Nina Brnada

„Ich habe gesagt, was ich sagen musste“

Die Wiener Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger über ihren allerersten Job, das Versagen der Grünen in der Wiener Stadtregierung und darüber, warum sie einst Dinge sagte, die sie so nie meinte

Wahlfahrt: Nina Brnada

Beate Meinl-Reisinger, Spitzenkandidatin der Neos, könnte nach diesem Wiener Wahlkampf eine durchaus wichtige Rolle im Wiener Rathaus spielen. Glaubt man den jüngsten Umfragen, dann schaffen SPÖ und Grüne vielleicht keine Mehrheit mehr. Das könnte Meinl-Reisingers Stunde sein. Die Neos könnten die Dritten im Bunde, Meinl-Reisinger Stadträtin werden. Wer also ist diese Frau, und was will sie politisch erreichen? Wie sieht sie heute ihre Vergangenheit als Pressesprecherin von Christine Marek, jener ÖVP-Politikerin, die im letzten Wiener Wahlkampf mit Ressentiments gegen Ausländer punkten wollte? Eine Fahrt mit dem 71er gibt Einblicke.

Falter: Wurden Sie schon einmal beim Schwarzfahren erwischt?

Beate Meinl-Reisinger: Einmal, das war total ärgerlich. Ich bin damals mit meinem drei Tage alten Kind vom Kinderarzt zwei Stationen mit der Straßenbahn heimgefahren und habe einfach keinen Fahrschein gekauft.

Fahren Sie viel Öffis?

Meinl-Reisinger: Früher nicht. Ich bin viel mit dem Rad gefahren. Damals hatte ich immer Umweltfahrscheine, die gibt es heute ja nicht mehr, was schade ist. Heute hab ich eine Jahreskarte, aber fahre viel mit meinem Tretroller – den kann ich auch gut in die Öffis mitnehmen.

Warum treffen wir uns hier bei der Börse, warum fahren wir mit dem 71er?

Meinl-Reisinger: Ich wohne hier in der Nähe im neunten Bezirk, ich bin in dieser Gegend aber auch aufgewachsen, meine Eltern wohnen bis heute gleich hier um die Ecke. Und meine Schule, das Gymnasium in der Wasagasse, ist ebenfalls unweit von hier. Außerdem fährt der 71er am Rathaus vorbei, wo ich gerne nach der Wien-Wahl arbeiten würde. Über den Ring fährt er bis nach Simmering. Da sieht man viele Seiten der Stadt. Zum Schluss landet man beim Zentralfriedhof, wo ein Vorfahre von mir begraben ist, der im 19. Jahrhundert den ersten Kindergarten Favoritens gegründet hat.

Wie war Ihre Schulzeit?

Meinl-Reisinger: Ich bin sehr gerne in die Schule gegangen und hatte auch tolle Lehrer, die uns viel fürs Leben mitgegeben haben. Ich hatte glücklicherweise nie Probleme in der Schule. Ich habe im Jahr 1996 maturiert, erst im letzten Jahr hatten wir einen Normalbetrieb in der Schule. Wir hatten fast acht Jahre lang Baustelle, weil sich die Schule Richtung Donaukanal abgesenkt hatte. Hier in der Gegend gibt es viele unterirdische Bäche, da hatte sich einiges abgesenkt, vor allem um die Hörlgasse herum. Sie ist übrigens nach Josef Georg Hörl benannt, dem längstdienenden Bürgermeister Wiens, er war 31 Jahre an der Macht. Michael Häupl liegt an zweiter Stelle, er ist seit 21 Jahren Bürgermeister. Aber Hörl hat im Gegensatz zu Häupl eine Verwaltungsreform durchgeführt.

In Ihrer öffentlichen Kommunikation hat man den Eindruck, dass Sie sich vor allem gegen Heinz-Christian Strache in Stellung bringen. Ist das nicht ein Schlag ins Wasser? Ihre Konkurrenz sind doch eher die Grünen.

