71+4

von Nina Brnada

Tausende Flüchtlinge kommen in Österreich an. 71 davon sind unter grausamen Umständen gestorben. Eine Geschichte über politisches Versagen und eine Gruppe von vier, die es schaffte

Reportage: Nina Brnada

Wer hier geht, der atmet nicht durch die Nase. Die ehemalige Veterinär-Grenzdienststelle im burgenländischen Nickelsdorf umweht Verwesungsgeruch, seit hier jener Transporter parkt, in dem vergangene Woche 71 tote Flüchtlinge gefunden worden waren. Wer aus Versehen doch Luft durch die Nase zieht, bekommt die Erinnerung an diesen Gestank auch Tage später nicht mehr aus dem Kopf. Und er wird das Gefühl nicht los, dass sich dieser Dunst nicht nur über das Grenzgelände, sondern auch über die eigene Haut wie ein Film gelegt hat.

Ahmad schreitet voran. Er hat als einziger ein Handy, dessen Akku noch funktioniert. Darauf liest er Pläne, die Lamittas Sohn geschickt hat. Auf denen ist der Weg nach Schweden eingezeichnet. Die 39-Jährige Lamitta geht hinten, neben ihr ihr jüngerer Sohn Majed, 16 Jahre alt, und Fadi, ein Cousin ihres Mannes. Die Gruppe der vier ist vor genau 15 Tagen aus einer Stadt im Süden von Syrien aufgebrochen und geht jetzt durch Nickelsdorf, mehr als 3100 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Sie wollen nach Wien, und dann weiter nach Frankfurt, dann Hamburg, Kopenhagen und schließlich Göteborg.

„Es ist so ruhig hier“, sagt Lamitta. Nur Hundebellen zerreißt die Stille von Nickelsdorf. Lamitta humpelt, alle sind verschwitzt und haben seit Tagen nicht geduscht. Ein Mitarbeiter der ÖBB weist sie an, die Straßenseite zu wechseln, dort hält der Zug nach Wien. „Get off in Parndorf Ort, wait five minutes and take the next train.“

Hier an der österreichisch-ungarischen Grenze steht der Transporter bei der Einfahrt Nummer drei der einstigen Veterinärmedizinischen Station. Es ist ein 7,5 Tonnen schwerer Kühl-Lkw mit ungarischem Kennzeichen und dem Logo des slowakischen Geflügelproduzenten Hyza. Der Kühlraum des Wagens verfügt über 14 Quadratmeter, auf jedem davon drängten sich nahezu sechs Menschen.

Derzeit weist nichts auf einen Befreiungsversuch der Flüchtlinge hin, dafür wäre auch nicht genug Platz gewesen, sagt Helmut Marban von der Landespolizeidirektion Burgenland.

Fünf Männer wurden im Zuge der Ermittlungen verhaftet. Sie sind mutmaßlich in den Transport der verstorbenen 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder involviert gewesen. Deren Leichen werden derzeit in Wien an der Gerichtsmedizin obduziert, Stand Montag waren 26 Körper untersucht. Vieles deutet darauf hin, dass die Menschen erstickt sind.

Nein, sie haben bisher nichts von den Toten im Lkw gehört. Als sie die Grenze von Serbien zu Ungarn passierten, nahmen auch sie einen Transporter, erzählt Lamitta. Vier Stunden seien sie im Fahrzeug gestanden, es war stickig und heiß. Bezahlt haben sie 1500 Euro pro Kopf für die Fahrt.

„Wenn sie abatmen konnten, sind sie weggedämmert,“ sagt die Universitätsprofessorin Edith Tutsch-Bauer, Leiterin der Salzburger Gerichtsmedizin. „Bei Panik und Stress hat sich ihr Herzschlag erhöht und die Atmung wurde angeregt.“ Dadurch kam es schneller zum Tod. Im Wageninneren wurden bisher zehn Handys und ein syrischer Pass gefunden. Wer die Verstorbenen sind und woher sie kamen, kann bisher niemand beantworten.

