„Eine schlamperte G’schicht“

von Nina Brnada

Jahrzehntelang injizierten Wiener AKH-Ärzte ihren Patienten Malariaerreger. Die umstrittene Praxis beleuchtet nun ein Bericht – ausgerechnet vom Bruder eines der Klinikärzte

Bericht: Nina Brnada

Diese Geschichte beginnt vor rund 100 Jahren. Julius Wagner-Jauregg, ein österreichischer Psychiater, entwickelte damals die Malariatherapie, um Syphiliskranke zu heilen. Patienten wurden absichtlich mit Malaria angesteckt, die Infektion verlief in Schüben mit über 40 Grad Fieber und führte zur Heilung der Syphilis. Seinerzeit galt die Methode als erfolgreich, Wagner-Jauregg bekam für diese Therapie im Jahr 1927 den Nobelpreis.

Mit dem Aufkommen des Penizillins verschwand die Malariatherapie aus der klinischen Praxis. In Wien hielt sie sich zumindest bis Ende der 1960er-Jahre. Sie wurde auch nicht zur Bekämpfung von Syphilis, sondern bei psychiatrischen Diagnosen eingesetzt. Etwa bei „Psychopathie“ oder „Intelligenzmängeln“. Die Therapien, so der Verdacht, waren offenbar nicht mehr lege artis. Frühere Patienten, darunter auch ehemalige Heimkinder, sind daher im Jahr 2012 mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit getreten, sie seien vom damaligen Klinikchef Hans Hoff ohne medizinische Gründe der Malariatherapie unterzogen worden. Sie seien von Ärzten missbraucht worden, damit der Malaria-Stamm, der nur im menschlichen Körper überleben kann, nicht stirbt.

Das sind harte, strafrechtliche Vorwürfe, denen die Medizinische Universität Wien auf den Grund gehen wollte. Sie initiierte eine – von der Gemeinde Wien mitfinanzierte – Studie einer externen Historikerkommission. Die Kommission sollte erforschen, „ob Behandlungen durchgeführt wurden, die methodisch und ethisch nicht dem damaligen Stand der Wissenschaft entsprochen haben“. Untersucht wurde der Zeitraum von 1951 bis 1969, jene Jahre also, in denen der verantwortliche Klinikchef Hans Hoff die Wiener Klinik leitete.

Vergangene Woche wurde die Studie veröffentlicht. Der Chef der Untersuchungskommission, Gernot Heiss, gab zwar bekannt, dass die Malariatherapie bis in die 60erJahre praktiziert wurde, es gebe aber „keinen Hinweis darauf, dass die Malariafiebertherapie oder eine der anderen Therapien wie Insulinschocks und Elektroschocks zu Versuchszwecken oder gar als Bestrafung eingesetzt worden sind“. Die Kritik der damaligen Opfer habe sich demzufolge also nicht bestätigt.

Nicht erwähnt wurde von Heiss indes, dass die Wissenschaftlichkeit seiner Studie intern heftig umstritten ist. Von Verdrehung ist die Rede und Weißwaschung. Wichtige Persönlichkeiten wollen mit der Studie nichts mehr zu tun haben. Die Psychiaterin Elisabeth Brainin etwa hat die Kommission aus Protest verlassen. Sie nennt die Untersuchung ein „Weißwaschen“, denn viele wichtige Fragen seien vielen wichtigen Zeitzeugen nicht gestellt worden. Heiss habe es unterlassen, mit Betroffenen zu sprechen, um ein vollständigeres Bild der damaligen Zustände zu bekommen, so die Kritik.

Ähnliche Vorwürfe erhebt der Wiener Medizinhistoriker Michael Hubenstorf, Mitglied des Kommissionsbeirats. Auch er zweifelt die Wissenschaftlichkeit der Studie an, denn Heiss habe nicht nur viel zu wenige Zeitzeugen interviewt, die wenigen, die befragt wurden, seien noch dazu „sehr selektiv ausgewählt worden“. Die Unterhaltungen, so Hubenstorf, waren „mehr Plaudereien denn wissenschaftliche Interviews“, sie seien „informell“ erfolgt und nicht so dokumentiert worden, dass ihr Inhalt für andere Forscher nachprüfbar wird. Es gebe nicht einmal Protokolle oder Transkripte der Interviews: „Solche Mängel zu vermeiden, lernt man im ersten Semester auf der Universität“, zeigt sich Hubenstorf enttäuscht. Gernot Heiss weist die Vorwürfe zurück. Die Gesprächsprotokolle könne man nach Zustimmung des Interviewpartners einsehen, „aber Hubenstorf hat mich nie gefragt“.

Hubenstorf ist nicht der Einzige, der Kritik am Bericht und am Kommissionschef übt. Auch der Wiener Rechtsanwalt Johannes Öhlböck ist unzufrieden. Er vertritt ehemalige Patienten, die unter der Malariatherapie gelitten haben. Seine Mandanten habe man im Zuge der Recherche „überhaupt nicht angehört“, kritisiert Öhlböck, „ihre Erfahrungen und Erlebnisse sind gar nicht in die Einschätzung und Beurteilung der damaligen Zustände eingeflossen“.

Weißwaschung, Schlamperei, mangelnde Wissenschaftlichkeit, eine demonstrative Distanzierung anderer Kommissionsmitglieder: Das sind harte Bandagen. Was könnten Motive für eine derart harte Kritik an Studienautor Gernot Heiss sein?

Wie Falter-Recherchen ergeben, hat Heiss einen Interessenkonflikt zu bewältigen. Sein Bruder arbeitete in den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraumes, also ab 1966, als Arzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie -also an jenem Ort, dessen Geschichte sein Bruder rund 50 Jahre später erforschen sollte.

„Aus meiner Sicht ist Gernot Heiss damit befangen“, sagt Öhlböck. Heiss kontert, er habe die Med-Uni auf den möglichen Interessenkonflikt hingewiesen. Christiane Druml, Vizerektorin der Med-Uni, bestätigt dies: „Ja, wir wussten, dass er sein Bruder ist, aber das ergibt aus unserer Sicht keinen Interessenkonflikt, denn Gernot Heiss‘ Bruder war in der neurologischen Abteilung tätig und nicht in der psychiatrischen – und nur um die ging es bei der Untersuchung.“

Für Anwalt Johannes Öhlböck macht all das keinen Unterschied, „denn wie unbefangen kann man sein, wenn man vielleicht mit ehemaligen Kollegen des eigenen Bruders konfrontiert ist?“.

Hat die Med-Uni also Kollegen geschützt? Psychiaterin Elisabeth Brainin, die die Kommission aus Protest verlassen hat, will nicht so weit gehen: „Ich glaube nicht, dass man hier absichtlich Dinge übersehen hat. Aber es ist alles eine schlamperte G’schicht.“

Erschienen im Falter Ausgabe 27 / 2015

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