Meinl-Reisinger: Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich H.-C. Strache nicht zum Bürgermeister machen werde. Aber wir kritisieren auch, was in der Stadtregierung schiefläuft. Etwa durch die Grünen. Sie haben mit ihrer Regierungsbeteiligung in Wien nichts daran geändert, dass die SPÖ sich in Wien auf eine Weise betätigt, die ich Korruption nenne. Da werden öffentliche Aufträge Günstlingen der Partei zugeschanzt. Zudem kann man oftmals in der Kommunikation gar nicht zwischen der Stadt und der SPÖ Wien unterscheiden.

Wer sind die Neos-Wähler?

Meinl-Reisinger: Viele junge Menschen. Leute, die Veränderungen wollen, die sehen, dass die Neos die junge Kraft der Veränderung sind.

Was soll denn das sein, „die junge Kraft der Veränderung“?

Meinl-Reisinger: Das sind die vielen Selbstständigen, Jungen, Eltern mit kleinen Kindern, aber auch Ältere, die Bewegung in das politische System reinbekommen wollen. Bei einer Veranstaltung hat mir ein Mann erzählt, dass er selbst zwar nicht die Neos gewählt hat, aber seine 85-jährige Mutter, weil sie sagt, die Neos setzten sich für die nächste Generation ein.

Apropos Generationen: Werden Sie eines Tages etwas erben?

Meinl-Reisinger: Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, ich wünsche meinen Eltern ein langes Leben. Was ich erbe, ist das Interesse an Bildung, Geschichte, Kultur, die Liebe zum Reisen, zu Campingurlauben.

…ich meine Vermögenswerte.

Meinl-Reisinger: Was ist denn das für eine Frage? Meine Eltern sind Mitte 60.

Was war Ihr erster Job?

Meinl-Reisinger: Nach der Matura habe ich in einem Supermarkt gearbeitet. Im Emma-Laden, den gibt es heute nicht mehr. Ich hab dort im ersten Jahr meines Studiums gearbeitet, wie lange genau, weiß ich nicht mehr. Zuerst war ich in der Filiale Wipplingerstraße in der Innenstadt, später auch in der Garnisongasse im neunten Bezirk und in der Anastasius-Grün-Gasse im 18. Bezirk.

Was haben Sie an dieser Arbeit am wenigsten leiden können?

Meinl-Reisinger: Das Einschlichten in die Tiefkühler war anstrengend, weil es mit der Zeit recht kalt wurde. Und damals wurden gerade Öfen installiert, mit denen das Brot in der Filiale aufgebacken wurde. Wenn sie fertig waren, hat das Ding so lange gepiepst, bis man es geöffnet hat. Aber ansonsten war das ein ordentlicher Job, bei dem man was hackelt, ich habe gerne dort gearbeitet.

Wie stehen Sie zur Sonntagsöffnung?

Meinl-Reisinger: In Wien wird diese Frage aus meiner Sicht immer falsch diskutiert. Da geht es nämlich immer nur um die Tourismuszonen, ich glaube aber, dass es auch um die Wiener geht. Ich glaube, es geht auch um die Freiheit der Unternehmer, selbst zu entscheiden, wann sie aufsperren – bei starkem Arbeitnehmerschutz. Es braucht jedenfalls eine Möglichkeit, sich mit den nötigsten Dingen einzudecken, schnell am Abend noch Milch, Brot oder eine Flasche Wein kaufen zu können. Das gibt es in Brüssel an jeder Ecke.

Sie haben knapp zwei Jahre dort gelebt. Wie war das für Sie?

Meinl-Reisinger: Es war eine tolle Erfahrung, sehr international. Aber es gab eine hohe Fluktuation. Menschen kamen und gingen. Ich habe dort zunächst für die Wirtschaftskammer in der EU-Kommission und später bei EU-Parlamentarier Othmar Karas (ÖVP, Anm.) als Assistentin gearbeitet.

Beanspruchten Sie im Rahmen Ihres Studiums ein Erasmus-Stipendium?