Dieser Tage stapfen Journalisten der britischen BBC, der US-amerikanischen New York Times und des arabischen Senders Al Jazeera durch die burgenländische Ebene. Am Tag nach dem schaurigen Fund ist der kleine Saal in der Landespolizeidirektion gesteckt voll, als Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) Fragen der Medienleute beantwortet. Die Behörden scheinen überrumpelt, nicht nur von den vielen Flüchtlingen, auch von den Journalisten. Einer der Polizisten sagt, er habe nicht so viel Presse erwartet.

Dabei war von der ersten Sekunde klar, dass das Interesse der internationalen Presse an diesem Fall enorm sein würde -auch weil zum ersten Mal die Todesnachricht von Flüchtlingen nicht von der europäischen Peripherie kam, sondern aus dem Herzen des Kontinents. Auf allen Ebenen der Flüchtlingsproblematik erodieren Standards und eskalieren Situationen in einer ungeahnten Geschwindigkeit. Vor drei Monaten noch wurden Zelte für Flüchtlinge in Traiskirchen aufgestellt, jetzt gibt es bereits Tote auf den Straßen.

Kaum haben sie den Zug betreten, suchen sie nach Steckdosen. Lamitta sagt, sie würde gerne ein Foto ihres Autos herzeigen, das sie verkauft hat, einen Mazda. „Alles, was ich mir in zwanzig Jahren aufgebaut habe, musste ich verkaufen, um hierher kommen zu können.“ Damit bezahlte sie Schlepper, die sie dreitausend Kilometer weiterreichten. Als sie in ein Boot in Bodrum stieg, musste sie ihre Koffer zurückgelassen, einzig Geld und Pass hat sie in einer Tasche mitgenommen und die Dokumente vorher in einen Luftballon gesteckt, damit sie nicht nass werden. Als sie auf Kos angekommen waren, kauften sie sich Kleidung.
Lamitta war in Syrien Englischlehrerin. Sie hat blondierte Locken und hohe Wangenknochen. Mit 17 Jahren hat sie geheiratet, aber seit erst zwei Monaten besitzt sie einen Pass. In ihrem bisherigen Leben war sie noch nie außerhalb Syriens, erzählt sie.

Als die Pressekonferenz in Eisenstadt begann, stand der Transporter schon an der Veterinär-Grenzstelle in Nickelsdorf. Zunächst hatte die Polizei um den Kühl-Lkw einen Zaun aufgestellt und darauf Decken geknotet. Das sollte den vielen TV-Übertragungswägen die Sicht verstellen.

Zwei Tage später haben sich die Fernsehmenschen in den Poloshirts verzogen. Auf dem Parkplatzgelände vor der einstigen Grenzdienststelle hocken nur noch Fernfahrer in Shorts im Schatten ihrer Lkws. Der Wagen, in dem die Flüchtlinge erstickt waren, steht zwar immer noch da. Statt der Decken hängen am Zaun nun Kleider der Toten, ihre Hosen, T-Shirts, Schlafsäcke.

Das Gewebe hat ein Braun angenommen und den Geruch aus dem Wageninneren in sich aufgesogen, den der Wind jetzt aus den Fasern über Asphalt und Äcker trägt.

Auf der gleichen Höhe jenseits der Autobahn liegt das alte Zollamt. Wenn Flüchtlinge von der Polizei entdeckt werden, bringt man sie hierher in diese so genannte Sammelstelle. Viele von ihnen haben leichte Verletzungen wie Prellungen oder Schnitte. Etlichen schmerzen die Füße, auf ihnen wölben sich Blasen. Die meisten von ihnen essen und trinken hier zum ersten Mal seit Tagen wieder. Erschöpft und verkühlt liegen sie auf grünen Pritschen unter dem Flugdach, unter dem der Wind durchpeitscht. Erwachsene schlafen, manche Kinder jagen zwischen den Feldbetten Bällen nach.

