„Ich habe gesagt, was ich sagen musste“

von Nina Brnada

Die Wiener Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger über ihren allerersten Job, das Versagen der Grünen in der Wiener Stadtregierung und darüber, warum sie einst Dinge sagte, die sie so nie meinte

Wahlfahrt: Nina Brnada

Beate Meinl-Reisinger, Spitzenkandidatin der Neos, könnte nach diesem Wiener Wahlkampf eine durchaus wichtige Rolle im Wiener Rathaus spielen. Glaubt man den jüngsten Umfragen, dann schaffen SPÖ und Grüne vielleicht keine Mehrheit mehr. Das könnte Meinl-Reisingers Stunde sein. Die Neos könnten die Dritten im Bunde, Meinl-Reisinger Stadträtin werden. Wer also ist diese Frau, und was will sie politisch erreichen? Wie sieht sie heute ihre Vergangenheit als Pressesprecherin von Christine Marek, jener ÖVP-Politikerin, die im letzten Wiener Wahlkampf mit Ressentiments gegen Ausländer punkten wollte? Eine Fahrt mit dem 71er gibt Einblicke.

Falter: Wurden Sie schon einmal beim Schwarzfahren erwischt?

Beate Meinl-Reisinger: Einmal, das war total ärgerlich. Ich bin damals mit meinem drei Tage alten Kind vom Kinderarzt zwei Stationen mit der Straßenbahn heimgefahren und habe einfach keinen Fahrschein gekauft.

Fahren Sie viel Öffis?

Meinl-Reisinger: Früher nicht. Ich bin viel mit dem Rad gefahren. Damals hatte ich immer Umweltfahrscheine, die gibt es heute ja nicht mehr, was schade ist. Heute hab ich eine Jahreskarte, aber fahre viel mit meinem Tretroller – den kann ich auch gut in die Öffis mitnehmen.

Warum treffen wir uns hier bei der Börse, warum fahren wir mit dem 71er?

Meinl-Reisinger: Ich wohne hier in der Nähe im neunten Bezirk, ich bin in dieser Gegend aber auch aufgewachsen, meine Eltern wohnen bis heute gleich hier um die Ecke. Und meine Schule, das Gymnasium in der Wasagasse, ist ebenfalls unweit von hier. Außerdem fährt der 71er am Rathaus vorbei, wo ich gerne nach der Wien-Wahl arbeiten würde. Über den Ring fährt er bis nach Simmering. Da sieht man viele Seiten der Stadt. Zum Schluss landet man beim Zentralfriedhof, wo ein Vorfahre von mir begraben ist, der im 19. Jahrhundert den ersten Kindergarten Favoritens gegründet hat.

Wie war Ihre Schulzeit?

Meinl-Reisinger: Ich bin sehr gerne in die Schule gegangen und hatte auch tolle Lehrer, die uns viel fürs Leben mitgegeben haben. Ich hatte glücklicherweise nie Probleme in der Schule. Ich habe im Jahr 1996 maturiert, erst im letzten Jahr hatten wir einen Normalbetrieb in der Schule. Wir hatten fast acht Jahre lang Baustelle, weil sich die Schule Richtung Donaukanal abgesenkt hatte. Hier in der Gegend gibt es viele unterirdische Bäche, da hatte sich einiges abgesenkt, vor allem um die Hörlgasse herum. Sie ist übrigens nach Josef Georg Hörl benannt, dem längstdienenden Bürgermeister Wiens, er war 31 Jahre an der Macht. Michael Häupl liegt an zweiter Stelle, er ist seit 21 Jahren Bürgermeister. Aber Hörl hat im Gegensatz zu Häupl eine Verwaltungsreform durchgeführt.

In Ihrer öffentlichen Kommunikation hat man den Eindruck, dass Sie sich vor allem gegen Heinz-Christian Strache in Stellung bringen. Ist das nicht ein Schlag ins Wasser? Ihre Konkurrenz sind doch eher die Grünen.

Meinl-Reisinger: Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich H.-C. Strache nicht zum Bürgermeister machen werde. Aber wir kritisieren auch, was in der Stadtregierung schiefläuft. Etwa durch die Grünen. Sie haben mit ihrer Regierungsbeteiligung in Wien nichts daran geändert, dass die SPÖ sich in Wien auf eine Weise betätigt, die ich Korruption nenne. Da werden öffentliche Aufträge Günstlingen der Partei zugeschanzt. Zudem kann man oftmals in der Kommunikation gar nicht zwischen der Stadt und der SPÖ Wien unterscheiden.