Meinl-Reisinger: Nein, leider. Beim Jus-Studium kannst du ja eigentlich nur Europaund Völkerrecht im Ausland machen, und das fiel in eine Phase meines Studiums, wo ich schnell fertig werden wollte. Ich hatte einen Hänger beim Bürgerlichen Recht und musste das ausgleichen. Irgendwann habe ich gesagt, du musst dich auf deine vier Buchstaben setzen und lernen.

Sie waren auch für andere ÖVPler tätig, etwa für Christine Marek. Im Vergleich zur ÖVP vertreten die Neos andere Positionen.

Meinl-Reisinger: Die ÖVP will das Gymnasium erhalten. Okay, aber die Zukunft der Stadt entscheidet sich ausschließlich entlang der Frage, welche Qualität die Pflichtschulen haben. Und ich halte die Trennung mit zehn Jahren für zu früh. Hier wird auch nicht nach Leistung selektiert, sondern nach dem sozioökonomischen Hintergrund.

Vor fünf Jahren wurden Sie im Standard mit den Worten zitiert: „Heterogene Klassen funktionieren in der Praxis nicht. Der Lehrer orientiert sich an den Schwächeren. Die Begabten sollen nicht in der Klasse sitzen und sich fadisieren.“ Sehen Sie das heute auch noch so?

Meinl-Reisinger: Ich weiß, welchen Satz Sie meinen. Er endet mit: „sagt die Sprecherin von Christine Marek.“ Ich habe gesagt, was ich sagen musste, aber ich habe es intern kritisiert. Das kann Christine Marek bestätigen. Als Pressesprecherin war es mein Job, ihre Meinung zu kommunizieren und nicht meine persönliche.

Eine Ihrer beiden Töchter wurde heuer eingeschult. Nach welchen Kriterien haben Sie die Schule, in die sie geht, ausgesucht?

Meinl-Reisinger: Ich hab mir viele Schulen angeschaut. Als berufstätige Mutter wollte ich eine Ganztagsschule, und ich wollte mein Kind in eine öffentliche Schule geben. In unserer Nähe gibt es aber keine ganztägige öffentliche Schule, also besucht sie nun eine Privatschule. Meine Kinder sind auch in einen privaten Kindergarten gegangen, denn auch da hatten wir Probleme, einen Platz in den öffentlichen Einrichtungen zu bekommen. Viele Mütter haben diese Schwierigkeiten. Weil es zu wenige öffentliche Angebote gibt, müssen Eltern teilweise Kinder für einen Kindergartenplatz anmelden, die noch gar nicht geboren sind. Das ist schon auch eine psychische Belastung. Und etwas, das wir kritisieren.

Auf welche Weise sollen Kinder von Flüchtlingen in den Schulalltag integriert werden?

Meinl-Reisinger: Ich bin der Meinung, dass das nicht zentral vorgegeben werde sollte. Das muss der Schulstandort selbst entscheiden. Wenn zwei Kinder in eine Klasse kommen, dann können diese Kinder integrativ mitgenommen werden. Wenn es 15 Kinder in einer Schulstufe sind, wird wohl eine Vorbereitungsklasse sinnvoll sein.

Wie kann man vermeiden, dass sich die Kinder auf einige Schulen konzentrieren?

Meinl-Reisinger: Bei Volksschülern – egal ob Flüchtlinge oder nicht – ist es wichtig, dass die Kinder wohnortnahe eine Schule besuchen. Das wollen auch die meisten Eltern. Nach der Volksschule, also ab der Sekundarstufe 1, könnte man Eltern freiwillige Angebote machen, die Kinder in einem anderen Stadtteil in die Schule zu schicken. Das macht Schweden so, und das ist auch eine Empfehlung von Heidi Schrodt in ihrem Buch „Migration und Bildung“.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Stadt Wien in der derzeitigen Flüchtlingskrise?

Meinl-Reisinger: In Wien war alles recht in Ordnung, etwa dass Kinder aus Traiskirchen aufgenommen wurden. Es ist schön zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft ist. Ich selbst war auch am Westbahnhof und habe geholfen. Es macht Hoffnung zu sehen, wie viel die Zivilgesellschaft macht. Jetzt hat sich die Situation aber noch einmal geändert. Die Politik muss auf allen Ebenen – auf regionaler, nationaler, aber auch europäischer – Entscheidungen treffen und handeln.

