Nina Brnada

Stadtschulrat verweigert Muttersprachenunterricht

Der Wiener Schüler Anatol würde gerne in den Muttersprachenunterricht, darf aber nicht, sagt seine Volksschule in Alsergrund. Der Sohn einer deutschsprachigen Mutter und eines türkischsprachigen Vaters wäre des Türkischen nicht ausreichend mächtig, um an diesem Unterricht teilzunehmen, argumentiert der Wiener Stadtschulrat.

Diese Einsicht erfolgte allerdings erst, nachdem Anatol den Muttersprachenunterricht bereits über zwei Jahre besucht hatte. Die mangelnden Sprachkenntnisse ihres Sohnes seien ein Vorwand, sagen daher Anatols Eltern, die anonym bleiben wollen. Tatsächlich stecke ein anderes Motiv hinter der plötzlichen Entscheidung der Behörden. Was war geschehen? In der ersten und zweiten Klasse besuchte Anatol problemlos den Muttersprachenunterricht. Dieser dient zur „Festigung der Muttersprache/Primärsprache als Grundlage für den Bildungsprozeß überhaupt sowie für den Erwerb weiterer Sprachen“, wie es im Gesetz heißt.

In der dritten Klasse fand der Türkischunterricht zeitgleich mit dem Turnunterricht statt – an sich nichts Außergewöhnliches, schließlich wurde der Muttersprachenunterricht auch in den Jahren zuvor parallel zum regulären Unterricht abgehalten, ohne dass es je Probleme gegeben hätte. Die Schule bot Anatol sogar an, wochenweise abwechselnd den Turnunterricht und dann wieder den Türkischunterricht zu besuchen.

Anatols Mutter aber wollte, dass das Kind sowohl Turnen als auch den Türkischunterricht im vollen Ausmaß besucht. Also fragte sie in der Schule an, ob eine Änderung des Stundenplans möglich wäre. Und erst diese Bitte brachte alles ins Rollen. Plötzlich hieß es, Anatol wäre aufgrund mangelnder Türkischkenntnisse gar nicht berechtigt, am Türkischunterricht teilzunehmen. Auf die Frage, warum der Bub nicht eher des Türkischunterrichts verwiesen wurde, antwortet Michaela Dallinger, zuständige Pflichtschulinspektorin: „Der Muttersprachenlehrer war einfach zu nett.“

Erschienen in Falter 42/15

Geschichten aus dem Floridsdorf

REPORTAGE: NINA BRNADA UND FLORIAN KLENK

Die Wiener SPÖ hat das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Die FPÖ das beste. Wie kam es dazu? Ein Besuch beim Hausmeister des Heinz-Nittel-Hofes veranschaulicht das Dilemma des roten Wien

Vielleicht sollte man diese Geschichte über Michael Häupls angeblichen Wahlsieg nicht mit dem Jubel im Festzelt in d er Löwelstraße beginnen. Die Genossen erdrückten sich am Sonntag Abend beinahe, sie jubelten so laut, dass die Rede des „Michi! Michi!“ kaum noch zu hören und der Verlust von fünf Prozent fast schon vergessen waren.

Man sollte, um den besseren Überblick über dieses Wahlergebnis zu bekommen – das beste Wahlergebnis der FPÖ und das schlechteste der SPÖ – einfach nur ein paar Minuten auf eine Dachterasse steigen…

…Volltext im Falter 42/15

Die Flüchtlinge auf der Straße und die Wiener auf dem Heldenplatz

Nachgesehen Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Es war vielleicht gut gemeint, für die große Flüchtlingsdemo vergangenen Samstag überdimensionierte Bilder von Flüchtlingen und deren Helfern auf dem Straßenbelag der Mariahilfer Straße zu plakatieren. Aber für diejenigen, die darauf gingen, war es auch ein wenig unangenehm. Schließlich stapfte man über Bilder von Gesichtern, mit jedem Schritt trat man auf eine Nase, ein Auge, Stirn, Zähne.

Tausende Wienerinnen und Wiener schritten über diese Konterfeis vom Westbahnhof zum Heldenplatz. Laut Polizei waren bis zu 120.000 Menschen beim dortigen Konzert von Konstantin Wecker, Conchita, Soap&Skin, Seiler und Speer, Bilderbuch oder den Toten Hosen.

Bundespräsident Heinz Fischer hielt eine Rede, einige Flüchtlinge kamen auf die Bühne und erzählten von ihrer Flucht. Und das Lichtermeer erglühte im Jahr 2015 nicht durch Kerzenschein, sondern mittels der Taschenlampenfunktion der Smartphones.

Erschienen in Falter 41/15

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán in Wien

Nachgesehen Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Es dauert, bis Viktor Orbán den Raum betritt. Dutzende Journalisten aus halb Europa warten hier in der ehemaligen ungarischen Hofkanzlei und heutigen Botschaft auf Orbáns Auftritt. Die Errichtung des Grenzzaunes zu Serbien hat dem autokratischen Ministerpräsidenten Ungarns viel Aufmerksamkeit der internationalen Presse beschert, die er und seine Mitarbeiter nun ein wenig zelebrieren.

Bevor Orbán hereinschreitet, muss die Flagge noch richtig fallen. Männer in Anzügen huschen um die Fahne herum, zupfen daran.
Den Raum betritt ein etwas breitbeinig schreitender, stets ein wenig verdutzt dreinblickender Viktor Orbán. Gerade von Österreich seien Nazi-Vergleiche anlässlich der Flüchtlingskrise fehl am Platz, sagt er. Ungarns Polizei habe die Flüchtlinge an der Grenze mit Wasserwerfern lediglich „begossen“. Und ja, er hätte auch gerne Vertreter der FPÖ getroffen. Aber seine Partner in Wien hätten ihn gebeten, es nicht zu tun.

Erschienen in Falter 40/15