Wer sind die Neos-Wähler?

Meinl-Reisinger: Viele junge Menschen. Leute, die Veränderungen wollen, die sehen, dass die Neos die junge Kraft der Veränderung sind.

Was soll denn das sein, „die junge Kraft der Veränderung“?

Meinl-Reisinger: Das sind die vielen Selbstständigen, Jungen, Eltern mit kleinen Kindern, aber auch Ältere, die Bewegung in das politische System reinbekommen wollen. Bei einer Veranstaltung hat mir ein Mann erzählt, dass er selbst zwar nicht die Neos gewählt hat, aber seine 85-jährige Mutter, weil sie sagt, die Neos setzten sich für die nächste Generation ein.

Apropos Generationen: Werden Sie eines Tages etwas erben?

Meinl-Reisinger: Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, ich wünsche meinen Eltern ein langes Leben. Was ich erbe, ist das Interesse an Bildung, Geschichte, Kultur, die Liebe zum Reisen, zu Campingurlauben.

…ich meine Vermögenswerte.

Meinl-Reisinger: Was ist denn das für eine Frage? Meine Eltern sind Mitte 60.

Was war Ihr erster Job?

Meinl-Reisinger: Nach der Matura habe ich in einem Supermarkt gearbeitet. Im Emma-Laden, den gibt es heute nicht mehr. Ich hab dort im ersten Jahr meines Studiums gearbeitet, wie lange genau, weiß ich nicht mehr. Zuerst war ich in der Filiale Wipplingerstraße in der Innenstadt, später auch in der Garnisongasse im neunten Bezirk und in der Anastasius-Grün-Gasse im 18. Bezirk.

Was haben Sie an dieser Arbeit am wenigsten leiden können?

Meinl-Reisinger: Das Einschlichten in die Tiefkühler war anstrengend, weil es mit der Zeit recht kalt wurde. Und damals wurden gerade Öfen installiert, mit denen das Brot in der Filiale aufgebacken wurde. Wenn sie fertig waren, hat das Ding so lange gepiepst, bis man es geöffnet hat. Aber ansonsten war das ein ordentlicher Job, bei dem man was hackelt, ich habe gerne dort gearbeitet.

Wie stehen Sie zur Sonntagsöffnung?

Meinl-Reisinger: In Wien wird diese Frage aus meiner Sicht immer falsch diskutiert. Da geht es nämlich immer nur um die Tourismuszonen, ich glaube aber, dass es auch um die Wiener geht. Ich glaube, es geht auch um die Freiheit der Unternehmer, selbst zu entscheiden, wann sie aufsperren – bei starkem Arbeitnehmerschutz. Es braucht jedenfalls eine Möglichkeit, sich mit den nötigsten Dingen einzudecken, schnell am Abend noch Milch, Brot oder eine Flasche Wein kaufen zu können. Das gibt es in Brüssel an jeder Ecke.

Sie haben knapp zwei Jahre dort gelebt. Wie war das für Sie?

Meinl-Reisinger: Es war eine tolle Erfahrung, sehr international. Aber es gab eine hohe Fluktuation. Menschen kamen und gingen. Ich habe dort zunächst für die Wirtschaftskammer in der EU-Kommission und später bei EU-Parlamentarier Othmar Karas (ÖVP, Anm.) als Assistentin gearbeitet.

Beanspruchten Sie im Rahmen Ihres Studiums ein Erasmus-Stipendium?

Meinl-Reisinger: Nein, leider. Beim Jus-Studium kannst du ja eigentlich nur Europaund Völkerrecht im Ausland machen, und das fiel in eine Phase meines Studiums, wo ich schnell fertig werden wollte. Ich hatte einen Hänger beim Bürgerlichen Recht und musste das ausgleichen. Irgendwann habe ich gesagt, du musst dich auf deine vier Buchstaben setzen und lernen.

Sie waren auch für andere ÖVPler tätig, etwa für Christine Marek. Im Vergleich zur ÖVP vertreten die Neos andere Positionen.