Welches Buch haben Sie immer wieder angefangen, aber nie fertiggelesen?

Meinl-Reisinger: „Die 40 Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Das Buch ist sehr gut, aber ich lege es einfach immer wieder weg.

Zur Person

Beate Meinl-Reisinger, Jahrgang 1978, ist in Wien geboren und in der Inneren Stadt aufgewachsen. Sie besuchte das Gymnasium in der Wasagasse in Wien-Alsergrund. Die Juristin war unter anderem als Assistentin des EU-Parlamentsabgeordneten Othmar Karas (ÖVP) tätig, ebenso für Christine Marek, die einstige Spitzenkandidatin der Wiener ÖVP. Meinl-Reisinger gehört zum Gründungsteam der Neos

Erschienen im Falter 38/2015

Marsch durch Wien

Applaus in Wien, Hitlergrüße in Budapest, ein Toter und ein Kanzler, der die Grenzen öffnet. Das Protokoll einer historischen Woche

Reportage: Nina Brnada, Florian Klenk

Budapest / Bicske

Vergangenen Samstag um neun Uhr morgens, als die Odyssee ihr Ende findet, stehen die Münder der Männer offen. Schnarchend, den Kopf an die Scheiben des Zuges gepresst, überhören sie Chris Lohners auf Band gesprochene Durchsage: „Bitte aussteigen“. Am Bahnsteig zwei des Wiener Westbahnhofs wachen sie auf.

Es sind hunderte, die nun aus dem Zug steigen, kräftige Burschen, aber auch erstaunlich viele Mütter, Kinder, Babys, Behinderte und Verletzte. Es sind Weinende und Lachende, Verstörte und Erschöpfte, in Decken gewickelt, manche humpeln mit bandagierten Füßen, die nach dem Marsch so angeschwollen sind, dass sie nur in Badeschlapfen passen. An den Schultern mancher Väter schlafen Babys.

Als sie aussteigen aus dem Wieselzug, brandet Applaus auf. Die Wiener klatschen, als würden hier Marathonläufer die letzten Meter machen. Helfer in roten Caritas-T-Shirts haben alles vorbereitet. Dolmetscher, meist junge Einwandererkinder, nehmen Aufstellung. Auf dem Bahnsteig stehen Einkaufswagen voller Brot, Wasser, Babynahrung, Windeln und Stofftiere. Wiener Kinder reichen Blumen und Stoffhunde und blasen Seifenblasen in die Luft.

Wien will jetzt zeigen, dass es anders ist als Budapest, wo diese Menschen tagelang ausharren mussten. Zumindest an diesem „historischen Tag“, wie ÖBB-Chef Christian Kern den 5. September 2015 nennen wird.

Dem ersten Zug aus der Grenzstadt Nickelsdorf haben die ÖBB Dutzende weitere nachgeschickt. Sie werden in zwei Tagen rund 16.000 Menschen zum Westbahnhof fahren, schätzt das Innenministerium.

Wien ist damit zur Drehscheibe Richtung Deutschland geworden. Vertriebene aus Syrien, Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak, ebenso viele Auswanderer aus Pakistan wollen nämlich auch in Wien nur eines erreichen: davonzukommen, so schnell wie möglich. Richtung „Alemannia“!

Dass solche Szenen möglich wurden, ist auch diskreten Verhandlungen zwischen Österreich, Deutschland und Ungarn zu verdanken. Anders als in sozialen Medien kolportiert, war Bundeskanzler Werner Faymann in der Nacht auf Samstag höchst aktiv.

Während die Kolonnen zu Fuß über die Autobahn zogen und am Bahnhof im ungarischen Bicske der erste Flüchtling an Erschöpfung starb, wurde zwischen Österreich, Deutschland und Ungarn das kurzfristige Durchwinken der Flüchtlinge akkordiert. Leicht war das nicht, denn weder die deutsche noch die österreichische Regierung wollte den Flüchtlingen in Ungarn eine offizielle Einladung aussprechen, auch aus Angst vor einer weiteren Mobilisierung zehntausender in der Region.

