Viel gearbeitet und wenig verdient

von Nina Brnada

Sonja Böhm war in ihrem Leben Zahnarztassistentin und Haushaltshilfe, sie zog zwei Kinder groß und hielt ihrem Mann den Rücken frei. Heute lebt sie als Mindestpensionistin. Besuch bei einer alten Dame

Porträt: Nina Brnada

Sonja Böhm braucht nicht viel, um zufrieden zu sein. Manchmal lasse sie sich ihre Locken richten, sagt sie, hie und da gehe sie auch zur Pediküre. Und sonst „muss ich außer Essen eh nichts haben, und ich esse sehr gut“.

Manchmal bereite sie sich ein Gulasch zu, erzählt sie, dann isst sie davon drei Tage lang und dazu Reis, Salzkartoffel oder Semmelknödel. Oder sie kocht Krautfleisch. Wenn die Portionen zu groß ausfallen, friert sie eben ein, was übrigbleibt.

Sonja Böhm ist eine Frau mit modellierten Augenbrauen, ihre Nägel sind lackiert, gepflegte Hände seien ihr wichtig, sagt sie, „man muss schließlich auf sich schauen“. Die 74-Jährige verströmt einen pulvrigen Parfümduft, sie sitzt im Café Dommayer in Hietzing und bestellt eine Melange und ein großes Glas Leitungswasser. Es ist einer der ersten schwülen Sommertage, in ihrer Rechten knetet sie ein Taschentuch.

Böhm lebt in ihrer Gemeindewohnung in Wien Penzing. Wenn der Herbst kommt und es kalt wird, heizt sie mit Holz. Alles, was sie verbrennt, muss die Seniorin zudem über die Treppen hochtragen, denn in ihrem Haus gibt es keinen Aufzug. Und wenn sie sich waschen will, dann macht sie das über dem Waschbecken, denn sie hat keine eigene Duschkabine in ihrer Wohnung und auch keine Badewanne.

Sonja Böhm bezahlt 350 Euro Miete, eine teurere Wohnung mit mehr Komfort könnte sie sich nicht leisten, sagt sie, denn sie bekommt im Monat 872,31 Euro -das ist die geringste Pension, die man in Österreich beziehen kann.

Und selbst diese Pensionshöhe kommt für Frau Böhm nur deswegen zustande, weil der Staat dazuzahlt. Denn allein von der Pension, die sie aufgrund ihrer Erwerbsarbeit bekommt, könnte sie nicht leben. Diese beträgt rund 300 Euro. Sonja Böhm besitzt sonst keinerlei Immobilien oder anderes von finanziellem Wert. Weiters bekommt sie rund 300 Euro an Unterhaltszahlungen von ihrem Ex-Ehemann. Und die Differenz auf die 872,31 Euro, die gesetzlich als Minimum gelten, wird ihr vom Staat ausbezahlt.

Sie sagt, sie sei zufrieden. „Mir ging es in meinem Leben ohnehin nie um Geld.“

Vielleicht ist Genügsamkeit in diesem Fall eine Frage der Generation, vielleicht liegt es auch am Charakter. Möglicherweise aber ist es weniger eine Tugend als ein Zwang, dem vor allem Frauen in der Pension ausgesetzt sind.

Denn gerade Seniorinnen sind von geringen Einkommen besonders betroffen. Im Vorjahr waren es exakt 151.199, die laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger eine sogenannte Ausgleichszulage vom Staat bezogen haben, deren Pension also für das Minimum von 872,31 Euro pro Monat nicht gereicht hat. Unter den Männern waren es mit 73.010 hingegen weniger als die Hälfte davon.

Der Grund, warum vor allem Frauen oft eine geringe Pension erwerben, liegt darin, dass viele von ihnen wegen der Kinder und der Pflege von alten Angehörigen nicht in dem Ausmaß berufstätig sein können, um es zu einer Rente zu bringen, von der man im Alter leben kann. „Die Arbeit in der Familie wird zwar in Sonntagsreden hoch gerühmt“, sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz, „aber bezahlt wird sie nicht.“

Sonja Böhm hatte einst eine Lehre zur zahnärztlichen Assistentin absolviert, erzählt sie. Als sie das erste Mal bei einer Zahnbehandlung assistierte und Blut sah, fiel sie in Ohnmacht. Ihre damalige Chefin wies sie zurecht, erinnert sich Böhm heute. „Sie sagte zu mir, geh‘ Fräulein, scheiß dich nicht an, ich war Krankenschwester im Ersten und Zweiten Weltkrieg, was ich da gesehen habe, kannst du dir gar nicht vorstellen, da lagen überall abgetrennte Arme und Beine herum.“

Sonja Böhm ist im Jahr 1940, im Krieg, geboren. Sie wächst zunächst in Wien Neubau auf, später zieht die Familie in den dritten Bezirk. Ihre Eltern sind Arbeiter, die Mutter ist Näherin, der Vater zuletzt Zeitungsausträger. Die Kinder helfen mit, vier Schwestern gehen dem Vater beim Ausliefern der Zeitungen zur Hand. Für die Mutter tragen die Mädchen zu Fuß Herrenhemden quer durch die Stadt, dafür gibt es ein wenig Taschengeld.

