, wäre aus mir wohl nie ein Arzt geworden.“

Taşkıran war zwar ein guter Schüler, wie er sagt, doch die Lehrerin meinte, er würde ein Gymnasium nicht schaffen, also solle er die Hauptschule besuchen. Die Eltern waren ratlos, sie konnten die Tragweite dieser Entscheidung nicht ermessen. Am Ende kam eine österreichische Nachbarin Taşkıran zur Hilfe: Für Frau Ziegler ging die Familie ab und zu beim Greißler einkaufen. Nun engagierte sich die Dame, damit der Nachbarsohn aufs Gymnasium in der Ettenreichgasse kam.

Heute hat Taşkıran eine Ordination im elften Bezirk. 60 Prozent seiner Patienten seien türkischstämmig, sagt er. Jeden Tag erzählten ihm die Menschen von den Demütigungen im Alltag, vom Gefühl, hier mit seinen Sitten, mit seiner Sprache nicht erwünscht zu sein. Die Duldung kränke. Und die Marginalisierung mache wütend.

„Kein österreichischer Politiker hat je zu uns gesagt, dass er uns dafür respektiert, was wir für dieses Land getan haben“, sagt Taşkıran. „Aber als Erdoğan hier war, sagte er ‚ich bin stolz auf euch‘.“

Für die österreichischen Politiker seien die türkischstämmigen lediglich gern gesehene Mehrheitsbeschaffer, denn ihre Kandidaten mobilisieren wie kaum andere. Zum Beispiel Resul Ekrem Gönültas, der für die SPÖ antrat. Im Nationalratswahlkampf 2013 erhielt er 12.715 Vorzugsstimmen, von den Sozialdemokraten bekam nur Bundeskanzler Werner Faymann mehr. Doch weil er auf der SPÖ-Liste so weit hinten gereiht war, schaffte er es nicht ins Parlament.

Drei Jahre zuvor, bei der Wien-Wahl 2010, war die türkischstämmige Gülsüm Namaldi angetreten. Sie bekam 5601 Vorzugsstimmen. Innerhalb der SPÖ lagen lediglich Michael Häupl und Omar Al-Rawi vor Namaldi. Dennoch zog Namaldi nicht in den Gemeinderat ein, weil sie auf der Liste auf Platz 166 gereiht war. „Migranten werden auf unmöglichen Plätzen gereiht“, sagt Taşkıran. „Und wenn dann welche von ihnen eine eigene Partei gründen, nimmt man es ihnen übel.“ Schon vor Taşkıran gab es türkische Listen bei diversen Wahlen: Im Jahr 2008 etwa trat in Niederösterreich die „Liste für Niederösterreich“ an, blieb aber erfolglos. Ganz anders war es im Fall der türkischstämmigen Kandidaten von der „Neuen Bewegung für die Zukunft“, die in Vorarlberg bei der AK-Wahl antrat und auch heute noch in der Vollversammlung der AK-Vorarlberg mit vier Sitzen vertreten ist. Oder kürzlich bei der ÖH-Wahl, wo eine Liste namens „Stulife“ kandidierte und lediglich 0,7 Prozentpunkte erlangte. Auch sie wurde wie Taşkirans Liste von der UETD unterstützt.

Der UETD-Dachverband in Köln jedenfalls distanziert sich von der Unterstützung des österreichischen Ablegers für Taşkırans Liste. „Die UETD ist parteipolitisch neutral und unterstützt weder direkt noch indirekt politische Vereinigungen jedweder Art“, heißt es aus Köln. Doch auch aus ihrem Umfeld in Deutschland sind bereits politische Testballone gestartet. So waren etwa „aktive und ehemalige UETD-Spitzenfunktionäre“ maßgeblich an der Gründung der BIG-Partei beteiligt, schreibt Spiegel Online.

BIG wiederum steht für „Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit“, es trat bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin im Jahr 2011 an. Aber selbst in Berlin, der größten Stadt mit türkischstämmigem Bevölkerungsanteil außerhalb der Türkei, in der laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in diesem Wahljahr rund 173.000 deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft lebten, kam sie auf gerade einmal 8012 Stimme.

Dennoch, es hat sie nicht davon abgehalten, auch bei der Bundestagswahl 2013 anzutreten und wieder kläglich zu scheitern. „Wer weiß“, sagt Turgay Taşkıran, „vielleicht werden wir mit unserer Liste auch eines Tages auf Bundesebene kandidieren.“

Zur Person

Turgay Taşkıran wurde 1973 südlich von Wien in Mödling geboren. Seine Eltern stammen aus Denizli in der Westtürkei, Anfang der Siebzigerjahre kamen sie als Gastarbeiter nach Österreich. Taşkıran studierte Medizin und bekam 1998 den Doktortitel verliehen. Kürzlich gab er bekannt, dass er mit der Liste „Gemeinsam für Wien“ für den Gemeinderat kandidieren will, unterstützt von türkischen Vereinen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter

Erschienen im Falter Ausgabe 31 / 2015

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