Daher fand man eine gemeinsames Formulierung. Faymann und Merkel sprachen davon, dass sich für „Menschen in Notlage“ der Schlagbaum heben müsse, wolle Europa seinen Friedensnobelpreis wert sein.

Hehre Worte. Aber es ging in dieser Nacht nicht nur um Humanismus, sondern vor allem um Geld: Die Ungarn, so erzählt es ein österreichisches Regierungsmitglied, wollten in den hektischen Verhandlungen gleich mehr finanzielle Mittel herausschlagen, um jene Last zu schultern, die die Dublin-Verordnung dem Staat auferlegt.

Ungarns Regierung unter dem rechtskonservativen Premier Viktor Orbán spielt ein undurchschaubares Spiel. Einerseits will sie die Flüchtlinge nicht, andererseits besteht sie auf der Einhaltung des Dublin-Systems, nach dem Menschen in jenem Land, das sie als erstes betreten, registriert werden müssen. Das ist oft Ungarn. Etwa 150.000 Asylanträge hat Ungarn derzeit zu betreuen, von Menschen, die selbst nicht in Ungarn bleiben wollen. Die allermeisten betrachten Ungarn nur als Transitland.

Viktor Orbán ist nicht schuld an der Misere. Seine Politik legt bloß offen, wie absurd das Dublin-System funktioniert. Aber Orbán agiert als Demaskierer wider Willen. In Wahrheit geht es ihm nicht darum, die Absurdität europäischer Regelungen zu benennen. Ihm geht es darum, aus seiner xenophoben Rhetorik und Praxis politische Sympathien unter seinen Landsleuten herauszuschlagen, die immer unverblümter ihren Nationalismen frönen.

Vergangenen Donnerstag hatten die ersten 1000 Flüchtlinge in Budapest diese europäische Floriani-Politik satt. Weil sie keinen Ausweg sahen, marschierten sie vom Budapester Bahnhof, wo sie von der Polizei an der Reise mit der Bahn gehindert worden waren, in Richtung Wien los. Einfach so.

Der Aufbruch hatte etwas Biblisches, ihre Ankunft in Wien etwas sehr Erlösendes. Da stehen sie nun, die Syrer, die in Booten auf dem Mittelmeer fast ertrunken wären. Die Afghanen, die in Lastwagen den Erstickungstod riskierten. Die Frauen, die unter messerscharfem ungarischem Stacheldraht durchschlüpften. Ein Syrer hat seine Dokumente noch immer mit Klebeband wasserdicht versiegelt, damit man ihn im Falle des Ertrinkens identifizieren kann, wie er einem Reporter erzählt. Ein etwa 14 Jahre alter Bub bittet, seine Mama im Irak anrufen zu dürfen, er ist völlig allein hier.

Die Ankunft am Samstag, der Jubel der Wiener, das wird deutlich, hat nicht nur humanitären, sondern auch demonstrativen Charakter. Wien signalisiert: Es gibt noch ein anderes, ein hilfsbereites Österreich, eine Antithese zu den Zuständen in Traiskirchen und der Hetze der FPÖ.

Natürlich ist dieses Signal auch wohlfeil, denn nicht einmal ein Dutzend der Ankommenden stellte in Österreich einen Asylantrag. Wien winkte die Ankommenden durch, obwohl das Gesetz eine lückenlose Registrierung vorsehen würde. Es applaudiert jenen, die eigentlich bleiben müssten, aber gleich wieder abreisen, weil sie selbst bestimmen möchten, wo sie künftig leben wollen.

Da stellte sich bei aller Euphorie eine europapolitische Frage: Dürfen sie das? Wer kommt da eigentlich? Und wie lange wird vor allem Deutschland diese Einwanderung dulden?