Die Mutter wird später schwer krank, sie hat ein Lungenleiden und kommt für eineinhalb Jahre ins Spital. Die Töchter bleiben in dieser Zeit alleine mit dem Vater, er sei streng und knausrig gewesen, erzählt Böhm. Weil er den Mädchen kein Geld für Essen gibt, kommen die Großeltern manchmal von der Schmelz zu Fuß nach Neubau, um den Kindern Essen zu bringen. „Das war eine sehr schwere Zeit“, sagt Böhm. „Ich weiß nicht, wie wir sie überstanden haben, ohne zu verhungern und gleichzeitig nicht Verbrecher zu werden.“ Diese Zeit hätte sie im Leben wohl am meisten geprägt, „deswegen, glaube ich, bin ich so geworden, wie ich heute bin“, sagt sie.

Mit 21 Jahren heiratete sie einen Mann, den sie über eine Freundin kennengelernt und für den sie sich zunächst gar nicht interessiert hatte, wie sie sagt. „Aber er war so lieb.“ Er war ebenfalls im Gesundheitsbereich tätig, nach der Geburt der Kinder wollte er, dass seine Frau zu Hause blieb und sich um den Nachwuchs kümmerte. „Und ich habe nichts dagegen gehabt, denn ich war ohnehin gut ausgelastet mit den Kindern.“

Nein, sie bereue nicht, dass sie ihren Beruf einst an den Nagel gehängt habe, sagt Sonja Böhm. Schließlich habe sie es ja für ihre Tochter und den jüngeren Sohn getan. „Aber ja, ich war auch ein unbezahlter Trottel.“

Gerade die heutigen Seniorinnen waren in ihrer aktiven Zeit kaum berufstätig. Inzwischen jedoch hat sich das geändert, das Hausfrauendasein ist zur Ausnahme geworden. Wie stark der Anteil der erwerbstätigen Frauen in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, zeigen Zahlen der Statistik Austria. Lag im Jahr 1994 die Erwerbstätigenquote unter Frauen zwischen 15 und 64 Jahren bei 58,9 Prozent, so sind es 20 Jahre später mit 66,9 Prozent um zehn Prozentpunkte mehr. Bei Männern hingegen ist die Erwerbstätigenquote im selben Zeitraum von 78 auf 75,2 Prozent gesunken.

Dass jüngere Frauen heute häufiger berufstätig sind als früher, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie vor Problemen gefeit sein werden, wie Sonja Böhm sie heute hat: Ob sie später Pensionen bekommen werden, von denen sie leben werden können, ist fraglich. Denn laut Statistik Austria arbeitete im ersten Quartal 2015 nahezu jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit. Dementsprechend ist ihr Gehalt geringer, ebenso die Zahlungen in das Sozialsystem, von denen wiederum die spätere Höhe der Pension abhängen wird. Und somit wird diese also, trotz Berufstätigkeit, geringer ausfallen. Teilzeitarbeit ist für Frauen vor allem eine Folge der Elternschaft. Diese reißt in das Erwerbsleben von Müttern – im Gegensatz zu denen von Vätern
-gewaltige Krater.

Den damaligen Ehemann von Sonja Böhm jedenfalls haben die zwei Kinder nicht an der Karriere gehindert. Er wurde in seinem Job zusehends anerkannter und erfolgreicher, seine Frau hingegen stellte ihren Beruf hintan.

Die Jahre vergingen und es wurde immer schwieriger, in ihren alten Beruf als zahnärztliche Assistentin zurückzukehren. Nach 15 Jahren versuchte sie es wieder, aber man sagte ihr, sie sei schon zu lange weg vom Fenster gewesen, zu vieles habe sich in den Zahnarztpraxen verändert.

Frau Böhm hatte zwischendurch auch eine Stelle als Hausmeisterin angenommen. Später fing sie zudem an, bei einer Familie stundenweise auf deren Kinder aufzupassen. Daraus wurde immer mehr, sie half dann auch im Haushalt mit und machte die Wohnung mit zwei Bädern sauber. Aus den paar Stunden am Anfang wurden zwölf Jahre als Haushaltshilfe und Babysitter. „Es war eine nette Familie“, sagt sie, „aber die Arbeit war hart“. Für eine Pension, von der sie leben kann, hat sie trotzdem nicht ausgereicht – genauso wenig wie etwa der vorherige Job als Hausmeisterin.

Sie ging putzen und babysitten, sie passte auf die eigenen Kinder auf und verwaltete das Geld der Familie. Und sie hielt ihrem Mann den Rücken frei. Später, als die Kinder Teenager waren, sollte er sich von ihr trennen und einige Monate nach der Scheidung auch gleich wieder heiraten.

Sie selbst hat nach ihrer Scheidung zwar nie wieder geheiratet. Aber, wie sie sagt, bald darauf die Liebe ihres Lebens getroffen.

Erschienen im Falter 27 / 2015

Advertisements