Jene, die hierher gebracht werden, können sich frei bewegen, manche gehen hinaus. Etwa zur Tankstelle von Shell, wegen des Gratis-WiFi. Oder sie ziehen weiter, nach Deutschland, Skandinavien.

Im Sammellager bei der alten Zollstation sei es grauenvoll gewesen – die vielen Kinder, sagt Lamitta. Man hat ihnen dort Armbänder aus Papier gegeben. Die Polizei fragte, ob sie in Österreich Asyl wollen. Als sie Nein sagten, wies man sie an, ein paar Tage zu warten. Doch sie gingen nach wenigen Stunden fort und rissen sich die Bänder von den Gelenken.

Man sieht sie grüppchenweise herumhuschen, auf Autobahnen oder am Pannenstreifen, im Gänsemarsch Richtung Wien. Jeder von ihnen hat Tausende Euro bezahlt, um hierher zu kommen. Und viele saßen in Transportern wie jenem, in dem die Leichen gefunden wurden.

Die Behörden vermuten, dass der Kühl-Lkw mit den 71 Toten aus der zentralungarischen Stadt Kecskemét losfuhr. Sie wissen, dass er auf der ungarischen Autobahn M1 vom elektronischen Mautsystem erfasst worden ist. Und sie glauben, dass er am Mittwoch gegen 5 oder 6 Uhr Früh in der Pannenbucht an der A4 nahe Parndorf auf Kilometer 42 abgestellt wurde. Tags darauf, gegen 11 Uhr, ist ein Asfinag-Mitarbeiter mit einem Traktor vor Ort, er hat den Auftrag, die Böschung neben der Nothaltestelle zu mähen. Zu diesen Zeitpunkt steht der Wagen seit rund 30 Stunden an der Stelle und die Menschen sind bereits seit ein bis zwei Tagen tot. Der Arbeiter bemerkt, dass es aus dem Fahrzeug tropft und wählt die Nummer der Polizei.

Als die Nachricht von den Toten über die Nachrichtenkanäle kommt, sitzt Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) auf der Westbalkankonferenz in der Wiener Hofburg, mit ihm Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel.

Beide reagieren mit simulierter Entschlossenheit und der Ansage, gegen „die Schlepper“ härter vorgehen zu wollen.

Dabei tut sie so, als wären Schlepper Kidnapper, deren Fängen man die Flüchtlinge entreissen müsste. Tatsächlich aber sind sie kriminelle Dienstleister, ohne die es die Flüchtlinge nicht schaffen würden, durch die Grenzen der EU zu schlüpfen.

Am Hauptbahnhof in Wien stehen in drei Reihen Menschen für Tickets an. Viele mit Rucksäcken, viele die aussehen wie die Gruppe der vier. Müde. Die ÖBB-Mitarbeiterinnen mit strengen Frisuren wedeln mit Zetteln, sie deuten zur Uhr, markieren Zeitangaben. Diese Frauen sind freundlich zu den Flüchtlingen, sie nehmen sich Zeit. Die Gruppe der vier will so schnell wie möglich den nächsten Zug nach Frankfurt erwischen. Sie bezahlen 143 Euro pro Kopf für die Tickets. Bevor sie fahren, will Lamitta bequeme Schuhe und ein kurzärmliges Leibchen kaufen. Beim New Yorker bekommt sie ein T-Shirts um 2,95 Euro. Sommerschuhe bekommt sie Ende August kaum.
Wir fahren mit der U1 zum Stephansplatz, dort gibt es beim Humanic ein Paar Birkenstock-Schlapfen um 49 Euro. Dann ein Selfie vor dem Dom und zurück zum Hauptbahnhof. Einer der Jungs ergattert dort beim Deichmann die letzten Sandalen der Größe 41 und will sie gleich anbehalten. Aber die Verkäuferin bedeutet ihm, sie müsste sie noch entsichern, und fragt, ob ein Pflegespray gewünscht werde.