In Budapest und am Westbahnhof wurde diese Woche nicht nur der Unterschied zwischen der Zivilgesellschaft sowie den Regierungen Ungarns und Österreichs sichtbar, sondern vor allem auch das Dilemma der EU-Einwanderungspolitik. Die Flüchtlinge zeigten auch, dass das Dublin-System, auf dem die Asylpraxis der EU aufbaute, de facto gescheitert ist. Was Dublin ersetzt, bleibt offen.

Der Ort Bicske, ein ungarisches Kaff, schaffte es in die internationalen Medien. Ein Zug der Raaberbahn voll mit Flüchtlingen wurde hier auf der Reise Richtung Österreich gestoppt. Die Ungarn hatten die Vertriebenen in eine Falle gelockt. Sie sollten aussteigen und sich im nahegelegenen Erstaufnahmezentrum registrieren lassen. Doch die Reisenden weigerten sich.

Die Ungarn ließen eine Hundertschaft von Polizisten auffahren, die hier vor den Kameras einen Ausnahmezustand inszenierten. Mal kesselten sie jene Flüchtlinge ein, die aus dem Zug ausgestiegen waren, dann ließen sie sie wieder laufen oder reichten ihnen Äpfel.

Auch die Flüchtlinge nutzen die mediale Aufmerksamkeit. Ein Vater warf sich, seine Frau und sein Baby vor den Kameras demonstrativ auf die Schienen, ehe er mit Handschellen abgeführt wurde. Eltern ließen ihre Kinder im Gepäcksnetz des gestoppten Zuges schlafen, statt in die Baracken des Erstaufnahmezentrums zu ziehen. Junge Männer klagten, sie würden verhungern, warfen aber Kekse und Wasserflaschen, die ihnen die Sanitäter reichten, auf die Schienen.

Sie wollen sich nicht abspeisen lassen, sie kennen das nahegelegene Erstaufnahmezentrum Bicske, wo die Ungarn die Flüchtlinge abseits der Öffentlichkeit ganz schäbig unterbringen. Am Freitag um Mitternacht – bei einem Lokalaugenschein – schlafen dort Babys auf Asphalt, weil es offenbar kein Bett für sie gab. Als Reporter am Lagerzaun um Einlass bitten, ernten sie nur ein karges „No“. Kein Journalist, aber auch kein Mitglied einer NGO darf das Lager sehen.

In diesen Lagern werden die Flüchtlinge registriert, dort werden ihnen die Fingerabdrücke abgenommen. Genau das fürchten die Flüchtlinge wie der Teufel das Weihwasser.

Sind sie einmal registriert, können sie zwar theoretisch weiterreisen und auch in anderen Ländern Asylanträge stellen. Ebenso können sie aber jederzeit nach Ungarn zurückgeschickt werden.

Das Dublin-System, auf dem die bisherige EU-Asylpraxis beruht, sieht vor, dass Asylverfahren in jenem Land abgewickelt werden müssen, über das man in die EU gelangt ist. Hat man Pech, wird man zurückgeschickt. In Ungarn aber wollen die Flüchtlinge nicht leben, sie sehen hier keine Zukunft. Sie wollen in den Norden, die meisten nach Deutschland.

Manche Geflüchteten kommen direkt aus Syrien, andere waren in Lagern der Region, in Jordanien, Libanon oder der Türkei. Der akuten Lebensgefahr sind viele entkommen, es geht bei ihnen also nicht nur um das nackte Überleben, es geht nicht nur um Sicherheit vor den Fassbomben Assads und den Kopfabschneidern des IS. Es geht um die ökonomische Zukunft ihrer Familien. Es geht darum, dass ihre Kinder wieder in Schulen gehen, dass sie sich ein neues Leben aufbauen können, nachdem ihnen ihr altes genommen worden ist. Die Möglichkeit dazu sehen sie eher im reichen Deutschland und in Skandinavien als im latent xenophoben Osteuropa.

Streng genommen müssten die Flüchtlinge im Libanon oder in der Türkei bleiben. Doch das wollen sie nicht, sie gehen weiter, wenn es sein muss, zu Fuß.

