Die Flucht kommt zurück

von Nina Brnada

Zehntausende Flüchtlinge irren durch die Felder Slawoniens. Sie treffen auf Menschen, die kürzlich selbst Vertriebene waren

Reportage: Nina Brnada

Der Slawonier schlägt das Metalltor vor seinem Haus zu und geht ruhigen Schrittes zum Syrer, der ein Baby im Arm hält und auf dem Gehsteig sitzt. Es ist ein heißer Tag in Tovarnik in Slawonien, im Osten Kroatiens, an der Grenze zu Serbien. Die Menschen hier sagen, nicht einmal im Juli habe die Sonne so heruntergebrannt wie in diesen Septembertagen. Der Slawonier hat in seinem Haus eine Glasflasche mit Wasser befüllt und bringt sie nun den Flüchtlingen.

Als er sie dem Syrer mit dem Baby reicht, nickt dieser und schraubt den Verschluss gleich auf. Neben ihm stehen Frauen und Kinder, die schon laufen können. Der Slawonier stellt sich dazu und stemmt seine Arme in die Hüften. Man spricht nicht miteinander, Englisch versteht der Slawonier nicht. Aber er versteht die Situation dieser Flüchtlinge – er war selbst einmal einer.

Der Slawonier hat nach einem Luftröhrenschnitt ein Loch im Hals, auf dem ein weißer Plastikknopf angebracht ist. Er drückt ihn jedes Mal, bevor er spricht. Dieser Mann redet kein Wort zu viel, dafür hätte er nicht die Energie. Wenn er den Knopf bedient, ertönt seine elektronische Stimme, wie die eines Roboters, die die arabischen Kinder hinter die Beine der Erwachsenen treibt. „Es ist noch nicht so lange her, dass ich selbst geflüchtet bin, so wie diese Menschen. Wenn ich sie hier sehe, dann erkenne ich mich selbst in ihnen.“

Die Pensionistin im Haus gegenüber lehnt sich aus ihrem Fenster. Sie habe die ganze Nacht kein Auge zugekriegt, sagt sie. „Als ich die Menschen letzte Nacht auf dem Gehsteig schlafen sah, musste ich an die Leichen denken, die im Krieg auf der Straße lagen.“

Seitdem Ungarn für Flüchtlinge seine Grenze dicht gemacht hat und die Vertriebenen nun über Kroatien gen Westen kommen, durchqueren tausende von ihnen zum ersten Mal einen Landstrich in Europa, der erst kürzlich Schauplatz eines Krieges war. Hier in Slawonien, zwischen Donau, Drau und Save, auf den Maisfeldern und zwischen den niedrigen Häusern tobte der Krieg zwischen Serben und Kroaten Anfang der 1990er-Jahre. In Slawonien lebten Kroaten und Serben. Viele Menschen aus anderen Teilen des einstigen Jugoslawien hatte es wegen der fruchtbaren Böden hierhergezogen. Der Landstrich war, zusammen mit der Vojvodina in Serbien, die Kornkammer Jugoslawiens.

In Tovarnik hängt der Geruch von Dünger in der Luft, in der Ferne kläffen Hunde. Wie viele Einwohner der Ort hat, weiß man nicht, vor vier Jahren waren es jedenfalls 2792, zu Kriegsbeginn 1991 aber noch 4240. Viele sind nach dem Krieg nicht zurückgekehrt, und jene, die heute weg können, verlassen dieses pannonische Land, diese strukturschwache Gegend mit einer der höchsten Arbeitslosenraten Kroatiens. Obwohl der Flüchtlingsstrom aus Syrien schon lange andauert, ist er erst jetzt hier in Kroatien angekommen und für viele ein ungewohnter Anblick. Man hat zwar Erfahrung mit Flüchtlingen, aber eben nur mit jenen aus der Region.

In den 1990er-Jahren flüchteten von hier viele Kroaten in andere Teile des Landes, nach Dalmatien an die Adriaküste, über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina oder in den Westen nach Österreich oder Deutschland.