Es scheint, als seien Schlepper und Politik in einer unausgesprochenen, aber funktionierenden Symbiose. Einerseits heizen die Maßnahmen der Politik die Preise der Schlepperdienste an – je höher das Risiko, erwischt zu werden, desto höher der Einsatz. Schlepper ihrerseits sorgen dafür, dass Politiker andere für das Totalversagen verantwortlich machen können, und nicht die eigene Untätigkeit.

Weder der einen noch der anderen Gruppe geht es wirklich an die Substanz. Weil sich die Machthaber derlei Sündenböcke halten, sind sie nicht gezwungen, nach echten Lösungen zu suchen. Den Schleppern wiederum kann das nur recht sein, denn so gedeiht ihr schmutziges Geschäft.

Aus Frankfurt schickt die Gruppe der vier per Whatsapp ein Foto, das die 71 Toten von der A4 zeigt. Sie haben es in einer deutschen Zeitung entdeckt. Und dann 😦 😦

Dass Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa sterben, ist nichts Neues. Es wurden schon deutlich höheren Opferzahlen gemeldet. Etwa auf Lampedusa im Jahr 2013, als rund 390 Menschen starben. Dieses Bootsunglück galt damals als Dammbruch. Für die Toten gab es ein Staatsbegräbnis. Die Bilder von den Hunderten Särgen würde er nicht vergessen, sagte der damalige Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso. Dann kenterte vergangenen April wieder ein Boot vor der Küste Libyens -wie viele auf ihm saßen, weiß niemand genau. Mal hieß es 700, dann wieder 950 Personen. 28 Menschen überlebten. Doch sie haben weiteres Sterben nicht verhindert. Alleine heuer sind laut Schätzungen des UNHCR mit Stichtag 26. August 2440 Menschen auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Da sind die 71 Toten von der österreichischen A4 noch nicht mitgerechnet und auch nicht jene rund 200, die einen Tag nach dem Fund auf der A4 vor Libyen ertrunken sind.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) spricht sich für sichere Fluchtwege aus. Es brauche UNHCR-Zentren außerhalb der EU, in denen Flüchtlinge um Asyl ansuchen könnten.

„We didn’t arrive to Hamburg yet, but we are on our way.“

Robert Visser, Chef der EASO, dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen auf Malta, sagt hingegen, derlei Zentren seien ein „Experiment“, in deren „Aufbau man viel Energie investieren müsste“. Statt neue Strukturen aufzubauen, plädiert er für einen Ausbau von Resettlement. Dabei werden Schutzbedürftige gezielt gesucht und in die Aufnahmeländer gebracht. Dieses Instrumentarium habe sich bewährt.

„Doch ob man für ein Lager in Nordafrika plädiert oder den Ausbau von Ressettlement, hängt ganz stark davon ab, was man bereit ist, seinen Wählern zu erklären“, sagt Visser. Ressettlement allerdings wäre kein Ersatz für Asyl. Es bedeutet auch nicht, dass dadurch weniger Menschen kommen würden, sagt Visser. Deutschland und die Niederlande etwa hätten relativ große Resettlement-Projekte, aber auch hohe Asylwerberzahlen. „Asyl und Resettlement sind zwei verschiedene Dinge“, sagt Visser. „Asyl ist passiv, es ist ein Reagieren auf Flüchtlinge. Resettlement ist aktiv, die Aufnahmeländer suchen bewusst nach Schutzbedürftigen, die sie aufnehmen wollen.“ Länder, die das traditionell betreiben, würden das eine nicht mit dem anderen rechtfertigen. „Es geht um die Verantwortung in der Welt, die sie wahrnehmen“, sagt Visser. „Es gehört auch zur Tradition Europas, jenen zu helfen, die verfolgt werden.“

Und dann eine Nachricht zwei Tage später über Whatsapp: „We are in Sweden, I’m with my son.“

Erschienen im Falter 36/2015

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