Die ganze letzte Woche harrten rund 2000 Flüchtlinge vor und in den freskengeschmückten Gewölben der Budapester Bahnhofshalle aus. Die Passagen wurden zu Katakomben der Vertriebenen. Hier lagen jene, die es auf Booten oder Lastwagen bis in die EU geschafft hatten, einfach auf Kartons, Decken oder Teppichen. In den Gängen stank es nach Schweiß, Kot und Urin.

Migration Aid, die einzige Hilfsorganisation vor Ort, war heillos überfordert. Budapester, die Decken, Polster, Windeln oder Isomatten spenden wollten, kamen erst gar nicht zur Verteilstelle durch, weil ihnen Flüchtlinge die Decken buchstäblich aus den Händen rissen, um nicht noch eine Nacht zu frieren. Weder Caritas noch Rotes Kreuz noch UNHCR waren hier vor Ort.

Eine wichtige Lücke schlossen indes die Roma. Sie hatten Stromgeneratoren angekarrt, damit die Flüchtlinge für einen Euro ihr Handy aufladen konnten. Ohne Smartphone, ohne soziale Netzwerke ohne GPS-Apps hätten sich die Vertriebenen vollends verloren gefühlt.

Es ist Donnerstag, 13 Uhr, als die Flüchtlinge diese Lage satthaben und ihre eigene Befreiung planen. Die Ersten rollen ihre Schlafsäcke zusammen und ziehen los. Sie verlassen den Keleti, ziehen durch die Rákóczi útca über die Elisabethbrücke hinaus aus Budapest, der verhassten Stadt.

Das Schritttempo ist erstaunlich flott, die Männer werden es bis zum Schluss halten. In sieben Stunden legt der Menschenzug 30 Kilometer zurück. Die Flüchtlinge erreichen nicht nur ihre eigene Ausreise aus Ungarn, sondern auch die von tausenden anderen.

Vorn gehen junge Männer, hinten Familien und Alte. Eine alte Frau wird von zwei jüngeren gestützt, in Gummischuhen tapst sie auf dem heißen Asphalt. Die Jungen besprengen ihr Gesicht mit Wasser. Niemand will hier Schwäche zeigen.

Immer wieder rasen Autos am Tross vorbei, während Flüchtlingskinder auf die Straße hüpfen. Auch Familien, die keine Kinderwagen haben, geben nicht auf. Als ein Ungar auf einem Motorrad einen Kinderwagen auf die Autobahn bringt, bricht in einer kleine Gruppe beinahe eine Prügelei um den Buggy aus. Den Menschen hier tun die Fersen weh, die Waden, der Rücken, alles brennt, Blasen schwellen an, die Ersten fangen an zu humpeln. Eine junge Frau sitzt auf dem Boden und schämt sich, auf ihrer Hose sind Blutflecken zu sehen.

Je weiter die Gruppe in die ungarische Ebene voranschreitet, desto mehr Ungarn wollen helfen. Sie reichen belegte Brote, Kinder halten Kisten mit Weintrauben bereit. Dann bricht die Nacht herein, der Himmel färbt sich rot und wird immer trüber.

Wo werden diese Menschen heute Nacht schlafen? In Keleti haben sie nicht nur in den Unterführungen geschlafen, sondern auch in Parks. Aber hier an der Autobahn gibt es keine freien Flächen, die 1000 Menschen Platz bieten, von Sicherheit gar nicht zu reden. „Ihr Hurenkinder!“, schreit ein Autofahrer. Dann kommt ein Bus grölender Männer. Sie stehen an den Fenstern und strecken den Arm zum Hitlergruß, immer und immer wieder.

Während die Leute hier in die stockfinstere Nacht irren, laufen die Telefone zwischen Budapest, Wien und Berlin heiß. Es ist nicht nur die Nacht des Aufbruchs, es ist auch die Nacht hektischer diplomatischer Verhandlungen.

Die Politiker wissen: Die Lage kann in dieser Nacht schnell eskalieren. „Wir wollen nicht noch einmal für Dutzende Tote verantwortlich sein, etwa wenn Verrückte in den Flüchtlingstreck rasen“, sagt ein österreichischer Regierungssprecher.