Meinl-Reisinger: Die ÖVP will das Gymnasium erhalten. Okay, aber die Zukunft der Stadt entscheidet sich ausschließlich entlang der Frage, welche Qualität die Pflichtschulen haben. Und ich halte die Trennung mit zehn Jahren für zu früh. Hier wird auch nicht nach Leistung selektiert, sondern nach dem sozioökonomischen Hintergrund.

Vor fünf Jahren wurden Sie im Standard mit den Worten zitiert: „Heterogene Klassen funktionieren in der Praxis nicht. Der Lehrer orientiert sich an den Schwächeren. Die Begabten sollen nicht in der Klasse sitzen und sich fadisieren.“ Sehen Sie das heute auch noch so?

Meinl-Reisinger: Ich weiß, welchen Satz Sie meinen. Er endet mit: „sagt die Sprecherin von Christine Marek.“ Ich habe gesagt, was ich sagen musste, aber ich habe es intern kritisiert. Das kann Christine Marek bestätigen. Als Pressesprecherin war es mein Job, ihre Meinung zu kommunizieren und nicht meine persönliche.

Eine Ihrer beiden Töchter wurde heuer eingeschult. Nach welchen Kriterien haben Sie die Schule, in die sie geht, ausgesucht?

Meinl-Reisinger: Ich hab mir viele Schulen angeschaut. Als berufstätige Mutter wollte ich eine Ganztagsschule, und ich wollte mein Kind in eine öffentliche Schule geben. In unserer Nähe gibt es aber keine ganztägige öffentliche Schule, also besucht sie nun eine Privatschule. Meine Kinder sind auch in einen privaten Kindergarten gegangen, denn auch da hatten wir Probleme, einen Platz in den öffentlichen Einrichtungen zu bekommen. Viele Mütter haben diese Schwierigkeiten. Weil es zu wenige öffentliche Angebote gibt, müssen Eltern teilweise Kinder für einen Kindergartenplatz anmelden, die noch gar nicht geboren sind. Das ist schon auch eine psychische Belastung. Und etwas, das wir kritisieren.

Auf welche Weise sollen Kinder von Flüchtlingen in den Schulalltag integriert werden?

Meinl-Reisinger: Ich bin der Meinung, dass das nicht zentral vorgegeben werde sollte. Das muss der Schulstandort selbst entscheiden. Wenn zwei Kinder in eine Klasse kommen, dann können diese Kinder integrativ mitgenommen werden. Wenn es 15 Kinder in einer Schulstufe sind, wird wohl eine Vorbereitungsklasse sinnvoll sein.

Wie kann man vermeiden, dass sich die Kinder auf einige Schulen konzentrieren?

Meinl-Reisinger: Bei Volksschülern – egal ob Flüchtlinge oder nicht – ist es wichtig, dass die Kinder wohnortnahe eine Schule besuchen. Das wollen auch die meisten Eltern. Nach der Volksschule, also ab der Sekundarstufe 1, könnte man Eltern freiwillige Angebote machen, die Kinder in einem anderen Stadtteil in die Schule zu schicken. Das macht Schweden so, und das ist auch eine Empfehlung von Heidi Schrodt in ihrem Buch „Migration und Bildung“.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Stadt Wien in der derzeitigen Flüchtlingskrise?

Meinl-Reisinger: In Wien war alles recht in Ordnung, etwa dass Kinder aus Traiskirchen aufgenommen wurden. Es ist schön zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft ist. Ich selbst war auch am Westbahnhof und habe geholfen. Es macht Hoffnung zu sehen, wie viel die Zivilgesellschaft macht. Jetzt hat sich die Situation aber noch einmal geändert. Die Politik muss auf allen Ebenen – auf regionaler, nationaler, aber auch europäischer – Entscheidungen treffen und handeln.

Welches Buch haben Sie immer wieder angefangen, aber nie fertiggelesen?

Meinl-Reisinger: „Die 40 Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Das Buch ist sehr gut, aber ich lege es einfach immer wieder weg.

Zur Person

Beate Meinl-Reisinger, Jahrgang 1978, ist in Wien geboren und in der Inneren Stadt aufgewachsen. Sie besuchte das Gymnasium in der Wasagasse in Wien-Alsergrund. Die Juristin war unter anderem als Assistentin des EU-Parlamentsabgeordneten Othmar Karas (ÖVP) tätig, ebenso für Christine Marek, die einstige Spitzenkandidatin der Wiener ÖVP. Meinl-Reisinger gehört zum Gründungsteam der Neos

Erschienen im Falter 38/2015

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