Vertreibung ist für die Menschen in Slawonien also nichts, was sie aus Geschichtsbüchern kennen, sondern lebendige Erinnerung an das eigene Leben. Und ihr Aufeinandertreffen mit den Flüchtlingen aus dem Orient ist für viele hier wie eine Begegnung mit einem früheren Ich.

Mato kann sich noch genau erinnern, wie er selbst geflüchtet ist. Es war um den 21. September 1991 herum, „das weiß ich, weil am 21. Matthäustag ist und an diesem ist Kirtag in Tovarnik“. Mato hatte ein Spanferkel gekauft, die Frauen hatten Kuchen gebacken, aber am Festtag waren nur noch jene Kroaten in Tovarnik, die es nicht mehr rechtzeitig aus dem Dorf schafften, als die Serben es einnahmen.

Zuvor hatte es bereits die ersten Zusammenstöße zwischen Kroaten und Serben gegeben. In Vukovar, keine 25 Kilometer von hier, wurde bereits seit August 1991 gekämpft. Mato erzählt, wie zunächst nur die Panzer durch die Straßen von Tovarnik fuhren und bald darauf der Krieg diesen Ort erfasste.

Als Mato sein Haus verließ, wusste er nicht, dass er sieben Jahre lang nicht mehr zurückkehren würde. Bevor er ging, zog er sich noch eine alte Jeansjacke über. „Ich hatte noch überlegt, meine schöne Lederjacke anzuziehen“, sagt er. „Mein Vater hatte sie mir aus Deutschland mitgenommen und dafür 800 Deutsche Mark bezahlt.“ Aber Mato ließ die teure Jacke im Schrank. „Ich hatte Angst, dass sie schmutzig wird.“ Als er das sagt, bricht er in Gelächter aus -über sich selbst, über das Leben, über Prioritäten. Alles, was er zurückgelassen hatte, wurde entweder geplündert oder zerstört. Danach lebte er in anderen Teilen Slawoniens, seine Frau und die beiden Kinder in Deutschland.

Mato, Jahrgang 1957, arbeitet heute für die Müllabfuhr in Vukovar als Fahrer, „man verdient nicht besonders, rund 550 Euro, aber ich bin zufrieden“. Als er vor einigen Tagen im Café Notturno an der Kreuzung in Tovarnik mit einem Freund zusammensaß, hörten sie, wie ein paar Männer deutsch sprachen. Matos Begleiter verstand sie und sprach die jungen Männer an.

Sie sagten, sie seien Volontäre aus Österreich, erzählt Mato. Sie würden für die NGO „SOS Konvoi“ Flüchtlinge entlang ihrer Route versorgen. Sie hätten Spenden, für die sie Stauraum bräuchten. Ob Mato nicht was wüsste. „Also habe ich sie zu mir eingeladen, meinen Schupfen können sie nutzen und oben im Haus reicht der Schlafplatz für zehn Leute.“

Seither ist Matos Garten die Zentrale der Hilfseinsätze von „SOS Konvoi“, auf den Ziegeln seines gemauerten Grills kleben Kartons mit Plänen. Sie sind nicht das Rote Kreuz, aber sie erfüllen seine Aufgaben, sie verteilen Essen und Kleidung.

Junge Menschen in Sportschuhen und Warnjacken gehen in Matos Garten ein und aus, während er bloßfüßig in seinem Wohnzimmer auf dem Ecksofa sitzt und seine Frau Löskaffee serviert. Er trägt Gleitsichtbrille, die graumelierten Haare sind gekämmt. „Die Flüchtlinge von heute sind so wie wir damals -du flüchtest, du willst einfach nur weg. Aber eigentlich hast du keine Ahnung, warum das alles passiert.“

Während Mato und seine Familie sieben Jahre lang in fremden Häusern wohnten, lebte in ihrem Haus ein Mann mit seiner Mutter, den Mato stets „mein Miroslav“ nennt. Miroslav, ein Serbe, war seinerseits selbst aus Westslawonien geflüchtet und fand gemeinsam mit seiner Mutter Unterschlupf in Matos Haus. Als Hausherr Mato nach Jahren sein Haus wieder betritt, weinten die Serben vor Freude. „Obwohl wir uns nicht kannten und unsere Völker einander bekriegt hatten, war es wie ein Wiedersehen nach langer Zeit.“

Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine Art Freundschaft. Ein Jahr lang ging Mato jede Woche zu Miroslav Kaffee trinken – auf Besuch, ins eigene Haus. Danach zog Miroslav aus und Mato ein. Heute lebt Miroslav in Serbien, in der Stadt Šid, keine acht Kilometer von hier entfernt. „Wir sehen uns bis heute noch manchmal und trinken einen.“

Serbien, Šid, Landstraße Richtung kroatischer Grenze. Taxis stehen im Feld, rechts führt ein Schotterweg, Flüchtlinge steigen aus den Wagen, dann drücken die Taxler aufs Gas und hüllen die Menschen in eine Staubwolke. Es geht immer weiter, zwischen den Feldern, gepflügte Äcker, Mais, Äcker, Mais. Würden da nicht Polizisten stehen, würde man nicht wissen, wann die Landschaft der serbischen Vojvodina zum kroatischen Slawonien wird.

Hier gehen Frauen, Männer, Kinder Richtung Kroatien. Alles, was sie an Sachen haben, tragen sie bei sich. Schlafsäcke, Kleidung, Essen. Eine Frau mit lackierten Fußnägeln, die hier zwischen den verdorrten Maisfeldern stapft, packt aus ihrer Silbertasche einen Büschel Haare aus, die an Klammern hängen. Diese Extensions wollte sie nicht in Syrien zurücklassen, sagt sie: „Das ist Naturhaar.“

Auf dieser Ebene gibt es kaum Schatten, die Menschen marschieren in der Mittagssonne entlang der Schotterwege. Als einige versuchen, querfeldein zu gehen, bricht Tumult aus -schnell zurück auf den Gehweg, im Boden könnten Minen sein. Es ist so heiß, dass man Gänsehaut bekommt. Dann endlich Baumkronen, Dächer, ein Kirchturm, Tovarnik. Im Schatten der Bäume sacken die Menschen zusammen. Die Flüchtlinge fragen nach Wasser, aber es ist keines bereitgestellt.

Erst ein, zwei Tage später werden Volontäre hier stehen und Wasser verteilen. Das Rote Kreuz jedenfalls, das für derlei Aufgaben zuständig wäre, ist nicht vor Ort. Ein Polizist bittet gar Journalisten, das Rote Kreuz anzurufen. Obwohl es gegen die Vorschriften sei, haben die Polizisten einige Kanister herbeigeschafft und die Flaschen der Flüchtlingen aufgefüllt. „Aber das reicht nicht“, sagt der Polizist. Auch weiter vorne im Ort bei der Bahnstation wird es kaum Wasser geben. Die Menschen werden sich gegen die Polizeiabsperrungen stemmen, ein Mann wird einen Herzinfarkt erleiden. Ein Journalist wird ihn wiederbeleben, Frau und Sohn werden daneben knien und flehen.

Weiter hinten im Tross stehen vier Typen mit Sonnenbrillen um einen Mercedes, Bierdosen in der Hand, sie jausnen Schinken, den sie in Papier auf die Motorhaube legen. Sie beobachten, wie die Flüchtlinge an ihnen vorüberziehen.

Eine Familie bleibt bei ihnen stehen, der Vater trägt seinen Buben, der nur seine Augen bewegt, das Kind braucht Wasser. Einer der Männer nimmt sich ein Herz und geht mit einer leeren Flasche vor sein Haus um die Ecke, wo ein Brunnen steht. Die Flüchtlinge folgen ihm. Plötzlich stehen in seinem Garten dutzende Durstige, die ihre Flaschen unter den Brunnen halten. Väter mit Kindern kommen auf den Mann zu, sie schütteln ihm die Hand, klopfen ihm auf die Schulter. Der Mann, der soeben ihre Flucht wie eine bizarre Parade betrachtet hat, kann jetzt nicht anders, als sich auch verantwortlich zu fühlen.

Erschienen im Falter 39/15

 

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