Also wird gefeilscht. Die Diplomaten spielen „Asylmikado“, wie es ein Diplomat nennt. Wer sich zuerst bewegt, verliert. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier signalisiert den Österreichern, sein Land könne nicht schon wieder Tausende aus Ungarn aufnehmen. Österreich wieder will nur dann Flüchtlinge ins Land lassen, wenn diese nach Deutschland weiterreisen können. Und Ungarn denkt erst bei einer Zusage für mehr Geld über eine Grenzöffnung im Süden des Landes nach.

Um Mitternacht schließlich telefonieren Ungarns Premier Viktor Orbán und Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann. Kurz darauf verbreiten die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Faymann eine gemeinsame Erklärung. Man werde Menschen in Not nicht im Stich lassen. Österreich, so verkündet zugleich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, setze Dublin nicht außer Kraft, die Polizei werde sich den Menschen aber nicht mit Gewalt entgegenstellen.

Auf der Autobahn ist in diesen Stunden alles in flackerndes Blaulicht getaucht, es summt, alles schwirrt, es ist Horror. Plötzlich heißt es, es würden Busse kommen. Es war höchste Zeit, die ersten erschöpften Kinder lagen bereits in Schlafsäcken auf den Böschungen. Da, ein Kinderkopf lugt aus einem Rucksack hervor, der an einer Schutzplanke lehnt. Atmet es noch? Alles okay, sagt der Vater.

Einige der Männer, die die Gruppe zusammenhalten, rufen die Journalisten zusammen. Vor ihnen sollen die Behörden und die Fahrer bezeugen, dass die Busse keine Falle sind, dass sie die Leute an die Grenze und nicht in ungarische Camps zur Registrierung bringen werden. Sie wollen in den Bussen keine Polizei, wenn ein Fahrer woanders hinfährt, bringen sie ihn um, sagt einer.

Sie steigen ein. Auf dem Handy kontrollieren sie mit GPS die Fahrt des Busses. In etwa 90 Minuten werden sie beim Grenzübergang Nickelsdorf sein, dort, wo eine Woche zuvor der Lastwagen mit 71 erstickten Menschen untersucht worden ist. Diesmal ist es gutgegangen. Die Achse Berlin-Wien hat diese Menschen aus ihrer Notlage befreit.

Am Montag – kurz vor Redaktionsschluss – machten sich erneut hunderte auf den Weg. Sie wollen diesmal dem Lager Röszke in Südungarn an der serbischen Grenze entkommen, wo es keinen Platz in beheizten Zelten mehr gibt. Wo Flüchtlinge bereits die Zelte anzünden.

Am Montag hat Kanzler Werner Faymann angekündigt, den Schlagbaum wieder zu senken. Und auf Dauer werden auch deutsche Städte so einen Ansturm nicht bewältigen können, Angela Merkel gerät schon unter Druck der bayrischen CSU.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker will den Mitgliedsstaaten die Verteilung von 120.000 Flüchtlingen „nahelegen“, die bereits in der EU angekommen sind. Österreich wiederum fordert, die Ausgebombten und Kriegsvertriebenen sollen „vor Ort“, also im Libanon oder in der Türkei, Asylanträge stellen und dann nach einem Schlüssel in Europa aufgeteilt werden. Noch wiegeln vor allem osteuropäische Regierungen und nationalistische Scharfmacher im Westen ab.

Wer den Marsch der Vertriebenen erlebt hat, begreift indes, dass diese Leute nicht aufzuhalten sind. Es werden noch hunderttausende kommen, vielleicht ein paar Millionen. Und dann? „Let them in, let them earn“, titelte der Economist. Die 28 EU-Länder brauchen ein neues System, denn Dublin ist gescheitert. Und es braucht einheitliche Asylstandards, damit nicht alle in einige wenige Länder drängen, damit auch eine Quote Sinn macht. Neben der Euphorie vom Westbahnhof wird es neue Entscheidungen brauchen, auch solche, die unangenehm sind. Nur eine Gewissheit bleibt: Ihre Flucht ist unsere Zukunft.

Erschienen im Falter 37/2015